Reflexionsfreie Zone

Menschen in sozialen Berufen sind teilweise in ihren Arbeitsverträgen dazu verpflichtet, an Supervisionen teilzunehmen. In den Sitzungen werden z.B. Konflikte innerhalb des Teams aufgearbeitet, Wege aufgezeigt, um mit anvertrauten Personen besser umzugehen und es werden auch oft genug das eigene Handeln und die eigene Persönlichkeit infrage gestellt.

Ich kenne Supervision schon aus meiner Arbeit mit Klassentagungen – einmal im Halbjahr war es mehr als erwünscht, wenn nicht sogar verpflichtend, an Supervisionen teilzunehmen. Da ging es gut zur Sache – mit Psychodrama, Rollentausch, Tränen und allem Drum und Dran. Die Sitzungen bewegten sich oft ganz und gar nicht in der Komfortzone.

Wieder in Kontakt mit Supervision bin ich erst zwanzig Jahre später in meiner Ausbildung als medienpädagogischer Berater gekommen. Viele von uns haben genölt und sich gefragt, was z.B. Konfliktbewältigungsstrategien mit Medienberatung zu tun haben. Mittlerweile ist es mit dem Genöle still geworden. Es entwickelt sich zu einer Kernkompetenz, Strukturen zu analysieren, Konfliktgespräche zu führen, Kritik ernst zu nehmen und mit ihr umzugehen. Technik: 5% – Mensch: 95%.

Die superduper Homepage nützt z.B. gar nichts, wenn sich der Betreuer immer selbst um alle Informationen kümmern muss, den Kollegen hinterherläuft und dabei keine Unterstützung von der Leitung erhält: „Hä? Kriegt doch genau dafür eine Entlastungsstunde!“ (Nein! Er bekommt die Entlastung für eine aktuelle Homepage).

In Follow-Ups zu unserer Ausbildung dürfen wir Erlebnisse mitbringen, die dann bearbeitet werden. Und das werden sie. Und auch ein Maik Riecken bekommt da hin und wieder verdienten Lack. Auf diesen Veranstaltungen stellen sich für mich oft Weichen für die Zukunft – mir wird klar, was mir gut tut und was mich im Leben langfristig nicht weiterbringt. Ich bilde mir ein, dass das für meine Zufriedenheit, meine Distanzfähigkeit und vor allem meine Gesundheit ein große Rolle spielt.

Aber ich bin wohl auch ein Weichei. Die Arbeit an Schule ist psychisch immer Zucker. Da gibt es nicht aufzuarbeiten. Da gibt es keine psychologisch induzierten Krankheiten wie Kopf- und Rückenschmerzen (Verspannungen), Alkoholismus, Tinnitus oder einfach innere Emigration in die Kauzigkeit oder andere Dinge. Mit Kollegen versteht man sich grundsätzlich gut.

Jede Annahme von Hilfe von außen ist eh ein Zeichen von Schwäche und davon, dass im Kollegium etwas nicht stimmt. Wo kämen wir dahin, uns und unsere Persönlichkeit infrage zu stellen! Wir sind fertig, wir brauchen das nicht! Und dann die Finanzierung: 120,- Euro Stundensatz für einen guten Supervisor? 240,- Euro für zwei Stunden durch ca. 10 Personen teilen – jedes Vierteljahr? Das muss doch der Dienstherr bezahlen (objektiv völlig korrekt). Das Geld stecke ich doch lieber ins Auto – oder Motorrad oder in den Handyvertrag und leide ansonsten still vor mich hin.

Nicht nur ich bin verwundert, dass ausgerechnet in Schule – deren pädagogische Ausrichtung ja immer als Beleg dafür herhalten darf, nicht mit wirtschaftlichen Strukturen vergleichbar zu sein – ein in meinen Augen zentrales Instrumentarium von Personalentwicklung weder finanziert noch einfordert, welches in fast allen anderen vergleichbaren pädagogischen Kontexten üblich oder gar obligatorisch ist.

Tablets in der Schule: Bitte (fast) keine Androids mehr!

