Wirtschaft, Partnerschaft, Lobbyismus und Schule

Wir versetzen uns einmal in die Lage eines CEO

 

  1. Da gibt es mit der Digitalisierung der Gesellschaft eine Entwicklung, um die kein staatliches Bildungssystem herumkommt, wenn eine Volkswirtschaft auf Dauer wachsen und damit Dinge wie Wohlstand und sozialen Frieden ermöglichen soll.
  2. Da gibt es ein Bildungssystem mit immensen Investitionsstau auf dem Gebiet der Digitalisierung, sowohl finanziell als in Bereichen wie Informationsmanagement.
  3. Da gibt es Schulen, die auf Wunsch des Dienstherrn zunehmend selbstständig sein sollen, die aber von den personelle Ressourcen her oft optimierbar aufgestellt sind.
  4. Da gibt es ein Schulsystem, dass von seiner Grundstruktur preußisch-hierarchisch strukturiert und damit an Vorgaben von oben gebunden ist.
  5. Da gibt es eine Konkurrenzsituation vieler unterschiedlicher Anbieter.
  6. Da gibt es ein teures, meist provisionsbasiertes Vertriebssystem, das vorwiegend auf die Belange der Wirtschaft ausgerichtet ist und Schule von innen nicht kennt.
  7. Da gibt es Entscheidungsträger, die technisch manchmal nur wenig qualifiziert sind und die nicht in ausreichendem Maße auf ein neutrales Beratungssystem zurückgreifen können.
  8. Da gibt es einen immens volatilen Markt, was die Progression technischer Entwicklungen, Produktfolgen und Ansprüche der Kunden angeht.

 

Was ist die Natur wirtschaftlicher Player in einer sozialen Marktwirtschaft?

 

  1. Wenn sie nicht wachsen, gehen sie unter oder werden von Konkurrenten geschluckt.
  2. Wenn sie für ihre Produkte keinen Alleinstellungsraum schaffen (meist weniger durch Features als vielmehr durch Tupperpartyvermarktungskonzepte, s.u.) werden sie keinen verlässlichen Absatz generieren.
  3. Wenn sie keinen Gewinn machen, bestehen sie nicht am Markt und ebenso ihre Mitarbeiter, für die sie eine Verantwortung tragen.
  4. Wenn Sie keine guten Produkte haben, die sich an den Bedürfnissen ihrer Kunden orientieren, bestehen sie nicht am Markt.
  5. Wenn sie nicht die hierarchischen Strukturen des Schulsystems für sich selbst und ihren Absatz nutzen und politische Lobbyarbeit betreiben, fallen sie gegenüber ihren Konkurrenten zurück. Das sieht man sehr hübsch an der Stellung der lobbylosen OpenSource-Produkte im deutschen Bildungsystem.

Ich finde bisher daran nichts Böses oder Verwerfliches. Wirtschaft verhält entsprechend der Regeln einer Marktwirtschaft, womit dann ja auch gleich ein Schlüssel gefunden wäre, das Ganze im Sinne demokratischer Grundsätze zu steuern: Dafür gibt es einen Rahmen in Form von Gesetzen bzw. im Schulsystem in Form von Erlassen.

TTIP ist nun der geniale Schachzug, auch diese mögliche staatliche Einflussnahme auf die eigene Produktpolitik zu eliminieren – das wäre aber eine eigene Geschichte.

Wie reagiert Wirtschaft in diesem Umfeld?

 

Von „Wirtschaft“ komme ich in meinem Umfeld fast nur über Vertriebler und ihren rhetorischen Taktiken in Kontakt. Ich bin bei ihnen mittlerweile nicht mehr so gerne gesehen. Daher mögen meine Beobachtungen sehr stark eingefärbt sein, aber vielleicht erkennt ihr das eine oder andere wieder.

Wirtschaft will Tupperpartys

Man möchte sein Produkt auf Veranstaltungen, auf der Entscheidungsträger anwesend sind, möglichst exklusiv präsentieren und nicht in Konkurrenz zu Mitbewerbern. „Herr Riecken, das mit ihren finanziellen Bedenken lassen Sie meine Sorge sein. Ich stelle den Entscheidungsträgern das Produkt mit seinen insbesondere investiven Vorteilen gerne alleine dem Gremium vor!“

Es kommen insbesondere Lehrer nach einer solchen Tupperparty manchmal total begeistert an und allein auf Grundlage dieser Begeisterung wird dann z.B. ein Programm oder ein Gerät beschafft, mit dem man über Jahre arbeitet. Das ist leider auch bei Schulbüchern oft nicht anders.

