Präsenztage in der Schule – das Prinzip der sozialen Rekursivität in öffentlichen Debatten

Auch aufgrund von “Vermittlungsproblemen” in der Bevölkerung sehen sich die Kultusministerien der Länder nunmehr “gezwungen”, Präsenztage für Lehrkräfte an den Schulen einzuführen, so jedenfalls ein zunächst wenig beachteter Beschluss der KMK auf ihrer letzten Zusammenkunft. Als ehemaliger Personalrat und durchaus auch kritischer Betrachter der Privilegien unserer Berufssparte möchte ich doch diese Idee nicht unkommentiert lassen.

Während Jan-Martin Klinge sich eher mit den resultierenden Verwaltungsfragen auseinandersetzt und sich an Dingen wie dem Gleicheitsgrundsatz im Duktus von Beamtendeutsch abarbeitet, lege ich den Fokus bewusst etwas anders und beginne dabei mit einer kleinen Anekdote:

Als an unserer Schule schwedische Lehrkräfte zu Gast waren, haben wir Ihnen natürlich mit einigem Stolz unser frisch renoviertes, wirklich großzügig gestaltetes Lehrerzimmer gezeigt. Die Reaktion war durchaus positiv. Das ist hoch zu bewerten, wenn man etwas mit schwedischer Schularchitektur vertraut ist. Es kam aber sofort auch die Frage mit dem für mich immer wieder putzig anzuhörenden schwedischen Akzent: “Das ist eine schönes Raum. Wo triffst du dich mit deine Kollegs, um zu arbeiten?” – “Ja hier halt!”, antwortete ich. “Nein, das hier ist eine tolles Sozialraum, aber keine Arbeitsplatz!”, kam sofort der Einwand. Für den schwedischen Kollegen war es unvorstellbar, keinen Arbeitsplatz in der Schule zu haben.

Ich finde, dass diese Anekdote den Kern der Problematik zeigt: Selbst wenn ich in der Schule arbeiten wollte, könnte ich es selbst nicht mit hinreichender Effektivität tun. Im Lehrerzimmer trifft man sich und tauscht sich aus. Das ist Fluch und Segen zugleich: Fluch für den Wunsch, z.B. lästige Korrekturarbeiten zügig zu erledigen, Segen für den Austausch zu pädagogischen Fragen – letztere ließen sich aber weitaus effektiver klären, wenn alle Beteiligten anwesend wären. In der jetzigen Form des KMK-Beschlusses ist den Lehrkräften ja weitgehend freigestellt, wann sie sich in der Schule einfinden.

Dass es in der Schule i.d.R. keinen geeigneten Arbeitsplatz gibt außer den schnell überfüllten Lehrerarbeitszimmern bedingt ja zusätzlich quasi einen heimlichen Vertrag:

“Du Kollege setzt dein häusliches Arbeitszimmer von der Steuer ab, hast somit volle Freiheit in deinem Homeoffice und dafür sparen wir die eine oder andere Mark bei der räumlichen und sächlichen Ausstattung der Schulen.”

An so Dingen wie den Regelungen zur Datenverarbeitung auf privaten DV-Geräten von Lehrkräfte (Link auf Erlass hier in Niedersachsen) sieht man recht hübsch, dass dieses Konstrukt auch gelegentlich heftig knirscht, aber im Großen und Ganzen natürlich funktioniert. Wenn man mich jetzt zwingt, in der Schule tätig zu sein, könnte ich ja auf die Idee kommen, daraus auch Ansprüche abzuleiten – insofern weiß ich nicht, ob der Dienstherr sich auf lange Sicht damit wirklich einen Gefallen tut.

Ich kann verstehen, warum viele Menschen uns Lehrkräfte als privilegiert wahrnehmen. Ich bin mir nicht so sicher, ob das nun gesetzte Signal wirklich geeignet ist, die üblichen Stammtischstereotype über Lehrer wirksam im Sinne einer sicherlich auch intendierten Fürsorge durch den Dienstherrn abzumildern – da scheinen mir Dinge wie die Unkündbarkeit oder Pensionsregelungen durchaus gewichtiger in der Wahrnehmung “meiner” Stammtischkontakte außerhalb der Lehrerszene. Gerade in Bezug auf die sächliche Ausstattung sind wir als Lehrkräfte m.E. eben nicht unbedingt gutgestellt.

