Zentrale Abiturprüfung – effiziente, kostenneutrale Lehrerfortbildung

Wäre ich ein Kultusministerium und hätte kein Geld für Fortbildung meiner Bediensteten, würde ich ein Zentralabitur mit verbindlichen thematischen Vorgaben einführen.

Ich würde die Vorgaben so wählen, dass sich sich grundsätzlich nicht auf bisher exemplarische Texte einzelner Epochen beziehen und so den Horizont meiner Lehrerschaft wirkungsvoll erweitern. Zudem ist es absolut vermessen zu glauben, dass es innerhalb der Deutschdidaktik auch über Jahrzehnte bewährte Texte geben sollte. Lehrer unterrichten schließlich methodisch und inhaltlich veraltet.

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Die Weiber in der Volksversammlung (Aristophanes) – Theaterstück am CAG

 

 

Frauen werden von ihren Ehemännern die halbe Nacht durch das Bett gerudert. Männer begeben sich in Frauenkleidern ins Freie, weil sie ihre Notdurft verrichten müssen, um dort von ihrem besten Bekannten in hockender Stellung und entblößtem Gesäß überrascht und in politische Diskurse verwickelt zu werden. Angesehene Bürgerinnen proklamieren ein politisches Manifest im Geiste der Ideen von Karl Marx und Friedrich Engels – in Bezug auf die Regeln, die den sexuellen Umgang von Bürgerinnen und Bürgern festschreiben vielleicht nicht vollständig im Sinne dieser Persönlichkeiten… Alle tun das in Cloppenburg. Mitten in Cloppenburg. Auf der Bühne des Clemens-August-Gymnasiums. Und wie rechtfertigen sie ihre Taten? Sie spielen dem amüsierten wenngleich gelegentlich etwas verwirrten Publikum unter der Regie von Christiane Johannes und Hubert Gelhaus das Stück „Die Frauen in der Volksversammlung“ von Aristophanes vor, einem weitgehend unbekannt gebliebenen Dichter der griechischen Antike.

Die attische Demokratie ist korrupt geworden. Nicht das Interesse an politischen Veränderungen motiviert die männlicher Volksvertreter zum Besuch der Volksversammlung, sondern die dort ausgezahlten stattlichen Sitzungsgelder. Populisten übernehmen oft genug das politische Ruder. Wichtige Reformen können so nicht mehr stattfinden. Zu seiner Zeit beklagt selbst Perikles in einer Grabrede (gelesen in Auszügen als Prolog von Alexander Rolfes) diesen Umstand. In dieser misslichen politischen Situation beschließen die Frauen Athens (Mandy Stieber, Nicola Hachmöller, Verena Becker, Luisa Teixeira, Janna Meyer, Fidan Mutlu, Eva-Maria Evers, Dina Dvorchina) unter der Führung von Praxagora (Anja Belke) das anzugehen, was ihre Männer nicht zu tun im Stande sind. Dazu entwenden sie ihren Ehegatten (u.a. Daniel Tiemerding als Bleypyros) die notwendigen Ausrüstungsgegenstände (Mantel, Stab) und proben in nächtlichen Sitzungen ihren persönlichen Auftritt in der realen Volksversammlung. Die List gelingt: Viele von ihnen können sich in die Volksversammlung einschleichen und dort die Stimmenmehrheit erreichen. Tatsächlich gelingen ihnen in der Folge vordergründig eine Reihe von Reformen: Hab und Gut der athener Bürger sollen verstaatlicht, die sexuelle Begattung auch älterer Frauen sichergestellt und öffentliche Speisungen eingerichtet werden. Natürlich scheitert dieses gelegentlich präkommunistisch anmutende System an der Habgier und den Intrigen der einflussreichen Größen Athens, die keinesfalls gewillt sind, ihre Güter (und Frauen) mit anderen zu teilen und den sich daraus ergebenden Machtverlust hinzunehmen. Zudem regt sich auch gerade unter den Jünglingen (Judith Twenhövel) der Unmut, vor der Geliebten erst in der Pflicht zu stehen, das Bett mit einer verwelkten Blume teilen zu müssen.