Mit mir gibt es keine Tupperpartys. Es werden immer mindestens drei Mitbewerber zu einer Veranstaltung eingeladen.

Ich versuche, die provisionsbasierte Vertriebsstruktur nach Möglichkeit zu vermeiden. Wir vor Ort streben an, nach Sondierung des Marktes standardisierte Leistungsbeschreibungen zu erstellen, mit denen die Entscheider nach den vorgegebenen Richtlinien formal sauber ausschreiben können. Der günstigste gewinnt.

Standardisierung kann man trotzdem erreichen. Auch in einer formal korrekten Leistungsbeschreibung lassen sich Alleinstellungsmerkmale eines Herstellers sauber unterbringen. Das klingt wie ein fieser Trick. Es macht aber kaum Sinn, z.B. für eine Region zig verschiedene WLAN-Systeme zu beschaffen und den Supportaufwand dafür in die Höhe zu treiben.

Wirtschaft will weg vom Kaufmodell

Microsoft vermietet seine Software, Adobe auch, AeroHive will für die Nutzung seines Hivemanagers jährlich Kohle sehen (man kann den Hivemanager jedoch auch selbst kostenfrei betreiben, wenn man das technische Know-How dafür hat), Lernplattformen und Schulnetzwerklösungen werden nach Schüleranzahl jährlich abgerechnet. Der Trend geht weg von der einmaligen Anschaffung hin zu verlässlich generierten Umsätzen. Da muss man sehr genau rechnen – gerade bei Lernplattformen kann man für die jeweilige Jahresgebühr oft hochwertige Freelancer volle zwei Monate für die Betreuung eines OpenSoureproduktes bezahlen. Auch bei Microsoft sollte man sehr genau hinschauen, weil deren Lizensierungsmodell mittlerweile eigentlich einen eigenen Studiengang erfordert.

Wirtschaft will langfristige Kundenbindung

Auch das ist angesichts der oft immensen Investitionen, die zur Entwicklung eines Produktes notwendig sind, zunächst wenig verwunderlich. Man kann Kunden auf verschiedene Art und Weise an sich binden: Zum einen durch kontinuierliche Qualität, zum anderen aber auch dadurch, dass ich den Wechsel zu einem anderen Anbieter erschwere. Jeder, der schon einmal den DSL-Anbieter gewechselt hat, weiß wie das u.U. aussehen kann. Allein die Scheu vor möglicherweise auftretenden Problemen bewegt zumindest mich hin und wieder des lieben Friedens willen doch bei meinem Anbieter zu bleiben.

Wenn ich als Schule viel Content bei irgendwem gebunkert und aufgebaut habe, ist dieser jemand gesetzt – für Jahre, alles andere wäre unrealistisch. Das weiß ein Anbieter und kann das z.B. indirekt nutzen, indem er dafür sorgt, dass Inhalte und Strukturen in proprietären Formaten vorliegen oder der Zugriff auf eine Plattform nicht über gängige Webstandards, sondern z.B. neben dem Browser lediglich mit einer speziellen App möglich ist.

Spezielle Probleme in Deutschland für Anbieter

Deutschland hat einige Spezifika, die mir als Anbieter die Haare zu Berge stehen lassen würden. So existiert ein ausgeprägtes Bewusstsein hinsichtlich des Datenschutzes – gelegentlich auch als Abwehrkonzept gegenüber neuen Technologien. Es gibt durchaus schon Anbieter, die mir vorgeworfen haben, ich würde marktbehindernd beraten, wenn ich Schulen auf geltende Datenschutzgesetze verweise und z.B. Dinge wie Einwilligungserklärungen und Verträge zur Auftragsdatenverarbeitung zum Kriterium für die Auswahl eines Produkts mache.

Weiterhin gibt es in Deutschland ein weitaus engeres Neutralitätsgebot als in anderen Ländern: Staatliche Schulen haben nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, Kooperationen mit der Wirtschaft einzugehen, um ihre zum Teil chronische Unterfinanzierung zu kompensieren. Anbieter versuchen, dieses Problem zu umgehen, indem wirtschaftliche Vereine gegründet werden, die teilweise als gemeinnützig anerkannt sind und so auch einigermaßen „sauber“ durch die Politik befördert werden können. Diese Konstrukte sind aber nötig, weil die Regelungen in Deutschland eben sehr eng sind.