Das Einzige, was man schafft, ist “soziale Rekursion” – man ändert an einer Stelle etwas, was in der Folge weitere Prozesse in Gang setzt, die sich auf den gleichen Ausgangspunkt beziehen, aber im Gegensatz zur mathematischen Rekursion kaum vorhersehbar sind. Sicher ist: Wir kommen immer wieder bei der gleichen Frage an.

Was denkt ihr? Könnten Präsenztage sinnvoll dabei helfen, dass Lehrkräfte nicht mehr so privilegiert wahgenommen werden? Ginge für euch ein solches Ansinnen auf?

Blogparade: Schulbuch 2015

Auf Twitter ergab sich vor einige Tagen eine interessante Diskussion zum Thema Schulbücher – auch immer wieder einmal Thema im deutschen #EDCHATDE. Herausgekommen ist die Idee einer Blogparade zum Thema Schulbuch, an der ich mich mit diesem Artikel beteilige.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich nie ohne haarsträubende Analogien und Geschichten auskomme – auch diesmal bleibt das niemandem erspart – aber Geduld: Ich komme irgendwann auf den Punkt.

Die Analogie

Letzte Woche wollte ich an meinen recht betagten Fahrzeug die Stoßdämpfer wechseln – eigentlich musste ich das sogar, weil die untere Lagerbuchse des Dämpfers auf der rechten Seite schon ziemlich ausgeschlagen war. Bei meinen Auto ( VW T4 )  ist das auch im Prinzip kein Problem und auf der Auffahrt zu machen. Zudem hat man auf diese Weise immer die Legitimation, neues Werkzeug zu kaufen – immerhin wollte die Werkstatt stolze 270,- Euro haben – bei einem Materialpreis von 100,- Euro für ein Paar Markendämpfer saßen da 50 Euro für Werkzeug drin. In dem sehr gut gepflegten Wiki zu meinem Auto stand zum Dämpferwechsel nur ein Satz, der mir Sorgen machte:

Befestigungsschraube und -mutter der Dämpferaufnahme herausdrehen (Sechskant M12, 100 Nm). Hierbei kann es passieren, dass die Mutter sich nicht löst, sondern stattdessen, die Schraube, welche von oben mit der Karosserie verbunden ist, sich aus der Halterung löst und mitdreht. Dann ist es notwendig die Schraube von oben von Dreck zu befreien und mit einem 18er Maulschlüssel (am besten in flacher Ausführung) zu kontern.

Dazu wird eine zweite Person benötigt, da der Kopf der Schraube nur teilweise aus dem Blech raussteht. (Quelle)

Wie sich herausstellen sollte, konnte das nicht nur passieren, es passierte auch auf beiden Seiten (zudem wurde ein Schlüssel SW21 benötigt und kein SW18).

So ein Schlüssel sieht so aus:

standardwerkzeug_a

In so einem Ding steckt eine Menge Hirnschmalz, den man diesem Stahlknochen erstmal nicht ansieht. Der Schlüssel ist z.B. gewinkelt (üblicherweise um 15°):

standardwerkzeug_b

Durch diese Winklung kann man den Schlüssel in engen Bereichen einfach umdrehen und kommt so mit der Schraube weiter. Die Öffnung des Schlüssels ist genormt: Ein Schlüssel SW21 passt zu jeder Schraube, deren Kopf 21mm breit ist – Schraubenweiten sind genormt, sodass dieser Schlüssel überall einsetzbar ist, wo die gleiche Norm gilt. Da klappt aber nur, wenn der Schlüssel ein wenig weiter als die Normgröße 21mm ist – Profiwerkzeug weist hier weniger Toleranzen auf als Baumarktware und passt daher grundsätzlich besser zur Schraube.

Meine Schraube, die es mit dem Schlüssel zu lösen galt, war genormt, aber der Schlüssel selbst viel zu dick, um in den darüberliegenden Zwischenraum zu passen. Ich bekam die eine Schraube damit nicht zu packen. Einen flachen Schlüssel SW21 gab es anscheinend im ganzen Internet nicht – die sind auch sehr unüblich. Wenn es einen solchen Schlüssel gegeben hätte, wäre immer noch eine zweite Person zum Gegenhalten erforderlich gewesen, da ein flacher Schlüssel schnell „nach oben abrutscht“ – deswegen ist der Normschlüssel ja auch so dick, um genau das zu verhindern.

Der einizige verfügbare Helfer hätte es körperlich nicht geschafft, eine angerostete Schraube mit einem Anzugsdrehmoment von 100Nm zu kontern. Was tun?

