Arbeit an Strukturen

Schon vor den Som­mer­fe­ri­en ergab sich auf Twit­ter eine für mich sehr inter­es­san­te Fra­ge­stel­lung. Kern war die Dis­kus­si­on, inwie­weit Arbeit an Struk­tu­ren außer­halb der eige­nen Per­son sinn­voll und mög­lich ist. Ich habe die­se Fra­ge auch noch ein­mal auf einer SchiLF auf­ge­wor­fen. Ich gebe eine paar State­ments aus bei­den Quel­len wie­der, die ich nur sinn­ge­mäß zusam­men­fas­se:

Ver­än­dern kannst du dich nur selbst. An den Struk­tu­ren, die dich umge­ben, arbei­test du dich kaputt.”

Wenn du für dich sorgst, dann haben du und dei­ne SuS viel gewon­nen.”

Wenn immer mehr Men­schen so den­ken und han­deln, dann wird sich auf lan­ge Sicht auch die Struk­tur ver­än­dern.”

[…]

Dahin­ter steckt ja eine Hal­tung, aber eben auch eine Erfah­rung mit dem bestehen­den Sys­tem. Es geht nicht mehr um „Bil­dung hacken”, son­dern offen­kun­dig — sehr über­spitzt for­mu­liert — um die Schaf­fung indi­vi­du­el­ler Wohl­fühl­bla­sen — Stress und Anfein­dun­gen gibt es im Sys­tem ja wahr­lich schon genug.

Ich hal­te das für eine Kapi­tu­la­ti­on. Und ich hal­te das für eine Auf­ga­be eines soli­da­ri­schen Prin­zips. Mei­ne Wohl­fühl­bla­se nützt näm­lich einem Gegen­über ggf. gar nichts, weil es u.U. nicht ein­mal mehr in der Lage ist, von mir die Struk­tur „Auf­bau einer Wohl­fühl­bla­se” zu über­neh­men. Selbst wenn, wür­de dann irgend­wann die Anfor­de­rung von Links zwi­schen den Bla­sen ent­ste­hen, wodurch der Stress wie­der beginnt. Klar — ich könn­te mich selbst jetzt vie­ler posi­ti­ver Aspek­te mei­ner exis­tie­ren­den Bla­se rüh­men, aber ich bekom­me damit zuneh­mend Schwie­rig­kei­ten.

Man wird mir ent­ge­gen­hal­ten, dass der Auf­bau von Wohl­fühl­bla­sen sowohl ein Recht als auch eine Not­wen­dig­keit ist, um selbst gegen destruk­ti­ve Ein­flüs­se zu bestehen. Schließ­lich ist ja nichts damit gewon­nen, in selbst­zer­stö­re­ri­schen Aktio­nen im Meer der Selbst­aus­beu­tung oder men­schen­ver­ach­ten­den Zynis­mus zu ver­sin­ken.

Wenn ich mit mei­nem begrenz­ten his­to­ri­schen Hori­zont in die Geschich­te schaue, fällt mir aber kei­ne nach­hal­ti­ge Struk­tur­ver­än­de­rung ein, die sich in der Wohl­fühl­zo­ne abge­spielt hat, son­dern sehr oft waren die­se Umwäl­zun­gen mit per­sön­li­chem Risi­ko aller Akti­ven ver­bun­den.

Daher glau­be ich nicht in Aus­schließ­lich­keit an das Kon­zept

Wenn vie­le Men­schen an vie­len klei­nen Orten klei­ne Din­ge tun, wird sich das Gesicht der Welt ver­än­dern.”

Aber wie ändert man Struk­tu­ren ohne dar­an zu schei­tern?

Zunächst ein­mal glau­be ich, dass das Schei­tern selbst eine unaus­weich­li­che Neben­wir­kung eines sol­chen Vor­ha­bens ist. Jede Struk­tur hat aber Schwä­chen, die sie nur bedingt zu kom­pen­sie­ren ver­mag. Effi­zi­ent sind Men­schen, die die­se Schwä­chen gezielt fin­den und aus­nut­zen kön­nen. Was geschieht z.B., wenn sich an Schu­len mit Han­dy­be­nut­zungver­bot alle SuS ganz offen nicht dar­an hal­ten?