In Deutschland wird zusätzlich digitale Technologie oftmals nicht als Chance, sondern mehr als Bedrohung der eigenen Lebens- und Unterrichtspraxis begriffen. Schule müsse sich „dem allgemeinen Trend entgegenstellen“ und „Alternativen zum digitalen Alltag bieten“. Gleichzeitig werden die Kommunikationsstrukturen durch immer neue Aufgaben von Schule komplexer und analoge Formen wie schwarze Bretter kommen mehr und mehr an Grenzen. „Dann auch noch umstellen auf Digitalzeugs?“.

In Deutschland gibt es an Schulen zuhauf Lokalprinzen wie mich, die Systeme aufgebaut haben und betreuen, obwohl es nicht deren Aufgabe ist. Nur vertraut man dem Lokalprinzen natürlich weit mehr als einer Firma, die am Telefon nur „Fachchinesisch und arrogant redet“ (das sind oft die rückgemeldeten Erfahrungen). Der Lokalprinz ist greifbar, man ist u.U. nicht mit allem zufrieden, aber man weiß, was man hat und was nicht. Lehrer greifen nicht gerne zum Telefon, um sich helfen zu lassen – das wäre ein Eingeständnis von Unvollkommenheit.

Und zuletzt haben wir in Deutschland ein merkwürdiges Finanzierungskonstrukt: Lehrkräfte werden durch das Land, Sachmittel durch den Träger finanziert – da stehen sich schon unterschiedliche Interessen gegenüber. Nun sind diese beiden Bereiche aber nicht zu trennen. Beschaffung von Software und Geräten ist immer auch mit pädagogischen Fragen verknüpft. Wer hier als Anbieter nicht die Belange beider Seiten erkennt und nutzt, wird es schwer haben, im Markt Fuß zu fassen. Daher heuern viele Anbieter jetzt Lehrkräfte an, um ihre Produkte in den Schulen zu platzieren. Diese erhalten für ihre Arbeit natürlich eine Vergütung und sind oft an unternehmensinterne Kommunikationsrichtlinien gebunden. Keine gute Voraussetzung für Neutralität.

Wer löst es wie?

An vielen Stellen passt für mich der strukturelle Rahmen nicht. Hier ist Politik gefordert, an neuralgischen Punkten Klarheit zu schaffen, etwa mindestens dafür zu sorgen, dass es für Anbieter und Schulen klare Checklisten oder rechtssichere Musterverträge gibt, wie datenschutzkonform gearbeitet werden kann.

Ich fürchte bloß, dass von dieser Seite nicht viel zu erwarten und das genau diese Leerstelle ursächlich für das ist, was oft als „Lobbyismus an Schulen“ beklagt wird.

Was soll denn ein Anbieter anderes machen, als subversive, kreative Wege zu finden, um an die potentiell lukrative Kundengruppe zu kommen, die sich in den Schulen findet?

Ein neutrales Beratungssystem als Schnittstelle zwischen Anbietern und Schule kann auch viel bewegen. Ich merke bloß bei mir selbst immer wieder, wie sehr ich private Vorlieben und Abneigungen bestimmten Produkten und Dienstleistungen gegenüber aktiv bekämpfen muss, um wirklich neutral zu bleiben oder eben in Fällen, wo ich das einfach nicht bin, einfach an Personen abzugeben, die in dem Bereich versierter oder ggf. auch schlicht begeisterter sind.

Ich könnte mir vorstellen und meine, es auf Twitter auch immer wieder mitzubekommen, dass es Kollegen gibt, die auch wie ich genau damit ringen oder den inneren Konflikt zugunsten einer Präferenz auch schon ganz entschieden haben.

Fazit

 

Für mich ist Lobbyismus primär in den Strukturen von Schule bereits angelegt. Wenn man dafür sensibilisieren möchte, sehe ich den Ball bei der Kultuspolitik. Ich habe viel Verständnis dafür, wie Anbieter zurzeit agieren (müssen) und Hochachtung vor vielen, die ich kennen lernen durfte, die sich trotzdem mit Herzblut und Verbesserungswillen als Partner von Schule verstehen – und so auch agieren, aber natürlich gerne auch mal die teuerste Lösung verkaufen, die dann zwar super läuft, aber von der Dimensionierung und der Kosteneffizienz in meinen Augen nicht unbedingt immer das Optimum darstellt.

Social Messenger sind der Untergang

Gestern bin ich wieder mit der vollen Bandbreite der Hilflosigkeit gegenüber den Eigendynamiken konfrontiert worden, die entstehen, wenn sich jüngere Schülerinnen und Schüler auf WhatsApp bewegen.