Vorweg

Ich setze persönlich keine Tablets im Unterricht oder meinen eigenen Workflow ein. Für mich persönlich sind das Spielzeuge und keine Arbeitsgeräte. Meine Finger sind zu dick und unmotorisch.

Ich gestalte meinen digitalen Unterricht aber so, dass das Gerät dafür kaum eine Rolle spielt, wenn es zumindest einen Browser und einigermaßen performante Leistungsdaten zum Rendern von Webinhalten verfügt. Meine Tools stellen standardisierte Schnittstellen bereit, sodass hoffentlich jeder die App und das Gerät dafür nutzen kann, die/das zu ihr/ihm passt.

„App“ ist für mich ein anderes Wort für „Programm, dessen Oberfläche auf Touchbedienung zugeschnitten ist“. Damit sind Tablets natürlich willkommen – es gibt ja andere Menschen als mich mit anderen Vorlieben und Präferenzen.

Was ich gar nicht mag, ist als Admin Sonderlösungen bauen zu müssen, weil ein Hersteller meint, eigene „Standards“ seien kundenfreundlicher. Deswegen hasse ich aus Administratorensicht speziell Apple wie die Pest. So viel zum Rant.

Was man in der Schule von der Software eines Gerätes erwarten können muss

 

  1. Regelmäßige Betriebssystemupdates
  2. Regelmäßige Sicherheitsupdates
  3. Verlässliche Sandboxes für Prüfungssituationen
  4. Verlässliches, leicht zu bedienendes MDM (Lösung zum Managen der Geräte, wenn sie schuleigen sind)

… über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren. Ein Hersteller, der das nicht bieten kann, hat nach meiner Meinung in der Schule bei schuleigenen(!) Geräten nichts verloren.

Damit fallen (fast) alle Androidgeräte heraus.

Warum keine Androids?

Das Lizenzmodell von Android ermöglicht erst die Herstellung extrem günstiger Geräte. Die Quelltexte liegen offen, das System lässt sich recht unaufwändig an fast jede beliebige Hardwareumgebung anpassen, d.h. als Hersteller bin ich in der Wahl meiner CPU, meines Grafikprozessors usw. recht frei. Daraus entsteht eine Vielzahl an Produktlinien. Um das System performant und schlank zu halten, bricht man mit einem Grundprinzip von Linux, auf dem Android basiert: Dem generischen System.

Ein generisches System läuft unverändert auf sehr vielen unterschiedlichen Umgebungen: Ubuntu kann ich auf fast jeden Rechner installieren – Linux bringt die dafür erforderlichen Treiber gleich mit und erkennt z.B. Hardware beim Start vollautomatisch.

Ein generisches System kann darüberhinaus zentral geupdatet werden – im Prinzip läuft ja überall das Gleiche. Leider schleppt natürlich ein generisches System alles nur Denkbare an Treibern mit sich und ist daher recht groß – das passt vor allem nicht zu günstiger Hardware.

Kurz gesagt: Bei Androiden muss der Hersteller jedes Sicherheits- und Funktionsupdates für alle seine Produktlinien manuell einpflegen und seinen Kunden z.B. als Betriebssystemimage bereitstellen. Das lohnt sich bei Geräten wie Tablets und Handys mit ohnehin meist kurzer Verwendungszeit in der Regel nicht, sprich:

Die meisten Androidgeräte sind nach recht kurzer Zeit sicherheitstechnisch ein Debakel

Die einzige echte Ausnahme, die ich diesbezüglich kenne, ist die Nexusserie von Google selbst. Meine Nexustablets der ersten Generation erhalten bis heute zeitnah Updates – schon fast vier Jahre mittlerweile.

Man kann ausweichen auf Communities rund um Cyanogenmod – Techies wie ich könnten das ggf.. – aber für Schulen im Allgemeinen ist das keine Option.