Ein maka­bres Mus­ter­bei­spiel ist in mei­nen Augen dabei der Ter­ro­ris­mus. Er schafft es mit extrem wenig Res­sour­cen und geziel­ten, exem­pla­ri­schen Schlä­gen, Gesell­schaf­ten zu ver­än­dern. Ver­gli­chen mit ande­ren Bedro­hun­gen sind die Todes­zah­len bei ter­ro­ris­ti­schen Anschlä­gen sehr gering. Den­noch wird kei­ne ande­re Struk­tur so oft dazu her­an­ge­zo­gen, Sys­tem­ver­än­de­run­gen im Hin­blick auf ver­rin­ger­te Frei­heit des Ein­zel­nen zu recht­fer­ti­gen und zuneh­mend auch durch­zu­set­zen. Das schafft in mei­nen Augen der Ter­ro­ris­mus dadurch, dass er Struk­tu­ren der öffent­li­chen Ord­nung bedroht: Mit wenig Auf­wand stellt er die Funk­ti­ons­fä­hig­keit staat­li­cher Exe­ku­ti­ve in Fra­ge und ver­rin­gert so das indi­vi­du­el­le Sicher­heits­emp­fin­den. Damit zer­stört er eine funk­ti­ons­fä­hi­ge Struk­tur kei­nes­wegs — er greift sie nur par­ti­ell in einer sehr destruk­ti­ven Art und Wei­se an — jedoch unglaub­lich effi­zi­ent und zwingt sie so zu gra­vie­ren­den struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen. Wer mehr dar­über wis­sen möch­te und auch im die dahin­er­ste­hen­den Gedan­ken­gän­ge, möge sich die ent­spre­chen­de TNG-Fol­ge anschau­en, die genau die­ses Phä­no­men schon weit vor 9/11 the­ma­ti­siert hat.

Kei­ne Sor­ge — jetzt kommt nicht der Auf­ruf, Pflas­ter­stei­ne und Molo­tow­cock­tails gegen Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der Kul­tus­bü­ro­kra­tie zu wer­fen. Jetzt kommt — wie immer — ein fik­ti­ves Bei­spiel, das im Schul­all­tag so  — natür­lich — nie, nie vor­kommt und an den ich zei­gen will, was Arbeit an Struk­tu­ren für mich bedeu­ten kann. Es geht um eine Fach­schaft, die etwas für den Unter­richt beschaf­fen möch­te. Die Struk­tur könn­te so aus­se­hen:

Mit dem dem „Wohl­fühl­bla­sen­an­satz” wird sich die­se Struk­tur wie­der und wie­der wie­der­ho­len. Ich per­sön­lich kann mir eine ande­re Struk­tur vor­stel­len:

Arbeit an Struk­tur bedeu­tet für mich dann „nichts” wei­ter als mir dar­über Gedan­ken zu machen, wie ich Impul­se set­zen kann, um die ein­ge­fah­re­ne, ers­te Struk­tur zu ver­än­dern, die u.U. natür­lich gewach­sen ist und auch ihre Berech­ti­gung hat. Das Ändern die­ser Bei­spiel­struk­tur, die kei­nes­wegs nur typisch für das Sys­tem „Schu­le” ist, birgt Risi­ken:

  1. Es wur­de u.U. immer schon so gemacht und ist „demo­kra­tisch” akzep­tiert
  2. Eine Meta­ebe­ne, d.h. Nach­den­ken über die eige­nen Struk­tu­ren tut immer weh, weil sie weni­ger als Chan­ce, son­dern als Kri­tik inter­na­li­siert ist.
  3. Es wird u.U. als alter­na­tiv­los im Kon­text von Schu­le gese­hen, weil es z.B. kaum „Fach­leu­te” in aus­rei­chen­der Zahl gibt
  4. Fort­bil­dung bedeu­tet immer Res­sour­cen­auf­wand in Form von Auf­merk­sam­keit und Zeit. Bei­de Güter sind rar. Der tem­po­rä­re Mehr­auf­wand wiegt u.U. schwe­rer als die Per­spek­ti­ve kon­ti­nu­ier­li­cher Ent­las­tun­gen bzw. Erleich­te­run­gen
  5. […]

