Sexting – Elternbrief

Ich habe in der bescheidenen Rolle als Thinktank einen Text zum Thema Sexting verfasst, um die Problematik in die Öffentlichkeit meiner Region zu bringen. Dieser Text enthält bewusst ein paar recht scharfe Formulierungen. Man kann Sexting als Ausbruch der Jugendlichen aus der kleinbürgerlichen Moral auffassen. Sobald auch Kinder betroffen sind – und nach allem Anschein ist das wahrscheinlich der Fall – mag ich diese neue Ausdrucksform nicht mehr recht dulden und sehe Handlungsbedarf.

Philippe Wampfler schreibt zur Erklärung dieses Phänomens:

Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen und darüber zu sprechen. Durch Sensibilisierung kann das  Problem aber nicht gelöst werden. Vertrauen ist sehr paradox – es erfolgt nicht begründet, sondern basiert auf einer Annahme: »Ich kann dem anderen vertrauen.« Deshalb haben so genannte Vertrauensbeweise einen hohen Stellenwert. Je gefährlicher etwas  ist  – ein Nacktbild verschicken, ein Passwort tauschen, desto besser eignet es sich für den Versuch zu beweisen, dass man einer anderen Person vertraut.

Böswillig aufgefasst ist das wieder einmal bloße Deskription, die zwar zu einem vertieften Verständnis des Phänomens führt, aber eben keine konkrete Handlungsoption bietet.

Angeblich seien in der Schweiz nur 6% der Jugendlichen von diesem Problem betroffen – öhm, d.h. bei einer Schule mit 1000 SuS also 60 – „nur“. Es gibt Hinweise darauf, dass derartige Bilder auch ihren Weg auf andere Webseiten mit zielgruppenorientierter Klientel finden.

Daher ist bei mir die Idee entstanden, diesen Text (s.u.) als Anzeige in einer Regionalzeitung zu veröffentlichen und von möglichst vielen Schulen gegenzeichnen zu lassen. So wird verhindert, dass sich eine Schule regional „outen“ muss. Die Taktik scheint aufzugehen.

Wir, die Schulen der Region XY, stehen vor einem Problem.

 In zunehmenden Maße erzählen uns Eltern sowie unsere Schülerinnen und Schülern von Bildern aus sozialen Netzwerken, die eine Grenze überschreiten, bei der wir nicht mehr wegschauen können und wollen.

Es handelt sich nach vielen übereinstimmenden Aussagen dabei um unsere Schülerinnen und Schüler, also um junge Menschen, die uns anvertraut sind.

 Sie fertigen von sich oder Dritten unbekleidet Aufnahmen an und laden diese freiwillig in soziale Netzwerke hoch.

 Insbesondere Mädchen und junge Frauen werden darüber hinaus in eindeutiger Situation fotografiert und diese Aufnahmen unter Missachtung der Menschenwürde weitergegeben.

 Diese Bilder verbreiten sich schnell über Smartphones. Es besteht zudem wenig Hoffnung, selbige jemals wieder aus dem Internet entfernen zu können.

 Diese Vorkommnisse spielen sich i.d.R. außerhalb des Wahrnehmungsbereiches unserer Erwachsenenwelt ab.

Wenn du, liebe Schülerin, lieber Schüler, solche Bilder selbst anfertigst und hochlädst, dann …

  • sei dir darüber bewusst, dass diese immer in falsche Hände gelangen, egal wie sehr du deinen Adressaten auch in diesem Moment vertrauen magst.

  • sei dir darüber bewusst, dass sich diese Bilder höchstwahrscheinlich nicht mehr aus den sozialen Netzwerken entfernen lassen

  • sei dir darüber bewusst, dass du über Jahre durch derartige Bilder verletzbar bleibst.

  • sei dir darüber bewusst, dass derartige Bilder mit allergrößter Sicherheit für pädophile Kreise von höchstem Interesse sein werden.

  • sei dir darüber bewusst, dass du lange unter den Folgen der Verbreitung deines Bildes leiden wirst.

Wir bitten dich daher in deinem eigenen Interesse darum, für niemanden, auch nicht für dich selbst, auch nicht als Mutprobe, auch nicht im Spaß derartige Bilder von dir anzufertigen oder anfertigen zu lassen.

Wenn du, liebe Schülerin, lieber Schüler, solche Bilder von Dritten auf deinem Handy speicherst oder weitergibst (via WhatsApp, Facebook usw.) …

  • sei dir darüber bewusst, dass allein der Besitz nach deutschem Recht u.U. eine Straftat darstellt.

  • sei dir darüber bewusst, dass du allein auf Grund des Bildes nicht entscheiden kannst, ob die abgebildeten Personen vor dem Gesetz Kinder oder Jugendliche sind. Daran bemisst sich, ob du im Extremfall Kinder- oder Jugendpornografie in deiner Hand hältst.

  • sei dir darüber bewusst, dass der Gesetzgeber insbesondere auch die Weitergabe dieser Bilder unter Strafe stellt.

  • sei dir darüber bewusst, dass du so oder so die Menschenwürde und die Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Person verletzt – losgelöst davon, dass selbige die Bilder ggf. sogar freiwillig zur Verfügung stellt.

Wir bitten dich darum, in einer solchen Situation mit einem Erwachsenen deines Vertrauens zu sprechen. Er allein kann entscheiden, wie weiter vorgegangen werden soll. Und er wird deine Identität auf deinen Wunsch hin zu schützen wissen, wenn du es wünscht.

Liebe Eltern,

  • wir wissen, dass Sie unter hohem sozialen Druck stehen, ihrem Kind immer früher ein Smartphone zu kaufen

  • wir wissen, dass Sie in der Situation, in der Sie von der Existenz solcher Bilder Kenntnis erlangen, überfordert sind.

  • wir wissen, dass der Bereich der sozialen Netzwerke für Sie oft Neuland darstellt

  • wir wissen, dass Sie froh sein werden, wenn es ihr Kind gerade nicht betrifft

  • wir wissen, dass die gerne informiert werden würden, wenn es ihr Kind betrifft.

  • wir wissen, dass Sie aufgrund ihrer Lebenserfahrung beurteilen können, wann eine Grenze überschritten wird

Wir bitten Sie darum, hinzuschauen und nicht den Mantel des Schweigens über die Sache auszubreiten.

Sprechen Sie mit Eltern von Kindern, die Sie auf Fotos wiedererkennen. Informieren Sie sich gegenseitig. Gerade die betroffenen Familien haben ein Recht darauf zu erfahren, was ihren Kindern widerfährt.

Und: Entscheiden Sie nicht nach sozialem Druck, wann ihr Kind ein Smartphone erhält. Entscheiden Sie nach Ihrem Gefühl und der Reife des Kindes.

Sie kaufen kein Telefon – zum Telefonieren werden die Geräte von Jugendlichen und Kindern nicht oder kaum eingesetzt.

Sie kaufen ein Gerät mit unbeschränktem Zugang zum Internet.

Ich weiß, dass Teile meines Textes von Schulen für einen Elternbrief verwendet worden sind und dass es auch schon Pressereaktionen gegeben hat, ggf. werden auch noch andere Beiträge hierzu erstellt werden – man munkelt, das Fernsehen sei auch schon dagewesen. Ich werde von Zeit zu Zeit diesen Artikel aktualisieren.

Es ist für mich absolut faszinierend zu sehen, dass eine Sache Wirkung entfaltet, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle einspeist. Ganz viele Menschen aus meiner Region tragen die Inhalte und das Anliegen nun mutig und öffentlich offensiv mit.

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