In der Schule brauche ich nach meinem Empfinden Geräte, die mindestens drei, besser fünf zuverlässig laufen. Realistisch finde ich eher einen Gerätewechsel nach drei Jahren, d.h. mindestens(!) drei Geräte pro Schullaufbahn, denn schon heute werden die meisten Menschen (auch und gerade SuS!)  Geräte, die noch älter sind, aufgrund des technologischen Wandels als unzumutbar empfinden – daher noch ein Seitenhieb:

Bei Kalkulationen „Tablet preislich gegen Schulbuch / Taschenrechner / Atlas“ ohne Einbezug des technologischen Wandels (Produktupgrade nach drei Jahren) wäre ich SEHR vorsichtig ob des realen Preisvorteils gegenüber heute – unser Wirtschaftssystem basiert nicht darauf, dass wir ständig weniger ausgeben.

 

iPads und Windowstablets 

Apple ist ein in sich geschlossenes System und Microsoft macht den Herstellern seiner Geräte recht rigide Vorgaben, was die Hardwareausstattung angeht – im Prinzip fahren die die generische Strategie des Linuxkernels. Damit ist die Sicherheitsproblematik in einem wesentlichen Kernpunkt entschärft, weil nicht der Hersteller Updates bereitstellt, sondern eben Apple und Microsoft und diese Updates auch über die betriebssystemeigenen Mechanismen installieren. Die damit verbundene Langfristigkeit macht den Einsatz z.B. einer MDM-Lösung oder Klassenraumsteuerung erst beherrschbar: Wenn ich nicht andauernd verseuchte Geräte wiederherstellen und neu in eine MDM-Lösung integrieren muss, wird die Bewältigung des Arbeitspensums möglich. Und gerade Schulgeräte, die durch viele Hände gehen, sind gegenüber derartigen Drangsalierungen extrem gefährdet. Selbst Apple hat mittlerweile kapiert, dass ein 1:1-Design eben nicht in eine 1:many-Umgebung passt und entwickelt in die richtige Richtung.

Nachtrag:

Etwas ausführlicher hat sich Andreas Hofmann mit der neuen Initiative von Apple beschäftigt.

 

Anfangsgenölewiederaufgriff

Mir ist völlig klar, dass mit der automatischen Updatepolitik von Apple und gerade auch Microsoft auch sehr streitbare Mechanismen Einzug in die mobilen Geräte halten – vor allem vor dem Datenschutzhintergrund. Mir wäre ein Ubuntu-Touch auf freier Hardware ohne UEFI- und TPM-Mist bedeutend lieber.

Da wir aber im „Isnummalsoland“ leben, geht es um pragmatische Ansätze. Und da hat Apple schon aufgrund des Appangebot im Vergleich zu Microsoft zurzeit die Nase für viele Anwender halt vorne. Ich persönlich finde das doof.

Vielleicht fehlt es bei Androids einfach auch nur an Dienstleistern, die das Ganze z.B. mit Cyanogenmod schlicht professionalisieren und Servicebundles für drei bis fünf Jahre anbieten.

Präsenztage in der Schule – das Prinzip der sozialen Rekursivität in öffentlichen Debatten

Auch aufgrund von “Vermittlungsproblemen” in der Bevölkerung sehen sich die Kultusministerien der Länder nunmehr “gezwungen”, Präsenztage für Lehrkräfte an den Schulen einzuführen, so jedenfalls ein zunächst wenig beachteter Beschluss der KMK auf ihrer letzten Zusammenkunft. Als ehemaliger Personalrat und durchaus auch kritischer Betrachter der Privilegien unserer Berufssparte möchte ich doch diese Idee nicht unkommentiert lassen.

Während Jan-Martin Klinge sich eher mit den resultierenden Verwaltungsfragen auseinandersetzt und sich an Dingen wie dem Gleicheitsgrundsatz im Duktus von Beamtendeutsch abarbeitet, lege ich den Fokus bewusst etwas anders und beginne dabei mit einer kleinen Anekdote:

Als an unserer Schule schwedische Lehrkräfte zu Gast waren, haben wir Ihnen natürlich mit einigem Stolz unser frisch renoviertes, wirklich großzügig gestaltetes Lehrerzimmer gezeigt. Die Reaktion war durchaus positiv. Das ist hoch zu bewerten, wenn man etwas mit schwedischer Schularchitektur vertraut ist. Es kam aber sofort auch die Frage mit dem für mich immer wieder putzig anzuhörenden schwedischen Akzent: “Das ist eine schönes Raum. Wo triffst du dich mit deine Kollegs, um zu arbeiten?” – “Ja hier halt!”, antwortete ich. “Nein, das hier ist eine tolles Sozialraum, aber keine Arbeitsplatz!”, kam sofort der Einwand. Für den schwedischen Kollegen war es unvorstellbar, keinen Arbeitsplatz in der Schule zu haben.