  • Beleidigungen
  • veränderte Bilder unliebsamer Mitschüler
  • Enthauptungsvideos
  • […]
  • „Ich kann nichts dafür“-Behauptungen (In der Schülervorstellungswelt kann man sich ja schließlich nicht dagegen wehren, in WhatsApp-Gruppen aufgenommen zu werden)

Diese Dinge scheinen sich nach meinen Beobachtungen vor alle in den jüngeren Klassenstufen der Sekundarstufe I zu häufen. Die reflexartigen Reaktionen auf Vorkommnisse sehen zunächst so aus:

  1. „Handy wegnehmen. Die dürfen WhatsApp erst ab 16 nutzen!“
  2. „Handy verbieten. Die können damit nicht umgehen!“
  3. „Medienpädagogen einladen, der denen das mal sagt!“
  4. „Eltern in die Pflicht nehmen. Die sind unverantwortlich, Kindern ein Smartphone zu kaufen!“
  5. „Nun sag‘ mal Maik, was soll ich denn jetzt machen? Du bist doch Medienfuzzi. Alles Scheiße mit diesem Digitalzeugs!“

Handeln wir das mal alles in der Kürze ab, die es sachlogisch verdient:

Zu 1.)

Netter Versuch. Das Handy gehört uns nicht und umfasst den Privatbereich der SuS. Das ist so auf der Ebene wie: „Ich verbiete dir, nicht altersgerechte Filme in deiner Freizeit zu schauen!“

Zu 2.)

Netter Versuch. Das Handy gehört uns nicht und umfasst den Privatbereich der SuS. Das ist so auf der Ebene wie: „Ich verbiete dir, dich in deiner Freizeit mit Hannes und Tim zu treffen. Die haben einen schlechten Einfluss auf dich!“

Zu 3.)

Netter Versuch. Und bequem. Dann macht der das halt (wenn er dann mal Zeit hat). Ich nenne sowas medienpädagogisches Feigenblatt: „Wir haben was getan – wir haben jemanden eingeladen! Wenn dann keiner kommt, tja, können wir auch nichts dafür!“

Zu 4.)

Völlig richtig. Wenig bis so gar nicht realistisch. Eltern halten das mit dem Handy oft so: Wir kaufen dir eines. Wir kennen uns damit eh nicht aus. Das Erstaunen ist dann riesig, wenn dann mit dem Gerät Dinge geschehen, die unschön sind. Dann ist das Internet schuld. Oder wahlweise die Schule, die ja nichts dagegen macht. Mein Bild: Sie schicken ein vierjähriges Kind mit dem Rad bei Dunkelheit quer durch die Stadt und sind dann völlig überrascht, wenn es umgenietet wird. Dieser Scheißverkehr ist dann schuld!“ (sonst müsste man sich ja selbst seiner Verantwortung stellen …)

Zu 5.)

Die Situation ist sehr komplex. Das System der Beteiligten und der Ursachen auch. Wer hier ein einfache Antwort erwartet, verkennt die Komplexität völlig. Bestenfalls verlagert er das Problem schlicht vordergründig aus dem Wahrnehmungsbereich von Schule. Leider wird das immer wieder in die Schule zurückschwappen. mit dem Unterschied, dass man dann noch sehr viel weniger über die Vorgänge in der „Parallelwelt“ weiß,

Maik, du Klugscheißer, ich will Lösungen! 

Lösung 1:

Wo Verbote nicht greifen, komme ich um Verhandlungen und pädagogische Vereinbarungen nicht herum. Es gibt an Schulen Gremien, die die einzelnen Gruppen vertreten. Es gibt eine Schüler- und eine Elternvertretung. Wenn ich zieloffen hier zu Vereinbarungen komme, die den Handygebrauch innerhalb der Schule regeln, habe ich eine größere Chance, dass diese Vereinbarungen eingehalten und durch demokratisch verhandelte Sanktionen notfalls auch durchgesetzt werden. Zusätzlich ist das u.U. eine Chance, Demokratie praktisch zu leben und es ist eine Chance, insbesondere Eltern und Schülern auf Augenhöhe zu begegnen. Diese Gremien müssen ja ihrem „Wahlvolk“ Entscheidungen vermitteln. Und insbesondere Eltern können ja schon mehr als Kaffee und Kuchen bei Veranstaltungen zu spenden. Diese Idee scheitert oft an dem dafür notwendigen Paradigmenwechsel: Schule ist ja von ihrem Wesen her hierarchisch organisiert.