Natürlich lassen sich in diesem Stück eine Reihe von Parallelen zur heutigen politischen Situation im Bundestag finden. Ebenso natürlich würde man durch derartige Festlegungen dem Werk und der Leistung der Spielenden und ihrem „Stab“ (Souffleuse: Friederike Arnold, Musiker: Henrieke Wempe, Johannes Rolfes, Sebastian Kessin, Beleuchtung: Robert Koddebusch, Kostüme: Dorothee Vorwerk, Bühne/Maske/Programm: Wilfried Körtzinger) nicht gerecht. Denn wann sonst erlebt es ein Theaterbesucher, dass im überwiegend katholischen Cloppenburg ein Stück von derartig ironischer und pikanter Sprache zum besten gegeben wird und dadurch eine Sicht auf die attische Gesellschaft offenbart, die in inhaltschweren Interpretationen oft verborgen bleibt: Diese Gesellschaft lebte und pulsierte im Genuss von Wein, Weib und Gesang. Die ausgelassenen und ausschweifenden Feste im Angesicht des Gottes Dionysos hatten ebenso ihre festen Platz wie der rationale appollinische Dienst an Staat und Philosophie.

Es geht zwar die Kunde, dass sich in unserer Gegenwart alljährlich am 1. Mai auf der Wiese des REHA-Zentrums und in den angrenzenden Wäldern vergleichbare Dionysien abspielen sollen, jedoch halte ich das allenfalls für eine Ausnahmeerscheinung, wenn nicht sogar für reines Gerede – natürlich – denn wie sonst wäre zu erklären, dass mein letzter 13er Deutschkurs es nicht durch den Füller brachte, ein Dingsymbol in Theodor Fontanes Roman „Mathilde Möhring“ als das zu benennen, was es war: Ein Symbol für die erwachende Sexualität der Protagonistin. Selbst Friederike Arnold beschreibt im Programmheft zur Aufführung, dass die Theater-AG in einer dem Original näheren Übersetzung „teilweise erschreckt von der Direktheit der vulgären Gossensprache“ war und hat dadurch mein Weltbild von einer weitgehend unverdorbenen Cloppenburger Jugend dann noch noch eine Weile erhalten.

Von Erschrockenheit war jedoch am Abend der Premiere nicht mehr viel zu sehen – hatte sich die Theater-AG zu diesem Zeitpunkt von ihren Vorbehalten bereits freigespielt? Kam nur etwas zum Vorschein, was in jedem von ihnen bereits steckte? Wenn die gezeigte Textvorlage bereits eine gemäßigte war – hätte das Publikum im Saal womöglich angesichts des Originals mit hochrotem Kopf dagesessen?

Ich zumindest bin ein weiteres Mal bezüglich der Cloppenburger Gesellschaft konstruktiv verunsichert. So viel lustbejahende Lebensfreude ist einfach zu viel für mich. Und damit ist auch jeder Versuch einer rationalen Durchdringung dieses Abends unangebracht. Dieses Stück lehrt nicht durch klare Botschaften. Es transportiert ein Stück Lebensgefühl des alten Griechenlands in unsere Zeit und stellt gerade die uns Deutschen so typische skeptische Weltsicht angenehm unaufdringlich in Frage.

Pygmalion (2004) – ein Theaterstück am CAG

Die meisten von uns machen sich gerne Bilder und Vorstellungen: Vom idealen Lebenspartner, vom perfekten Leben an sich und manchmal sogar von Gott. Haben wir unser Ideal nach langen Mühen erreicht, stellt sich nicht selten Ernüchterung ein: Entweder müssen wir unsere Vorstellungen nachbessern oder das erwartete Glücksgefühl mag sich einfach nicht einstellen. Dieser scheinbare Widerspruch regte so manchen Autoren zum Nachdenken an, so auch G.B. Shaw, dessen dramatisches Stück „Pygmalion“ uns die Theater- und Musik-AG des Clemens-August-Gymnasiums an drei Terminen im Juni 2004 durch eine niveauvolle Aufführung näherbrachten.

