Theaterbesuch nachbereiten

„Kabale und Liebe“ ist verpflichtende Lektüre für das Abitur 2013. Das Oldenburgische Staatstheater spielt schon seit mehreren Jahren zufällig abiturrelevante Dramen, so auch das zu unterrichtende Bürgerliche Trauerspiel Schillers. Also haben wir uns am Dienstag mit drei Kursen auf erhöhten und einem Kurs auf grundlegendem Niveau auf den Weg nach Oldenburg gemacht, um dort eine dreistündige Inszenierung zu genießen. Natürlich wollte das ausgewertet werden – es ist erstaunlich, wie sinnvoll auch hierbei Anleihen aus der Theorie der systemischen Beratung waren.

Schritt 1:

Notiert drei Aspekte der Inszenierung, die euch besonders befremdlich in Erinnerung geblieben sind.

Schritt 2:

Sammeln an der Tafel (einfache Liste)

Schritt 3:

Sucht euch aus der Liste einen Aspekt heraus, der euch besonders beschäftigt. Formuliert fünf Hypothesen, warum der Regisseur bzw. der Dramaturg das in der gezeigten Form umgesetzt hat.

Schritt 4:

Tut euch zu zweit zusammen und stellt euch eure Hypothesen gegenseitig vor. Wählt jeweils eine Hypothese aus, die euch am plausibelsten erscheint.

Schritt 5:

Eine Gruppe beginnt und stellt ihre Hypothesen vor. Wenn weitere Gruppe Hypothesen zum gleichen Aspekt erarbeitet haben, schalten sie sich direkt in das Gespräch mit ein.

Erfahrungen:

Es gab vor dem eigentlich Stück eine Einführung durch den leitenden Dramaturgen im Foyer. Unter anderem wurde erklärt, dass in der Inszenierung eine Figur („Wurm“) seine Pullunder entsprechend des Kontextes wechselt, um seine Anpassungsfähigkeit zu verdeutlichen. Trotz dieser Erklärung war der Pullunder Gegenstand ganz anderer Hyopthesen, z.B. derjenigen, dass Wurm von den Pullundern gleichzeitig seine Schuld abstreift bzw. es so gewirkt hat. Es rückten zusätzlich vollkommen andere Fragestellungen als in der Behandlung des Stückes im Unterricht in den Mittelpunkt – etwa die Funktion von Luises Mutter (schließlich thematisiert das Stück eigentlich nur die Liebe zwischen Vater und Tochter).

Daran ließ sich dann einiges erarbeiten, z.B. dass der Text trotz einer klaren Intention durch die Gestaltenden noch lange nicht so wirken muss, wie sich das ebendiese Gestaltenden vorher gedacht haben – d.h. dass Formulierungen wie „Schiller wollte…“ u. U. auf wissenschaftlich ziemlich wackligen Beinen stehen.

Kernstück bei dieser Stunde ist die Hypothesenfindung: Die Hypothesen dürfen ruhig weit hergeholt sein. Sie dienen „lediglich“ der Gestaltung des Gespräches und geben diesem eine gewisse schülerzentrierte Struktur, weil sie den Blickwinkel manchmal recht unkonventionell verändern.

Hypothesen spielen in der systemischen Beratung eine große Rolle – nämlich die gleiche: Der Berater erweitert seinen Blickwinkel und auch das beratende System wird dazu angeregt, im System erlernte Denkstrukturen zu verlassen. Das war an unserem System „Deutschkurs“ sofort zu beobachten…

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