Ich finde, dass diese Anekdote den Kern der Problematik zeigt: Selbst wenn ich in der Schule arbeiten wollte, könnte ich es selbst nicht mit hinreichender Effektivität tun. Im Lehrerzimmer trifft man sich und tauscht sich aus. Das ist Fluch und Segen zugleich: Fluch für den Wunsch, z.B. lästige Korrekturarbeiten zügig zu erledigen, Segen für den Austausch zu pädagogischen Fragen – letztere ließen sich aber weitaus effektiver klären, wenn alle Beteiligten anwesend wären. In der jetzigen Form des KMK-Beschlusses ist den Lehrkräften ja weitgehend freigestellt, wann sie sich in der Schule einfinden.

Dass es in der Schule i.d.R. keinen geeigneten Arbeitsplatz gibt außer den schnell überfüllten Lehrerarbeitszimmern bedingt ja zusätzlich quasi einen heimlichen Vertrag:

“Du Kollege setzt dein häusliches Arbeitszimmer von der Steuer ab, hast somit volle Freiheit in deinem Homeoffice und dafür sparen wir die eine oder andere Mark bei der räumlichen und sächlichen Ausstattung der Schulen.”

An so Dingen wie den Regelungen zur Datenverarbeitung auf privaten DV-Geräten von Lehrkräfte (Link auf Erlass hier in Niedersachsen) sieht man recht hübsch, dass dieses Konstrukt auch gelegentlich heftig knirscht, aber im Großen und Ganzen natürlich funktioniert. Wenn man mich jetzt zwingt, in der Schule tätig zu sein, könnte ich ja auf die Idee kommen, daraus auch Ansprüche abzuleiten – insofern weiß ich nicht, ob der Dienstherr sich auf lange Sicht damit wirklich einen Gefallen tut.

Ich kann verstehen, warum viele Menschen uns Lehrkräfte als privilegiert wahrnehmen. Ich bin mir nicht so sicher, ob das nun gesetzte Signal wirklich geeignet ist, die üblichen Stammtischstereotype über Lehrer wirksam im Sinne einer sicherlich auch intendierten Fürsorge durch den Dienstherrn abzumildern – da scheinen mir Dinge wie die Unkündbarkeit oder Pensionsregelungen durchaus gewichtiger in der Wahrnehmung “meiner” Stammtischkontakte außerhalb der Lehrerszene. Gerade in Bezug auf die sächliche Ausstattung sind wir als Lehrkräfte m.E. eben nicht unbedingt gutgestellt.

Das Einzige, was man schafft, ist “soziale Rekursion” – man ändert an einer Stelle etwas, was in der Folge weitere Prozesse in Gang setzt, die sich auf den gleichen Ausgangspunkt beziehen, aber im Gegensatz zur mathematischen Rekursion kaum vorhersehbar sind. Sicher ist: Wir kommen immer wieder bei der gleichen Frage an.

Was denkt ihr? Könnten Präsenztage sinnvoll dabei helfen, dass Lehrkräfte nicht mehr so privilegiert wahgenommen werden? Ginge für euch ein solches Ansinnen auf?

Blogparade: Schulbuch 2015

Auf Twitter ergab sich vor einige Tagen eine interessante Diskussion zum Thema Schulbücher – auch immer wieder einmal Thema im deutschen #EDCHATDE. Herausgekommen ist die Idee einer Blogparade zum Thema Schulbuch, an der ich mich mit diesem Artikel beteilige.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich nie ohne haarsträubende Analogien und Geschichten auskomme – auch diesmal bleibt das niemandem erspart – aber Geduld: Ich komme irgendwann auf den Punkt.

