Cyrano de Bergerac (Edmond Rostand) – eine Theateraufführung am CAG

„Nie­mand zün­det ein Licht an und setzt es in einen Win­kel, auch nicht unter einen Schef­fel, son­dern auf den Leuch­ter, damit, wer hin­ein­geht, das Licht sehe“ , ist uns gesagt im Evan­ge­li­um des Lukas im Kapi­tel 11, Vers 33.

Das Mus­ke­tier Cyra­no (Anne Wig­bers) hat sich unsterb­lich in Roxa­ne (Tina Schuck­mann) ver­liebt, einem Mäd­chen von unbe­streit­ba­rer Schön­heit und Anmut. Er ist selbst zu der Zeit, zu der das Stück „Cyrano de Bergerac“ von Egmond Rostand spielt, ein Mann der alten Schu­le. Kühn und mutig im Kampf, hoch­ge­ach­tet von sei­nen ihm anver­trau­ten Kadet­ten (Anja Bel­ke, Jan­na Mey­er, Judith Twen­hö­vel, Kat­rin Weil­bach, Ste­fa­nie Bitt­ner) hat ihn der Herr­gott zusätz­lich mit lyri­schen Fähig­kei­ten und sprach­li­cher Gewandt­heit geseg­net – Vor­zü­ge, die ihm die Zunei­gung einer jeden Dame besche­ren müss­ten, da sie roman­ti­sche Asso­zia­tio­nen zu den alten rit­ter­li­chen Tugen­den auf­kom­men las­sen.

So sehr sich in der Figur Cyra­no dem Zuschau­er nach innen ein galan­ter Cha­rak­ter, ein Che­va­lier, ein leuch­ten­des Licht geis­ti­ger und gesell­schaft­li­cher Fähig­kei­ten prä­sen­tiert, so harsch und eigen­wil­lig ver­hält sich das Mus­ke­tier gegen­über der Außen­welt. Stets zu einem Duell auf­ge­legt zieht er nicht nur ein­mal den Unmut sei­nes Vor­ge­setz­ten Graf Guiche (Bar­ba­ra Hachmöl­ler) auf sich. Sei­ne viel wahr­haf­ti­ge­re fei­ne Innen­sei­te prä­sen­tiert er nur sei­nem engs­ten Ver­trau­ten Le Bret (Mari­na Sie­mers).

Ursa­che für die­ses ambi­va­len­te Bild ist ein kör­per­li­cher Makel Cyra­nos: Er besitzt eine mons­trö­se Nase. Bemer­kun­gen – und sei­en sie noch so klein – über die­ses Kör­per­teil bekom­men denen, die sie aus­ge­spro­chen haben, meis­tens nicht gut. Gleich­wohl ver­folgt ihn der Spott sei­ner Mit­men­schen hin­ter der vor­ge­hal­te­nen Hand.

Sei­nes äuße­ren Man­gels ein­ge­denk leiht Cyra­no sei­ne lite­ra­ri­schen Fähig­kei­ten dem jun­gen, uner­fah­re­nen Schön­ling Chris­ti­an de Neu­vil­let­te (Dani­el Tie­mer­ding), der nun an Cyra­nos statt um die Ange­be­te wer­ben soll. Cyra­no möch­te durch ihn zu sei­ner Roxa­ne spre­chen, er möch­te durch ihn sei­ne Brie­fe, sei­ne Gedan­ken, sei­ne Gedich­te über­bracht sehen, da er sich selbst ob sei­nes opti­schen Makels zu gering für ein direk­tes Wer­ben erach­tet.

Tat­säch­lich geht der Han­del schein­bar auf: Roxa­ne ist hin­ge­ris­sen von den ver­meint­li­chen Brie­fen Chris­ti­ans, der jedoch in tat­säch­li­chem Kon­takt mit ihr erstaun­lich wenig Schön­geis­ti­ges zu sagen weiß, wenn es ihm nicht durch Cyra­nos Mund souf­fliert wird. In einer Bal­kon­sze­ne in der Tra­di­ti­on Rome­os und Juli­as wird die Ein­sei­tig­keit des Han­dels offen­bar: Cyra­no spricht mit sei­ner Stim­me anstel­le von Chris­ti­an in Dun­keln – Chris­ti­an erhält jedoch den beloh­nen­den Kuss.