Es gibt also genug Punk­te, an denen man bei sei­nem Vor­ha­ben, die­se Struk­tur zu ändern, schei­tern kann, was schon bei die­sem klei­nen Bei­spiel zu star­ken Stö­run­gen in der eige­nen Wohl­fühl­bla­se führt.

Aber ist es effek­tiv, das in die­ser Fom wei­ter­lau­fen zu las­sen und ein­fach dar­auf zu war­ten, dass mehr Men­schen das ähn­lich sehen (aber dann auch nicht ihre Wohl­fühl­bla­se ver­las­sen)? — wie­der sehr über­spitzt, klar.

Ich den­ke, dass jedem in sei­nem Umfeld Struk­tu­ren ein­fal­len, die opti­mier­bar sind. Mini­mal­kon­sens: Ande­re gewäh­ren las­sen, die Struk­tu­ren ver­än­dern wol­len und ihnen offen bzw. min­des­tens neu­tral ent­ge­gen­tre­ten. Sie wer­den ja schon sehen, was sie davon haben, oder?

PS — Work­sho­pidee:

  1. Struk­tu­ren visua­li­sie­ren, die mich ner­ven (z.B. mit Fluss­dia­gram­men)
  2. Gemein­sam mit ande­ren über­le­gen, war­um die­se Struk­tur genau so ist, wie sie ist — aber allein auf Basis der Visua­li­sie­rung!
  3. Gemein­sam mit ande­ren Schwach­punk­te und Anker­punk­te für Ver­än­de­rungs­an­sät­ze in die­ser Struk­tur erar­bei­ten
  4. Zurück in der Struk­tur das Erar­bei­te­te aus­pro­bie­ren
  5. Gemein­sam auf einem wei­te­ren Tref­fen die Ergeb­nis­se vor­stel­len und nach­be­rei­ten.
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6 Kommentare

  • Corinna Lammert

    Es stimmt sicher, dass Ent­wick­lung und Bewe­gung immer einen Zustand und ein Bewusst­sein von Unzu­frie­den­heit vor­aus­setzt und dass das selbst­ge­fäl­li­ge und selbst­zu­frie­de­ne Zurück­leh­nen im eige­nen rosa­ro­ten Mikro­kos­mos über­aus hin­der­lich für die Ver­än­de­rung bestehen­der Struk­tu­ren ist (sie­he dazu auch: Wil­helm Schmid, Unglück­lich­sein. Eine Ermu­ti­gung, Ber­lin 2012, S.33–40).
    Mei­nes Wis­sens hat es aber auch kei­ne bedeu­ten­de Umwäl­zung gege­ben ohne Men­schen, die sich etwas zuge­traut hät­ten. Die den Mut hat­ten, aus­ge­hend von Unzu­frie­den­heit eine Bewe­gung unter Ein­ge­hen eines per­sön­li­chen Risi­kos zu initi­ie­ren oder zu unter­stüt­zen.
    Dem­zu­fol­ge hal­te ich so viel „Wohl­fühl­bla­se” oder bes­ser Selbst­für­sor­ge und Selbst­stär­kung, wie es braucht, um die­sen Mut und die­ses Zutrau­en in die eige­nen Fähig­kei­ten zu ent­wi­ckeln, für nicht nur legi­tim, son­dern für drin­gend not­wen­dig. Dass das allein noch nicht Garant für sys­te­mi­sche Ver­än­de­rung ist, ist klar. Das zu erwar­ten, wäre wohl auch ver­mes­sen. Aber geht es ohne?

