Herzlos

Ich habe neulich einen meiner Schüler zum Weinen gebracht. Er war in der vorangehenden Stunde leider krank gewesen und hatte einen Zettel daher nicht erhalten. Ich hatte keinen mehr dabei. Als er mich fragte, was er nun machen solle – er wäre schließlich krank gewesen – habe ich geantwortet, dass das nicht mein Problem sei, worauf er in Tränen ausbrach.

Zugegeben: Vielleicht war ich tonal nicht vollständig entspannt, weil es eine Stunde mit einem Schülerexperiment war, was bei rund 30 Chemieanfängern manchmal doch fordernd ist. Ende vom Lied: Ich habe ihn mir nach der Stunde gemeinsam mit zweien seiner Freunde beiseite genommen und wir haben gemeinsam überlegt, was er selbst im Wiederholungsfall tun könnte, um an den Zettel zu kommen. Herzlos.

Dann bin ich – für mich eher untypisch – in der gleichen Klasse regelrecht explodiert. Wenn die Kinder dort ein Bedürfnis haben – und sei es auch noch so banal – haben sie die Angewohnheit, einfach zum Pult zu kommen, nicht zu warten und sofort ihre Frage zu stellen – völlig egal, was ich gerade mache. Sie suchen nicht einmal den Blickkontakt, bevor sie anfangen zu reden – wohlgemerkt, es ist eine weiterführende Schulform: Es scheint für sie in diesem Moment nichts Wichtigeres zu geben, als diese eine Frage. Mehrfach habe ich in der besagten Stunde mit der Klasse darüber gesprochen, warum dieses Verhalten für mich problematisch ist. Dann kam der Ausbruch. Ein Ausbruch von mir hat immer ziemliche Folgen – weil er recht selten vorkommt. Herzlos.

In Klassenarbeiten nervt mich kolossal, dass es immer SuS gibt, die meinen zu jeder Zeit eine Frage zu den Aufgabenstellungen stellen zu müssen. Damit reißen sie regelmäßig die arbeitende Mehrheit völlig aus der Konzentration. Zudem wird die gleiche Frage oft mehrfach gestellt. Einzelfragen beantworte ich nicht im Zweiergespräch während der Klassenarbeit, weil ich das im Sinne der Chancengleichheit für die anderen unfair finde. Daher gibt es bei mir folgende Regelung: Zunächst gibt es eine Zeitspanne zum Einlesen und unmittelbar danach eine Fragemöglichkeit (ca. 10 Minuten später, je nach Aufgabenumfang). Spätere Fragen beantworte ich nicht mehr – auch wenn dann geweint wird. Herzlos.

Zudem schicke ich meine eigenen Kinder auch bei Regen mit dem Fahrrad zur Schule – oder sonntags in der Früh alleine zu Fuß zum Bäcker. Herzlos.

Ich traue meinen SuS etwas zu.

Ich traue ihnen zu, dass sie eigene Wege finden, um an Arbeitsmaterialien zu kommen, wenn sie krank waren.

Ich traue ihnen zu, dass sie sehen, wann man jemanden besser nicht anspricht und wartet.

Ich traue ihnen zu, dass sie Wege finden, ihre Bedürfnisse und Unsicherheiten Stück für Stück nicht affektgesteuert, sondern dem Kontext angemessen zu artikulieren.

Ich traue ihnen zu, dass sie trotz kleinerer Unannehmlichkeiten erleben, dass sie trotzdem etwas alleine schaffen.

Damit scheine ich weitaus herzloser zu sein als manche Eltern und Kollegen, die für das Kind erledigen, was es selbst erledigen könnte und später dann beklagen, dass die Kinder so unselbstständig und unkritisch sind.

Mehr „Wir“ wagen

Ich und mein Kontext

Lisa Rosa hat einen phänomenalen Artikel zum Thema geschrieben, was kritisches Denken ist. Andreas Kalt ist für mich die absolute Referenzklasse, wenn es um die konkrete Umsetzung und Reflexion von Unterrichtsszenarien geht. Während ich bei Lisa oft meine Schwierigkeiten habe, diesen immens hohen Anspruch an Haltungen von Lehrkräften in meinem Beratungsalltag zu integrieren, kann ich alles von Andreas komplett unterschreiben.

Ich habe kürzlich einen Vortrag von Prof. Bastian zum inklusiven Unterricht gehört. Dessen Inhalte hätten mich noch vor wenigen Jahren tief empört – heute bringen mich diese Ideen so gedankliche Resonanz, dass es mir ein Anliegen war, diesen Menschen noch einmal persönlich anzusprechen. Ich bin sehr froh, dass es einen Franz Joseph Röll gibt, der viele Teilgebende „meines“ Schulmedientages irritiert hat.

Ja, und ich habe durchaus auch enge Verbindungen zu Menschen aus dem Wirtschaftsbereich. Es sind erstaunlicherweise oft Menschen, die diese Ideale im Herzen mittragen, aber natürlich auch unter einem firmenpolitischen Druck stehen, Compliances umsetzen zu müssen. Dahinter findet sich oft etwas ganz anderes. Das ist der eigentliche Grund, warum ich Rene Schepplers Engagement gegen Lobbyismus in der Schule zweischneidig sehe – obwohl ein Telefongespräch da letztens viel relativiert hat.