Ver­wi­ckelt geht die Hand­lung wei­ter, in der Cyra­no mehr als ein­mal Chris­ti­an in sei­nem Wer­ben unter­stützt, ja sogar die Hoch­zeit der bei­den orga­ni­siert, um eine Ver­mäh­lung „seiner“ Roxa­ne mir Graf Guiche zuvor­zu­kom­men. Wäh­rend die­ser Zeit wird sich Chris­ti­an sei­nes eige­nen Makels mehr und mehr bewusst: Sein Inne­res kann sich mit dem Cyra­nos nicht mes­sen. Er ist cha­rak­ter­lich nicht der Mann, den Roxa­ne durch den Betrug der bei­den in ihm sieht.

Chris­ti­an stirbt als jun­ger Kadett im Krei­se der übri­gen Sol­da­ten und Haupt­mann Car­bon (Nico­la Hachmöl­ler) auf dem Feld in Cyra­nos Obhut – Cyra­no ent­hüllt die Wahr­heit nicht. Roxa­ne geht dar­auf­hin in ein Klos­ter – Cyra­no ent­hüllt die Wahr­heit über Jah­re nicht, um Roxa­ne der Illu­si­on einer per­fek­ten Lie­be nicht zu berau­ben. Dass er sie dadurch unemp­fäng­lich für jed­we­des neue Lie­bes­ge­fühl und damit erst rich­tig lei­dend macht, muss erst durch einen Zufall auf­ge­deckt wer­den – doch da ist es zu spät, denn Cyra­no, gram­zer­fres­sen, und mit nichts außer sei­nen lite­ra­ri­schen Fähig­kei­ten aus­ge­stat­tet, stirbt thea­tra­lisch im Moment der beid­sei­ti­gen Erkennt­nis. So muss die Aus­spra­che der bei­den nach dem Tod im Engels­ge­wand, aber den­noch auf der Büh­ne vor Publi­kum erfol­gen.

Die schwie­ri­ge und dich­te Spra­che des Stü­ckes ist durch­ge­hend gereimt und durch­zo­gen von Sprach­witz. Das immens hohe Spiel- und damit auch Sprechtem­po stell­te die Zuschau­er vor nicht immer leich­te Auf­ga­ben – stets sorg­te der Witz der Spra­che jedoch für ein Schmun­zeln oder gar einen Lacher. Ein gereim­tes Rezept des Kochs Rague­ne­au (Jan Schul­te) bot hier­bei einen der Höhe­punk­te, wenn­gleich sei­ne Frau Lise (Lui­se Bus­se) sich davon unbe­ein­druckt zeig­te und lie­ber mit einem Mus­ke­tier (Lin­da Amme­rich) anban­del­te. Unfass­bar schien mir hin und wie­der die erfor­der­li­che Leis­tung der Schü­le­rin­nen und Schü­ler im Hin­blick auf die Text­si­cher­heit – das Stück besitzt wahr­lich nicht wenig Text.

Beein­dru­ckend zu sehen war wei­ter­hin, wie das gesam­te Ensem­ble die Büh­ne auch in den ver­meint­li­chen Neben­rol­len stets mit hin­ter­grün­di­gem Leben füll­te. Ein Taschen­dieb (Con­stan­ze Arnold), zwei Kin­der (Fidan Mut­lu, Lin­da-Maria Meh­nert), Roxa­nes Beglei­te­rin Duen­na (Frie­de­ri­ke Arnold), ein Mönch (Jonas Strick­ling) und eine Büfett­da­me (Ste­fa­nie Nie­haus) reiz­ten mit ihrem Spiel stets dazu, auch ein­mal an den Haupt­cha­rak­te­ren vor­bei­zu­schau­en und Sei­ten an mei­nen Schü­lern zu ent­de­cken, die mir als Leh­rer bis­her nicht auf­ge­fal­len sind. Vie­le aus dem Ensem­ble spiel­ten zusätz­lich wei­te­re Neben­rol­len.

