Konflikte in schulischen Kontexten

Im Rah­men mei­ner klei­nen Ein­füh­rung in die Metho­dik des sys­te­mi­schen Arbei­tens ist mir zum ers­ten Mal das Modell der Kon­flikt­es­ka­la­ti­on von Fried­rich Glasl vor die Nase gekom­men:

Kon­flikt­es­ka­la­ti­on nach Glasl, Quel­le: Wiki­pe­dia

Vie­le ande­re Model­le zur Beschrei­bung von Kon­flik­ten haben eine eher anstei­gen­de Ten­denz, um aus­zu­drü­cken, dass sich bei unkon­trol­lier­tem Fort­schrei­ten des Kon­flikts des­sen Inten­si­tät stei­gert. Glasl beschreibt eska­lie­ren­de Kon­flik­te defi­zi­tär: Men­schen ver­lie­ren mit jeder Eska­la­ti­ons­stu­fe mehr und mehr von ihrer Mensch­lich­keit. Die not­wen­di­gen Inter­ven­tio­nen wer­den mit jeder Stu­fe nach unten immer dras­ti­scher bis hin zum Macht­ein­griff in Stu­fe 7–9. Im Prin­zip fin­den sich auch vie­le Stu­fen von Mob­bing­pro­zes­sen in Glasls Modell wie­der.

Stu­fe 1 – Ver­här­tung

Kon­flik­te begin­nen mit Span­nun­gen, z. B. gele­gent­li­ches Auf­ein­an­der­pral­len von Mei­nun­gen. Es ist all­täg­lich und wird nicht als Beginn eines Kon­flikts wahr­ge­nom­men. Wenn dar­aus doch ein Kon­flikt ent­steht, wer­den die Mei­nun­gen fun­da­men­ta­ler. Der Kon­flikt könn­te tie­fe­re Ursa­chen haben.

Stu­fe 2 – Debat­te

Ab hier über­le­gen sich die Kon­flikt­part­ner Stra­te­gi­en, um den ande­ren von ihren Argu­men­ten zu über­zeu­gen. Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten füh­ren zu einem Streit. Man will den ande­ren unter Druck set­zen. Schwarz-Weiß-Den­ken ent­steht.

Stu­fe 3 – Taten statt Wor­te

Die Kon­flikt­part­ner erhö­hen den Druck auf den jeweils ande­ren, um sich oder die eige­ne Mei­nung durch­zu­set­zen. Gesprä­che wer­den z. B. abge­bro­chen. Es fin­det kei­ne ver­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­on mehr statt und der Kon­flikt ver­schärft sich schnel­ler. Das Mit­ge­fühl für den „ande­ren” geht ver­lo­ren.

Stu­fe 4 – Koali­tio­nen

Der Kon­flikt ver­schärft sich dadurch, dass man Sym­pa­thi­san­ten für sei­ne Sache sucht. Da man sich im Recht glaubt, kann man den Geg­ner denun­zie­ren. Es geht nicht mehr um die Sache, son­dern dar­um, den Kon­flikt zu gewin­nen, damit der Geg­ner ver­liert.

Stu­fe 5 – Gesichts­ver­lust

Der Geg­ner soll in sei­ner Iden­ti­tät ver­nich­tet wer­den durch alle mög­li­chen Unter­stel­lun­gen oder ähn­li­ches. Hier ist der Ver­trau­ens­ver­lust voll­stän­dig. Gesichts­ver­lust bedeu­tet in die­sem Sin­ne Ver­lust der mora­li­schen Glaub­wür­dig­keit.

Stu­fe 6 – Droh­stra­te­gi­en

Mit Dro­hun­gen ver­su­chen die Kon­flikt­par­tei­en, die Situa­ti­on abso­lut zu kon­trol­lie­ren. Sie soll die eige­ne Macht ver­an­schau­li­chen. Man droht z. B. mit einer For­de­rung (10 Mio. Euro), die durch eine Sank­ti­on („Sonst spren­ge ich Ihr Haupt­ge­bäu­de in die Luft!“) ver­schärft und durch das Sank­ti­ons­po­ten­zi­al (Spreng­stoff zei­gen) unter­mau­ert wird. Hier ent­schei­den die Pro­por­tio­nen über die Glaub­wür­dig­keit der Dro­hung.

Stu­fe 7 – Begrenz­te Ver­nich­tung

Hier soll dem Geg­ner mit allen Tricks emp­find­lich gescha­det wer­den. Der Geg­ner wird nicht mehr als Mensch wahr­ge­nom­men. Ab hier wird ein begrenz­ter eige­ner Scha­den schon als Gewinn ange­se­hen, soll­te der des Geg­ners grö­ßer sein.

Stu­fe 8 – Zer­split­te­rung

Der Geg­ner soll mit Ver­nich­tungs­ak­tio­nen zer­stört wer­den.

Stu­fe 9 – Gemein­sam in den Abgrund

Ab hier kal­ku­liert man die eige­ne Ver­nich­tung mit ein, um den Geg­ner zu besie­gen.