Mein Leben ist sehr voll von Aufgaben. Ich habe eine sehr große Familie und verbringe zurzeit meine Wochenenden auf der Straße und in Sporthallen. Beruflich bin ich mehr und mehr in Prozesse auf Landesebene eingebunden. Unser Landesinstitut nimmt Stellung zu Erlassen und Kerncurricula im Bereich der Medienbildung und passt gerade den Orientierungsrahmen Medienbildung an das neue KMK-Strategiepapier an. Vor Ort in meinem Landkreis läuft gerade ein strukturierter Medienentwicklungsprozess (Link zeigt nur Beispiel) an. Parallel dazu steige ich immer mehr in Prozesse zur Entwicklung von Medienbildungskonzepten ein. Ach, und dann läuft noch eine Kooperation zwischen Universität, Studienseminar und Schule an, die zum Ziel hat, Medienbildung in allen Phasen der Lehrerausbildung zu verankern.

Ich kann das alles tun, weil ich mit einem Großteil meines Stundendeputats nicht mehr in der Schule bin, sondern beim NLQ. Trotzdem ist das jetzt nicht so wenig, was in meinem Umfeld so läuft :o)… Es kommen haufenweise externe Anfragen, ob wir nicht dies oder jenes auch in anderen Regionen anstoßen können. Das, was ich weiß, weiß ich, weil ich auf sehr unterschiedlichen Ebenen im Land unterwegs bin.

Ich mache das nicht alleine, sondern habe mich bewusst mit Menschen und Kontexten umgeben, die mir ein Umfeld bieten, in dem es sich arbeiten lässt. Dazu zählen Verbindlichkeiten, Arbeit im Team und Visionen. Mein Team trägt mich und macht das, was ich nicht kann – teilweise ohne dass dazu explizite Absprachen notwendig wären.

Verwirrung

Ich bin auch in sozialen Medien unterwegs. Es ist mir wichtig mitzubekommen, wie Menschen denken, wo sie stehen, was „die Basis“ so umtreibt, schließlich arbeite ich ja für die Menschen an den Schulen. Ich finde dort zunehmend weniger das wieder, was mir in diesem „Reallife“ wichtig ist: Die gemeinsame Arbeit, auch wenn man im Detail durchaus anderer Meinung sein kann.

Ich habe Grenzen.

Ich habe zunehmend Angst, über diese Grenzen öffentlich zu sprechen.

Mir scheint, dass es zunehmend Menschen gibt, die in Bezug auf Lernen in Zeiten der Digitalisierung die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, weil sie Geräte, Apps und Tools einsetzen, die andere Lehrkräfte nicht einsetzen.

Vielleicht kann ich mich noch ruhig zurücklehnen, in den Arroganzmodus schalten, wohlwissend dass Selbstvermarktung – auch von ganzen Schulen – und pädagogische Wirklichkeit oft interessante Differenzen aufweisen und sich die vermeintliche Modernität dann oft genug nicht in umgesetzten Konzepten, sondern gebunden an wenige Personen darstellt.

Jemand, der neugierig ist und vielleicht erst erste Schritte geht, wird daraus ggf. andere Konsequenzen ziehen – auch aus dem aus meiner Sicht zunehmend gewöhnungsbedürftigen Umgang miteinander – das #edchatde-Debakel ist ja nur eine Ausprägung davon.

Ich konnte all das, was ich heute vermeintlich kann, nicht sofort. Das brauchte alles viel Zeit – Zeit, die wir anderen Menschen auch zugestehen sollten.

Teile meiner digitalen Geschichte

Meine erste Begegnung mit dem Lernen unter Einsatz von digitalen Tools war Moodle. Moodle war „damals“ in Deutschland noch sehr unbekannt. Es gab einige Gleichgesinnte, mit denen ich mich auf den Weg gemacht habe, dieses Tool zu erforschen und für den Unterricht auszuloten. Daraus ist ein Verein entstanden, den es bis heute gibt. Wir waren von diesem Tool so überzeugt, dass wir sogar Schulen kostenlose Instanzen zur Verfügung gestellt haben. Ich war für die Technik verantwortlich und hatte sogar eine komplette Oberfläche für die Installation, das Update und das Reverse-Proxying mehrerer Instanzen entwickelt, die auf einer Codebasis liefen. Sogar unser schon damals völlig veraltetes Schulnetz, basierend auf Arktur4 mit LDAP hatte ich schon darangebastelt. Eines meiner Projekte mit Moodle hatte ich als Wettbewerbsbeitrag (schön mit LaTeX durchgestylt)  eingereicht, um dann gegen ein E-Mail-Brieffreundschaftsprojekt zu verlieren – Moodle war seiner Zeit damals dann doch etwas voraus.

Das mit dem Verein ging für mich recht unschön zu Ende – es gab im menschlichen Bereich zunehmend Schwierigkeiten – meine Ansprüche an Zusammenarbeit waren einfach auch recht hoch. Heute entwickle ich wieder einen Moodlekurs zum Thema Netzwerktechnik für angehende Medienberater am NLQ. Meine Kritik an Lernplattformen bleibt davon unbehelligt.

Diese Erfahrung hat mich trotzig im dem Sinne gemacht, dass ich von nun an etwas zeigen wollte: Eine Einzelperson kriegt inhaltlich mehr auf die Kette als ein Vereinsteam. Das glaube ich heute zwar nicht mehr, aber riecken.de ist letztendlich das Ergebnis dieser Trotzphase. Mit über 700 Artikeln ist dieses Blog mittlerweile zu einer recht festen Anlaufstelle bei verschiedenen Themen geworden. Den meisten „Umsatz“ mache ich übrigens mit Diktattexten – völlig konträr zu den von mir sonst propagierten Thesen.