  • hal­lo maik,

    ich habe dei­nen bei­trag ger­ne gele­sen und bin fas­zi­niert dar­über, wie detail­liert du den pro­zess der ver­än­de­rung im käfig der kro­ko­di­le beschreibst: wer sich nicht rührt, wird belohnt.

    die ande­ren begin­nen sich refle­xiv selbst zu ver­dau­en, ob sie sich jetzt nur noch um ihre wohl­fühl­bla­se (im job oder drau­ßen) oder um den wan­del (schul­re­vo­lu­ti­on, schu­le im auf­bruch etc.) küm­mern sol­len oder ob sie viel­leicht einen ermu­ti­gen­den wan­del-vor­schuss ins sys­tem inves­tie­ren könn­ten. dar­über wird dann phi­lo­so­phiert, sehr sehr lan­ge.

    ich habe mal einen schul­lei­ter getrof­fen, einen phan­tas­ti­schen mann, der mir spru­delnd vor enthu­si­as­mus von sei­nen ide­en für sei­ne gesamt­schu­le berich­tet hat — von denen qua­si nichts umge­setzt wur­de, wie ich bei einem besuch sei­ner schu­le fest­stel­len durf­te. ich frag­te ihn, wie­so es z.B. denn kei­ne 90minuten-„blöcke” gebe, in denen man wenigs­tens ein biss­chen „anders ler­nen” mög­lich machen könn­te. „das leh­nen die kol­le­gen ab, aber jetzt sind wir bald so weit — nach zehn Jah­ren”, sag­te er. und: er guck­te nicht sehr froh dabei, er sah sehr trau­rig aus in sei­nen end­fünf­zi­gern, das hal­be schul­le­ben schon hin­ter sicht habend.

    jetzt habe ich die ant­wort auf dei­ne reflek­ti­on und die miss­er­folgs-ket­ten dei­ner schau­bil­der fast gege­ben: wie­so gibt es eigent­lich kei­ne schul­lei­tung, wie­so kann man eine schu­le nicht füh­ren, wie­so kön­nen sich kol­le­gIn­nen selbst klit­ze­kleins­ten ver­än­de­run­gen wider­set­zen? ehr­lich, ich wer­de das nie ver­ste­hen, und wir brau­chen über vie­les nicht dis­ku­tie­ren, wenn das nicht kon­sens ist: wir brau­chen kei­ne rek­to­ren­dik­ta­tur, nein, aber schul­lei­tung muss lei­ten kön­nen! Punkt.

    wir steu­ern auf eine, nun ja inter­es­san­te pha­se zu, genau­er sind wir mit­ten­drin. wenn die leh­rer aus­ge­hen (weil du kul­tus­mi­nis­ter unfä­hig zu aus­bil­dung und bekömm­li­cher ein­stel­lung sind), dann gehen auch die rek­to­ren aus, dann haben wir, ver­dammt, kei­ne steu­er­zen­tren für schul­ent­wick­lung mehr. dann strom­ern 30.000 schu­len wie treib­gut in den demo­gra­fi­schen, tech­no­lo­gi­schen und see­li­schen wel­len­gän­gen umher, die uns bevor­ste­hen.

    mir ist schon klar, dass man gute schu­le nicht per ord­re de muf­ti bekommt, weil ein kol­le­gi­um min­des­tens so wich­tig ist wie der spi­rit einer guten schul­lei­tung; und wir wis­sen ja nicht mal, ob die schul­lei­tung gut ist, wie stoppt man denn eine schlech­te, tau­be, tum­be?

    aber man muss sich mE ver­ge­gen­wär­ti­gen: ent­we­der wie krie­gen jetzt sehr bald hand­lungs­fä­hi­ge lei­tungs­or­ga­ne hin — oder wir gehen unter. genau­er: unse­re schu­len und damit unser schul­sys­tem. oder glaubt ihr, dass die brit­syls und rieckens und lar­bigs und kalts und raus und lamma­ti­nis und schaum­burgs und wie sie alle hei­ßen die schu­len von unten rich­ten wer­den, wenn sie erst­mal — wie einst die hein­rich-von-ste­phan in ber­lin — am boden liegt?