Musi­ka­lisch beglei­tet und authen­tisch atmo­sphä­risch unter­stützt wur­de die Auf­füh­rung durch die Musik-AG, nament­lich durch Hen­rie­ke Wem­pe (Quer­flö­te, Kla­vier, Nasen­f­lö­te), Johan­nes Rol­fes (Gitar­re, gro­ße Trom­mel), Ana­sta­sia Tro­fimt­schuk (Vio­li­ne, gro­ße Trom­mel) und Ant­je Marx (Vio­la, Sopran­block­flö­te, Bon­gos, Marsch­be­cken, Trom­mel u.a.).

„Wir sind irgend­wann an den Punkt gekom­men, an dem wir fest­stell­ten, dass wir das Stück nicht spie­len kön­nen, wenn wir es nicht voll­stän­dig verstehen“, berich­te­te Hubert Gel­haus (gemein­sa­me Regie­füh­rung mit Chris­tia­ne Johan­nes) mir in einem Gespräch auf dem Weg ins Leh­rer­zim­mer. Gesprä­che mit wei­te­ren Mit­wir­ken­den über das Stück lie­ßen auf noch viel mehr Kri­sen­mo­men­te wäh­rend der Gene­se die­ser Auf­füh­rung schlie­ßen. Immer wie­der ging es in die­sen Gesprä­chen um die Suche nach der eigent­li­chen The­ma­tik die­ses Stü­ckes, die offen­bar eng mit der Suche nach geeig­ne­ten Wegen zum Ein­stu­die­ren des Wer­kes ver­bun­den war. Für manch einen scheint die Beschäf­ti­gung mit dem Stück sogar zum Initia­tor für grund­le­gen­de per­sön­li­che Ver­än­de­rungs­pro­zes­se gewor­den zu sein. Dabei ist Cyra­no de Ber­ge­rac doch nur ein Buch, ein Stück ver­gilb­tes Reclam­pa­pier, Lite­ra­tur, die auch in einem Ober­stu­fen­kurs Deutsch durch­aus ihren dort viel­leicht lang­wei­li­gen Raum haben könn­te.

Wenn ein Ober­stu­di­en­di­rek­tor sich auf einer Abitur­fei­er absicht­lich ver­spricht und Anne Wig­bers als „Cyrano“ auf­ruft, so ver­wech­selt er in die­sem Moment die Begrif­fe Per­son und Figur. Denn wäh­rend der Auf­füh­rung stan­den dort auf der Büh­ne kei­ne Cyra­nos, weil das Licht eines jeden aus dem Ensem­ble strahl­te. Mehr noch: Der Ori­gi­nal­text schließt mit Cyra­nos Tod – die „Engelszene“, die wir Zuschau­er als Schluss des Stü­ckes erle­ben durf­ten, ist Ergeb­nis eines lan­gen Rin­gens der Thea­ter-AG um eine Deu­tung und gleich­zei­tig ihre Bot­schaft an das Publi­kum. Im fes­ten Glau­ben an ihre Fähig­kei­ten trau­ten sie sich, dem Publi­kums trotz bestimmt vor­han­de­ner indi­vi­du­el­ler Makel und Zwei­fel ihre Inter­pre­ta­ti­on des Stü­ckes dar­zu­bie­ten.

Cyra­no konn­te genau das nicht. Sei­ne ent­stell­te Nase ver­hin­der­te nach­hal­tig das Ver­trau­en in sich selbst. Damit geht ihm die Fähig­keit ab, die Grund­vor­aus­set­zung für die Lie­be ist: Die Annah­me sei­ner selbst. Wie glück­lich hät­te er sei­ne Roxa­ne machen kön­nen, die ihn schon früh durch sei­ne Spra­che geliebt hat. Fähig­kei­ten müs­sen an das Licht, damit sie ande­ren leuch­ten kön­nen. Ver­bor­gen unter einem Schef­fel brin­gen sie Cyra­no und Roxa­ne um ihr Lebens­glück.