Die Analogie

Letzte Woche wollte ich an meinen recht betagten Fahrzeug die Stoßdämpfer wechseln – eigentlich musste ich das sogar, weil die untere Lagerbuchse des Dämpfers auf der rechten Seite schon ziemlich ausgeschlagen war. Bei meinen Auto ( VW T4 )  ist das auch im Prinzip kein Problem und auf der Auffahrt zu machen. Zudem hat man auf diese Weise immer die Legitimation, neues Werkzeug zu kaufen – immerhin wollte die Werkstatt stolze 270,- Euro haben – bei einem Materialpreis von 100,- Euro für ein Paar Markendämpfer saßen da 50 Euro für Werkzeug drin. In dem sehr gut gepflegten Wiki zu meinem Auto stand zum Dämpferwechsel nur ein Satz, der mir Sorgen machte:

Befestigungsschraube und -mutter der Dämpferaufnahme herausdrehen (Sechskant M12, 100 Nm). Hierbei kann es passieren, dass die Mutter sich nicht löst, sondern stattdessen, die Schraube, welche von oben mit der Karosserie verbunden ist, sich aus der Halterung löst und mitdreht. Dann ist es notwendig die Schraube von oben von Dreck zu befreien und mit einem 18er Maulschlüssel (am besten in flacher Ausführung) zu kontern.

Dazu wird eine zweite Person benötigt, da der Kopf der Schraube nur teilweise aus dem Blech raussteht. (Quelle)

Wie sich herausstellen sollte, konnte das nicht nur passieren, es passierte auch auf beiden Seiten (zudem wurde ein Schlüssel SW21 benötigt und kein SW18).

So ein Schlüssel sieht so aus:

standardwerkzeug_a

In so einem Ding steckt eine Menge Hirnschmalz, den man diesem Stahlknochen erstmal nicht ansieht. Der Schlüssel ist z.B. gewinkelt (üblicherweise um 15°):

standardwerkzeug_b

Durch diese Winklung kann man den Schlüssel in engen Bereichen einfach umdrehen und kommt so mit der Schraube weiter. Die Öffnung des Schlüssels ist genormt: Ein Schlüssel SW21 passt zu jeder Schraube, deren Kopf 21mm breit ist – Schraubenweiten sind genormt, sodass dieser Schlüssel überall einsetzbar ist, wo die gleiche Norm gilt. Da klappt aber nur, wenn der Schlüssel ein wenig weiter als die Normgröße 21mm ist – Profiwerkzeug weist hier weniger Toleranzen auf als Baumarktware und passt daher grundsätzlich besser zur Schraube.

Meine Schraube, die es mit dem Schlüssel zu lösen galt, war genormt, aber der Schlüssel selbst viel zu dick, um in den darüberliegenden Zwischenraum zu passen. Ich bekam die eine Schraube damit nicht zu packen. Einen flachen Schlüssel SW21 gab es anscheinend im ganzen Internet nicht – die sind auch sehr unüblich. Wenn es einen solchen Schlüssel gegeben hätte, wäre immer noch eine zweite Person zum Gegenhalten erforderlich gewesen, da ein flacher Schlüssel schnell „nach oben abrutscht“ – deswegen ist der Normschlüssel ja auch so dick, um genau das zu verhindern.

Der einizige verfügbare Helfer hätte es körperlich nicht geschafft, eine angerostete Schraube mit einem Anzugsdrehmoment von 100Nm zu kontern. Was tun?

Wenn bei mir ein Werkzeug nicht passt, baue ich mir eines.