    mer­ci für den anstoß
    best
    chris­ti­an fül­ler

    ps. wei­te­re ide­en und aus­füh­run­gen hier:

    http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/lasst-die-schulen-los
    http://www.freitag.de/autoren/christian-fueller/das-potenzial-einer-demokratischen-selbstreformschule

  • @Christian
    Wo sol­len die star­ken Lei­tun­gen her kom­men? Einer­seits „belohnt” das poli­ti­sche Sys­tem in mei­nen Augen Kon­for­mi­tät. Ande­rer­seits zie­hen sich Men­schen, die ver­än­dern und mit ein biss­chen Schu­lung lei­ten könn­ten, in ihre Wohl­fühl­räu­me zurück — auch unter dem berech­tig­ten Vor­be­halt der not­wen­di­gen Selbst­er­hal­tung.

    Rieckens” sind genau so ein Teil des Sys­tems wie Kon­for­mis­ten. Es hat bei­de Grup­pen immer schon gege­ben und bei­den haben stets auf ihre Wei­se dafür gesorgt, dass sich nichts ändert.

    Dein Schul­lei­ter weiß vor allem eines: Dass er allei­ne ist und für alles ver­ant­wort­lich. Dass er für die­se Auf­ga­be weder aus­ge­bil­det wird, noch in nen­nens­wer­tem Umfang Unter­stüt­zung erfährt. Wenn die­se Unter­stüt­zung dann da ist, fres­sen ihm nicht sel­ten Anfor­de­run­gen von oben die Zeit weg. Die­se Auf­ga­be ist in mei­nen Augen kaum noch zu bewäl­ti­gen — vor allem auch psy­chisch nicht. Ich weiß nicht, wie vie­le Bewer­ber auf aus­ge­schrie­be­ne Stel­len kom­men, höre aber, dass das begrenzt attrak­tiv sein soll. Dein Sze­na­rio hal­te ich für rea­lis­tisch.

    So. Jetzt ist ein­mal mehr deskri­biert. Dafür gibt es maxi­mal eine gute Vier. Ein „Gut” oder zumin­dest „befrie­di­gend” wäre nötig. Du hast nach eige­nen Aus­sa­gen selbst kein Rezept, weil du das Para­do­xon ja schon siehst: Wenn gute Schu­le da ist, wis­sen wir, dass sie gut ist. Wir wis­sen aber nicht, wie wir zu guter Schu­le kom­men. Nie­mand weiß das, weil das stets ein indi­vi­du­el­les Rin­gen, ein indi­vi­du­el­ler Pro­zess ist, der im Span­nungs­feld zen­tra­ler Vor­ga­ben abläuft.

    Ich weiß, dass der sys­te­mi­sche Ansatz ein brauch­ba­rer ist. Grund­re­gel die­ses Ansat­zes ist aber, dass ich ihn nicht auf mein eige­nes Sys­tem anwen­den darf und kann, obwohl auch davon mein eige­nes Wohl­be­fin­den abhängt. Schö­nes Para­do­xon.

  • Pingback: Occupy School – Digitales Lernen in der Schule? » Lehrer Müller

  • Als Leh­rer an einem Köl­ner Berufs­kol­leg kann ich vie­les in die­sem gut geschrie­be­nen Arti­kel nach­voll­zie­hen, auch die Kom­men­ta­re sind sehr lesens­wert. Mir selbst ist Ver­än­de­rung in der Schu­le ein wich­ti­ges Anlie­gen, wobei ich in ers­ter Linie Defi­zi­te und gro­ße Chan­cen im Bereich des Medi­en­ein­sat­zes sehe. Mir geht es also um digi­ta­les und selbst­ge­steu­er­tes Ler­nen, bei­spiels­wei­se den Ein­satz von Wikis in der Schu­le, die Nut­zung von iPads und das kol­la­bo­ra­ti­ve digi­ta­le Ler­nen unter Ver­wen­dung von Web2.0 Tech­no­lo­gi­en. Ich sehe enga­gier­te Leh­rer wie @Tastenspieler und wür­de ger­ne dort­hin kom­men, wo er bereits ist, ange­sichts von 30 ein­ge­setz­ten iPads in sei­ner Schu­le möch­te aber auch er viel­leicht noch mehr errei­chen.