Haltestelle Geister – eine Theateraufführung am CAG

„Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem Meer, mit zehn Hör­nern und sie­ben Köp­fen. Auf sei­nen Hör­nern trug es zehn Dia­de­me und auf sei­nen Köp­fen Namen, die eine Got­tes­läs­te­rung waren. Das Tier, das ich sah, glich einem Pan­ther; sei­ne Füße waren wie die Tat­zen eines Bären und sein Maul wie das Maul eines Löwen.“

Genau­so wie in der Offen­ba­rung des Johan­nes ist nichts in Ord­nung an die­sem Abend auf der Büh­ne in der Aula des Cle­mens-August-Gym­na­si­ums. Godot kommt an die­sem Abend in der von Chris­tia­ne Johan­nes und Hubert Gel­haus insze­nier­ten Vor­stel­lung der Stü­ckes „Haltestelle Geister“ von Hel­mut Kraus­ser schon ein­mal nicht.

Ein älte­rer Mann (Nico­la Hachmöl­ler) wird von drei Tus­sen (Jana Rich­ter, Jen­ni­fer Ovel­gön­ne, Aljo­na Wal­ter) gegen jeden Anstand um sein Geld betro­gen. Benach­tei­lig­te wie eine Blin­de (Katha­ri­na West­brock) oder ein sehr alter Mann (Anja Bel­ke), der nicht rea­li­siert, dass sei­ne gesuch­te Frau schon Jah­re tot ist, erfah­ren Spott und Hohn der ver­meint­lich Stär­ke­ren, wie z.B. einem Dro­gen­dea­ler (Dani­el Tie­mer­ding) oder dem Mann vom Grill­im­biss (Judith Twen­hö­vel). Das alles spielt sich in der Gos­se, an einer Bus­hal­te­stel­le im Nir­gend­wo ab – also erst­mal inner­halb der „Unterschicht“, weit weg in Spra­che und Hand­lung vom beschau­li­chen Clop­pen­burg. Das Publi­kum lacht.

Es geht aber noch wei­ter: Ein geheim­nis­vol­ler Mann im dunk­len Man­tel (Mat­thi­as Gra­mann) ver­sucht fort­wäh­rend Figu­ren der Büh­ne durch Ver­ab­rei­chung eines Ner­ven­gif­tes zu läh­men, um dann sei­ne Opfer in ihrer Schwä­che auf das Emp­find­lichs­te zu demü­ti­gen. Es gelingt ihm bei den bis­he­ri­gen Figu­ren nicht, die von Ahnun­gen getrie­ben sei­nem Wesen intui­tiv aus­wei­chen. Wohl aber gerät eine per Inter­net nach Kon­takt suchen­de, gut situ­ier­te Dame (Julia­ne Smit) auf der Suche nach Neu­em in sei­ne Fän­ge. Es war nicht der Groß­in­qui­si­tor aus dem Inter­net (The­re­sa Wede­mey­er), den sie eigent­lich zu tref­fen hoff­te. Die­ser hät­te auch gar nicht zu ihr gepasst – allen­falls ihre bei­den syn­the­ti­schen Onlin­ei­den­ti­tä­ten wären in der Lage gewe­sen, bis ans Ende ihrer Tage in den Son­nen­un­ter­gang zu rei­ten. Das Publi­kum schmun­zelt und gönnt es ihr ein wenig.

Auch als sich ein sado-maso­chis­tisch ver­an­lag­tes, an feh­len­der Zwi­schen­mensch­lich­keit lei­den­des Paar (Hen­drik Mar­tens und Alex­an­dra Mor­kel), im mate­ri­el­len Reiz des Ober­fläch­li­chen erstarrt, sich an einem in der Spra­che Adolf Hit­lers gespro­che­nen Mono­log sexu­ell sti­mu­liert, führt das immer noch zum offe­nen Lachen im Publi­kum – wenn­gleich ein unde­fi­nier­ba­rer kal­ter Schau­er spür­bar ist – gera­de so schwach, dass das Lachen nicht ver­stummt.

Und doch gibt es sie in die­sem Stück – die nach­denk­li­chen Momen­te, mani­fes­tiert in einer der Welt schon längst ver­rück­ten Gra­cia Gala (Dina Dvor­chi­na), die auf den Tag ihrer Erlö­sung durch Außer­ir­di­sche hofft. Oder in der Figur des Tüten­pen­ners (Con­stan­ze Arnold) – die die Stim­men der Toten hört – gestor­ben wird in die­sem Stück schließ­lich nicht, man ersteht als Geist wie­der auf. So kann er zwi­schen der Welt der Leben­den und einem nicht näher defi­nier­ten Zwi­schen­reich ver­mit­teln. Das Reich Got­tes gibt es in der dar­ge­stell­ten Welt nicht. Selbst im Tode, selbst als nicht mehr zu ver­lie­ren ist, fin­den die See­len der über der Büh­ne thro­nen­den Geis­ter nicht zuein­an­der.