Wenn bei mir ein Werkzeug nicht passt, baue ich mir eines.

Diese Idee kam nicht von mir, sondern von einem befreundeten Vater, der mich vor dem Auto grübeln sah. Erst habe ich diesen Gedanken verworfen, aber schon eine Stunde später stand ich mit der Flex und dem Normschlüssel in der Garage. Herausgekommen ist das hier:

werkzeug_aDie Schlüsselenden verjüngen sich nach vorne. Diesen Schlüssel konnte ich jetzt mit Karacho über den Schraubenkopf prügeln, das Blech darüber diente als Widerlager und hielt den Schlüssel sicher auf dem Schraubenkopf. Mit einem guten Frühstück und einer langen Knarre löste sich ächzend und knarrend die Mutter von der Schraube – ohne Helfer.

Wie ich Schulbücher verwende

Ich verwende Schulbücher im Unterricht fast nie. Es sind für mich genormte Werkzeuge, die zu genormten Problemstellungen in Form von Curricula passen. Mehr noch als bei meinem Autobeispiel von oben gilt bei Lernprozessen im Gegensatz zu DIN-Schrauben für mich oft die „Normlosigkeit“. Ich unterrichte u.U. in zwei Klassen parallel, aber diese Klassen mit ihren Individuen entsprechen nicht der Norm – oder jeweils anders. Trotzdem kann es – bei mir immer seltenere – Fälle geben, in denen ein genormter Schlüssel sehr gut geeignet ist. Genau wie der Schlüssel ist das Schulbuch ja sogar auf mehreren Ebenen bis in Details durchdacht – nur gibt es nicht immer die „Schraube“, die zu ihm passt. Daher nutze ich ein Schulbuch grundsätzlich nur für Anregungen bei der Vorbereitung des Unterrichts.

Ein sehr gutes Buch auch nach 15 Jahren Lehrerleben und zahlreichen Überarbeitungen ist für mich „Texte, Themen und Strukturen„. Recht zeitlos und erfreulich unbeeindruckt von schnelllebigen didaktischen Grabenkämpfen finden sich für mich darin immer wieder interessante Texte und neue Blicke auf Dinge wie „Schreiberziehung“. Es ist für mich ein wenig so wie ein Engländer im Werkzeugbereich.

In meinem Regal (ich komme für alle meine Schulbücher mit 2m Regalfläche aus) stehen neben universitären Lehrwerken auch noch Übungsblattsammlungen, einige Arbeitshefte und Versuchsvorschriften (ich unterrichte Chemie). Das steht da, weil es manchmal Arbeit spart, wenn es schnell gehen muss. Hin und wieder verirrt sich noch eine unverlangt zugeschicktes „Probeexemplar“ dorthin, welches aber meist nach ein bis zwei Monaten seinen Weg ins Altpapier findet.

Wäre ich Fremdsprachenlehrer, hätten Schulbücher für mich allerdings einen ganz anderen Stellenwert.

Die Geschichte dahin

Als junger Kollege fehlte mir oft die Zeit, um mit der Flex in die Garage zu gehen und auf einem zu großen Schraubenschlüssel herumzuschleifen. Außerdem hatte ich viel zu viel Ehrfurcht vor der Leistung der Buchautoren: Was kann ich kleines Licht schon besser machen als ein durchdachtes Schulbuch? Damit ist man doch auf jeden Fall auf der sicheren Seite! Es ist auf das Curriculum abgestimmt, durch ein Lektorat gelaufen und bietet mir Orientierung. Pfiffige Ideen wie die 15-Gradwinklung beim der Schraubenschlüsselanalogie wären mir aus meiner Unterrichtspraxis heraus gar nicht erst gekommen. So ist das Donator-Akzeptor-Prinzip als fundamentale didaktische Größe im Chemieunterricht wohl ein echtes Verdienst von Schulbüchern.

Wenn ich dann darüberhinaus noch Ideen habe, ist es Dank der Solidität in der Lage, den Funkenstrahl der ersten Flexversuche anzulenken oder mich wieder auf den sicheren Standardweg zu bringen.