Lösung 2:

Wo in der Gesellschaft bekommen SuS vorgelebt, wie man z.B. soziale Medien sinnvoll und reflektiert nutzt? Wo in Schule bekommen SuS gezeigt, welche Potentiale für das eigene Lernen in Socialmedia steckt? Wenn ich Schulen Portallösungen mit zarten Socialmediafunktionen empfehle, kommt sehr oft: „Aber diesen Chat, den müssen wir dringend abschalten, da passiert nur Mist, wer soll das kontrollieren!“ Wenn da „Mist“ passiert, ist das m.E. ein Geschenk, weil es in einem geschützten Raum entsteht und pädagogisch aufgearbeitet werden kann. Wir brauchen mehr solchen „Mist“, der auf Systemen von Schulen geschieht, weil wir ihm dort ohne irgendwelchen Anzeigen und richterlichen Anordnungen begegnen können – die Daten haben wir ja selbst und idealerweise auch klare Regelungen, wann diese von wem wie eingesetzt werden dürfen.

Lösung 3:

Kein Unterricht über Medien, sondern Unterricht mit Medien. Das erfordert ein schulweites Medienkonzept und es wird erstaunen, wie viel sich sogar ganz ohne WLAN und Tablets in diesem Bereich machen lässt. Überraschenderweise sind bestimmte Werte und Lebenserfahrungen auch in Zeiten von Socialmedia noch gültig.

Leider wird die Umsetzung dieser Erkenntnis genau wie damals der Buchdruck eine Alphabetisierung erfordern und zwar vor allem eine digitale Alphabetisierung von Lehrkräften. Und das Lesen fällt manchem leichter und manchem schwerer. Wenn ich aber an den Potentialen und Möglichkeiten teilhaben möchte und wenn ich handlungsfähig sein will, komme ich nicht darum herum, lernen zu müssen. NIcht nur wegen der SuS, sondern vor allem aus Egoismus: Digitaler Analphabetismus führt direkt in die Anhängigkeit von anderen und in die Unsouveränität.

 

 

Reflexionsfreie Zone

Menschen in sozialen Berufen sind teilweise in ihren Arbeitsverträgen dazu verpflichtet, an Supervisionen teilzunehmen. In den Sitzungen werden z.B. Konflikte innerhalb des Teams aufgearbeitet, Wege aufgezeigt, um mit anvertrauten Personen besser umzugehen und es werden auch oft genug das eigene Handeln und die eigene Persönlichkeit infrage gestellt.

Ich kenne Supervision schon aus meiner Arbeit mit Klassentagungen – einmal im Halbjahr war es mehr als erwünscht, wenn nicht sogar verpflichtend, an Supervisionen teilzunehmen. Da ging es gut zur Sache – mit Psychodrama, Rollentausch, Tränen und allem Drum und Dran. Die Sitzungen bewegten sich oft ganz und gar nicht in der Komfortzone.

Wieder in Kontakt mit Supervision bin ich erst zwanzig Jahre später in meiner Ausbildung als medienpädagogischer Berater gekommen. Viele von uns haben genölt und sich gefragt, was z.B. Konfliktbewältigungsstrategien mit Medienberatung zu tun haben. Mittlerweile ist es mit dem Genöle still geworden. Es entwickelt sich zu einer Kernkompetenz, Strukturen zu analysieren, Konfliktgespräche zu führen, Kritik ernst zu nehmen und mit ihr umzugehen. Technik: 5% – Mensch: 95%.

Die superduper Homepage nützt z.B. gar nichts, wenn sich der Betreuer immer selbst um alle Informationen kümmern muss, den Kollegen hinterherläuft und dabei keine Unterstützung von der Leitung erhält: „Hä? Kriegt doch genau dafür eine Entlastungsstunde!“ (Nein! Er bekommt die Entlastung für eine aktuelle Homepage).

In Follow-Ups zu unserer Ausbildung dürfen wir Erlebnisse mitbringen, die dann bearbeitet werden. Und das werden sie. Und auch ein Maik Riecken bekommt da hin und wieder verdienten Lack. Auf diesen Veranstaltungen stellen sich für mich oft Weichen für die Zukunft – mir wird klar, was mir gut tut und was mich im Leben langfristig nicht weiterbringt. Ich bilde mir ein, dass das für meine Zufriedenheit, meine Distanzfähigkeit und vor allem meine Gesundheit ein große Rolle spielt.