Der geniale Sprachwissenschaftler Henry Higgins (Jonas Strickling) schließt mit Oberst Pickering (Barbara Hachmöller) eine Wette ab: Gelingt es ihm innerhalb von wenigen Monaten das einfache Blumenmädchen Eliza (Anne Wigbers) bei Hofe einzuführen, so erhält er einen hohen Geldbetrag. Im Verlauf der Handlung wird sehr schnell deutlich, dass es Higgins weniger um das Geld als vielmehr um eigenen Ruhm geht. Eliza zieht nach einigem Zögern bei Higgins ein, um sich bald darauf einem herrischen, gnadenlosen und unmenschlich strengen Lehrmeister gegenüberzusehen. Trotz tagtäglicher verbaler Erniedrigungen stellen sich rasch die ersten Erfolge ein: Eliza überwindet schnell den eigenen derben Dialekt, lernt sich als Dame des Hofes zu bewegen und zu artikulieren. Sie entwickelt allmählich Zuneigung zu ihrem Lehrmeister, der in ihr jedoch nur das Werkzeug der Erfüllung seiner eigenen Sucht nach Ruhm sieht: Für ihn ist sie ein Experiment, reduziert auf den Gegenstand, das Objekt.

Aber das Experiment entwickelt sich, es entwickelt sich zu einem Menschen, der seiner selbst bewusst ist. Eliza lernt in der Auseinandersetzung mit Higgins die reflektierte Wahrnehmung ihrer selbst und der sie umgebenden, in bloßen Formen erstarrten Gesellschaft, dargestellt durch Teile der Famile Eynsford-Hill (Luise Busse, Tina Schuckmann) und Elizas Vater Alfred Doolittle (Marina Siemers). In ihrer Reflektion nimmt sie ihren Lehrmeister alsbald als das war, was er ist: ein snobistischer, wenngleich genialer Wissenschaftler, der von seiner Mutter (Anastasia Tromfimtschuk) und seiner Haushälterin Mrs. Pearce (Katrin Weilbach) höchst abhängig, ohne sie sogar kaum existenzfähig ist. Aufgrund seiner Begrenztheit im Denken kommt er als Partner nicht mehr in Frage. Eliza emanzipiert sich von Higgins und erreicht einen Stand in ihrer Entwicklung, der ihr eine Rückkehr in ihr Milieu unmöglich macht, sie aber befähigt, den sie umwerbenden, aufrichtigen jungen Mann Freddy Eynsford-Hill (Jan Schulte) als nachhaltigen Partner zu erkennen.

Die neuen Fähigkeiten erregen das Interesse von Higgins zu spät: Er geht in zweifacher Hinsicht leer aus. Die Frau seiner Träume verlässt ihn. Viel bedeutsamer: Die Chance der Erweiterung des eigenen Horizonts verlässt ihn mit ihr.

Die schauspielerische Leistung der Akteure überraschte: sämtliche Rollen wurden authentisch gefüllt und machten den Abend zu einem Erlebnis, welches mir persönlich oft nur von professionellen Bühnen vermittelt wird. Der Hauptdarsteller Jonas Strickling (Prof. Higgins) schien geradezu in seiner Rolle aufzugehen, und auch Anne Wigbers (Eliza) meisterte pikante Szenen professionell und beherrscht. Wirkungsvoll umrahmt wurden die Hauptfiguren durch die Rollen von Petra Wilkens/Friederike Arnold (sarkastische Zuhörerinnen), Juliane Richter (Stubenmädchen) und Hunter Götzmann (ein Mann).