Währenddessen kam die LdL-Bewegung mit Jean-Paul-Martin. Auf einem Treffen in Ludwigsburg fiel mein Name öffentlich in einem vollen Hörsaal. Diese Art von Wahrnehmung kannte bisher ich nicht. Auf einmal waren da Menschen um mich, die einen ähnlichen Blick auf Schule hatten wie ich. Die meisten bloggten, eigentlich glaube ich, dass in der Zeit sogar der Ursprung der Blogbewegung liegt. Wir diskutierten in Blogs und nicht auf Twitter, verlinkten uns gegenzeitig. Auf Educamps traf man sich und ich fühlte mich dort wie auf einem anderen Stern, obwohl dort Lebenskonzepte aufeinandertrafen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können – allein die Barcampmethode, Twitter mit Ulf Blanke, ohne den ich heute nicht Medienberater wäre usw.

Ich komme mir jetzt oft schon vor wie der Großvater in der Werbung für Werthers Echte.

Och Leute …

Worauf ich hinauswill: Dass ich heute am NLQ ein- und ausgehe, dass ich neulich meinen ersten Termin am Kultusministerium hatte, dass ich mich heute vor Anfragen von Schulen kaum retten kann, dass ich Dinge wie dieses Pamphlet hier schreibe, das ist das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses, der strenggenommen schon weit früher in der evangelischen Jugendarbeit begonnen hat.

Ich habe diesen Background, aber immer noch die Hose voll, wenn ich Schulträger und Schulen bei Dingen wie der Medienentwicklungsplanung oder bei dem Prozess der Erstellung eines Medienbildungskonzeptes begleite. Ich scheitere dabei sehr oft, am allermeisten an meiner eigenen Schule – weil das – geben wir es doch endlich mal zu – noch kaum jemand bisher gemacht hat.

Wenn ich eines über die Jahre gelernt habe, dann dieses:

Als einfache Lehrkraft werden wir unsere Schulen nicht in Lernorte der Zukunft transformieren, schon gar nicht unsere eigenen. Das viele potentielle Geld, was momentan herumschwirrt, die Bildungscloudidee usw. – das kann alles auch ganz anders enden. Es geht eben nicht nur um „unsere Schule“, sondern um einiges mehr. Wer in seiner Sicht beschränkt auf seine Schule bleibt, wird es m.E. sehr schwer haben, sich den momentan wirksamen Kräften aus z.B. der Wirtschaft zu widersetzen. Die hat Lobbyisten und Einflüsterer – wir nicht. Wir müssen zunehmend politisch und in größeren Zusammenhängen denken. Dabei werden wir auf massive Grenzen stoßen, die nicht ohne die Potentiale von Vernetzung und Arbeit im Team überwunden werden können.

Über die Grenzen müssen wir offen sprechen können. Nicht so wie es jetzt oft geschieht. In diesem „Reallife“ habe ich für mich ein Team und Vernetzungsmöglichkeiten gefunden. Ich würde gerne einen mehr oder weniger öffentlichen Ort finden, an dem ich über Grenzen sprechen kann. Das geht nicht, wenn ich befürchten muss, dass jeder Post über den den „Highest-SAMR“-Level oder die anzustrebenden Utopiagesellschaft gezogen wird.

Wenn mir als Werther-Großvater das so geht – wie muss es dann denen gehen, die gerade erst anfangen und diese oder eine ganz andere Entwicklung noch vor sich haben?

Pflichtfach Informatik? Ein Streitgespräch.

Informatikunterricht? Muss das sein..!?

Immer wieder tobt eine Debatte über verpflichtenden Informatikunterricht – Realität ist er aber nur in drei Bundesländern. Verpasst Deutschland beim Computerunterricht eine große Chance? Was ist eigentlich zeitgemäßer Informatikunterricht und… braucht man Programmieren wirklich? Maik Riecken und Jan-Martin Klinge streiten.

Klinge: Maik, du schreibst auf deinem Blog, dass du die Fächer Deutsch und Chemie an einem Gymnasium in Niedersachen unterrichtest. Was hast du mit Informatik zu tun?

Riecken: Nichts Formales, d.h. ich habe weder eine Fakultas dafür oder noch irgendeinen „offiziellen“ Kurs auf der Uni dazu besucht. Mit 14 Jahren habe ich meinen ersten Computer bekommen – einen Amiga500. Darauf habe ich eigentlich fast nur gedaddelt, aber auch erste Gehversuche mit AmigaBasic gemacht. Das war schon was, weil man sogar eine GUI mit Maus hatte und mit AmigaBasic programmieren konnte. Später habe ich dann sogar Dinge in Assembler versucht – angeregt durch die damals schon sehr aktive „Demoszene“ und die Begrenztheit der Hardware – allerdings habe ich es nie geschafft, meinem Kumpel das versprochene Intro zu programmieren – das ist heute noch so ein geflügelter Spruch zwischen uns: „Maik, wo bleibt mein Intro?“ In Kiel gab es später zu PC-Zeiten dann eine Keimzelle der deutschen Linuxszene mit einem monatlichen Stammtisch – von da an ging es ab mit Serverdiensten, Shellscript, MySQL usw.

Klinge: Assembler? Shellscript..?! Ich verstehe nur die Hälfte. Aber der spielerische Aspekt ist mir geläufig: Mit meinen Freunden haben wir in den 90ern Computerspiele mittels HEX-Editor zerlegt und verändert. Wir sahen den Matrix-Code schon lange vor dem Film – aber das war alles Freizeit und Spiel. Ist Informatik an deiner Schule ein Pflichtfach?