Aber ich bin wohl auch ein Weichei. Die Arbeit an Schule ist psychisch immer Zucker. Da gibt es nicht aufzuarbeiten. Da gibt es keine psychologisch induzierten Krankheiten wie Kopf- und Rückenschmerzen (Verspannungen), Alkoholismus, Tinnitus oder einfach innere Emigration in die Kauzigkeit oder andere Dinge. Mit Kollegen versteht man sich grundsätzlich gut.

Jede Annahme von Hilfe von außen ist eh ein Zeichen von Schwäche und davon, dass im Kollegium etwas nicht stimmt. Wo kämen wir dahin, uns und unsere Persönlichkeit infrage zu stellen! Wir sind fertig, wir brauchen das nicht! Und dann die Finanzierung: 120,- Euro Stundensatz für einen guten Supervisor? 240,- Euro für zwei Stunden durch ca. 10 Personen teilen – jedes Vierteljahr? Das muss doch der Dienstherr bezahlen (objektiv völlig korrekt). Das Geld stecke ich doch lieber ins Auto – oder Motorrad oder in den Handyvertrag und leide ansonsten still vor mich hin.

Nicht nur ich bin verwundert, dass ausgerechnet in Schule – deren pädagogische Ausrichtung ja immer als Beleg dafür herhalten darf, nicht mit wirtschaftlichen Strukturen vergleichbar zu sein – ein in meinen Augen zentrales Instrumentarium von Personalentwicklung weder finanziert noch einfordert, welches in fast allen anderen vergleichbaren pädagogischen Kontexten üblich oder gar obligatorisch ist.

Tablets in der Schule: Bitte (fast) keine Androids mehr!

Vorweg

Ich setze persönlich keine Tablets im Unterricht oder meinen eigenen Workflow ein. Für mich persönlich sind das Spielzeuge und keine Arbeitsgeräte. Meine Finger sind zu dick und unmotorisch.

Ich gestalte meinen digitalen Unterricht aber so, dass das Gerät dafür kaum eine Rolle spielt, wenn es zumindest einen Browser und einigermaßen performante Leistungsdaten zum Rendern von Webinhalten verfügt. Meine Tools stellen standardisierte Schnittstellen bereit, sodass hoffentlich jeder die App und das Gerät dafür nutzen kann, die/das zu ihr/ihm passt.

„App“ ist für mich ein anderes Wort für „Programm, dessen Oberfläche auf Touchbedienung zugeschnitten ist“. Damit sind Tablets natürlich willkommen – es gibt ja andere Menschen als mich mit anderen Vorlieben und Präferenzen.

Was ich gar nicht mag, ist als Admin Sonderlösungen bauen zu müssen, weil ein Hersteller meint, eigene „Standards“ seien kundenfreundlicher. Deswegen hasse ich aus Administratorensicht speziell Apple wie die Pest. So viel zum Rant.

Was man in der Schule von der Software eines Gerätes erwarten können muss

 

  1. Regelmäßige Betriebssystemupdates
  2. Regelmäßige Sicherheitsupdates
  3. Verlässliche Sandboxes für Prüfungssituationen
  4. Verlässliches, leicht zu bedienendes MDM (Lösung zum Managen der Geräte, wenn sie schuleigen sind)

… über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren. Ein Hersteller, der das nicht bieten kann, hat nach meiner Meinung in der Schule bei schuleigenen(!) Geräten nichts verloren.

Damit fallen (fast) alle Androidgeräte heraus.

Warum keine Androids?

Das Lizenzmodell von Android ermöglicht erst die Herstellung extrem günstiger Geräte. Die Quelltexte liegen offen, das System lässt sich recht unaufwändig an fast jede beliebige Hardwareumgebung anpassen, d.h. als Hersteller bin ich in der Wahl meiner CPU, meines Grafikprozessors usw. recht frei. Daraus entsteht eine Vielzahl an Produktlinien. Um das System performant und schlank zu halten, bricht man mit einem Grundprinzip von Linux, auf dem Android basiert: Dem generischen System.

Ein generisches System läuft unverändert auf sehr vielen unterschiedlichen Umgebungen: Ubuntu kann ich auf fast jeden Rechner installieren – Linux bringt die dafür erforderlichen Treiber gleich mit und erkennt z.B. Hardware beim Start vollautomatisch.

Ein generisches System kann darüberhinaus zentral geupdatet werden – im Prinzip läuft ja überall das Gleiche. Leider schleppt natürlich ein generisches System alles nur Denkbare an Treibern mit sich und ist daher recht groß – das passt vor allem nicht zu günstiger Hardware.