Das Stück wurde immer wieder durch qualitativ ansprechende und stilistisch überraschend breit gefächerte Bandmusik der Musik-AG unter der Leitung von Jens Scholz bereichert. Insbesondere die Gesangseinlagen des Austauschschülers Hunter Götzmann sorgten durch immanente Komik für viel Erheiterung in diesem ernsthaften Stück. Die Stimme von Claudia Lamping unterstrich sowohl die schwachen als auch die selbstbewussten Facetten der Figur Eliza in einer Aufführung, die ohne die Mithilfe vieler hier ungenannter guter Geister im Hintergrund (Maske, Licht, Ton, Bühnenbild, Soffleusen, Kostüme…) nicht hätte realisiert werden können.

Beide Regisseure, Hubert Gelhaus (Leiter der Theater-AG) und Alexander Rolfes, versicherten mir, ihr „Handwerk“ nicht gelernt zu haben: Das fällt schwer zu glauben angesichts des Eindrucks, welchen dieses Stück hinterlässt.

Das sich entwickelnde Eigenleben der „Kreation“ von Prof. Higgins verlieh ihm, dem gefühlskalten Wissenschaftler für einen Moment Emotionen wie Sehnsucht, Liebe und Schmerz. Die bloße Realisierung seines Bildes hätte diese Veränderungen nie bewirken können. Vielleicht werden uns die Bilder deswegen so oft verboten: Sie bedeuten Stillstand, wenn nicht sogar Regression, wodurch sie den Prozess der Entwicklung verhindern. Vielleicht ist das eine mögliche Erkenntnis dieses unterhaltsamen Abends.

 

Vielen Dank Theater-AG, vielen Dank Musik-AG!

 

„Als geil noch astrein war“ – Eine Aufführung der CAG-Rockkids

Wo bin ich denn hier gelandet? Mit einer Mischung aus verblüffter Bewunderung und völliger Ratlosigkeit sitze ich anlässlich der Performance „Als geil noch astrein war“ der CAG-Rockkids unter der Leitung von Jens Scholz in der Aula des Clemens-August-Gymnasiums, sehe mich dort mit durchaus intimen Details aus meiner Vergangenheit konfrontiert und fühle mich oftmals ertappt in den Texten von Frank Goosen, gelesen von Jonas Strickling.

In diesen legt der Kabarettist seine Erinnerungen aus den 70er und 80er Jahren dar und schafft damit einen roten Faden, der die oftmals fetzigen und nahezu perfekt arrangierten Stücke der Rockkids inhaltlich verbindet. Für mich bleibt es den ganzen Abend lang merkwürdig, wie engagiert und mit wie viel Begeisterung Schüler und Schülerinnen von heute „meine Musik“ spielen. Ihre stilistische Bandbreite reicht dabei von Soul – „Ain’t no sunshine“ (Bill Withers) – über Schlager – „Liebeskummer lohnt sich nicht“ (Siw Malmquist) – bis hin zu härteren Gangarten – „Paranoid“ (Black Sabbath). Gesungen werden alle Stücke erstaunlichweise von Sängerinnen (Doris Lamping, Claudia Lamping, Helene Gerhards, Carina Rockel) während schwerpunktmäßig die Herren der Schöpfung den instrumentalen Rahmen bilden (Schlagzeug: Niklas Stade, Bass/Saxophon: Fabian Langer, E-Gitarre: Christopher Magh/Robert Koddebusch, Klavinova: Mareike Zelmer, Akkustikgitarre: Doris Lamping, Percussion: Carina Rockel). Umrahmt wird das in sich stimmige Spektakel von einer Licht- und Multimediashow mit Plattencovern, Bildern und Zeitungsauschnitten passend zum jeweils gespielten Stück bzw. gelesenen Text. Verantwortlich für diesen technischen Bereich sind dabei Björn Osterkamp (Ton/Diashow), Joachim Willeham (Ton/Technik) sowie Jan Schulte und Frederik Völz (Licht). Die coolen Outfits und vor allem die Sonnenbrillen auf der Bühne lassen nur wenig von der mühevollen und umfangreichen Vorbereitung dieses Abends erahnen, die sich sogar zeitweise in einem Kloster vollzogen hat (Probenwochenende in Endel) – die Schwestern sollen begeistert gewesen sein von den „beseelenden“ Klängen.