Diese Idee kam nicht von mir, sondern von einem befreundeten Vater, der mich vor dem Auto grübeln sah. Erst habe ich diesen Gedanken verworfen, aber schon eine Stunde später stand ich mit der Flex und dem Normschlüssel in der Garage. Herausgekommen ist das hier:

werkzeug_aDie Schlüsselenden verjüngen sich nach vorne. Diesen Schlüssel konnte ich jetzt mit Karacho über den Schraubenkopf prügeln, das Blech darüber diente als Widerlager und hielt den Schlüssel sicher auf dem Schraubenkopf. Mit einem guten Frühstück und einer langen Knarre löste sich ächzend und knarrend die Mutter von der Schraube – ohne Helfer.

Wie ich Schulbücher verwende

Ich verwende Schulbücher im Unterricht fast nie. Es sind für mich genormte Werkzeuge, die zu genormten Problemstellungen in Form von Curricula passen. Mehr noch als bei meinem Autobeispiel von oben gilt bei Lernprozessen im Gegensatz zu DIN-Schrauben für mich oft die „Normlosigkeit“. Ich unterrichte u.U. in zwei Klassen parallel, aber diese Klassen mit ihren Individuen entsprechen nicht der Norm – oder jeweils anders. Trotzdem kann es – bei mir immer seltenere – Fälle geben, in denen ein genormter Schlüssel sehr gut geeignet ist. Genau wie der Schlüssel ist das Schulbuch ja sogar auf mehreren Ebenen bis in Details durchdacht – nur gibt es nicht immer die „Schraube“, die zu ihm passt. Daher nutze ich ein Schulbuch grundsätzlich nur für Anregungen bei der Vorbereitung des Unterrichts.

Ein sehr gutes Buch auch nach 15 Jahren Lehrerleben und zahlreichen Überarbeitungen ist für mich „Texte, Themen und Strukturen„. Recht zeitlos und erfreulich unbeeindruckt von schnelllebigen didaktischen Grabenkämpfen finden sich für mich darin immer wieder interessante Texte und neue Blicke auf Dinge wie „Schreiberziehung“. Es ist für mich ein wenig so wie ein Engländer im Werkzeugbereich.

In meinem Regal (ich komme für alle meine Schulbücher mit 2m Regalfläche aus) stehen neben universitären Lehrwerken auch noch Übungsblattsammlungen, einige Arbeitshefte und Versuchsvorschriften (ich unterrichte Chemie). Das steht da, weil es manchmal Arbeit spart, wenn es schnell gehen muss. Hin und wieder verirrt sich noch eine unverlangt zugeschicktes „Probeexemplar“ dorthin, welches aber meist nach ein bis zwei Monaten seinen Weg ins Altpapier findet.

Wäre ich Fremdsprachenlehrer, hätten Schulbücher für mich allerdings einen ganz anderen Stellenwert.

Die Geschichte dahin

Als junger Kollege fehlte mir oft die Zeit, um mit der Flex in die Garage zu gehen und auf einem zu großen Schraubenschlüssel herumzuschleifen. Außerdem hatte ich viel zu viel Ehrfurcht vor der Leistung der Buchautoren: Was kann ich kleines Licht schon besser machen als ein durchdachtes Schulbuch? Damit ist man doch auf jeden Fall auf der sicheren Seite! Es ist auf das Curriculum abgestimmt, durch ein Lektorat gelaufen und bietet mir Orientierung. Pfiffige Ideen wie die 15-Gradwinklung beim der Schraubenschlüsselanalogie wären mir aus meiner Unterrichtspraxis heraus gar nicht erst gekommen. So ist das Donator-Akzeptor-Prinzip als fundamentale didaktische Größe im Chemieunterricht wohl ein echtes Verdienst von Schulbüchern.

Wenn ich dann darüberhinaus noch Ideen habe, ist es Dank der Solidität in der Lage, den Funkenstrahl der ersten Flexversuche anzulenken oder mich wieder auf den sicheren Standardweg zu bringen.

