Pygmalion (2004) – ein Theaterstück am CAG

Die meisten von uns machen sich gerne Bilder und Vorstellungen: Vom idealen Lebenspartner, vom perfekten Leben an sich und manchmal sogar von Gott. Haben wir unser Ideal nach langen Mühen erreicht, stellt sich nicht selten Ernüchterung ein: Entweder müssen wir unsere Vorstellungen nachbessern oder das erwartete Glücksgefühl mag sich einfach nicht einstellen. Dieser scheinbare Widerspruch regte so manchen Autoren zum Nachdenken an, so auch G.B. Shaw, dessen dramatisches Stück „Pygmalion“ uns die Theater- und Musik-AG des Clemens-August-Gymnasiums an drei Terminen im Juni 2004 durch eine niveauvolle Aufführung näherbrachten.

Der geniale Sprachwissenschaftler Henry Higgins (Jonas Strickling) schließt mit Oberst Pickering (Barbara Hachmöller) eine Wette ab: Gelingt es ihm innerhalb von wenigen Monaten das einfache Blumenmädchen Eliza (Anne Wigbers) bei Hofe einzuführen, so erhält er einen hohen Geldbetrag. Im Verlauf der Handlung wird sehr schnell deutlich, dass es Higgins weniger um das Geld als vielmehr um eigenen Ruhm geht. Eliza zieht nach einigem Zögern bei Higgins ein, um sich bald darauf einem herrischen, gnadenlosen und unmenschlich strengen Lehrmeister gegenüberzusehen. Trotz tagtäglicher verbaler Erniedrigungen stellen sich rasch die ersten Erfolge ein: Eliza überwindet schnell den eigenen derben Dialekt, lernt sich als Dame des Hofes zu bewegen und zu artikulieren. Sie entwickelt allmählich Zuneigung zu ihrem Lehrmeister, der in ihr jedoch nur das Werkzeug der Erfüllung seiner eigenen Sucht nach Ruhm sieht: Für ihn ist sie ein Experiment, reduziert auf den Gegenstand, das Objekt.

Aber das Experiment entwickelt sich, es entwickelt sich zu einem Menschen, der seiner selbst bewusst ist. Eliza lernt in der Auseinandersetzung mit Higgins die reflektierte Wahrnehmung ihrer selbst und der sie umgebenden, in bloßen Formen erstarrten Gesellschaft, dargestellt durch Teile der Famile Eynsford-Hill (Luise Busse, Tina Schuckmann) und Elizas Vater Alfred Doolittle (Marina Siemers). In ihrer Reflektion nimmt sie ihren Lehrmeister alsbald als das war, was er ist: ein snobistischer, wenngleich genialer Wissenschaftler, der von seiner Mutter (Anastasia Tromfimtschuk) und seiner Haushälterin Mrs. Pearce (Katrin Weilbach) höchst abhängig, ohne sie sogar kaum existenzfähig ist. Aufgrund seiner Begrenztheit im Denken kommt er als Partner nicht mehr in Frage. Eliza emanzipiert sich von Higgins und erreicht einen Stand in ihrer Entwicklung, der ihr eine Rückkehr in ihr Milieu unmöglich macht, sie aber befähigt, den sie umwerbenden, aufrichtigen jungen Mann Freddy Eynsford-Hill (Jan Schulte) als nachhaltigen Partner zu erkennen.

Die neuen Fähigkeiten erregen das Interesse von Higgins zu spät: Er geht in zweifacher Hinsicht leer aus. Die Frau seiner Träume verlässt ihn. Viel bedeutsamer: Die Chance der Erweiterung des eigenen Horizonts verlässt ihn mit ihr.

Die schauspielerische Leistung der Akteure überraschte: sämtliche Rollen wurden authentisch gefüllt und machten den Abend zu einem Erlebnis, welches mir persönlich oft nur von professionellen Bühnen vermittelt wird. Der Hauptdarsteller Jonas Strickling (Prof. Higgins) schien geradezu in seiner Rolle aufzugehen, und auch Anne Wigbers (Eliza) meisterte pikante Szenen professionell und beherrscht. Wirkungsvoll umrahmt wurden die Hauptfiguren durch die Rollen von Petra Wilkens/Friederike Arnold (sarkastische Zuhörerinnen), Juliane Richter (Stubenmädchen) und Hunter Götzmann (ein Mann).

