Auswärts essen

Wer den aktuellen Artikel von mir lesen möchte, muss diese Woche auswärts essen. Ich habe eines meiner Herzensthemen verwurstet: Das Verhältnis von Vision und Praxis. Es toben dort in den Kommentaren philosophische Diskussionen, die sich für mich weit weg vom eigentlichen Thema bewegen – aber immer wieder spannend sind. Meine – sehr verkürzte These: Visionen, die von außen an eine Schule herangetragen werden, sind Entwicklungsverhinderer, da oft nicht einmal im Keim umsetzbar… Aber ich habe es netter verpackt!

Macht eine Technologie wie LTE ein Netzwerk in der Schule überflüssig?

In Schulen eigene, teure Netzwerkinfrastruktur aufzubauen sei irgendwann überflüssig, da schließlich mit UMTS und LTE neue Technologien zur Verfügung stünden, die in absehbarer Zeit jedwede eigene technische Installationen überflüssig machten – dieses Argument höre ich sehr häufig im Netz und lese es auch gelegentlich in ernstzunehmenden journalistischen Texten.

Ich bin kein Spezialist für Kommunikationstechnik, möchte aber dennoch begründen, warum ich dieses Argument von einem heutigen Standpunkt aus nicht gelten lassen will. Dazu muss ich etwas ausholen:

LTE und UMTS sind sogenannte Shared-Medien, d.h. alle Nutzer einer Funkzelle auf einem Sendemast teilen sich die maximalen Bandbreiten, die mit diesen Funktechnologien möglich sind. Der Datentransport bei UMTS und LTE ist ziemlich genial gelöst, so dass das erstmal nicht so auffällt. Ein gutes Bild dafür findet sich in diesem Artikel:  LTE und UMTS-Masten senden ein Frequenzmischmasch, was mit den Stimmen auf einer WG-Party vergleichbar ist. In diesem Unterhaltungsbrei werden simultan unglaublich viele Informationen ausgetauscht. Der Umfang dieser Klangmenge ist begrenzt durch die Anzahl der Sprechenden, die akkustische Verhältnisse und die Gesamtlautstärke. Um eine bestimmte Information aus diesem Unterhaltungsbrei herauszuhören, muss ich mich auf die Stimme und das Gesicht eines Menschen konzentrieren.

Ein Handy oder Pad mit UMTS-Modul „konzentriert“ sich nicht auf Stimmen, aber es erkennt die für sich bestimmten Pakete („Worte“) in diesen Frequenzbrei an einem Schlüssel, den es vorher mit der Basis ausgehandelt hat. Je mehr Teilnehmer „zuhören“, desto mehr muss verschlüsselt und entschlüsselt werden und desto niedriger ist die zu Verfügung stehende Bandbreite.Die Übergabe an eine andere Funkzelle ist wegen der Verschlüsselung technisch nicht trivial – daher stockt heute schon im UMTS-Betrieb gerne mal der Datenstrom im Zug.

Die Einstiegsklasse bei LTE beträgt etwa 21Mbit/s. Das entspricht etwa 1/50 der heute mit günstigen Schraddelkabelnetzen erreichbaren Geschwindigkeit. Surfen 25 SuS in einem Raum mit ihren Pads, bleibt für jeden eine Bandbreite von 0,84Mbit/s, also etwa DSL768. Macht das unsere Schule mit der Hälfte (700) der Schüler gleichzeitig, sind es noch 0,03Mbit/s – also etwa Modemgeschwindigkeit. Allerdings unter folgender Idealisierung:

  • es entsteht kein Overhead durch die Verschlüsselung/Protokollfehlerkorrektur
  • die Verhältnisse erlauben die Verbindung mit Maximalspeed
  • die Geräte stören sich nicht gegenseitig
  • in der Funkzelle ist niemand außer den SuS unterwegs

Mit einem billigen Schraddelnetzwerkkabel und x Accesspoints der neusten Generation (ca. in einem Jahr), erreichen unsere 700 Schüler eine Geschwindigkeit von 1,4Mbit/s – garantiert. Das reicht für HD-Material durchaus aus – wenn es gut kodiert ist. Und es geht schon heute – nicht erst wenn der LTE-Ausbau vorangeschritten ist. Voraussetzung ist hier natürlich auch wie beim Mobilfunksendemast ein geeignet dimensionierter Uplink ins Netz.