Unter­stützt wir­de die Auf­füh­rung durch die musi­ka­li­sche Unter­ma­lung von Meik Kraft (Flü­gel), Lukas Kal­ve­la­ge (E‑Gitarre) und Katha­ri­na West­brock (Gesang). Damit alle Betei­lig­ten auch sicher in ihren rüden Tex­ten blei­ben – selbst ein Jugend­li­cher von heu­te sprä­che teil­wei­se nicht so derb – küm­mert sich Dia­ne Schlee als Souf­fleu­se um die not­wen­di­ge Unter­stüt­zung. Atmo­sphä­risch sorgt Thanh Binh Hoang (Beleuch­tung) und Wil­fried Kört­zin­ger (Büh­ne, Mas­ke und Pro­gramm) für die visu­el­len Akzen­te.

Das Tier aus der Offen­ba­rung scheint an die­sem Abend zu erste­hen, wenn­gleich es kei­ne Hör­ner trägt, son­dern alle Las­ter und Krank­hei­ten unse­rer zivi­li­sier­ten Gesell­schaft, in der alle auf der Büh­ne gezeig­ten Gescheh­nis­se in viel­leicht ledig­lich kul­ti­vier­te­rer Form vor­kom­men – einem sanf­ten Schlei­chen eines Pan­thers und dem töd­li­chen Biss des Löwen­mauls ähn­lich. Wir trau­en uns selbst nicht mehr zu, jemand zu sein und schaf­fen uns z.B. im Inter­net oder durch Über­schul­dung eine neue Iden­ti­tät, die mit dem Leben nicht mehr ver­ein­bar ist. Wir sind ver­führ­bar durch die Rei­ze der Wer­bung und leben eben­die­se Ver­führ­bar­keit auch unse­ren Kin­dern vor: Uns das Auto, mit dem wir uns mit ande­ren ver­glei­chen – ihnen das Klapp­han­dy mit Ver­trag oder die sünd­haft teu­ren Schu­he mit Schritt­zäh­ler und Leucht­soh­le. Wir arbei­ten bis zum Umfal­len, um unse­ren Fami­li­en und uns selbst das zu geben, was man haben muss, um dazu zu gehö­ren, aber die mensch­li­che Zuwen­dung läuft Gefahr durch Mate­ri­el­les eine Sub­sti­tu­ti­on zu erfah­ren. Wir haben alles und brau­chen immer Neu­es – immer neue Kicks – heu­te die klei­nen blau­en Pil­len, mor­gen die „Mickies“, die schon ein­mal dazu füh­ren, dass Men­schen ster­ben. Und doch sind wir oft so arm an der Fähig­keit, wah­re Bedürf­nis­se zu äußern und zu leben. Gera­de durch Letz­te­res unter­schei­den wir uns viel­leicht mehr als uns lieb ist in nichts von den Figu­ren des Stü­ckes.

Und den­noch: Das Schö­ne an dem Stück ist, dass es uns nicht in allem direkt angeht. Wir sind es ja nicht, die dort oben ste­hen und die Spra­che deren ist ja auch nicht die unse­re – ja nicht ein­mal die Spra­che der dort oben Spie­len­den. Wäre es anders, hät­te womög­lich kein Lachen das Publi­kum geret­tet. Es klingt para­dox: Erst die der­be Spra­che und sein gos­sen­haf­tes Inven­tar machen das Stück erst erträg­lich. Iden­ti­fi­ka­ti­on führt an die­ser Stel­le nur in die Depres­si­on – wie auch die zu inten­si­ve Lek­tü­re der Offen­ba­rung des Johan­nes.