Das Stück wurde immer wieder durch qualitativ ansprechende und stilistisch überraschend breit gefächerte Bandmusik der Musik-AG unter der Leitung von Jens Scholz bereichert. Insbesondere die Gesangseinlagen des Austauschschülers Hunter Götzmann sorgten durch immanente Komik für viel Erheiterung in diesem ernsthaften Stück. Die Stimme von Claudia Lamping unterstrich sowohl die schwachen als auch die selbstbewussten Facetten der Figur Eliza in einer Aufführung, die ohne die Mithilfe vieler hier ungenannter guter Geister im Hintergrund (Maske, Licht, Ton, Bühnenbild, Soffleusen, Kostüme…) nicht hätte realisiert werden können.

Beide Regisseure, Hubert Gelhaus (Leiter der Theater-AG) und Alexander Rolfes, versicherten mir, ihr „Handwerk“ nicht gelernt zu haben: Das fällt schwer zu glauben angesichts des Eindrucks, welchen dieses Stück hinterlässt.

Das sich entwickelnde Eigenleben der „Kreation“ von Prof. Higgins verlieh ihm, dem gefühlskalten Wissenschaftler für einen Moment Emotionen wie Sehnsucht, Liebe und Schmerz. Die bloße Realisierung seines Bildes hätte diese Veränderungen nie bewirken können. Vielleicht werden uns die Bilder deswegen so oft verboten: Sie bedeuten Stillstand, wenn nicht sogar Regression, wodurch sie den Prozess der Entwicklung verhindern. Vielleicht ist das eine mögliche Erkenntnis dieses unterhaltsamen Abends.

 

Vielen Dank Theater-AG, vielen Dank Musik-AG!

 

„Als geil noch astrein war“ – Eine Aufführung der CAG-Rockkids

Wo bin ich denn hier gelandet? Mit einer Mischung aus verblüffter Bewunderung und völliger Ratlosigkeit sitze ich anlässlich der Performance „Als geil noch astrein war“ der CAG-Rockkids unter der Leitung von Jens Scholz in der Aula des Clemens-August-Gymnasiums, sehe mich dort mit durchaus intimen Details aus meiner Vergangenheit konfrontiert und fühle mich oftmals ertappt in den Texten von Frank Goosen, gelesen von Jonas Strickling.

In diesen legt der Kabarettist seine Erinnerungen aus den 70er und 80er Jahren dar und schafft damit einen roten Faden, der die oftmals fetzigen und nahezu perfekt arrangierten Stücke der Rockkids inhaltlich verbindet. Für mich bleibt es den ganzen Abend lang merkwürdig, wie engagiert und mit wie viel Begeisterung Schüler und Schülerinnen von heute „meine Musik“ spielen. Ihre stilistische Bandbreite reicht dabei von Soul – „Ain’t no sunshine“ (Bill Withers) – über Schlager – „Liebeskummer lohnt sich nicht“ (Siw Malmquist) – bis hin zu härteren Gangarten – „Paranoid“ (Black Sabbath). Gesungen werden alle Stücke erstaunlichweise von Sängerinnen (Doris Lamping, Claudia Lamping, Helene Gerhards, Carina Rockel) während schwerpunktmäßig die Herren der Schöpfung den instrumentalen Rahmen bilden (Schlagzeug: Niklas Stade, Bass/Saxophon: Fabian Langer, E-Gitarre: Christopher Magh/Robert Koddebusch, Klavinova: Mareike Zelmer, Akkustikgitarre: Doris Lamping, Percussion: Carina Rockel). Umrahmt wird das in sich stimmige Spektakel von einer Licht- und Multimediashow mit Plattencovern, Bildern und Zeitungsauschnitten passend zum jeweils gespielten Stück bzw. gelesenen Text. Verantwortlich für diesen technischen Bereich sind dabei Björn Osterkamp (Ton/Diashow), Joachim Willeham (Ton/Technik) sowie Jan Schulte und Frederik Völz (Licht). Die coolen Outfits und vor allem die Sonnenbrillen auf der Bühne lassen nur wenig von der mühevollen und umfangreichen Vorbereitung dieses Abends erahnen, die sich sogar zeitweise in einem Kloster vollzogen hat (Probenwochenende in Endel) – die Schwestern sollen begeistert gewesen sein von den „beseelenden“ Klängen.

Musik verbindet. Die Musik dieses Abends tut dies für mich in einer ganz besonderen Weise. Viele einprägsame Ereignisse im Leben eines Menschen – und Lehrer gehören auch zu dieser Spezies – sind mit einem besonderen Musikstück verbunden, der erste Kuss, der erste ungewollte Absturz, ein übermäßiger Erfolg, eine erinnerungsreiche Feier oder auch die Geburt eines Kindes. Die Ereignisse ändern sich nicht, die Musik jedoch schon.