    Die Gedan­ken von Maik und Chris­ti­an kann ich gut nach­voll­zie­hen, mir erging es vor gut 10 Jah­ren ähn­lich. Ich hat­te 9 Jah­re in der Wirt­schaft gear­bei­tet, dort gab es natür­lich immer Vor­ge­setz­te, gute und schlech­te, die jedoch die Mög­lich­keit hat­ten, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Gute Unter­neh­mens­lei­tun­gen kön­nen Unter­neh­men erfolg­reich machen und sind in der Lage, ihre Ent­schei­dun­gen auch durch­zu­set­zen. Die Mit­ar­bei­ter soll­ten den­noch mit ins Boot geholt und über­zeugt wer­den, wenn man hin­ter dem gro­ßen Ziel steht, ist das als Mit­ar­bei­ter ein­fa­cher.

    Im Sys­tem Schu­le war ich erst­mal ver­wirrt. Der dama­li­ge Schul­lei­ter stand in der Leh­rer­kon­fe­renz vor 120 Lehr­kräf­ten, es gab Anträ­ge, es wur­de abge­stimmt, es wur­de an die Erwei­ter­te Schul­lei­tung und die Schul­kon­fe­renz ver­wie­sen. Die Ent­schei­dungs­we­ge sind lang und kom­pli­ziert, eine wirk­li­che Visi­on, wie der Schul­lei­ter sei­ne Schu­le in die Zukunft füh­ren möch­te, gab es nicht.

    Nach zehn Jah­re in der Schu­le sehe ich, dass Ver­än­de­run­gen im Sys­tem sehr schwie­rig sind. Stän­dig gibt es neue Vor­ga­ben vom Land, die umge­setzt wer­den sol­len, ohne die Betrof­fe­nen wirk­lich mit ins Boot zu holen. Die Kon­fe­ren­zen neh­men zu, die Büro­kra­ti­sie­rung und die Anfor­de­rung an die Lehr­kräf­te hin­sicht­lich indi­vi­du­el­ler För­de­rung und Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung sind enorm, ohne dass es wirk­lich Unter­stüt­zung gibt. Eini­ge Leh­rer haben viel­leicht schon unzäh­li­ge Ver­än­de­run­gen hin­ter sich und haben gar kein Inter­es­se, schon wie­der alles umzu­stel­len und war­ten erst mal ab. Vie­le haben ihre Unter­richts­ma­te­ria­li­en fer­tig erstellt, es sich in ihrer Wohl­fühl­zo­ne bequem gemacht und gar kein Inter­es­se dar­an, etwas zu ver­än­dern. Die Schul­lei­tung lei­tet zwar dis­zi­pli­na­risch, kann aber viel­fach nichts eigen­stän­dig ent­schei­den, son­dern muss den oben genann­ten Gre­mi­en­ma­ra­thon durch­lau­fen.

    In die­se Gemenge­la­ge kom­men nun hoch­mo­ti­vier­te Leh­rer, die etwas ver­än­dern wol­len. Was pas­siert im Kol­le­gi­um und in der Schul­lei­tung, wel­che Sta­ke­hol­der gibt es?