Musik verbindet. Die Musik dieses Abends tut dies für mich in einer ganz besonderen Weise. Viele einprägsame Ereignisse im Leben eines Menschen – und Lehrer gehören auch zu dieser Spezies – sind mit einem besonderen Musikstück verbunden, der erste Kuss, der erste ungewollte Absturz, ein übermäßiger Erfolg, eine erinnerungsreiche Feier oder auch die Geburt eines Kindes. Die Ereignisse ändern sich nicht, die Musik jedoch schon.

Das Ansprechende an diesem Abend lag bestimmt auch darin, dass den Kindern der 70er und 80er Jahre im Publikum teilweise längst verdrängte Erlebnisse zurück ins Gedächtnis und damit zurück in die Gegenwart geholt wurden. Die bloße Erwähnung des Songs „Sunday, bloody Sunday“ (U2) in einem Text von Frank Goosen veranlasste mich doch eher kognitiv orientierten Menschen zu einem lauten und fast schon euphorischem „Nein!“ eingedenk einiger wirklich revolutionärer Tanzeinlagen nach der damals erfolgreich beendeten DJ-Schicht. Das steht doch in einem deutlichen Gegensatz zu den heutigen Kinderlieder-CDs mit denen sich das Ausleben musikalischer Bedürfnisse heutzutage weitgehend erschöpft. Dumm nur, dass U2 mittlerweile halb Irland aufkauft und sich nur wenig von dem damaligen revolutionären Charme erhalten hat.

Für mich als Lehrer ist es auch immer wieder spannend mit anzusehen, wie sich Schülerinnen und Schüler in der Bühnensituation verändern und bereit sind, Seiten an sich preiszugeben, die im Unterricht nur sehr selten zutage treten. An diesem Mut möchte ich mir eigentlich manchmal gerne ein Beispiel nehmen – kann aber leider bei weitem nicht so gut singen, geschweige denn tanzen.

Bleibt nur noch eine Frage: Was werden die Stücke sein, die den heutigen Rockkids in zwanzig Jahren eine Schülerband vorspielt? Und an was werden sie sich dann erinnern? Darf ich das eigentlich wissen wollen?

Cyrano de Bergerac (Edmond Rostand) – eine Theateraufführung am CAG

Niemand zündet ein Licht an und setzt es in einen Winkel, auch nicht unter einen Scheffel, sondern auf den Leuchter, damit, wer hineingeht, das Licht sehe“ , ist uns gesagt im Evangelium des Lukas im Kapitel 11, Vers 33.

Das Musketier Cyrano (Anne Wigbers) hat sich unsterblich in Roxane (Tina Schuckmann) verliebt, einem Mädchen von unbestreitbarer Schönheit und Anmut. Er ist selbst zu der Zeit, zu der das Stück „Cyrano de Bergerac“ von Egmond Rostand spielt, ein Mann der alten Schule. Kühn und mutig im Kampf, hochgeachtet von seinen ihm anvertrauten Kadetten (Anja Belke, Janna Meyer, Judith Twenhövel, Katrin Weilbach, Stefanie Bittner) hat ihn der Herrgott zusätzlich mit lyrischen Fähigkeiten und sprachlicher Gewandtheit gesegnet – Vorzüge, die ihm die Zuneigung einer jeden Dame bescheren müssten, da sie romantische Assoziationen zu den alten ritterlichen Tugenden aufkommen lassen.