Man kann das dadurch lösen, dass man mehr Funkzellen baut, stößt dabei aber auch irgendwann an Grenzen, da der für UMTS und LTE nutzbare Frequenzbereich schmal ist und unter mehreren Mitbewerbern auf dem Markt aufgeteilt werden muss. Zudem eignet sich für Mobilfunkanwendungen eben nicht jeder Frequenzbereich gleichermaßen gut.Die Strahlenbelastung sinkt übrigens paradoxerweise durch den Aufbau weiterer Masten. Handys funken dann am stärksten, wenn sie auf dem letzten Balken röcheln.

Die Geschwindigkeitszuwächse im Mobilfunkbereich der letzten Jahre sind im Vergleich zum klassischen WLAN- und LAN-Bereich eher niedlich. Gerade in der Glasfaser steckt erhebliches Potential. Noch nicht im Ansatz ausgeschöpft sind die Möglichkeiten von Ad-Hoc-Netzen, die es zurzeit nur zu horrenden Preisen als fertige Lösungen oder eben gebastelt mit frickeligen Clienteinstellungen gibt, die dann niemand versteht.  Ich stelle mir den Unterricht der Zukunft schon mit qualitativ hochwertigen und damit bandbreitenhungrigen Medien vor. Video- und Audiokonferenzen mit anderen Schulen auf der Welt wären doch auch was.

In Zeiten von ACTA möchte ich zudem nicht auf rein cloudbasierte Lösungen angewiesen sein und eine großer Vertrag (Internetuplink) kommt in der Regel immer günstiger als 1400 kleine Einzelverträge.

Wäre UMTS/LTE wirklich eine Lösung, würde ich heute in Betrieben Femtozellen erwarten. Die gibt es, z.B. bei Google. Aber dort übertragen sie Telefongespräche und keine Multimediadaten. Wäre UMTS/LTE für die lokale Anbindung von Geräten an das Internet eine nachhaltige Lösung, wären doch große Player die ersten, die so etwas nutzen.

Vielleicht spielt bei den LTE-Hoffnungen eher hinein, dass an Schulen extrem schlechte Erfahrungen mit den Netzwerken gemacht werden. Das liegt aber an anderen Dingen, z.B. an der Auslegung derselben. Klar funktioniert UMTS/LTE super – aber selbst ein GSM-Netz bricht zusammen, wenn viele Endgeräte auf engem Raum zusammenkommen. Und dann gibt es keinen Schulträger, den man fragen kann, sondern einen Technologiepartner aus der Wirtschaft, an den man selbst und die SuS mit Zeitverträgen gebunden ist. Meine Definition von Freiheit sieht da anders aus.

Die Entwicklung in diesem Bereich geht weiter – klar. Unglaublich viel habe ich hier unglaublich vereinfacht dargestellt. Aber auch die Physik wird weiter gelten. Frequenzen sind unglaublich wertvoll und gehen für Milliarden über den Tisch. Nicht nur internetbasierte Dienste schielen auf Geschäftsmodelle auf Basis von Kommunikationsnetzen.

Medienpädagogische Beratung in NDS

Ich bin medienpädagogischer Berater am NLQ hier in Niedersachsen geworden. Letzte Woche hatten wir unsere erste Veranstaltung in Verden, um einander zu beschnuppern, Arbeitsschwerpunkte zu bestimmen und um uns insgesamt in der Medienberatung etwas zu orientieren. Insgesamt sind wir acht „Neue“, davon drei hier im Bereich meines Dienstortes. Ohne genau zu wissen, wie ich mich irgendwann in dieser Struktur verorten werde – das verlangt übrigens in der ersten Zeit auch niemand, habe ich natürlich Ideen und auch Verpflichtungen, in z.B. sogenannten AGs und Regionalkonferenzen mitzuarbeiten, die natürlich auch eine Reisetätigkeit mit sich bringen werden. Immerhin bin ich genau dafür einen Tag in der Woche vom Unterricht freigestellt.