Riecken: Nein. Schülerinnen und Schüler können das Fach in der Klasse 10 belegen, wenn sie in der 11. Klasse eine Naturwissenschaft durch Informatik ersetzen wollen. Dann müssen sie dort mindestens ein halbes Jahr „durchhalten“. In Niedersachsen kann jeder Lehrer bis zur Jahrgangsstufe zehn qua Amt alles unterrichten – ich z.B. Informatik. Da schließt sich dann der Kreis.

Klinge: Nun, dann sehe ich mich in der Position vieler Eltern oder auch fachfremder Kollegen: Wenn ich an meinen eigenen Informatikunterricht denke, erinnere ich mich an dunkle Computerräume und erste Programmierversuche in qbasic. Mal ehrlich – nichts, was ich da gelernt habe, hat mir je geholfen. Das war Zeit totschlagen. Für mich ist Informatikunterricht überflüssig.

Riecken: Bei mir war es technologisch noch steinzeitlicher. Ich habe auf einem Apple II gelernt – mit Bernsteinmonitor. Ich meine, das war Pascal oder auch ein Basicdialekt. Es war aber eine unglaubliche Faszination zu spüren – und ein Pioniergeist. Textadventures selbst gestalten, Nadeldrucker ansteuern, Floppydisks organisieren (die Floppy ist heute immer noch das Symbol zum Speichern in den meisten Anwendungen).

Klinge: Schaue ich mir meine zweijährige Tochter an, dann kann sie auf dem Tablet die Displaysperre überwinden, verschiedene Apps starten und in ihrem Lieblingsspiel, Dora Explorer, Puzzle lösen, malen und mit den Figuren interagieren. Ich habe in dem Alter Sand gegessen. Oder Erde. An guten Tagen beides.
Ich will damit sagen, dass Kinder heute von früh auf mit Technologie umzugehen lernen – wozu braucht es da Informatikunterricht?

Riecken: Dann erschließt sich deine Tochter ihre Welt in diesem Bereich medial vermittelt. Sie lernt Interfaces zu bedienen, aber eigentlich nichts über Technik dabei. Da zudem auf Wischgeräten vieles leicht ist – selbst kreativ sein kann man da „ganz einfach“ (im Rahmen dessen, was der jeweilige Programmierer unter Kreativität versteht), kann die haptische Auseinandersetzung mit der Welt dagegen gerne schonmal als mühevoll erlebt werden. Es hängt sehr stark vom Elternhaus ab, ob die Wischgeräte als „Shut-up-Toy“ eingesetzt werden, oder ob ein Ausgleich geschaffen wird und Kinder auch erleben dürfen, dass sie anderswo scheitern und immer neue Strategien entwickeln müssen. Kinder erfahren die Welt mit ihren Sinnen. Geräte sprechen immer nur einen Ausschnitt der Sinne an.

Klinge: Nun, meine Informatikerfahrungen sind offensichtlich antiquiert – was beinhaltet das Fach heutzutage?

Riecken: Ich sage immer, dass Informatik das einzige Fach ist, bei denen ich Schülerinnen und Schüler beim Denken bzw. Ihren Denkschritten zuschauen kann. Eigentlich geht es im Kern oft darum, ein Problem in handhabbare Teilprobleme zu zerlegen. Ich habe in diesem Jahr mit meinen Schülern (sorry, war ein reiner Jungenkurs) viel zum Thema Passwortverschlüsselung gemacht. Aufhänger waren die unzähligen gestohlenen Passwortdatenbanken im letzten Jahr (Yahoo, LinkedIn etc.). Die Schüler wissen jetzt z.B. warum ein Passwort eine gewisse Länge und Komplexität haben sollte und dass eine sichere Passwortspeicherung unmöglich ist, sondern allenfalls eine, die Angriffen eine zeitlang standhält. Dann kann man noch darüber sinnieren, warum selbst große Internetfirmen die Grundregeln bei der Passwortspeicherung nicht befolgen usw. – und schon ist man ganz schnell bei betriebswirtschaftlichen oder gar ethischen Fragen. Reine Medienkompetenzvermittlung ohne informatischen Hintergrund ist in diesem Feld eine reine Blackbox: „Mach dein Passwort lang und komplex!“ „Häh? Warum? Unbequem. Gibt doch ’ne App!“

Klinge: Umgekehrt begegnen mir in der Schule oft Jugendliche, die mit 13 Jahren noch den Ein- und Ausschalter am Computer suchen und überhaupt keine Erfahrung mit einem stationären Computer haben. Diesen Kindern fehlt jede Grundlage – ihnen Programmieren beizubringen scheint herausfordernd – die müssen doch eher lernen, mit Office Programmen umzugehen. Die bräuchten eher einen Schreibmaschinen-Kurs. Wie begegnest du diesem Spagat?

Riecken: Da gibt es heute ganz tolle Ansätze – das Problem haben wir ja nicht nur in Deutschland. „Unplugged“ beginnen, über Klickibunti (z.B. auf code.org) Grundkonzepte erlernen und dann erstmal quasi per „Online-App“ erste Formalisierungen machen. Dafür braucht es anfangs nur einen Browser und die Dateien finden sich auch immer wieder an, da die App alles erledigt. Dann Schritt für Schritt Richtung Dateisystem und Selbstorganisation gehen, bevor man dann komplexere Dinge anfasst – meist aber eher sowas wie die Steuerung von Modellen oder Robotern – dann sieht man auch einen Effekt seiner Codezeilen. Im Zusammenspiel von Mechanik und Software braucht man dann Fehlersuchstrategien, die bei manchen Programmieransätzen besser als bei anderen greifen. So entstehen nach und nach sehr vielfältige Anforderungs- und Arbeitsszenarien.
Die Idee, dass Informatik etwas mit Technologie zu tun hat, halte ich für falsch. Es gibt genug Beispiele dafür, dass Informatikunterricht vollkommen ohne Technologie („unplugged“) funktionieren kann, etwa wenn ich die Lerngruppe Ideen entwickeln lasse, mit welchen Strategien Menschen z.B. nach der Größe sortiert werden können. „Programmieren“ heißt dann schlicht „nur“, diese Strategie zu formalisieren – einfach in ganz normaler Sprache, später in formalisierter – das hilft sogar später beim Deutschaufsatz. Aber im Kern geht es gar nicht darum, sondern um die Konzepte, die z.B. einen Taschenrechner funktionieren lassen.