    Das Kol­le­gi­um ist reser­viert, abwar­tend, hat teil­wei­se Angst vor Ver­än­de­run­gen, im Fal­le von digi­ta­len Medi­en auch Angst davor, etwas nicht zu kön­nen. Hin­zu kommt wahr­schein­lich auch eine tief­sit­zen­de Angst davor, den Wis­sens­vor­sprung gegen­über der Schü­ler­schaft zumin­dest teil­wei­se zu ver­lie­ren. Aller­dings ist natür­lich auch hier Kol­le­gi­um nicht gleich Kol­le­gi­um. Vie­les dürf­te von der Alters­struk­tur ins­ge­samt abhän­gen, zu glau­ben, dass ein jün­ge­res Kol­le­gi­um per se medi­en­auf­ge­schlos­se­ner ist, hal­te ich aber für einen Irr­glau­ben. Ich kann gut ver­ste­hen, dass man kurz vor der Pen­sio­nie­rung nicht mehr ganz so neu­gie­rig auf die digi­ta­le Revo­lu­ti­on ist, den­noch: Dass auch Refe­ren­da­re in mei­ner sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung nur wenig neu­gie­rig auf digi­ta­le Lern­werk­zeu­ge sind, erschreckt mich etwas. Es deu­tet für mich aber dar­auf hin, dass digi­ta­les Ler­nen in der Leh­rer­aus­bil­dung noch nicht ange­kom­men ist oder zumin­dest nicht wei­ter­ent­wi­ckelt wird, sodass even­tu­ell aus dem Lehr­amts­stu­di­um bekann­te Ansät­ze wie­der ver­küm­mern. Dies sind jedoch rei­ne Spe­ku­la­tio­nen, da ich selbst nicht in der Leh­rer­aus­bil­dung tätig bin.

    Wie die Schul­lei­tung agiert, hängt wesent­lich von der betref­fen­den Per­son ab. Es gibt medi­en­af­fi­ne Schul­lei­tun­gen, die im digi­ta­len Ler­nen Chan­cen sehen und dies in der betref­fen­den Schu­le ein­füh­ren wol­len, genau­so wie Schul­lei­tun­gen, die beim digi­ta­len Ler­nen blo­ckie­ren und alles beim Alten las­sen wol­len. Am Häu­figs­ten wird wahr­schein­lich eine Mischung aus bei­dem anzu­tref­fen sein, wodurch sich zumin­dest die Chan­ce auf eine Ver­än­de­rung ergibt. Den­noch stellt sich die Fra­ge, wie medi­en­kom­pe­tent eine Schul­lei­tung ist, denn nur dann, wenn die­se die Chan­cen des digi­ta­len Ler­nens kennt, kann sie dies auch aktiv bewer­ben und eine Ver­än­de­rung initi­ie­ren. Aber selbst dann und da gebe ich ins­be­son­de­re Chris­ti­an Fül­ler recht, muss die Schul­lei­tung noch wei­te­re Gre­mi­en über­zeu­gen, sie hat allei­ne gar nicht die not­wen­di­ge Lei­tungs­be­fug­nis, was zu Pro­ble­men füh­ren kann.

    Die Schul­lei­tung muss gege­be­nen­falls die Erwei­ter­te Schul­lei­tung, die Schul­kon­fe­renz und die Leh­rer­kon­fe­renz über­zeu­gen und ein­be­zie­hen, was eine gro­ße Her­aus­for­de­rung sein kann. In der Schul­kon­fe­renz sind neben Lehr­kräf­ten auch Eltern und Aus­bil­der ver­tre­ten. Was in einer Schu­le geschieht, hängt also auch maß­geb­lich von den Wün­schen, Inter­es­sen und Sor­gen die­ser Per­so­nen­grup­pen ab, und die­se wie­der­um maß­geb­lich von deren Medi­en­kom­pe­tenz und ihren Ein­stel­lun­gen gegen­über digi­ta­lem Ler­nen.

