Sollten Kinder bereits an der Grundschule chatten lernen?

In einer von Axel Krom­mer aus­ge­lös­ten Twit­ter­dis­kus­si­on zwi­schen Phil­ip­pe Wampf­ler und Sabi­ne Czer­ny ging es letz­te Woche heiß her. Struk­tu­rell tritt hier etwas auf, was mich zur Zeit mas­siv bei Dis­kus­sio­nen zum Ein­satz digi­ta­ler Mit­tel und Tech­ni­ken an der Schu­le stört. Das lässt sich gut an die­sem Bei­spiel zei­gen, weil da ganz unter­schied­li­che Ansät­ze auf­ein­an­der­tref­fen. Ich ver­kür­ze ein­mal die Argu­men­ta­ti­on von Phil­ip­pe Wampf­ler:

  1. Kin­der chat­ten in ihrer Frei­zeit bereits, los­ge­löst, ob Schu­le sich damit beschäf­tigt oder nicht.
  2. Der Chat (z.B. auch Whats­App) als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form ist eine eta­blier­te Form gesell­schaft­li­chen Infor­ma­ti­ons­aus­tau­sches..
  3. Dazu gehö­ren auch ergän­zen­de chat­ty­pi­sche Aus­drucks­for­men wie etwa Smi­lies, Abkür­zun­gen etc. zum Aus­druck prag­ma­ti­scher Infor­ma­ti­ons­an­tei­le.
  4. Daher ist es not­wen­dig, bereits in der Grund­schu­le mit Kin­dern über die­se spe­zi­fi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form zu spre­chen bzw. zu reflek­tie­ren

Phil­ip­pe Wampf­ler geht in sei­ner Argu­men­ta­ti­on von einem Inhalt bzw. einer Kom­pe­tenz aus. Sabi­ne Czer­ny geht von kon­kre­ten Erfah­run­gen mit Kin­dern aus. Da knallt es dann zwar eini­ger­ma­ßen höf­lich und rhe­to­risch hübsch ver­packt, aber den­noch recht schnell.

Wie das The­ma Chat für mich in die Grund­schu­le gehört

Wie oben bereits deut­lich wird, ist chat­ten für mich eine Form der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Je nach Ansatz setzt sich Kom­mu­ni­ka­ti­on aus syn­tak­ti­schen, seman­ti­schen und prag­ma­ti­schen Ele­men­ten zusam­men.

  1. Syn­tax: Wie ist eine Kom­mu­ni­ka­ti­on for­mal gestal­tet?
  2. Seman­tik: Wel­che Bedeu­tung besit­zen ein­zel­ne syn­tak­ti­sche Ele­men­te?
  3. Prag­ma­tik: Was wird über die syn­tak­ti­sche und seman­ti­sche Ebe­ne hin­aus trans­por­tiert?

Bei­spiel:

  1. Syn­tax: Es gibt das Wort „Tisch“, dass aus vier Zei­chen besteht.
  2. Seman­tik: Das Wort „Tisch“ ist einer Holz­plat­te mit meist vier Bei­nen zuge­ord­net, an der man z.B. essen kann.
  3. Prag­ma­tik: Wenn ich auf einen Stuhl mit etwas zu Essen auf einem Tel­ler sit­ze und und „Tisch?“ sage, könn­te ich z.B. zum Aus­druck brin­gen, dass ich ger­ne einen Tisch hät­te.

Zur prag­ma­ti­schen Ebe­ne gibt es sehr vie­le Model­le, weil genau das ein Feld ist, wel­ches sich am schwers­ten in den Griff bekom­men lässt, z.B. das Vier-Sei­ten-Modell von Schulz von Thun. Twit­ter und Whats­App eska­lie­ren an vie­len Stel­len, weil z.B. Iro­nie aus unter­schied­li­chen Grün­den schlicht nicht erkannt wird – ein typi­sches  Schei­tern von Kom­mu­ni­ka­ti­on auf der prag­ma­ti­schen Ebe­ne. Ein Chat ist ledig­lich eine mög­li­che Aus­prä­gung von Kom­mu­ni­ka­ti­on – nicht mehr und nicht weni­ger.

Was man mei­ner Ansicht nach also in der Grund­schu­le bear­bei­ten und reflek­tie­ren „muss“, ist also schlicht Kom­mu­ni­ka­ti­on.

  • Was von dem, was ande­re zu mir sagen, ver­letzt mich?
  • Was von dem, was ande­re zu mir sagen, macht ein schö­nes Gefühl?
  • Macht es für mich einen Unter­schied, ob mir jemand etwas schönes/hässliches schreibt oder es mir sagt?
  • Wie füh­le ich mich, wenn es mir nicht gelingt, in eine Grup­pe zu kom­men, weil die nicht mit mir reden?
  • Wie sieht jemand aus, der wütend, fröh­lich, gelang­weilt […] ist?
  • […]

Spä­ter, in der Über­tra­gung auf digi­tal ver­mit­tel­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­tio­nen:

  • Wann sage ich jeman­den etwas direkt ins Gesicht?
  • Was habe ich auf Whats­App schon Schö­nes und Komi­sches erlebt?
  • Mit wem spre­che ich in einem Chat­room eigent­lich? Ist das immer auch ein Kind?
  • Was macht Whats­App leich­ter, was ist total ner­vig?
  • […]