Das Ansprechende an diesem Abend lag bestimmt auch darin, dass den Kindern der 70er und 80er Jahre im Publikum teilweise längst verdrängte Erlebnisse zurück ins Gedächtnis und damit zurück in die Gegenwart geholt wurden. Die bloße Erwähnung des Songs „Sunday, bloody Sunday“ (U2) in einem Text von Frank Goosen veranlasste mich doch eher kognitiv orientierten Menschen zu einem lauten und fast schon euphorischem „Nein!“ eingedenk einiger wirklich revolutionärer Tanzeinlagen nach der damals erfolgreich beendeten DJ-Schicht. Das steht doch in einem deutlichen Gegensatz zu den heutigen Kinderlieder-CDs mit denen sich das Ausleben musikalischer Bedürfnisse heutzutage weitgehend erschöpft. Dumm nur, dass U2 mittlerweile halb Irland aufkauft und sich nur wenig von dem damaligen revolutionären Charme erhalten hat.

Für mich als Lehrer ist es auch immer wieder spannend mit anzusehen, wie sich Schülerinnen und Schüler in der Bühnensituation verändern und bereit sind, Seiten an sich preiszugeben, die im Unterricht nur sehr selten zutage treten. An diesem Mut möchte ich mir eigentlich manchmal gerne ein Beispiel nehmen – kann aber leider bei weitem nicht so gut singen, geschweige denn tanzen.

Bleibt nur noch eine Frage: Was werden die Stücke sein, die den heutigen Rockkids in zwanzig Jahren eine Schülerband vorspielt? Und an was werden sie sich dann erinnern? Darf ich das eigentlich wissen wollen?

Cyrano de Bergerac (Edmond Rostand) – eine Theateraufführung am CAG

Niemand zündet ein Licht an und setzt es in einen Winkel, auch nicht unter einen Scheffel, sondern auf den Leuchter, damit, wer hineingeht, das Licht sehe“ , ist uns gesagt im Evangelium des Lukas im Kapitel 11, Vers 33.

Das Musketier Cyrano (Anne Wigbers) hat sich unsterblich in Roxane (Tina Schuckmann) verliebt, einem Mädchen von unbestreitbarer Schönheit und Anmut. Er ist selbst zu der Zeit, zu der das Stück „Cyrano de Bergerac“ von Egmond Rostand spielt, ein Mann der alten Schule. Kühn und mutig im Kampf, hochgeachtet von seinen ihm anvertrauten Kadetten (Anja Belke, Janna Meyer, Judith Twenhövel, Katrin Weilbach, Stefanie Bittner) hat ihn der Herrgott zusätzlich mit lyrischen Fähigkeiten und sprachlicher Gewandtheit gesegnet – Vorzüge, die ihm die Zuneigung einer jeden Dame bescheren müssten, da sie romantische Assoziationen zu den alten ritterlichen Tugenden aufkommen lassen.

So sehr sich in der Figur Cyrano dem Zuschauer nach innen ein galanter Charakter, ein Chevalier, ein leuchtendes Licht geistiger und gesellschaftlicher Fähigkeiten präsentiert, so harsch und eigenwillig verhält sich das Musketier gegenüber der Außenwelt. Stets zu einem Duell aufgelegt zieht er nicht nur einmal den Unmut seines Vorgesetzten Graf Guiche (Barbara Hachmöller) auf sich. Seine viel wahrhaftigere feine Innenseite präsentiert er nur seinem engsten Vertrauten Le Bret (Marina Siemers).

Ursache für dieses ambivalente Bild ist ein körperlicher Makel Cyranos: Er besitzt eine monströse Nase. Bemerkungen – und seien sie noch so klein – über dieses Körperteil bekommen denen, die sie ausgesprochen haben, meistens nicht gut. Gleichwohl verfolgt ihn der Spott seiner Mitmenschen hinter der vorgehaltenen Hand.

Seines äußeren Mangels eingedenk leiht Cyrano seine literarischen Fähigkeiten dem jungen, unerfahrenen Schönling Christian de Neuvillette (Daniel Tiemerding), der nun an Cyranos statt um die Angebete werben soll. Cyrano möchte durch ihn zu seiner Roxane sprechen, er möchte durch ihn seine Briefe, seine Gedanken, seine Gedichte überbracht sehen, da er sich selbst ob seines optischen Makels zu gering für ein direktes Werben erachtet.