Kurz gesagt: Bei Androiden muss der Hersteller jedes Sicherheits- und Funktionsupdates für alle seine Produktlinien manuell einpflegen und seinen Kunden z.B. als Betriebssystemimage bereitstellen. Das lohnt sich bei Geräten wie Tablets und Handys mit ohnehin meist kurzer Verwendungszeit in der Regel nicht, sprich:

Die meisten Androidgeräte sind nach recht kurzer Zeit sicherheitstechnisch ein Debakel

Die einzige echte Ausnahme, die ich diesbezüglich kenne, ist die Nexusserie von Google selbst. Meine Nexustablets der ersten Generation erhalten bis heute zeitnah Updates – schon fast vier Jahre mittlerweile.

Man kann ausweichen auf Communities rund um Cyanogenmod – Techies wie ich könnten das ggf.. – aber für Schulen im Allgemeinen ist das keine Option.

In der Schule brauche ich nach meinem Empfinden Geräte, die mindestens drei, besser fünf zuverlässig laufen. Realistisch finde ich eher einen Gerätewechsel nach drei Jahren, d.h. mindestens(!) drei Geräte pro Schullaufbahn, denn schon heute werden die meisten Menschen (auch und gerade SuS!)  Geräte, die noch älter sind, aufgrund des technologischen Wandels als unzumutbar empfinden – daher noch ein Seitenhieb:

Bei Kalkulationen „Tablet preislich gegen Schulbuch / Taschenrechner / Atlas“ ohne Einbezug des technologischen Wandels (Produktupgrade nach drei Jahren) wäre ich SEHR vorsichtig ob des realen Preisvorteils gegenüber heute – unser Wirtschaftssystem basiert nicht darauf, dass wir ständig weniger ausgeben.

 

iPads und Windowstablets 

Apple ist ein in sich geschlossenes System und Microsoft macht den Herstellern seiner Geräte recht rigide Vorgaben, was die Hardwareausstattung angeht – im Prinzip fahren die die generische Strategie des Linuxkernels. Damit ist die Sicherheitsproblematik in einem wesentlichen Kernpunkt entschärft, weil nicht der Hersteller Updates bereitstellt, sondern eben Apple und Microsoft und diese Updates auch über die betriebssystemeigenen Mechanismen installieren. Die damit verbundene Langfristigkeit macht den Einsatz z.B. einer MDM-Lösung oder Klassenraumsteuerung erst beherrschbar: Wenn ich nicht andauernd verseuchte Geräte wiederherstellen und neu in eine MDM-Lösung integrieren muss, wird die Bewältigung des Arbeitspensums möglich. Und gerade Schulgeräte, die durch viele Hände gehen, sind gegenüber derartigen Drangsalierungen extrem gefährdet. Selbst Apple hat mittlerweile kapiert, dass ein 1:1-Design eben nicht in eine 1:many-Umgebung passt und entwickelt in die richtige Richtung.

Nachtrag:

Etwas ausführlicher hat sich Andreas Hofmann mit der neuen Initiative von Apple beschäftigt.

 

Anfangsgenölewiederaufgriff

Mir ist völlig klar, dass mit der automatischen Updatepolitik von Apple und gerade auch Microsoft auch sehr streitbare Mechanismen Einzug in die mobilen Geräte halten – vor allem vor dem Datenschutzhintergrund. Mir wäre ein Ubuntu-Touch auf freier Hardware ohne UEFI- und TPM-Mist bedeutend lieber.

Da wir aber im „Isnummalsoland“ leben, geht es um pragmatische Ansätze. Und da hat Apple schon aufgrund des Appangebot im Vergleich zu Microsoft zurzeit die Nase für viele Anwender halt vorne. Ich persönlich finde das doof.

Vielleicht fehlt es bei Androids einfach auch nur an Dienstleistern, die das Ganze z.B. mit Cyanogenmod schlicht professionalisieren und Servicebundles für drei bis fünf Jahre anbieten.

Präsenztage in der Schule – das Prinzip der sozialen Rekursivität in öffentlichen Debatten

Auch aufgrund von “Vermittlungsproblemen” in der Bevölkerung sehen sich die Kultusministerien der Länder nunmehr “gezwungen”, Präsenztage für Lehrkräfte an den Schulen einzuführen, so jedenfalls ein zunächst wenig beachteter Beschluss der KMK auf ihrer letzten Zusammenkunft. Als ehemaliger Personalrat und durchaus auch kritischer Betrachter der Privilegien unserer Berufssparte möchte ich doch diese Idee nicht unkommentiert lassen.