So sehr sich in der Figur Cyrano dem Zuschauer nach innen ein galanter Charakter, ein Chevalier, ein leuchtendes Licht geistiger und gesellschaftlicher Fähigkeiten präsentiert, so harsch und eigenwillig verhält sich das Musketier gegenüber der Außenwelt. Stets zu einem Duell aufgelegt zieht er nicht nur einmal den Unmut seines Vorgesetzten Graf Guiche (Barbara Hachmöller) auf sich. Seine viel wahrhaftigere feine Innenseite präsentiert er nur seinem engsten Vertrauten Le Bret (Marina Siemers).

Ursache für dieses ambivalente Bild ist ein körperlicher Makel Cyranos: Er besitzt eine monströse Nase. Bemerkungen – und seien sie noch so klein – über dieses Körperteil bekommen denen, die sie ausgesprochen haben, meistens nicht gut. Gleichwohl verfolgt ihn der Spott seiner Mitmenschen hinter der vorgehaltenen Hand.

Seines äußeren Mangels eingedenk leiht Cyrano seine literarischen Fähigkeiten dem jungen, unerfahrenen Schönling Christian de Neuvillette (Daniel Tiemerding), der nun an Cyranos statt um die Angebete werben soll. Cyrano möchte durch ihn zu seiner Roxane sprechen, er möchte durch ihn seine Briefe, seine Gedanken, seine Gedichte überbracht sehen, da er sich selbst ob seines optischen Makels zu gering für ein direktes Werben erachtet.

Tatsächlich geht der Handel scheinbar auf: Roxane ist hingerissen von den vermeintlichen Briefen Christians, der jedoch in tatsächlichem Kontakt mit ihr erstaunlich wenig Schöngeistiges zu sagen weiß, wenn es ihm nicht durch Cyranos Mund souffliert wird. In einer Balkonszene in der Tradition Romeos und Julias wird die Einseitigkeit des Handels offenbar: Cyrano spricht mit seiner Stimme anstelle von Christian in Dunkeln – Christian erhält jedoch den belohnenden Kuss.

Verwickelt geht die Handlung weiter, in der Cyrano mehr als einmal Christian in seinem Werben unterstützt, ja sogar die Hochzeit der beiden organisiert, um eine Vermählung „seiner“ Roxane mir Graf Guiche zuvorzukommen. Während dieser Zeit wird sich Christian seines eigenen Makels mehr und mehr bewusst: Sein Inneres kann sich mit dem Cyranos nicht messen. Er ist charakterlich nicht der Mann, den Roxane durch den Betrug der beiden in ihm sieht.

Christian stirbt als junger Kadett im Kreise der übrigen Soldaten und Hauptmann Carbon (Nicola Hachmöller) auf dem Feld in Cyranos Obhut – Cyrano enthüllt die Wahrheit nicht. Roxane geht daraufhin in ein Kloster – Cyrano enthüllt die Wahrheit über Jahre nicht, um Roxane der Illusion einer perfekten Liebe nicht zu berauben. Dass er sie dadurch unempfänglich für jedwedes neue Liebesgefühl und damit erst richtig leidend macht, muss erst durch einen Zufall aufgedeckt werden – doch da ist es zu spät, denn Cyrano, gramzerfressen, und mit nichts außer seinen literarischen Fähigkeiten ausgestattet, stirbt theatralisch im Moment der beidseitigen Erkenntnis. So muss die Aussprache der beiden nach dem Tod im Engelsgewand, aber dennoch auf der Bühne vor Publikum erfolgen.

Die schwierige und dichte Sprache des Stückes ist durchgehend gereimt und durchzogen von Sprachwitz. Das immens hohe Spiel- und damit auch Sprechtempo stellte die Zuschauer vor nicht immer leichte Aufgaben – stets sorgte der Witz der Sprache jedoch für ein Schmunzeln oder gar einen Lacher. Ein gereimtes Rezept des Kochs Ragueneau (Jan Schulte) bot hierbei einen der Höhepunkte, wenngleich seine Frau Lise (Luise Busse) sich davon unbeeindruckt zeigte und lieber mit einem Musketier (Linda Ammerich) anbandelte. Unfassbar schien mir hin und wieder die erforderliche Leistung der Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf die Textsicherheit – das Stück besitzt wahrlich nicht wenig Text.