Ein Stammsitz von mir wird aller Wahrscheinlichkeit nach das lokale Medienzentrum werden. Historisch haben Medienzentren Filme und Tonmedien mit den entsprechenden Rechten eingekauft und an Bildungseinrichtungen weiterverliehen. Das ging natürlich über 16mm-Filme über Videos bis hin zu DVDs. Im Zuge der freien Verfügbarkeit vieler Medien kommen auf die Medienzentren andere Aufgabenfelder zu, sie werden sich mittelfristig neu verorten müssen un die Richtung is gar nicht so klar:

  • Geht es um Qualifizierung im Bereich neuer Medien (digitale Tafeln, Web2.0?
  • Geht es darum, konkrete Servicedienstleistungen (z.B. Hosting) für Schulen anzubieten?
  • Geht es darum, die Bandbreite an ausleihbaren Medien zu vergrößern? (bei meinem Medienzentrum kann vom digitalem Recorder bis hin zu PA- und Lichtanlagen fast ales ausgeliehen werden)
  • Geht es darum Schulen hinsichtlich der Konzeption von Netzwerken und IT-Anschaffungen zu beraten?
  • Geht es darum, Kooperationen mit IT-Servicedienstleistern aufzubauen, damit Schulen das machen können, was sie sollen: Guten Unterricht?
  • […]

Für alle diese Wege gibt es Deutschland und auch hier in Niedersachsen hervorragende Beispiele. In meiner Region gibt es eigentlich „nur“ ein sehr gut ausgestattetes Medienzentrum mit einem Team von netten Menschen, die etwas bewegen wollen. Ein wenig scheinen wir hier jedoch vor IT-Brachland zu stehen: „Der Arm der niedersächsischen Medienberatung reichte bisher nicht zu euch, änder‘ das mal!“. Ich mag solche unklaren Situationen sehr, sehr gerne, weil in ihnen der Keim des Anfangs und Freiheit bei der eigenen Verortung liegt.

Verlorene Links – Teil 9

  1. Es gibt einen deutschsprachigen OpenCourse zur Zukunft des Lernens. Ich habe dieses Format bis heute  nicht begriffen. Ich bin zu doof dazu oder zu unfähig, mich dafür zu begeistern. Es ist nicht verbindlicher als das schon bestehende Twitter/Facebook/Blog-Setup der deutschen EduSzene, es verwendet die gleichen Tools, es beackert die Themen, die auf EduCamps immer wieder F2F diskutiert werden – ich begreife den Mehrwert und die teilweise große Euphorie bei sonst eher gemäßigten Menschen darüber nicht. Ist es mehr als Wasmanie? Man ringt auch goethisch nach Begriffen:„Da du nun Suleika heißest, Sollt‘ ich auch benamset sein“ (Westöstlicher Divan, Suleika Nameh, Einleitung). Ist es so toll, weil es teilweise über eine Uni organisiert ist und so einen Wissenschaftsanstrich erhält? Der Fontanefan konstituiert gerade die wasmatische Selbstreflexivität als das Neue und Sinnstiftende an diesem Format. Auf jeden Fall konstituiert sich die Sache erst (ungeduldiger Herr Riecken, ungeduldiger) und ich beobachte weiter…
  2. Christian Füller tweetet:  „ciffi christian füller erklärt heute in Tucho-Biblio das paradox, dass man weiß, wie #guteschule geht, aber nicht, wie man sie MACHT pisaversteher.de“ Vielleicht bloggt er dazu ja auch noch. Mein erster Impuls war, dass diese Position für einen Schulkritiker natürlich absolut prima ist: Er bestimmt, was gute Schule ist. Bei Fragen nach der (flächendeckenen) Realisierbarkeit kann kann sich stets auf das Paradoxon berufen. Erinnert mich ein bisschen an die Logik vereinzelter Fachleiter: „Ich weiß, was eine gute Stunde ausmacht – aber wie man sie MACHT hängt eben von mehreren Faktoren ab, die sich nicht klar benennen lassen, Herr Riecken!“ Ist vielleicht paradox, dass ich das nie verstanden habe.
  3. Jean-Pol Martin MACHT derweil. Elli auch. Wie immer. Danke.
  4. Herr Rau macht einen synopsenartigen Vergleich zwischen KuMi-Sprech und Lehrerverbands-Sprech mit einer selten emotionalen Überschrift – zum Totlachen. Das ganze Leben besteht aus Wahrnehmungen und problematisch scheint es zu werden, wenn beiden Seite ihre Wahrnehmung als die wahre Wahrnehmung ansehen.
  5. Schon etwas älter – aber für mich in meiner Arbeit als Lehrender immer wieder wichtige Impulse eines Datenschützers, die auch der Auslöser für einige Umstellungen in meinem Blog waren. Das klappt für mich übrigens wunderbar: Ich erhalte den gleichen Spamschutzlevel und einen viel hübscheren Output des Statistiktools.