 

Maik Riecken

Pferderennen

Was man braucht:

  • ein fes­tes Haus oder gutes Wet­ter
  • Tep­pich, Iso­mat­ten, Rasen oder sta­bi­le und jun­ge Kniee so 15–50 Leu­te
  • Wie das geht:
    Ihr kniet Euch im Kreis eng anein­an­der­ge­reiht hin. Die Pfer­de müs­sen im heu­ti­gen Ren­nen einen umfang­rei­chen Par­cour absol­vie­ren, der in einem Pro­be­durch­lauf erstein­mal bekannt­ge­macht wer­den muss. Dazu klopft Ihr abwech­selt mit bei­den Hän­den auf Eure Ober­schen­kel, so dass das Huf­ge­trap­pel der Renn­pfer­de ertönt. Es folgt die Stre­cken­er­kun­dung.
    Auf der Stre­cke gibt es Kur­ven und zwar Links- und Rechts­kur­ven (nach links oder rechts leh­nen). Auch Hin­der­nis­se sind vor­han­den (sich juch­zend aus­ge­streckt nach vor­ne in die Kreis­mit­te fal­len­las­sen). Der Weg führt uns an Tri­bü­nen vor­bei. Die krei­schen­den Frau­en (wieiiieh – krei­schen), die lachen­den Män­ner (tie­fes hoho­ho) und die Pres­se­tri­bü­ne (klickklickklick – so tun,als ob man foto­gra­fier­te). Des­wei­te­ren sind noch diver­se Holz­brü­cken vor­han­den (mit den Fäus­ten auf die Brust schla­gen.) Natür­lich könnt Ihr Euch wei­ter ‚Spe­cials‘ aus­den­ken (Toi­let­ten, Pro­mi­nen­ten­tri­bü­ne etc.).
    Die Pfer­de trap­peln nun in die Box zum Start, schar­ren auf­ge­regt mit den Hufen – und: Ab die Post, so schnell klop­fen wie es nur geht, das Ren­nen hat begon­nen. Ihr als Spiel­lei­ter nennt die ein­zel­nen Ele­men­te, wor­auf alle die ent­spre­chen­de Bewe­gung bzw. das ent­spre­chen­de Geräusch machen, sich in die Kur­ve legen usw. Dazwi­schen müßt Ihr die Grup­pe immer wie­der anfeu­ern, schnel­ler zu trap­peln, bis Ihr nach ca. 2 Min. im Ziel seid und Euch aus­ru­hen könnt.

    Erfah­run­gen:
    Eher ratio­nal ver­an­lag­ten Men­schen – ich bin so einer – fällt es schwer, die­ses Spiel hin­rei­chend ernst­zu­neh­men bzw. sich als Spiel­lei­ter zu der ‚Albern­heit‘ her­ab­zu­las­sen, mit puber­tie­ren­den Jugend­li­chen die­ses fik­ti­ve Pfer­de­ren­nen durch­zu­füh­ren. Aber: Wenn die Sache moti­viert her­über­ge­bracht wird, Ihr Euch stimm­lich etwas ver­aus­gabt, dann springt der Fun­ke meist auf die Grup­pe über. Kin­der fin­den die­ses Spiel ohne­hin ziem­lich toll. Wenn man mit­ein­an­der albern sein kann, ver­mag man in Regel auch gut als Team zu arbei­ten…

    Goofy

    Was man braucht:

  • Einen Raum, der abso­lut, also (voll, echt) total dun­kel ist (Not­fall­al­ter­na­ti­ve: eine Augen­bin­de für jeden)
  • 15 – 30 Leu­te (abhän­gig von der Raum­grö­ße)
  • Wie das geht:
    Es wer­den alle Möbel an die Sei­te gestellt, so daß eine mög­lichst gro­ße Flä­che zum Her­um­lau­fen zur Ver­fü­gung steht. Der Raum wird abge­dun­kelt und alles läuft kreuz und quer durch ihn hin­durch. Durch ein vor­her abge­spro­che­nes Zei­chen (auf die rech­te Schul­ter klop­fen o. ä.) pickt ihr als Spiel­lei­ter einen aus die­sem bun­ten Hau­fen durch­ein­an­der­wu­seln­der Men­schen her­aus. Die­ser Mensch ist Goofy. Wenn Goofy bestimmt ist gebt ihr irgend­ein Start­zei­chen. Alle ande­ren müs­sen nun Goofy fin­den, aber wie? Immer wenn ich als Teil­neh­mer auf irgend­wen tref­fe, berüh­re ich ihn und fra­ge: ‚Goofy?‘ (denn der ech­te Goofy läuft der­weil auch durch den Raum). Bekom­me ich als Ant­wort: ‚Goofy?‘ so bin ich auf einen ande­ren ‚Suchen­den‘ getrof­fen. Bekom­me ich kei­ne Ant­wort, so habe ich Goofy gefun­den, neh­me ihn an die Hand und wer­de selbst auch zum Goofy. Goofy darf also wäh­rend des gan­zen Spiels nichts sagen!!! So baut sich nach und nach eine ‚Goofy-Ket­te‘ im Raum auf, die sich natür­lich mit wach­sen­der Län­ge immer bes­ser fin­den läßt. Das Spiel ist been­det, wenn alle Goofy-Fra­gen ver­stummt sind, also jeder zum ‚Goofy‘ gewor­den ist.