Mit den Jahren fiel diese fast ehrfürchtige Beziehung mehr und mehr in sich zusammen – insbesondere in der Chemie: Sie schreiben die Nernstsche Gleichung einmal mit Minus und einmal mit Pluszeichen – aha. Und hier schreiben sie „wie man leicht sieht“ – die Schülerinnen und Schüler sehen es aber so gar nicht. Und was soll dieser Begriff schon an dieser Stelle? Und dann waren es gerade diese Stunden, in denen Schülerinnen und Schüler das Buch hinterfragten, die fachlich den höchsten Ertrag zu bringen schienen. Ich lernte in den Jahren auch Buchautoren kennen. Die Ehrfurcht wich ganz schnell einer pragmatischen Haltung je mehr Schraubenschlüssel ich selbst zurechtschliff. Dabei gab es auch einmal blutige Finger oder einen verbrannten Pulli. Die Arbeit mit der Flex birgt auch Risiken. Aber das nächste Werkzeug wurde dann eben besser. Der dazu notwendige „Arsch in der Hose“ muss sich aber entwickeln – er ist nicht von vornherein da. Genau an dieser Stelle halte ich Schulbücher für wichtig.

Dazu kamen dann noch die curricularen und didaktischen Stürme: Welcher Verlag konnte oder sollte da noch hinterherkommen? Die Lücke zwischen dem sehr dynamischen Curriculum und dem verhältnismäßig statischen Schulbuch scheint immer größer zu werden.

Randnotiz: Ich und die Verlage

Es gibt hier im Blog eine ganze Serie zum Thema „Riecken und die Verlage“ bzw. mittlerweile auch einige Startups. Daher nur eine Randnotiz: Eigentlich weiß ich viel wenig über die internen Strukturen in Verlagen. Das kommt vielleicht noch – ansonsten ist diese Webseite mittlerweile an vielen neuralgischen Stelle ja lehrbuchähnlich. Ich habe in den Jahre durch zahlreiche „Angebote“ gelernt, Produzenten von Inhalten Hochachtung zu zollen unter solchen Bedingungen überhaupt noch etwas mit Hand und Fuß zu produzieren. Sollte es mich wirklich noch einmal überkommen, schriebe ich ein Lehrbuch online und bäte um Spenden für meine Arbeit – quasi das Körbchen am Ausgang nach dem Konzert. Wahrscheinlich käme da mehr zusammen als bei einer Veröffentlichung über die üblichen Distributionswege.

Fazit

Für meine Fächer bin ich ein ganz schlechter Kunde für Schulbuchverlage. Schulbücher setze ich kaum im Unterricht ein. An deren Stelle treten strukturierte Aufzeichnungen in zunehmend auch digitaler Form, die den Lernstoff für alle Beteiligten zugänglich machen.

Für die Unterrichtsvorbereitung als Impulsgeber und in Fällen, wo ich z.B. ein neues Fach unterrichten muss, bieten mir Schulbücher zunächst eine sichere Burg, bis ich die Gegend hinreichend erforscht habe und die jeweilige didaktische Flex halten kann. Ansonsten hat zum Prozess der Unterrichtsvorbereitung mein Bloggerkollege Andreas Kalt eigentlich alles Wesentliche gesagt.

Blogparade: Lehrer von morgen heute denken.

Dejan Mihajlovic ruft zu einer Blogparade zum Profil kommender Lehrkräfte auf. Ich versuche, das mal auf fünf Punkte einzudampfen. Die Lehrkraft von morgen

  • verfügt über profundes, vernetztes und stets hinterfragtes Fachwissen und steht damit über dem Stoff, den sie vermittelt.
  • ist in der Lage, Schulentwicklung über die Bedürfnisse der eigenen Person hinaus mitzugestalten oder mitzutragen.
  • ist in der Lage, eigene Denk- und Unterrichtsstrukturen zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
  • erkennt den Wert explorativen und experimentierfreudigen Verhaltens und nimmt das nicht als Belastung wahr.
  • stelllt sich immer wieder der Rückmeldung anderer Menschen, mit denen es in einem Team arbeitet.

Ich glaube, das reicht dann auch schon. Es zeigt aber auch den Kern der Problematik:

  1. Wie wähle ich Lehrpersonen dann aus?
  2. Welche dieser Eigenschaften sind vermittelbar und welche nicht?
  3. Wer vermittelt wie?
  4. Ist das dahinterstehende Menschenbild realistisch?
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