Hier liegen schon wieder mindestens zehn Artikel angedacht in meinem Kopf herum – allen voran das Projekt meiner 11er mit dem örtlichen Waldkindergarten, was mich in meinem abkorrigierten Zustand (zentrale Chemieaufgaben: AAAAAAARGHH…..) wieder ein wenig in den Flow zurückgebracht hat. Wenn ich die Zustimmung von einigen Menschen habe, erzähle ich noch mehr davon – und natürlich gehört ja auch ein kollaborative Projektdokumentation dazu – vielleicht sogar öffentlich. Demnächst kommt etwas zur Nernstschen Gleichung – dank des LaTeX-Plugins kann ich endlich hier auch mit Formelsatz herumprollen…

Verlorene Links – Teil 8

  1. Bei Herrn Schwarzmüller wird ernsthaft diskutiert, als Lehrer ein eigenes Lehrbuch zu schreiben. Im Netz. Ohne Verlag. Ohne Seitenvorgaben, ohne Verkauf der Rechte. Ohne Profit. Aus Spaß und weil es geht halt.
  2. Schülerinnen und Schüler der Neumatt-Schule haben sich an einem Schülerwettbewerb der EnBW beteiligt – allerdings etwas anders, als es sich die EnBW wohl vorgestellt hat. Unbedingt lesens- und schauenswert. Spon hat das Ganze tatsächlich Tage später auch mitbekommen…
  3. Lehrer haben Schuld. Das stellt neben der TAZ auch diese Woche die Zeit fest. Spannender als der in meinen Augen recht mäßige Artikel sind die sich daran anschließenden Diskussionen.
  4. Wussten Sie es schon? Manche Apps übertragen Geodaten nach Hause. Android natürlich auch. Ein Aufschrei… Mich würde es nicht wundern, wenn genau dies in den Lizenzverträgen der jeweiligen App steht. Und auf Twitter habe ich diese Woche Menschen über PMS und dem Sinn von Monogamie schreiben sehen. Was ist dann noch das Problem an Geodaten? Siehe auch hier… Aber bitte später nicht herumheulen, wenn aufgrund solcher Daten der Kreditvertrag platzt, der Typ/die holde Maid an der Bar nicht einmal ein Gespräch beginnt oder der Arbeitgeber abmahnt, weil man mit 40 Fieber vielleicht doch nicht in Mainz sein sollte, so man eigentlich in Kiel wohnt.
  5. Timo Off fragt sich, warum man als Schulleiter bloggen sollte. Ich habe gerade im Auftrag einen Facebookaccount für unsere Schule erstellt, traue mich jedoch noch nicht, die Daten ohne ein bisschen Zeit und Ruhe zum Erklären von Social Media weiterzugeben. Ich glaube, dass man als Schule sowohl beim Bloggen als auch bei der Social-Media-Nutzung zumindest ein bis zwei Gedanken zum Thema Motivation und mögliche Ziele verschwenden sollte. Aber ich bin ja eher auch ein Digital Visitor…
  6. Ansonsten stehe ich diese Woche einigermaßen verwundert neben dem Dueck-Hype. Das ist vielleicht einmal einen eigenen Artikel wert. Ich kann mit vielen Schlussfolgerungen so gar nichts anfangen, auch wenn es in der (web-)öffentlichen Meinung „der Vortrag“ auf der diesjährigen re:publica war.

Ansonsten wünsche ich allen Leserinnen und Leser frohe Ostern… Schön, dass so viele von euch über die Feiertage vermehrt in der Hardwarewelt und nicht im Netz bzw. hier auf dem Blog unterwegs sind…

1 2 3 4 5 15