Klinge: Nun, das klingt sicher für den ein oder anderen spannend – aber letztlich haben doch wenig Schüler ein Interesse daran, eine weitere Fremdsprache zu lernen: Ob das jetzt französisch ist oder Java oder die Grundlagen von Programmen. Als Lehrer leide ich jetzt schon unter dem vollen Plan und der wenigen Zeit. Ein weiteres Fach… Die Kinder haben doch keine Zeit mehr Kinder zu sein.

Riecken: Informatik ist keine Sprache. Informatik ist nicht Programmieren! Wenn wir den Bogen da konsequent weiter spannen: Was ist denn mit Fächern wie Mathe, Chemie, Latein? Lassen wir uns als Gesellschaft davon leiten, ob ausreichend viele Schülerinnen und Schüler Interesse dafür aufbringen (wollen) oder ob Lehrkräfte darunter leiden? Gerade Latein – dieses tote Ding? Ich glaube, dass sehr viele Schülerinnen und Schüler unter diesen Fächern durchaus leiden. Trotzdem diskutieren wir nicht über deren Abschaffung, oder ob diese Fächer frei gewählt werden dürfen. Wenn es damals nach mir gegangen wäre, hätte ich Englisch sofort abgewählt. Heute ist diese Sprache für mich unglaublich wichtig geworden. Latein hingegen hat für mich nur eine sehr geringe Bedeutung. Ich weiß, dass man mir unterstellen wird, mich für einen Kanon einzusetzen, das neue Lernen nicht verstanden zu haben. Wenn ich heute in die Welt schaue, sehe ich kaum Berufe, die ohne digitale Kompetenzen sinnvoll längere Zeit auszuüben sind. Ich sehe weitergehend digitalisierte Zahlungsvorgänge, weitgehend digitalisierte Verwaltungsprozesse – auch in Deutschland – allen Unkenrufen zum Trotz. Ich lese Aussagen von schlauen Leuten in schlauen Feuilletons und denke oft genug: „Was für ein Depp!“ – auf Anwenderebene mag man wohl auf einen recht oberflächlichen Niveau Dinge kommentieren und werten können – eine Ahnung von den technischen Möglichkeiten ist oft nicht einmal in Sicht ohne Grundlagen der Datenverarbeitung zu kennen.

Klinge: Hast du ein konkretes Beispiel?

Riecken: Das smarte Haus ist ein Paradebeispiel für mich. Ein Haus ist ja etwas, in dem man länger lebt. Es gibt zurzeit unzählige Gadgets und Spielzeuge, um das Leben in Eigenheim bequemer zu machen: Elektronische Schließsysteme, Heizungsregelungen, Beleuchtungsartikel, schaltbare Steckdosen, Alarmanlagen etc.. Das Wenigste ist zueinander kompatibel (oder man benötigt spezielle Zwischengeräte, die doch wieder eine Menge Wissen erfordern) und kaum eine Lösung ist so langlebig, dass Updates der Firmware auch über längere Zeit gewährleistet wären. Damit ist das Haus oft in kürzester Zeit ohne Zutun des Besitzers manipulierbar. Die Alternative ist, sich immer wieder neue Gadgets mit den immer wieder gleichen Problemen zu kaufen oder von Anfang an auf Systeme zu setzen, die auf dem ersten Blick viel mehr kosten, auf lange Sicht jedoch sowohl softwaretechnisch als auch konzeptionell und von Zusammenspiel der Komponenten her überzeugen. Mit informatischer Bildung wüsste man in Grundzügen, wie ein Produkt, welches möglichst lange eingesetzt werden soll, prinzipiell designed sein sollte (bei Handwerkszeug und Messern weiß man das ja im Prinzip auch). Und man wüsste, was „kosteneffektiv“ ist und was innerhalb weniger Monate auf irgendeiner Müllhalde in Afrika landen wird – weil z.B. die zugehörige App für das neue Smartphone nicht mehr entwickelt wird.

Klinge: Ich muss gestehen: Das kann ich komplett nachvollziehen.

Riecken: Und, klar kann ich die Welt einfach so benutzen – auch ohne Biologie, ohne Chemie oder Physik und Mathe. Aber irgendwas fehlt dann vielleicht. Und ein recht neuer Teil von Welt scheint mir dann doch der digitale Raum zu sein. Informatik ist die Grundlagenwissenschaft dieses Raumes. Kommen nicht viele politische Regulierungslücken auch durch Unwissen und sehr leichte Beeinflussbarkeit der Verantwortlichen?

Klinge: Auch das kann ich nachvollziehen. Umgekehrt drängt die Wirtschaft darauf, ein gleichnamiges Fach verpflichtend überall einzubinden. SoWi, Erdkunde.. es gibt einen gewaltigen Fundus an Dingen, die wir unsere Kinder gerne lehren möchten. Wo soll man da beschneiden?