Tatsächlich geht der Handel scheinbar auf: Roxane ist hingerissen von den vermeintlichen Briefen Christians, der jedoch in tatsächlichem Kontakt mit ihr erstaunlich wenig Schöngeistiges zu sagen weiß, wenn es ihm nicht durch Cyranos Mund souffliert wird. In einer Balkonszene in der Tradition Romeos und Julias wird die Einseitigkeit des Handels offenbar: Cyrano spricht mit seiner Stimme anstelle von Christian in Dunkeln – Christian erhält jedoch den belohnenden Kuss.

Verwickelt geht die Handlung weiter, in der Cyrano mehr als einmal Christian in seinem Werben unterstützt, ja sogar die Hochzeit der beiden organisiert, um eine Vermählung „seiner“ Roxane mir Graf Guiche zuvorzukommen. Während dieser Zeit wird sich Christian seines eigenen Makels mehr und mehr bewusst: Sein Inneres kann sich mit dem Cyranos nicht messen. Er ist charakterlich nicht der Mann, den Roxane durch den Betrug der beiden in ihm sieht.

Christian stirbt als junger Kadett im Kreise der übrigen Soldaten und Hauptmann Carbon (Nicola Hachmöller) auf dem Feld in Cyranos Obhut – Cyrano enthüllt die Wahrheit nicht. Roxane geht daraufhin in ein Kloster – Cyrano enthüllt die Wahrheit über Jahre nicht, um Roxane der Illusion einer perfekten Liebe nicht zu berauben. Dass er sie dadurch unempfänglich für jedwedes neue Liebesgefühl und damit erst richtig leidend macht, muss erst durch einen Zufall aufgedeckt werden – doch da ist es zu spät, denn Cyrano, gramzerfressen, und mit nichts außer seinen literarischen Fähigkeiten ausgestattet, stirbt theatralisch im Moment der beidseitigen Erkenntnis. So muss die Aussprache der beiden nach dem Tod im Engelsgewand, aber dennoch auf der Bühne vor Publikum erfolgen.

Die schwierige und dichte Sprache des Stückes ist durchgehend gereimt und durchzogen von Sprachwitz. Das immens hohe Spiel- und damit auch Sprechtempo stellte die Zuschauer vor nicht immer leichte Aufgaben – stets sorgte der Witz der Sprache jedoch für ein Schmunzeln oder gar einen Lacher. Ein gereimtes Rezept des Kochs Ragueneau (Jan Schulte) bot hierbei einen der Höhepunkte, wenngleich seine Frau Lise (Luise Busse) sich davon unbeeindruckt zeigte und lieber mit einem Musketier (Linda Ammerich) anbandelte. Unfassbar schien mir hin und wieder die erforderliche Leistung der Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf die Textsicherheit – das Stück besitzt wahrlich nicht wenig Text.

Beeindruckend zu sehen war weiterhin, wie das gesamte Ensemble die Bühne auch in den vermeintlichen Nebenrollen stets mit hintergründigem Leben füllte. Ein Taschendieb (Constanze Arnold), zwei Kinder (Fidan Mutlu, Linda-Maria Mehnert), Roxanes Begleiterin Duenna (Friederike Arnold), ein Mönch (Jonas Strickling) und eine Büfettdame (Stefanie Niehaus) reizten mit ihrem Spiel stets dazu, auch einmal an den Hauptcharakteren vorbeizuschauen und Seiten an meinen Schülern zu entdecken, die mir als Lehrer bisher nicht aufgefallen sind. Viele aus dem Ensemble spielten zusätzlich weitere Nebenrollen.

Musikalisch begleitet und authentisch atmosphärisch unterstützt wurde die Aufführung durch die Musik-AG, namentlich durch Henrieke Wempe (Querflöte, Klavier, Nasenflöte), Johannes Rolfes (Gitarre, große Trommel), Anastasia Trofimtschuk (Violine, große Trommel) und Antje Marx (Viola, Sopranblockflöte, Bongos, Marschbecken, Trommel u.a.).