    Erfah­run­gen:
    Ein ziem­lich wit­zi­ges Spiel, ein Außen­ste­hen­der, der uner­war­tet her­ein­kommt, wird Euch wohl für total bescheu­ert hal­ten. Es ist ein Spiel der Ohren und des­halb etwas unge­wohnt für uns Augen­tie­re. Anfangs ein rie­si­ger Wust an ‚Goofy‘-Fragen, die mehr und mehr ver­stum­men im Lau­fe des Spiels – dar­in liegt der eigent­li­che Reiz. Das Anf­fas­sen fällt einem erstaun­li­cher­wei­se ohne Augen­licht auch viel leich­ter…

    Ozeanwelle

    Was man braucht:

  • ein fes­tes Haus oder gutes Wet­ter
  • einen Stuhl ohne Arm­leh­ne für jeden. Die­ser soll­te stra­pa­zier­fä­hig, um nicht zu sagen nahe­zu unzer­stör­bar sein. Bier­gar­ni­tu­ren oder Desi­gner­mö­bel sind völ­lig unge­eig­net.
  • 10–40 Leu­te
  • Wie das geht:
    Mit den Stüh­len bil­det ihr einen Kreis oder etwas Ähn­li­ches. Es ist dar­auf zu ach­ten, dass die Stüh­le dabei so eng wie nur irgend­mög­lich anein­an­der­ste­hen. Einer geht in die Mit­te mit der Auf­ga­be, sich auf den nun frei­ge­wor­de­nen Stuhl zu set­zen. Das muss von der Grup­pe ver­hin­dert wer­den: Der­je­ni­ge, der neben dem frei­en Stuhl sitzt, rutscht nun auf sel­bi­gen, so daß ein neu­er Stuhl frei wird usw. Begon­nen wird mit dem Gerut­sche immer im Uhr­zei­ger­sinn. Die Per­son in der Mit­te muß nun der ‚Wan­der­lü­cke‘ fol­gen, um sich irgend­wann ein­mal set­zen zu kön­nen. Wenn die Per­son in der Mit­te laut und ver­nehm­lich in die Hän­de klascht, muß die Grup­pe ihre ‚Rut­sch­rich­tung‘ ändern Gelingt es dem­je­ni­gen in der Mit­te, sich zu set­zen, so muss der­je­ni­ge, der ‚gepennt‘ hat, selbst in das Zen­trum des Krei­ses, und alles beginnt von vor­ne.

    Erfah­run­gen:
    Das Spiel eig­net sich sehr gut für den Anfang eines Spie­le­abends und ist recht lus­tig, da es immer wie­der vor­kommt, – je nach Skru­peln unse­rer Per­son in der Mit­te – dass ein frem­der Schoß ‚besetzt‘ wird. Ihr wer­det außer­dem schnell mer­ken, daß – um es mal nach Start­rek-Manier zu for­mu­lie­ren – sich die struk­tu­rel­le Inte­gri­tät des Krei­se im Eifer des Gefech­tes nicht lan­ge auf­recht­erhal­ten läßt. Als Spiel­lei­ter geht ihr selbst­ver­ständ­lich als ers­ter in die Mit­te. Ein wenig auf­pas­sen soll­tet ihr, daß sich nicht stän­dig die glei­che Per­son in der Mit­te befin­det (Außen­sei­ter, Pro­fi­lie­rungs­ge­ha­be).

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