Riecken: Wie haben wir als Gesellschaft eigentlich „entschieden“, was wir in Deutsch oder Geschichte „lehren“? Auch darüber lässt sich trefflich streiten. In der Tat ist es ein immenses Problem, wenn die Wirtschaft Inhalte informatischer Bildung bestimmt. Im Falle von Informatik hat dieses „Drängen der Wirtschaft“ deswegen einen Geschmack, weil wir Einflussnahme vermuten und gleichzeitig oftmals keine Ideen haben, was denn da gelehrt werden soll – denn das würde informatische Kompetenzen ebenso erfordern wie medienethische Fragestellungen – Physikunterricht über Atomenergie dürfte in den 70ern anders ausgesehen haben als heute. Der chemischen Industrie werfen wir das Fach Chemie auch nicht vor, eben weil es da Strategien gibt, lobbyistische Tendenzen mehr oder weniger effektiv zu kompensieren. Mit reinem Anwenderwissen wird das im Bereich Informatik eher weniger gut klappen. Ich halte es da mit Günter Dueck: „Man muss nicht überlegen, was man für Informatik denn wegstreichen sollte – das muss man eben auch noch machen!“ Weil die Welt sich eben dahingehend ändert, dass sie komplexer und digitaler wird.

Klinge: Ganz konkret: Findest du, alle Schüler sollten grundsätzlich Informatikunterricht erhalten?

Riecken: Ja.

Klinge: Warum?

Riecken: Weil zukünftig Dinge wie Teilhabe, Souveränität und neutrale Informationsbeschaffung immer mehr von informatischen Kompetenzen abhängig sein werden. Ich hätte aber auch kein Problem damit, wenn das nicht so kommt. Dann wechsle ich halt die Seiten und verdiene ganz viel Geld mit der informatischen Unmündigkeit großer Teile der Gesellschaft. Angesichts der Entwicklung der Altersvorsorge auch keine schlechte Perspektive :o)…

Klinge: Nun, zumindest mein Bild von Informatikunterricht ist nun nicht mehr so antiquiert wie vorher! Mir fällt nichts kritisches mehr ein, aber vielleicht mag der ein oder andere Leser sich in den Kommentaren noch dazu äußern – ich danke dir erstmal für dieses Gespräch!

Auszüge aus Schülerarbeiten auf Socialmedia veröffentlichen

… oder auch z.B. Korrekturtweets mit Zitaten. Ich werde mich jetzt unbeliebt machen, weil ich wahrscheinlich ein Tabu anspreche.

Ich als Elternteil …

Sollte ich bei meinen Kindern erleben, dass (Teil-)Scans oder Zitate, die ich zuordnen kann, öffentlich auf Socialmedia zur Schau gestellt oder diskutiert würden, ginge ich zu allererst zum Vorgesetzten der betreffenden Lehrkraft und – falls das nichts bringt – eine Ebene weiter. Als Elternteil muss ich mich nicht an Dienstwege halten. Ich würde nicht zuerst mit der betroffenen Lehrkraft sprechen. Ich finde, dass dieses Verhalten einiges aussagt, was sofort eine Beschwerde bei höheren Ebenen rechtfertigt.

Ich als Lehrkraft …

… erlebe bei Korrekturen viel Frust. Ich mag diese Arbeit nicht besonders und muss sehr viel Energie aufwenden, um mich bei der Stange zu halten. Ich kann diesen Frust meist nicht direkt mit jemandem teilen, obwohl ich ein großes Bedürfnis danach habe. Aus einem ersten Impuls heraus, neige ich oft dazu, dabei Dinge schreiben zu wollen, die den häuslichen Bereich eigentlich nicht verlassen sollten, durch die ich aber u.U. viel Beachtung erhalte, z.B. durch Menschen, die mir mitteilen, dass sie mich verstehen oder Ähnliches erleben. Deswegen habe auch ich schon Tweets wieder gelöscht. Die Selbstkontrolle (oder etwas negativer formuliert: Selbstzensur) klappt mittlerweile immer besser.

Die Administration …

… sagt, dass Arbeiten von Schülerinnen und Schüler immer auch eine gewisse Schöpfungshöhe haben, also ein Werk gemäß dem Urheberrecht darstellen dürften. Für eine Veröffentlichung – auch in Teilen – bräuchte ich beim Vorliegen dieser Schöpfungshöhe eine Einwilligung des Betroffenen – wenn er noch nicht volljährig ist eben die seiner Erziehungsberechtigten. Weiterhin unterliegen Arbeiten eines Schülers dem besonderen Schutz des Amtsgeheimnisses – insbesondere wenn es sich dabei um benotungsrelevante Texte oder sonstige Klausurauszüge handelt. Es wäre zu klären, inwieweit dieses Amtsgeheimnis durch eine Veröffentlichung von Auszügen gewahrt bleibt – immerhin ist es in manchen Bundesländern sogar explizit untersagt, Ereignisse, von denen ich im Rahmen des Amtsgeheimnisses Kenntnis erhalten habe, literarisch zu verarbeiten.

Die pädagogische Dimension …

„Darf ich Teile deiner Klausur mit meinen Korrekturen und einem Kommentar auf Socialmedia veröffentlichen?“ Lernen braucht in meinen Augen auch geschützte Räume, in denen Fehler folgenfrei bleiben. Ich möchte nicht die Arbeit irgendeines Schülers dem Gebahren auf Socialmedia aussetzen. Für mich ist das ein grober Vertrauensbruch. Die Handschrift eines Menschen ist einzigartig und damit für mich ein eindeutiges, personenbezogenes Merkmal – auch schon in der Grundschule. Zumindest der Betroffene wird seine Schrift wiedererkennen Ich möchte als Schüler nicht in die Lage kommen, meine unvollkommenen Texte irgendwo auch nur in Teilen veröffentlicht zu sehen. Mir reicht das, was ich hier schon teilweise an „gut gemeinten“ Berichtigungen als Zusendungen erhalte (nicht in der Sache, aber oft genug im Tonfall).