Mit den Jahren fiel diese fast ehrfürchtige Beziehung mehr und mehr in sich zusammen – insbesondere in der Chemie: Sie schreiben die Nernstsche Gleichung einmal mit Minus und einmal mit Pluszeichen – aha. Und hier schreiben sie „wie man leicht sieht“ – die Schülerinnen und Schüler sehen es aber so gar nicht. Und was soll dieser Begriff schon an dieser Stelle? Und dann waren es gerade diese Stunden, in denen Schülerinnen und Schüler das Buch hinterfragten, die fachlich den höchsten Ertrag zu bringen schienen. Ich lernte in den Jahren auch Buchautoren kennen. Die Ehrfurcht wich ganz schnell einer pragmatischen Haltung je mehr Schraubenschlüssel ich selbst zurechtschliff. Dabei gab es auch einmal blutige Finger oder einen verbrannten Pulli. Die Arbeit mit der Flex birgt auch Risiken. Aber das nächste Werkzeug wurde dann eben besser. Der dazu notwendige „Arsch in der Hose“ muss sich aber entwickeln – er ist nicht von vornherein da. Genau an dieser Stelle halte ich Schulbücher für wichtig.

Dazu kamen dann noch die curricularen und didaktischen Stürme: Welcher Verlag konnte oder sollte da noch hinterherkommen? Die Lücke zwischen dem sehr dynamischen Curriculum und dem verhältnismäßig statischen Schulbuch scheint immer größer zu werden.

Randnotiz: Ich und die Verlage

Es gibt hier im Blog eine ganze Serie zum Thema „Riecken und die Verlage“ bzw. mittlerweile auch einige Startups. Daher nur eine Randnotiz: Eigentlich weiß ich viel wenig über die internen Strukturen in Verlagen. Das kommt vielleicht noch – ansonsten ist diese Webseite mittlerweile an vielen neuralgischen Stelle ja lehrbuchähnlich. Ich habe in den Jahre durch zahlreiche „Angebote“ gelernt, Produzenten von Inhalten Hochachtung zu zollen unter solchen Bedingungen überhaupt noch etwas mit Hand und Fuß zu produzieren. Sollte es mich wirklich noch einmal überkommen, schriebe ich ein Lehrbuch online und bäte um Spenden für meine Arbeit – quasi das Körbchen am Ausgang nach dem Konzert. Wahrscheinlich käme da mehr zusammen als bei einer Veröffentlichung über die üblichen Distributionswege.

Fazit

Für meine Fächer bin ich ein ganz schlechter Kunde für Schulbuchverlage. Schulbücher setze ich kaum im Unterricht ein. An deren Stelle treten strukturierte Aufzeichnungen in zunehmend auch digitaler Form, die den Lernstoff für alle Beteiligten zugänglich machen.

Für die Unterrichtsvorbereitung als Impulsgeber und in Fällen, wo ich z.B. ein neues Fach unterrichten muss, bieten mir Schulbücher zunächst eine sichere Burg, bis ich die Gegend hinreichend erforscht habe und die jeweilige didaktische Flex halten kann. Ansonsten hat zum Prozess der Unterrichtsvorbereitung mein Bloggerkollege Andreas Kalt eigentlich alles Wesentliche gesagt.

Blogparade: Lehrer von morgen heute denken.

Dejan Mihajlovic ruft zu einer Blogparade zum Profil kommender Lehrkräfte auf. Ich versuche, das mal auf fünf Punkte einzudampfen. Die Lehrkraft von morgen

  • verfügt über profundes, vernetztes und stets hinterfragtes Fachwissen und steht damit über dem Stoff, den sie vermittelt.
  • ist in der Lage, Schulentwicklung über die Bedürfnisse der eigenen Person hinaus mitzugestalten oder mitzutragen.
  • ist in der Lage, eigene Denk- und Unterrichtsstrukturen zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
  • erkennt den Wert explorativen und experimentierfreudigen Verhaltens und nimmt das nicht als Belastung wahr.
  • stelllt sich immer wieder der Rückmeldung anderer Menschen, mit denen es in einem Team arbeitet.

Ich glaube, das reicht dann auch schon. Es zeigt aber auch den Kern der Problematik:

  1. Wie wähle ich Lehrpersonen dann aus?
  2. Welche dieser Eigenschaften sind vermittelbar und welche nicht?
  3. Wer vermittelt wie?
  4. Ist das dahinterstehende Menschenbild realistisch?

Und wieder zwei Diktate zur Getrennt- und Zusammenschreibung

Ich diesmal die entsprechenden Referenzen direkt bei den Worten zur Kontrolle für euch verlinkt. Leider löst in meinen Augen der Duden die Regeln nicht ganz konsequent und scheint sich in Teilen auch der tatsächlichen Praxis pragmatisch anzupassen.