In der Aus­ein­an­der­set­zung mit sol­chen oder ähn­li­chen Fra­gen wer­den bes­ten­falls Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter erkenn­bar, die sich in unter­schied­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men wie­der­fin­den las­sen bzw. auf sie über­trag­bar sind. In der Beschäf­ti­gung mit Chats allein nicht. Im Ori­en­tie­rungs­rah­men Medi­en­bil­dung, den ich mit­ge­stal­ten durf­te, steht für die Grund­schu­le unter ande­rem dies:

Schü­le­rin­nen und Schü­ler kom­mu­ni­zie­ren und koope­rie­ren unter Ein­hal­tung von Umgangs­re­geln mit Hil­fe ver­schie­de­ner digi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten

… und das kann ich u.a. erst machen, wenn ich all­ge­mei­ne Umgangs­re­geln für Kom­mu­ni­ka­ti­on dis­ku­tiert, erprobt und erfah­ren habe, bzw. ist die­ser Schritt dann ein mar­gi­na­ler bzw. kommt er doch ganz auto­ma­tisch mit hin­ein, wenn ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Lehr­kraft und Kin­dern besteht. Viel­leicht gibt es die eine oder ande­re gera­de im Netz sehr flui­de und damit schu­lisch kaum sinn­voll zugäng­li­che syn­tak­ti­sche Erwei­te­rung in Form von Codes, Smi­lies etc. – aber da kön­nen Lehr­kräf­te meist mehr von SuS ler­nen als umge­kehrt.

Fazit:

  1. Die For­de­rung, in der Grund­schu­le über das The­ma Chat­ten zu arbei­ten, ist ein stark ver­ein­fach­te, die in die­ser iso­lier­ten, nicht sys­te­misch gedach­ten Form auf Wider­stand sto­ßen muss und das ist gut so.
  2. Basis muss für mich das kind­ge­mä­ße Reflek­tie­ren über Kom­mu­ni­ka­ti­on an sich sein – und das geschieht an vie­len mir bekann­ten Grund­schu­len ganz selbst­ver­ständ­lich.
  3. Digi­tal ver­mit­tel­te Kom­mu­ni­ka­ti­on besitzt ande­re Kon­tex­te und vor allem auf der Ebe­ne der Prag­ma­tik Her­aus­for­de­run­gen, die auch vie­le Erwach­se­ne kom­plett über­for­dern – u.a. weil man wun­der­bar prag­ma­ti­sche Ele­men­te faken und instru­men­ta­li­sie­ren kann. Daher ist zu prü­fen, wel­che Vor­aus­set­zun­gen im Grund­schul­al­ter ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gisch bereits sinn­voll erfahr­bar zu machen sind – und wel­che nicht.
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Ein Kommentar

  • Dan­ke für die­se Refle­xi­on und die aus­führ­li­chen Gedan­ken. Die Argu­men­ta­ti­on läuft natür­lich in vie­len Berei­chen so: Die Schu­le soll sich um Grund­la­gen, um All­ge­mei­nes küm­mern; nicht um kon­kre­te Tätig­kei­ten. Das wür­de ich aber infra­ge stel­len: Wenn Chat­ten die kon­kre­tes­te Form von Schrei­ben ist, die Kin­der erfah­ren (und eine schwie­ri­ge Form von Grup­pen­kom­mu­ni­ka­ti­on) – war­um soll es dann in der Schu­le nicht als sol­che behan­delt wer­den?

    Zwei Anmer­kun­gen:

    (1)
    Die For­de­rung war weder »isoliert« noch »nicht sys­te­mi­s­ch« gedacht – folgt man dem Dis­kus­si­ons­ver­lauf (der ja mit dem Podi­ums­ge­spräch in Frank­furt beginnt, vgl. https://pisaversteher.com/2018/10/09/digiquartett-internet-essen-buch-auf/), dann wird deut­lich, dass das ledig­lich ein maxi­mal kon­kre­tes Bei­spiel ist, wozu und wie Kin­der an Grund­schu­le digi­ta­le Kom­pe­ten­zen erwer­ben soll­ten (hier der Kon­text auf Twit­ter: https://twitter.com/phwampfler/status/1054414916977868800 ).

    (2)
    Der Arti­kel drückt eine Kri­tik an mei­ner Rhe­to­rik aus – ganz sub­til ver­packt, aber doch für mich klar wahr­nehm­bar. Die­se Kri­tik fin­de ich recht iro­nisch, da sie mir vor­wirft, anstän­dig und sach­lich zu blei­ben, auch wenn es zu Dif­fe­ren­zen kommt (zumin­dest ver­ste­he ich sie so): Argu­men­ta­ti­ve Dif­fe­ren­zen brin­gen uns ja alle vor­an, sie klä­ren unse­re Stand­punk­te. Natür­lich sind teil­wei­se Emo­tio­nen damit ver­bun­den, aber die inter­es­sie­ren mich ein­fach nicht beson­ders. Wer Aus­ein­an­der­set­zun­gen in digi­ta­len Kanä­len nicht mag, kann sich ja zurück­zie­hen. Wer ver­letzt ist, weil ande­re die eige­nen Stand­punk­te nicht über­neh­men, muss sich da viel­leicht mit sich selbst aus­ein­an­der­set­zen, statt ande­ren des­we­gen einen Vor­wurf zu machen. Aber viel­leicht ver­ste­he ich den rele­van­ten Punkt auch nicht – zumal ich seit zwei Jah­ren immer wie­der ähn­li­che Vor­wür­fe höre, aus denen aber nur Kon­se­quen­zen ablei­ten kann, die für mich nicht trag­fä­hig sind: Zu schwei­gen oder dort emo­tio­nal zu wer­den, wo ich es wich­tig fin­de, sach­lich zu blei­ben.

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