Wann habe ich Schülerarbeiten veröffentlicht?

Beide Punkte müssen für mich zutreffen:

  1. Ich habe den Schüler vorher gefragt.
  2. Ich bin mir sicher, dass die Leistung des Schülers entweder positiv dargestellt ist oder der Kontext einen Erkenntnisgewinn für Dritte bietet, den ich dem Schüler vermitteln kann.

Hier lagern auf verschlüsselten Festplattenbereichen noch diverse Schätze: Freie Reden mit viel Witz, außerordentliche Texte, Bilder aus dem Unterricht, Fotos von Standbildern usw.. Alles gäbe wunderbare und lehrreiche Blogartikel ab. Für mich. Aber um mich geht es in diesem Falle eher ganz viel weniger.

10 Pflichtfach Informatik \n 20 goto 10

Ich halte ein „Pflichtfach Informatik“ für unverzichtbar. Auf Twitter wird Ludger Humbert nicht müde, immer wieder und wieder danach zu rufen, wobei die Penetranz, mit er er diese Forderung vorträgt, weit über die von z.B. Jean-Pol Martin implizit als notwendig erachtete hinausgeht.

Diese Dauerschleife führt im Wesentlichen zu drei Reaktionsmustern:

  1. Man erträgt sie nicht mehr und blockt oder mutet.
  2. Man erwidert, dass man ja auch nicht ein Auto verstehen müsse, um es zu bedienen.
  3. Man erwidert, dass man ja auch nicht ein Auto verstehen müsse, um es zu bedienen und blockt oder mutet dann.

Eigentlich findet damit eine Auseinandersetzung auf zwei Ebenen statt: Eine emotionale und eine rationale. Wenn ich in der Beratung etwas nicht will, versuche ich genau auf zwei Ebenen Ablehnung zu erzeugen: Emotional und rational, wobei die erste Ebene wesentlich wichtiger ist.

Ohne Blumenfilter: Die Art und Weise, wie diese Forderung vorgetragen wird, sorgt m.E. eigentlich erst dafür, dass man ihr keine oder allenfalls negativ besetzte Beachtung schenkt.

Die rationale Ebene der Autoanalogie ist für mich allerdings eine nur vordergründig rationale, die wiederum viel mit dem jeweils zugrunde liegenden Kompetenzbegriff zu tun hat. Vermeintlich als Synthese schleicht sich zusätzlich der Begriff der Medienkompetenz in die Debatte, wobei ich denke, dass es keine wie auch immer geartete Medienkompetenz ohne informatische Bildung geben kann. Aber langsam.

Medienkompetenz ist sexy, denn:
  1. Medienkompetenz ist vordergründig ohne technisches Wissen vermittelbar.
  2. Medienkompetenz lässt sich am ehesten in bestehende Fächer integrieren – das ist administrativ sehr sexy, weil es realistischer erscheint, als ein weiteres Fach zu schaffen, was ggf. zu Lasten anderer Fächer geht.
  3. Medienkompetenz fällt digital affinen Menschen quasi im Vorbeigehen zu oder wird oftmals intrinsisch motiviert erworben, weil es z.B. Vorteile für den eigenen Unterricht bietet oder geeignete, sich selbst bestätigende Filterbubbles dafür gibt.

Der Medienpädagoge sagt:

„Wenn du XY schon nutzt, dann empfehle ich die und die Profileinstellungen, damit bestimmte Informationen nicht sofort Dritten zugänglich werden.“

Informatik ist so gar nicht sexy, denn:
  1. Sie hat etwas mit algorithmischen Denken zu tun, wovon „Programmierung“ nur ein winziger Bruchteil ist. Algorithmisches Denken zwingt sehr viel an Strukturen auf. Das ist oft wenig lustbesetzt, wenn man es nicht kennt. Auch Qualitätsmanagementzyklen sind im Prinzip algorithmisch: Evaluation => Zielsetzung => Planung => Umsetzung von Maßnahmen => Evalulation … (Ok. Manchmal ist das ja auch zum Kotzen)
  2. Es haftet dieser Disziplin immer noch ein Mythos von langhaarigen, weißhäutigen, pizza- und energydrinksverschlingenden Subjekten an, die sich ansonsten in Serverschränken von Bits und Bytes ernähren. Dabei wird gerne vergessen, dass z.B. Socialmedia nicht ein Produkt von Philosophen und Pädagogen ist und dass große Softwareprojekte von Teams und sozialen Umgangsregeln geprägt sind, von denen wir auf Socialmedia oftmals nur träumen.
  3. Sie bedroht Pfründe. Welcher engagierte Pädagoge möchte von seinem Fach etwas abgeben? Und dann noch für ein Fach mit so zweifelhaftem Nutzen? Denn: Autofahren kann man ja auch so (auch so eine Dauerschleife).

Der Informatiker sagt:

„Wenn du XY nutzt, solltest du folgende Angaben nicht machen und dir darüber im Klaren sein, dass es keine Löschfunktion gibt (obwohl sie so heißt), sondern nur die Möglichkeit, die Sichtbarkeit von Informationen temporär einzuschränken.“

Das Autoargument

… könnte auch lauten: Ich muss nichts über Chemie wissen, um Kosmetik zu benutzen. Oder: Ich brauche kein Wissen über Erkunde, um eine Reise zu unternehmen. Trotzdem „leisten“ wir uns beide Fächer, obwohl oder gerade weil diese beiden Aussagen stimmen.