Diesmal habe ich im Prinzip nur drei Regeln vermittelt:

  1. Die Getrenntschreibung ist die Regel.
  2. Dies gilt nicht bei Nominalisierungen.
  3. Dies gilt nicht, wenn eine übertragene Bedeutung vorliegt.

Im Wesentlichen klappt es mit diesem reduzierten Regelsatz. Die empfohlene Schreibung des Wortes „leicht machen / leichtmachen“ ist aus meiner Sicht durch den Duden hier inkonsequent gelöst. Wenn ich ein Flugzeug leicht mache (es um Gewicht erleichtere), liegt in meinen Augen die wörtliche Bedeutung vor (Getrenntschreibung), wenn ich es durch ein anspruchloses Diktat einem Schüler leichtmache, die übertragene. Der Duden schlägt in beiden Fällen die Getrenntschreibung vor, obwohl es hier ja einen semantischen Unterschied gibt.

Die meiste Wörter sind in der Unterrichtseinheit entweder geübt worden, die SuS haben in WordPress mit dem Quiz-Script-Framework diese als Beispiele in ihren selbstgestalteten Übungen verwendet oder die Worte standen auf einer Lernliste.

Diktat 1 (ca. 225 Wörter):

Die Regelung zum Nachschreiben von Klausuren und Klassenarbeiten am allgemeinbildenden (auch allgemein bildenden) Keppler-Gymnasium ist mittlerweile völlig ungeeignet für zartbesaitete (auch: zart besaitete) Schülernaturen. Die Lehrkräfte wollen den Eltern und Schülern tatsächlich weismachen, dass der Termin an einem Freitagnachmittag geeignet wäre. Dabei müssen doch die allgemein verständlichen (auch: allgemeinverständlichen) Nachteile auch dem letzten klar sein. Wer kann sich denn nach einer langen Schulwoche nach einer viel zu kurzen Pause noch so lockermachen, dass er mit diesem Termin von seiner Konzentrationsfähigkeit her zurechtkommt? Allzu oft sahen sich gerade Schülerinnen und Schüler aus den jüngeren Klassen außerstande (auch: außer Stande), zu solch einem Zeitpunkt noch Wissen preiszugeben. Von vornherein ist klar, dass die Leistungen dadurch insgesamt sinken. Wurde schülerseitig bei einer anstehenden Arbeit auch einmal blaugemacht?
Natürlich liegt dieser Verdacht immer in der Luft, das darf man aus Lehrendensicht nicht wundernehmen. Es ist aufwändig, extra für ein Lerngruppenmitglied eine eigene Arbeit zu konzipieren, aber gerät die Schule nicht in Verdacht, es sich viel zu leicht zu machen (auch: leichtzumachen), wenn durch den unterstellten Generalverdacht auch diejenigen leiden, die wirklich an dem betreffenden Tag krank waren? Auch bei Lehrkräften gilt ein Vertrauensprinzip: Sie müssen sich bei Arbeitsunfähigkeit erst ab dem dritten Tag offiziell krankschreiben lassen.
Nichtsdestotrotz gehen die Fehlzeiten bei Klassenarbeiten und Klausuren nach Einführung der Regelung stetig zurück. Es wird den Schülerinnen und Schüler wohl nichts anderes übrig bleiben (auch: übrigbleiben), als sich mit der Regelung zu arrangieren.

Diktat 2 (ca. 225 Wörter):

Allzu oft sah er sich außerstande (auch: außer Stande) die Namen der neuen Lerngruppe kennenzulernen (auch: kennen zu lernen) und war so dem Spott der schönen Petra preisgegeben. Wann immer sie ihn bloßstellen konnte, tat sie es, was für ihn eine Angst machende Erfahrung war. Erst seit kurzem unterrichtete er in der Klasse, aber schon jetzt wollte er in jeder Stunde so schnell wie möglich mit dem Unterricht fertig sein. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass Petra ihn sehr bald so richtig fertigmachen würde. Das Beisammensein mit der Lerngruppe wurde für ihn bald zu einer Furcht einflößenden (auch: furchteinflößenden) Pflicht.
Wie konnte ein einziges, unschuldig aussehendes Mädchen so viel Angst und Schrecken bei einem gestandenen Mann wie ihm verbreiten? Als Petra eines Tages krankheitsbedingt nicht am Unterricht teilnehmen konnte, sah er seine Chance gekommen: Geradeheraus gestand er der Lerngruppe, woran er litt. Diese nahm die Nachricht ungläubig auf. Petra war in der Klasse dafür bekannt, es neuen Lehrkräften nicht besonders leicht zu machen (auch: leichtzumachen), aber auch hoch geschätzt (auch: hochgeschätzt) für ihr soziales Engagement. Die Klasse konnte es dem verzweifelten Referendar nur nahelegen, sich auf ein direktes Gespräch mit Petra einzulassen. Dazu sah sich der junge Lehrer jedoch nicht in der Lage. Irgend so ein innerer Schweinehund hinderte ihn, das Problem direkt anzugehen. Unverrichteter Dinge verließ er auch an diesem Tag die Schule. Als er die Wohnung seiner Freundin betrat, blickte er kurz verstohlen in das Zimmer ihrer kranken Tochter.