Wir sind irgendwann an den Punkt gekommen, an dem wir feststellten, dass wir das Stück nicht spielen können, wenn wir es nicht vollständig verstehen“, berichtete Hubert Gelhaus (gemeinsame Regieführung mit Christiane Johannes) mir in einem Gespräch auf dem Weg ins Lehrerzimmer. Gespräche mit weiteren Mitwirkenden über das Stück ließen auf noch viel mehr Krisenmomente während der Genese dieser Aufführung schließen. Immer wieder ging es in diesen Gesprächen um die Suche nach der eigentlichen Thematik dieses Stückes, die offenbar eng mit der Suche nach geeigneten Wegen zum Einstudieren des Werkes verbunden war. Für manch einen scheint die Beschäftigung mit dem Stück sogar zum Initiator für grundlegende persönliche Veränderungsprozesse geworden zu sein. Dabei ist Cyrano de Bergerac doch nur ein Buch, ein Stück vergilbtes Reclampapier, Literatur, die auch in einem Oberstufenkurs Deutsch durchaus ihren dort vielleicht langweiligen Raum haben könnte.

Wenn ein Oberstudiendirektor sich auf einer Abiturfeier absichtlich verspricht und Anne Wigbers als „Cyrano“ aufruft, so verwechselt er in diesem Moment die Begriffe Person und Figur. Denn während der Aufführung standen dort auf der Bühne keine Cyranos, weil das Licht eines jeden aus dem Ensemble strahlte. Mehr noch: Der Originaltext schließt mit Cyranos Tod – die „Engelszene“, die wir Zuschauer als Schluss des Stückes erleben durften, ist Ergebnis eines langen Ringens der Theater-AG um eine Deutung und gleichzeitig ihre Botschaft an das Publikum. Im festen Glauben an ihre Fähigkeiten trauten sie sich, dem Publikums trotz bestimmt vorhandener individueller Makel und Zweifel ihre Interpretation des Stückes darzubieten.

Cyrano konnte genau das nicht. Seine entstellte Nase verhinderte nachhaltig das Vertrauen in sich selbst. Damit geht ihm die Fähigkeit ab, die Grundvoraussetzung für die Liebe ist: Die Annahme seiner selbst. Wie glücklich hätte er seine Roxane machen können, die ihn schon früh durch seine Sprache geliebt hat. Fähigkeiten müssen an das Licht, damit sie anderen leuchten können. Verborgen unter einem Scheffel bringen sie Cyrano und Roxane um ihr Lebensglück.

Haltestelle Geister – eine Theateraufführung am CAG

Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem Meer, mit zehn Hörnern und sieben Köpfen. Auf seinen Hörnern trug es zehn Diademe und auf seinen Köpfen Namen, die eine Gotteslästerung waren. Das Tier, das ich sah, glich einem Panther; seine Füße waren wie die Tatzen eines Bären und sein Maul wie das Maul eines Löwen.“

Genauso wie in der Offenbarung des Johannes ist nichts in Ordnung an diesem Abend auf der Bühne in der Aula des Clemens-August-Gymnasiums. Godot kommt an diesem Abend in der von Christiane Johannes und Hubert Gelhaus inszenierten Vorstellung der Stückes „Haltestelle Geister“ von Helmut Krausser schon einmal nicht.

Ein älterer Mann (Nicola Hachmöller) wird von drei Tussen (Jana Richter, Jennifer Ovelgönne, Aljona Walter) gegen jeden Anstand um sein Geld betrogen. Benachteiligte wie eine Blinde (Katharina Westbrock) oder ein sehr alter Mann (Anja Belke), der nicht realisiert, dass seine gesuchte Frau schon Jahre tot ist, erfahren Spott und Hohn der vermeintlich Stärkeren, wie z.B. einem Drogendealer (Daniel Tiemerding) oder dem Mann vom Grillimbiss (Judith Twenhövel). Das alles spielt sich in der Gosse, an einer Bushaltestelle im Nirgendwo ab – also erstmal innerhalb der „Unterschicht“, weit weg in Sprache und Handlung vom beschaulichen Cloppenburg. Das Publikum lacht.

Es geht aber noch weiter: Ein geheimnisvoller Mann im dunklen Mantel (Matthias Gramann) versucht fortwährend Figuren der Bühne durch Verabreichung eines Nervengiftes zu lähmen, um dann seine Opfer in ihrer Schwäche auf das Empfindlichste zu demütigen. Es gelingt ihm bei den bisherigen Figuren nicht, die von Ahnungen getrieben seinem Wesen intuitiv ausweichen. Wohl aber gerät eine per Internet nach Kontakt suchende, gut situierte Dame (Juliane Smit) auf der Suche nach Neuem in seine Fänge. Es war nicht der Großinquisitor aus dem Internet (Theresa Wedemeyer), den sie eigentlich zu treffen hoffte. Dieser hätte auch gar nicht zu ihr gepasst – allenfalls ihre beiden synthetischen Onlineidentitäten wären in der Lage gewesen, bis ans Ende ihrer Tage in den Sonnenuntergang zu reiten. Das Publikum schmunzelt und gönnt es ihr ein wenig.

