Haltestelle Geister – eine Theateraufführung am CAG

Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem Meer, mit zehn Hörnern und sieben Köpfen. Auf seinen Hörnern trug es zehn Diademe und auf seinen Köpfen Namen, die eine Gotteslästerung waren. Das Tier, das ich sah, glich einem Panther; seine Füße waren wie die Tatzen eines Bären und sein Maul wie das Maul eines Löwen.“

Genauso wie in der Offenbarung des Johannes ist nichts in Ordnung an diesem Abend auf der Bühne in der Aula des Clemens-August-Gymnasiums. Godot kommt an diesem Abend in der von Christiane Johannes und Hubert Gelhaus inszenierten Vorstellung der Stückes „Haltestelle Geister“ von Helmut Krausser schon einmal nicht.

Ein älterer Mann (Nicola Hachmöller) wird von drei Tussen (Jana Richter, Jennifer Ovelgönne, Aljona Walter) gegen jeden Anstand um sein Geld betrogen. Benachteiligte wie eine Blinde (Katharina Westbrock) oder ein sehr alter Mann (Anja Belke), der nicht realisiert, dass seine gesuchte Frau schon Jahre tot ist, erfahren Spott und Hohn der vermeintlich Stärkeren, wie z.B. einem Drogendealer (Daniel Tiemerding) oder dem Mann vom Grillimbiss (Judith Twenhövel). Das alles spielt sich in der Gosse, an einer Bushaltestelle im Nirgendwo ab – also erstmal innerhalb der „Unterschicht“, weit weg in Sprache und Handlung vom beschaulichen Cloppenburg. Das Publikum lacht.

Es geht aber noch weiter: Ein geheimnisvoller Mann im dunklen Mantel (Matthias Gramann) versucht fortwährend Figuren der Bühne durch Verabreichung eines Nervengiftes zu lähmen, um dann seine Opfer in ihrer Schwäche auf das Empfindlichste zu demütigen. Es gelingt ihm bei den bisherigen Figuren nicht, die von Ahnungen getrieben seinem Wesen intuitiv ausweichen. Wohl aber gerät eine per Internet nach Kontakt suchende, gut situierte Dame (Juliane Smit) auf der Suche nach Neuem in seine Fänge. Es war nicht der Großinquisitor aus dem Internet (Theresa Wedemeyer), den sie eigentlich zu treffen hoffte. Dieser hätte auch gar nicht zu ihr gepasst – allenfalls ihre beiden synthetischen Onlineidentitäten wären in der Lage gewesen, bis ans Ende ihrer Tage in den Sonnenuntergang zu reiten. Das Publikum schmunzelt und gönnt es ihr ein wenig.

Auch als sich ein sado-masochistisch veranlagtes, an fehlender Zwischenmenschlichkeit leidendes Paar (Hendrik Martens und Alexandra Morkel), im materiellen Reiz des Oberflächlichen erstarrt, sich an einem in der Sprache Adolf Hitlers gesprochenen Monolog sexuell stimuliert, führt das immer noch zum offenen Lachen im Publikum – wenngleich ein undefinierbarer kalter Schauer spürbar ist – gerade so schwach, dass das Lachen nicht verstummt.

Und doch gibt es sie in diesem Stück – die nachdenklichen Momente, manifestiert in einer der Welt schon längst verrückten Gracia Gala (Dina Dvorchina), die auf den Tag ihrer Erlösung durch Außerirdische hofft. Oder in der Figur des Tütenpenners (Constanze Arnold) – die die Stimmen der Toten hört – gestorben wird in diesem Stück schließlich nicht, man ersteht als Geist wieder auf. So kann er zwischen der Welt der Lebenden und einem nicht näher definierten Zwischenreich vermitteln. Das Reich Gottes gibt es in der dargestellten Welt nicht. Selbst im Tode, selbst als nicht mehr zu verlieren ist, finden die Seelen der über der Bühne thronenden Geister nicht zueinander.

Unterstützt wirde die Aufführung durch die musikalische Untermalung von Meik Kraft (Flügel), Lukas Kalvelage (E-Gitarre) und Katharina Westbrock (Gesang). Damit alle Beteiligten auch sicher in ihren rüden Texten bleiben – selbst ein Jugendlicher von heute spräche teilweise nicht so derb – kümmert sich Diane Schlee als Souffleuse um die notwendige Unterstützung. Atmosphärisch sorgt Thanh Binh Hoang (Beleuchtung) und Wilfried Körtzinger (Bühne, Maske und Programm) für die visuellen Akzente.

Das Tier aus der Offenbarung scheint an diesem Abend zu erstehen, wenngleich es keine Hörner trägt, sondern alle Laster und Krankheiten unserer zivilisierten Gesellschaft, in der alle auf der Bühne gezeigten Geschehnisse in vielleicht lediglich kultivierterer Form vorkommen – einem sanften Schleichen eines Panthers und dem tödlichen Biss des Löwenmauls ähnlich. Wir trauen uns selbst nicht mehr zu, jemand zu sein und schaffen uns z.B. im Internet oder durch Überschuldung eine neue Identität, die mit dem Leben nicht mehr vereinbar ist. Wir sind verführbar durch die Reize der Werbung und leben ebendiese Verführbarkeit auch unseren Kindern vor: Uns das Auto, mit dem wir uns mit anderen vergleichen – ihnen das Klapphandy mit Vertrag oder die sündhaft teuren Schuhe mit Schrittzähler und Leuchtsohle. Wir arbeiten bis zum Umfallen, um unseren Familien und uns selbst das zu geben, was man haben muss, um dazu zu gehören, aber die menschliche Zuwendung läuft Gefahr durch Materielles eine Substitution zu erfahren. Wir haben alles und brauchen immer Neues – immer neue Kicks – heute die kleinen blauen Pillen, morgen die „Mickies“, die schon einmal dazu führen, dass Menschen sterben. Und doch sind wir oft so arm an der Fähigkeit, wahre Bedürfnisse zu äußern und zu leben. Gerade durch Letzteres unterscheiden wir uns vielleicht mehr als uns lieb ist in nichts von den Figuren des Stückes.

Und dennoch: Das Schöne an dem Stück ist, dass es uns nicht in allem direkt angeht. Wir sind es ja nicht, die dort oben stehen und die Sprache deren ist ja auch nicht die unsere – ja nicht einmal die Sprache der dort oben Spielenden. Wäre es anders, hätte womöglich kein Lachen das Publikum gerettet. Es klingt paradox: Erst die derbe Sprache und sein gossenhaftes Inventar machen das Stück erst erträglich. Identifikation führt an dieser Stelle nur in die Depression – wie auch die zu intensive Lektüre der Offenbarung des Johannes.

 

Maik Riecken

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