Beeindruckend zu sehen war weiterhin, wie das gesamte Ensemble die Bühne auch in den vermeintlichen Nebenrollen stets mit hintergründigem Leben füllte. Ein Taschendieb (Constanze Arnold), zwei Kinder (Fidan Mutlu, Linda-Maria Mehnert), Roxanes Begleiterin Duenna (Friederike Arnold), ein Mönch (Jonas Strickling) und eine Büfettdame (Stefanie Niehaus) reizten mit ihrem Spiel stets dazu, auch einmal an den Hauptcharakteren vorbeizuschauen und Seiten an meinen Schülern zu entdecken, die mir als Lehrer bisher nicht aufgefallen sind. Viele aus dem Ensemble spielten zusätzlich weitere Nebenrollen.

Musikalisch begleitet und authentisch atmosphärisch unterstützt wurde die Aufführung durch die Musik-AG, namentlich durch Henrieke Wempe (Querflöte, Klavier, Nasenflöte), Johannes Rolfes (Gitarre, große Trommel), Anastasia Trofimtschuk (Violine, große Trommel) und Antje Marx (Viola, Sopranblockflöte, Bongos, Marschbecken, Trommel u.a.).

Wir sind irgendwann an den Punkt gekommen, an dem wir feststellten, dass wir das Stück nicht spielen können, wenn wir es nicht vollständig verstehen“, berichtete Hubert Gelhaus (gemeinsame Regieführung mit Christiane Johannes) mir in einem Gespräch auf dem Weg ins Lehrerzimmer. Gespräche mit weiteren Mitwirkenden über das Stück ließen auf noch viel mehr Krisenmomente während der Genese dieser Aufführung schließen. Immer wieder ging es in diesen Gesprächen um die Suche nach der eigentlichen Thematik dieses Stückes, die offenbar eng mit der Suche nach geeigneten Wegen zum Einstudieren des Werkes verbunden war. Für manch einen scheint die Beschäftigung mit dem Stück sogar zum Initiator für grundlegende persönliche Veränderungsprozesse geworden zu sein. Dabei ist Cyrano de Bergerac doch nur ein Buch, ein Stück vergilbtes Reclampapier, Literatur, die auch in einem Oberstufenkurs Deutsch durchaus ihren dort vielleicht langweiligen Raum haben könnte.

Wenn ein Oberstudiendirektor sich auf einer Abiturfeier absichtlich verspricht und Anne Wigbers als „Cyrano“ aufruft, so verwechselt er in diesem Moment die Begriffe Person und Figur. Denn während der Aufführung standen dort auf der Bühne keine Cyranos, weil das Licht eines jeden aus dem Ensemble strahlte. Mehr noch: Der Originaltext schließt mit Cyranos Tod – die „Engelszene“, die wir Zuschauer als Schluss des Stückes erleben durften, ist Ergebnis eines langen Ringens der Theater-AG um eine Deutung und gleichzeitig ihre Botschaft an das Publikum. Im festen Glauben an ihre Fähigkeiten trauten sie sich, dem Publikums trotz bestimmt vorhandener individueller Makel und Zweifel ihre Interpretation des Stückes darzubieten.

Cyrano konnte genau das nicht. Seine entstellte Nase verhinderte nachhaltig das Vertrauen in sich selbst. Damit geht ihm die Fähigkeit ab, die Grundvoraussetzung für die Liebe ist: Die Annahme seiner selbst. Wie glücklich hätte er seine Roxane machen können, die ihn schon früh durch seine Sprache geliebt hat. Fähigkeiten müssen an das Licht, damit sie anderen leuchten können. Verborgen unter einem Scheffel bringen sie Cyrano und Roxane um ihr Lebensglück.

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