Jubelperser und rhetorische Raubeine

… und dann doch die zu wenig Begeisterten. (das wird hier ein Rant)

Ich finde Diskurs ja ganz prima. Wenn die Dinge auf den Tisch kommen, ist es oft der erste Schritt, um Veränderung zu initiieren. Wenn sich Prozesse aber immer wieder wiederholen, muss man sich die Frage stellen, ob es um Veränderung oder um Rechthaben, bzw. die Struktur des Diskurses geht.

Und ich stelle mir die Frage, was man mit dieser dort geparkten Energie alles anstellen könnte.

Die Schulen, mit denen ich so Kontakt komme, interessiert diese in Relation zu ihrem Leben wirklichkeitsentkoppelte Twitter- oder Blogdiskurswelt nicht. Selbst wenn die Beteiligten in diese Sphäre des Digitalen eintauchten (sie tun es nicht), wären allenfalls Kopfschütteln und Abwehr die Reaktion. Gut so. Gibt andere Sorgen und Probleme.

Es mag eine Zeit gegeben haben, in der (Geistes-)Wissenschaft Politik beraten hat und nicht nur gehört, sondern auch teilweise adaptiert wurde. Das setzt aber politischen Gestaltungs- und Führungswillen voraus und die Fähigkeit, nicht nur die eigene kleine Welt zu sehen, sondern die Vernetzungspotentiale. Wie verbreitet sind diese Fähigkeiten? Wie stark ist heute das „Backend“, welches die Gestaltungswilligen z.B. mit Rechts- und Prozessberatung unterstützt, ihnen den Rücken freihält?

(Geistes-)Wissenschaft erkennt m.E. nicht, dass diese Ära entschieden vorbei ist – sie ist es, die in ihren Strukturen verharrt – oach, wir machen Studien (mit teilweise m.E. so abenteuerlichen Fragestellungen wie: „Befördern Tabletklassen den Lernprozess?“) oder schreiben eloquente Grundsatzaufsätze (die dann in Filterbubbels durchgereicht und diskutiert werden). Ich mag das ja auch, streiche aber davon für meine Arbeit gleich 95%.

Der Bedarf aber lautet (darüber kann jammern oder es hinnehmen wie im Frühling die Blumen): „Sage mir, wie ich mir möglichst wenig Ressourcen den Output steigern kann!“ Sorry, und Pssst! – diesen Bedarf decken längst andere!

Warum soll ich mich als Politiker von „diskursverliebten Socialmediafuzzis“ leiten lassen? Meine größte Wählergruppe sind nicht die Familien. Kinder und Jugendliche schon gar nicht.

Ganz nebenbei machen sich Schulen – so ganz extrainternetistisch – mit ganz anderen Motivationen auf den Weg. Da geht es oft zunächst um Kommunikationsprozesse. Technik hilft dabei. Metageseier über potentielle technische Potentiale zunächst ganz viel weniger. Was danach kommt – mal sehen. Meist kommen Ideen.

Wir müssen gerade ganz stark darauf aufpassen, hilfreiche Methoden wie Projektmanagement nicht in der Wahrnehmung der Schulen abzufackeln. Jacket, Schlips und tolle Folien über Qualitätsmanagementprozesse tragen genau bis zu der Erkenntnis, dass es für die Umsetzung Ressourcen braucht. Die Kompetenzen brennen ja schon lichterloh. Die Inklusion schwelt bereits kräftig.

Das Ziel könnte ja heißen: Bessere Bildung und gerechterer Zugang zu ihr. Ist das nicht die Gemeinsamkeit? Und auch ich ertrage iPads. Wer mich kennt, weiß: Da kann das mit dem Anerkennen  anderer Wege und Schwerpunktsetzungen doch nicht so schwer sein.

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