Auch als sich ein sado-masochistisch veranlagtes, an fehlender Zwischenmenschlichkeit leidendes Paar (Hendrik Martens und Alexandra Morkel), im materiellen Reiz des Oberflächlichen erstarrt, sich an einem in der Sprache Adolf Hitlers gesprochenen Monolog sexuell stimuliert, führt das immer noch zum offenen Lachen im Publikum – wenngleich ein undefinierbarer kalter Schauer spürbar ist – gerade so schwach, dass das Lachen nicht verstummt.

Und doch gibt es sie in diesem Stück – die nachdenklichen Momente, manifestiert in einer der Welt schon längst verrückten Gracia Gala (Dina Dvorchina), die auf den Tag ihrer Erlösung durch Außerirdische hofft. Oder in der Figur des Tütenpenners (Constanze Arnold) – die die Stimmen der Toten hört – gestorben wird in diesem Stück schließlich nicht, man ersteht als Geist wieder auf. So kann er zwischen der Welt der Lebenden und einem nicht näher definierten Zwischenreich vermitteln. Das Reich Gottes gibt es in der dargestellten Welt nicht. Selbst im Tode, selbst als nicht mehr zu verlieren ist, finden die Seelen der über der Bühne thronenden Geister nicht zueinander.

Unterstützt wirde die Aufführung durch die musikalische Untermalung von Meik Kraft (Flügel), Lukas Kalvelage (E-Gitarre) und Katharina Westbrock (Gesang). Damit alle Beteiligten auch sicher in ihren rüden Texten bleiben – selbst ein Jugendlicher von heute spräche teilweise nicht so derb – kümmert sich Diane Schlee als Souffleuse um die notwendige Unterstützung. Atmosphärisch sorgt Thanh Binh Hoang (Beleuchtung) und Wilfried Körtzinger (Bühne, Maske und Programm) für die visuellen Akzente.

Das Tier aus der Offenbarung scheint an diesem Abend zu erstehen, wenngleich es keine Hörner trägt, sondern alle Laster und Krankheiten unserer zivilisierten Gesellschaft, in der alle auf der Bühne gezeigten Geschehnisse in vielleicht lediglich kultivierterer Form vorkommen – einem sanften Schleichen eines Panthers und dem tödlichen Biss des Löwenmauls ähnlich. Wir trauen uns selbst nicht mehr zu, jemand zu sein und schaffen uns z.B. im Internet oder durch Überschuldung eine neue Identität, die mit dem Leben nicht mehr vereinbar ist. Wir sind verführbar durch die Reize der Werbung und leben ebendiese Verführbarkeit auch unseren Kindern vor: Uns das Auto, mit dem wir uns mit anderen vergleichen – ihnen das Klapphandy mit Vertrag oder die sündhaft teuren Schuhe mit Schrittzähler und Leuchtsohle. Wir arbeiten bis zum Umfallen, um unseren Familien und uns selbst das zu geben, was man haben muss, um dazu zu gehören, aber die menschliche Zuwendung läuft Gefahr durch Materielles eine Substitution zu erfahren. Wir haben alles und brauchen immer Neues – immer neue Kicks – heute die kleinen blauen Pillen, morgen die „Mickies“, die schon einmal dazu führen, dass Menschen sterben. Und doch sind wir oft so arm an der Fähigkeit, wahre Bedürfnisse zu äußern und zu leben. Gerade durch Letzteres unterscheiden wir uns vielleicht mehr als uns lieb ist in nichts von den Figuren des Stückes.

Und dennoch: Das Schöne an dem Stück ist, dass es uns nicht in allem direkt angeht. Wir sind es ja nicht, die dort oben stehen und die Sprache deren ist ja auch nicht die unsere – ja nicht einmal die Sprache der dort oben Spielenden. Wäre es anders, hätte womöglich kein Lachen das Publikum gerettet. Es klingt paradox: Erst die derbe Sprache und sein gossenhaftes Inventar machen das Stück erst erträglich. Identifikation führt an dieser Stelle nur in die Depression – wie auch die zu intensive Lektüre der Offenbarung des Johannes.

 

Maik Riecken

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