Quel­le: http://de.wikipedia.org/wiki/Konflikteskalation_nach_Friedrich_Glasl

Einer mei­ner Aus­bil­der hat sich Gedan­ken zur WIN-LOSE (Stu­fe 4–6) in Glasls Modell gemacht und wei­ter aus­for­mu­liert:

Stu­fe 4: Ste­reo­ty­pen, Kli­schees, Image­kam­pa­gnen, ein­an­der in nega­ti­ve Rol­len manö­vrie­ren, Wer­ben um Anhän­ger, Selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­hun­gen

Stu­fe 5: Öffent­lich und direkt: Gesichts­an­griff […]

Ein Bild hat mir dabei beson­ders zu den­ken gege­ben: die WIN-LOSE-Stu­fen­grup­pe ist die Grup­pe des (Macht-)spiels. Er hat uns auch Bei­spie­le aus der Wirt­schaft für „typi­sche” Hand­lun­gen in die­ser Stu­fen­pha­se  genannt, z.B.:

  • Maß­re­ge­lung von Kol­le­gen in der Öffent­lich­keit
  • geziel­te Wei­ter­ga­be selek­ti­ver Infor­ma­tio­nen, um Bünd­nis­part­ner für das eige­ne Anlie­gen zu gewin­nen — ich habe das ein­mal „Vor­de­mo­kra­ti­sie­rung” genannt
  • geziel­tes Aus­schlie­ßen von Men­schen
  • […]

Wie mensch­lich gehen wir eigent­lich an der Schu­le mit Kon­flik­ten um? Auf wel­cher Stu­fe ste­hen wir bei einem Kon­flikt z.B. in einer Kon­fe­renz? Was bedeu­tet „Vor­de­mo­kra­ti­sie­rung” pas­siv erlebt und aktiv gestal­tet — auch wenn sie einem ver­meint­lich „guten Zweck” dient?

Was ich — vor allem in anony­men Blogs — mit­un­ter an (natür­lich wahr­ge­nom­me­ner) Kon­flikt­kul­tur mit­be­kom­me, macht mir gele­gent­lich Angst.

PS: Fried­rich Glasl kommt aus dem Bereich der Wirt­schaft­wis­sen­schaf­ten.

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Ein Kommentar

  • Das ist doch eine ganz wich­ti­ge Erkennt­nis: „Men­schen ver­lie­ren mit jeder Eska­la­ti­ons­stu­fe mehr und mehr von ihrer Mensch­lich­keit.” Wenn Schu­len nun ver­hin­dern wol­len, in solch eine Kon­flikt­kas­ka­de hin­ein zu gera­ten, müs­sen sie orga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tu­ren auf­bau­en, die in mög­lichst vie­len Berei­chen der Schu­le Mensch­lich­keit wach­sen las­sen.

    Der Ame­ri­ka­ner John Gott­man beschrieb für die Paar­kom­mu­ni­ka­ti­on „vier apo­ka­lyp­ti­sche Rei­ter”, die tun­lichst ver­mie­den wer­den soll­ten: Schuld­zu­wei­sung, Recht­fer­ti­gung, Gering­schät­zung und Rück­zug. Ist es dazu gekom­men, kann dem nur ent­ge­gen gewirkt wer­den, indem die Part­ner sich ver­bal oder in Hand­lun­gen zum Aus­gleich Gutes tun. Sogar das Ver­hält­nis destruk­ti­ver zu auf­bau­en­der Inter­ak­tio­nen wur­de benannt; dar­an lässt sich sogar rela­tiv zuver­läs­sig die Tren­nungs­wahr­schein­lich­keit von Paa­ren vor­her­sa­gen.

    Aber zurück zur Schu­le. Weil Mensch­lich­keit in unmensch­li­chen Milieus ero­diert, ist es so wich­tig, dass an Schu­len top-down ein guter Umgang mit­ein­an­der gepflegt wird. Dass das Leh­rer­kol­le­gi­um sich gegen­sei­tig wert­schätzt, dass es orga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tu­ren gibt, mit­tels derer gra­vie­ren­de Kon­flik­te zwi­schen Lehr­kräf­ten bemerkt und auf­ge­ar­bei­tet wer­den (etwa durch Super­vi­sio­nen und kol­le­gia­le Inter­vi­sio­nen), dass es ein mit Leben aus­ge­füll­tes päd­ago­gi­sches Leit­bild gibt. Dass es schu­li­sche Struk­tu­ren gibt, die päd­ago­gi­sche Ent­glei­sun­gen eben­so wie Mob­bing-Fäl­le oder mas­si­ve Schü­ler-Kon­flik­te bemer­ken und einer güt­li­chen Lösung zufüh­ren. Dass es an der Schu­le Streit­schlich­ter-Model­le unter Feder­füh­rung der Schü­ler gibt.

    Aber schluss­end­lich zählt wohl in ers­ter Linie die Hal­tung der­je­ni­gen Per­so­nen, die die jewei­li­ge Schu­le prä­gen. Hal­tun­gen über­tra­gen sich in Win­des­ei­le. Naja, und von die­sem Phä­no­men sind bekannt­lich nicht nur Schu­len betrof­fen …

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