Wir leisten uns diese Fächer, weil wir annehmen (ja, es ist eine Annahme), dass diese umfassende Konzepte vermitteln, die uns in unserer Welterfahrung und Berufsfindung nützlich sind.

Bezogen auf Informatik: Was erleben wir denn gerade und beschreiben es ja auch wieder und wieder in der Filterbubble? Richtig: Den enormen Einfluss der Digitalisierung auf Wirtschaft und Gesellschaft. Genau wie die Atome und Moleküle Grundkonzepte beim Aufbau von Materie beschreiben, beschreibt Informatik eben Grundzüge digitaler Strukturen. Wenn wir Grundzüge nicht vermitteln wollen, so müssen wir konsequenterweise alle Fächer abschaffen.

Das Autoargument beschreibt kein Grundkonzept. Es beschreibt einen winzigen Teil von Mobilität, der zudem immer unwichtiger werden wird. Daher kann man es m.E. gegen die Forderung nach einem Pflichtfach Informatik nicht in Stellung bringen.

Ebenso wenig wie ich heute weiß, wie der Zitronesäurezyklus genau abläuft, weiß ich durch Informatik später nicht, wie ein Rechner funktioniert, aber ich habe Grundzüge der Datenverarbeitung kennengelernt, die sich genau wie der Zitronensäurezyklus nicht großartig ändern.

Das Emotionale am Autoargument

Es ist uns Anwendern eigentlich klar, dass wir sehr wenig wissen. Weiterhin ist uns klar, dass dieses Unwissen Konsequenzen haben wird. Ansonsten würden wir von z.B. der Politik nicht so vehement fordern, dass sie z.B. bestimmte Dinge regulieren soll, z.B. Amazon oder Facebook. Und es ist uns noch etwas klar: Während wir das Lernen lange Zeit auf jüngere Generationen abschieben konnten, klappt das mit mit dem Lernen hinsichtlich des Digitalen eher nicht so gut, da diese Veränderung uns alle betrifft und uns daher auch alle fordert – vor allem auch auf dem Gebiet ethischer Grundsätze, die es für Digitalien neu zu schreiben und zu definieren gilt. Das ist schwierig, wenn ich nur ahnen kann, was generell möglich ist. Dann kommt da z.B. sowas wie Vectoring heraus.

Das ist zusätzlich sehr unangenehm und gar nicht bequem. Das sollen doch besser die langhaarigen, weißhäutigen, pizza- und energydrinksverschlingenden Subjekte machen. Wir wollen anwenden und benutzen. Dummerweise bestimmen damit die langhaarigen, weißhäutigen, pizza- und energydrinksverschlingenden Subjekte bzw. ihre Firmen grundlegende Strukturen auf Basis marktwirtschaftlicher Konzepte. Ich finde diese Vorstellung irgendwie blöd.

Kompetenzgeseier als Ausweg?

Die Vermittlung von Medienkompetenz ist im Extremfall nichts weiter als die Weitergabe autodidaktisch erworbener Anwenderkenntnisse bzw. gemachter Erfahrungen innerhalb von Socialmedia. Sie ist ohne Zweifel wichtig und sollte Teil in jedem Fach sein. Sie lässt sich aber auf Basis von Wissen über informatische Grundkonzepte m.E. viel fundierter und tragfähiger vermitteln. Die fiktive Aussage des stereotypen Informatikers oben eröffnet erweiterte Handlungs- und Bewertungsmuster gegenüber der stereotypen medienpädagogischen Position (wobei beides natürlich nur Beispiele zur Veranschaulichung sind).

Der Kompetenzseierer würde jetzt einwenden, dass informatisches Wissen ja auch veralte und damit eher Kompetenzen zum selbstständigen Erschließen des informatischen Wissens vermittelt werden sollten. Damit macht er einerseits den Dualismus zwischen Kompetenz und Wissen auf, den er den Kompetenzkritikern gerne vorwirft. Und er öffnet andererseits Systemen (z.B. Lobbyisten) Tor und Tür, den den Bereich der Informatik dann eben auf ihre Weise besetzen, denn Menschen in Ausbildung ahnen ja schon ein wenig, dass es in diesem Bereich Entwicklungsmöglichkeiten im späteren Leben gibt.

Das Argument mit dem „schnell veraltetenden Wissen“ finde ich darüber hinaus auch einigermaßen merkwürdig. Genau wie mathematische oder chemische Konzepte einigermaßen konstant verlässlich sind und den Kompetenz- und Wissenserwerb in beiden Disziplinen sowohl strukturieren und letztendlich dadurch auch erleichtern, gibt es auch in der Informatik allgemeingültige Strukturen wie etwa die Zerlegung eines Problems und Teilschritte. In den Geisteswissenschaften sind diese Strukturen naturgemäß weniger eng bzw. formal bestimmt ausgeprägt, aber dennoch vorhanden.

Fazit

Medienkompetenz ist erstmal besser als nichts und vielleicht auch der zunächst pragmatischere und bequemere Weg. Wenn wir jedoch in einer zunehmend digitalisierten Welt leben, wird ein Grundlagenfach wie Informatik für mich jedoch unverzichtbar, auch wenn die Forderung danach vielleicht unrealistisch und unbequem erscheint. Und nein: Informatik heißt nicht „programmieren lernen“. Es heißt viel mehr.

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