    Als wei­te­re Sta­ke­hol­der wür­de ich die Schul­auf­sicht und die Öffent­lich­keit betrach­ten. Bei jeder schul­in­ter­nen Ent­schei­dung ist die Außen­wir­kung abzu­schät­zen. Je nach eige­ner Über­zeu­gung wird man hier­bei von unter­schied­li­chen Reak­tio­nen aus­ge­hen. Nicht weni­ge Füh­rungs­per­so­nen in der Schu­le befürch­ten, dass die Schu­le nach einer Öff­nung für digi­ta­les Ler­nen in der Außen­wir­kung schlech­ter dasteht als vor­her. Die­se Befürch­tung lässt sich im wesent­li­chen wie­der­um auf man­gen­de Medi­en­kom­pe­tenz zurück­füh­ren. Die Zwei­fel beim Ein­satz digi­ta­ler Medi­en à la „Ler­nen die dann noch was?”, „Schrei­ben die auch mal?” sind aber real vor­han­den . Nicht weni­ge ver­bin­den mit digi­ta­lem Ler­nen „Film­chen gucken” und „ein biss­chen sur­fen”.

    Arti­kel wie die­ser sind für mich wich­tig. Ich mer­ke, dass ich mit mei­nen Anlie­gen nicht allein bin und bekom­me wie­der Kraft, das Begon­ne­ne fort­zu­füh­ren. Die Schu­le ist, so wie ich sie bis­lang ken­nen­ge­lernt habe, ein unglaub­lich trä­ges Sys­tem. Mir per­sön­lich ist sie viel zu trä­ge, so trä­ge, dass ich manch­mal ver­zwei­feln möch­te. Ande­rer­seits bewegt sie sich dann doch wie­der, lang­sam aber unauf­halt­bar. Die Rich­tung dabei ist klar. Die digi­ta­le Revo­lu­ti­on wird auch in der Schu­le Ein­zug hal­ten, trotz oder even­tu­ell gera­de auch wegen The­men wie Inklu­si­on, län­ge­rem gemein­sa­men Ler­nen und Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung. Es sieht nur bis­lang eher so aus, dass es eine gemäch­li­che Evo­lu­ti­on wird und eben nicht die Revo­lu­ti­on. Für eine Revo­lu­ti­on im digi­ta­len Lern­be­reich, müss­te aber gesell­schaft­lich ein brei­ter Kon­sens bestehen, der so nicht exis­tiert.

    Den­noch für mich eine schö­ne Visi­on: Auf­ge­brach­te Bil­dungs­wut­schü­ler und Bil­dungs­wut­bür­ger strö­men in Mas­sen auf die Stra­ßen mit dem Slo­gan „Wir sind die 99%” und den Auf­ru­fen „Occu­py School”, „Digi­ta­les Ler­nen — jetzt!”, „Chan­ge School — Now!”, „Yes We Can!” und „BMOD WYS — I Bring My Own Device Wha­te­ver You Say!”.

    Gut genug geträumt, zurück auf die Erde. Was nun? Ich muss mich wie­der ein­mal an die Rei­hen­fol­ge der Pro­jek­te, die mir als Spre­cher unser Medi­en­aus­schus­ses an unse­rer Schu­le wich­tig sind, erin­nern:

    Schritt 1: Anschluss unse­rer Schu­le an das Schul­wi­ki Köln
    Schritt 2: WLAN (wird durch sämt­li­che Gre­mi­en unse­rer Schu­le gehen)
    Schritt 3: iPads anschaf­fen (ca. 10)
    Par­al­lel: Schu­lung für inter­ak­ti­ve White­boards durch­füh­ren

    Wer Inter­es­se hat:
    Zwei Arti­kel auf lehrermueller.de:

    Dampf­lok oder ICE
    Offe­ner Brief an die Grü­nen

  • Noch eine Klei­nig­keit. Dein Arti­kel hat mich ja zu die­sem Kom­men­tar inspi­riert, ich habe den Kom­men­tar auch auf mei­ner Home­page ver­öf­fent­licht, du wirst im Arti­kel und in mei­ner Blog­list genannt. Falls du Inter­es­se hast, freue ich mich auf eine Auf­nah­me in dei­ne Blog­list, eben­so freue ich mich über neue Fol­lo­wer auf Twit­ter unter @apfelweiss.

    Vie­le Grü­ße

    Maik

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