Während Jan-Martin Klinge sich eher mit den resultierenden Verwaltungsfragen auseinandersetzt und sich an Dingen wie dem Gleicheitsgrundsatz im Duktus von Beamtendeutsch abarbeitet, lege ich den Fokus bewusst etwas anders und beginne dabei mit einer kleinen Anekdote:

Als an unserer Schule schwedische Lehrkräfte zu Gast waren, haben wir Ihnen natürlich mit einigem Stolz unser frisch renoviertes, wirklich großzügig gestaltetes Lehrerzimmer gezeigt. Die Reaktion war durchaus positiv. Das ist hoch zu bewerten, wenn man etwas mit schwedischer Schularchitektur vertraut ist. Es kam aber sofort auch die Frage mit dem für mich immer wieder putzig anzuhörenden schwedischen Akzent: “Das ist eine schönes Raum. Wo triffst du dich mit deine Kollegs, um zu arbeiten?” – “Ja hier halt!”, antwortete ich. “Nein, das hier ist eine tolles Sozialraum, aber keine Arbeitsplatz!”, kam sofort der Einwand. Für den schwedischen Kollegen war es unvorstellbar, keinen Arbeitsplatz in der Schule zu haben.

Ich finde, dass diese Anekdote den Kern der Problematik zeigt: Selbst wenn ich in der Schule arbeiten wollte, könnte ich es selbst nicht mit hinreichender Effektivität tun. Im Lehrerzimmer trifft man sich und tauscht sich aus. Das ist Fluch und Segen zugleich: Fluch für den Wunsch, z.B. lästige Korrekturarbeiten zügig zu erledigen, Segen für den Austausch zu pädagogischen Fragen – letztere ließen sich aber weitaus effektiver klären, wenn alle Beteiligten anwesend wären. In der jetzigen Form des KMK-Beschlusses ist den Lehrkräften ja weitgehend freigestellt, wann sie sich in der Schule einfinden.

Dass es in der Schule i.d.R. keinen geeigneten Arbeitsplatz gibt außer den schnell überfüllten Lehrerarbeitszimmern bedingt ja zusätzlich quasi einen heimlichen Vertrag:

“Du Kollege setzt dein häusliches Arbeitszimmer von der Steuer ab, hast somit volle Freiheit in deinem Homeoffice und dafür sparen wir die eine oder andere Mark bei der räumlichen und sächlichen Ausstattung der Schulen.”

An so Dingen wie den Regelungen zur Datenverarbeitung auf privaten DV-Geräten von Lehrkräfte (Link auf Erlass hier in Niedersachsen) sieht man recht hübsch, dass dieses Konstrukt auch gelegentlich heftig knirscht, aber im Großen und Ganzen natürlich funktioniert. Wenn man mich jetzt zwingt, in der Schule tätig zu sein, könnte ich ja auf die Idee kommen, daraus auch Ansprüche abzuleiten – insofern weiß ich nicht, ob der Dienstherr sich auf lange Sicht damit wirklich einen Gefallen tut.

Ich kann verstehen, warum viele Menschen uns Lehrkräfte als privilegiert wahrnehmen. Ich bin mir nicht so sicher, ob das nun gesetzte Signal wirklich geeignet ist, die üblichen Stammtischstereotype über Lehrer wirksam im Sinne einer sicherlich auch intendierten Fürsorge durch den Dienstherrn abzumildern – da scheinen mir Dinge wie die Unkündbarkeit oder Pensionsregelungen durchaus gewichtiger in der Wahrnehmung “meiner” Stammtischkontakte außerhalb der Lehrerszene. Gerade in Bezug auf die sächliche Ausstattung sind wir als Lehrkräfte m.E. eben nicht unbedingt gutgestellt.

Das Einzige, was man schafft, ist “soziale Rekursion” – man ändert an einer Stelle etwas, was in der Folge weitere Prozesse in Gang setzt, die sich auf den gleichen Ausgangspunkt beziehen, aber im Gegensatz zur mathematischen Rekursion kaum vorhersehbar sind. Sicher ist: Wir kommen immer wieder bei der gleichen Frage an.

Was denkt ihr? Könnten Präsenztage sinnvoll dabei helfen, dass Lehrkräfte nicht mehr so privilegiert wahgenommen werden? Ginge für euch ein solches Ansinnen auf?

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