Mein Anspruch ist Verengung

Anfang der Woche war ich auf einer Fortbildung auf Schloss Etelesen:

Als medienpädagogische Berater erhalten wir eine Einführung in die Grundprinzipien der systemischen Beratung. Diese Fortbildung erfolgt in vier Modulen, wovon zwei in die Ferienzeit fallen. Am Tagungsgebäude lässt sich in etwa erkennen, auf welchem Niveau sich das Ganze bewegt: Zwei Coaches waren für eine Gruppe aus zehn medienpädagogischen Berater zuständig. Die Videokamera lief auch gelegentlich mit, so dass man sich mit dem Blick von außen selbst beobachten konnte. Mich beeindruckt eigentlich wenig – aber diese Fortbildung gehört zweifelsohne zu den Erlebnissen, die mich tief beeindrucken.

Was ist systemische Beratung?

Für mich ist es die Kunst zu beraten ohne dabei selbst Teil eines Systems zu werden. Als medienpädagogischer Berater „fühlt“ man oft mit z.B. Schulen, die vom Schulträger hinsichtlich der Medienausstattung vernachlässigt werden. Als Techniker „fühlt“ man oft mit Supportmitarbeitern des Schulträgers, die oft genug mit ansehen müssen, wie teuer beschaffte Hardware nicht oder unsachgemäß genutzt wird. Als Lehrer „fühlt“ man gelegentlich mit Schülern, die ihre digitalen Geräte auch in der Schule nutzen wollen usw.. Menschen, die ich in technischen Angelegenheiten berate, erwarten von mir oft Lösungen: „Kauft iPads, macht WLAN usw.“. All das ist von einem systemischen Ansatz her betrachtet absolut unproduktiv.

Beraten werden in der systemischen Beratung – der Name sagt es schon – immer Systeme, also mehrere Personen, Gremien oder Gruppierungen. Systeme befinden sich immer in einer Art Gleichgewicht und entwickeln Strukturen, um dieses Gleichgewicht zu stabilisieren. In der systemischen Beratung geht es in einem ersten Schritt darum, diese oft unbewussten Strukturen bewusst zu machen, ja sie sogar durch bestimmte Techniken zu visualisieren. In einem weiteren Schritt werden durch gezieltes Projektmanagement Ideen entwickelt, um optimale Strukturen zu erhalten und nicht-optimale zu verändern. Dabei geht es nicht darum, das System „alleine“ zu lassen, sondern immer wieder darum, alle Beteiligten dazu zu bringen, neue Standpunkte und Sichtweisen einzunehmen, die eine Offenheit oder eine anderen Blick auf z.B. technische Lösungen ermöglichen – oder in Web2.0-Sprech: Schwarmintelligenz zu katalysieren.

Dazu haben wir eine Reihe von praktischen Übungen absolviert, bei denen wir quasi an uns selbst erlebt haben, welche Effekte durch systemische Techniken in einem Klientensystem zu erreichen sind. Für den Lernprozess war genau dieses Erleben das Essentielle. Man kann eine Reihe schlaue Bücher über systemische Beratung lesen – sie werden jedoch keinen Eindruck von ihrem Wesen vermitteln. Alles Gelernte lässt sich direkt bei Beratungen anwenden – meine am Freitag verfassten Mails waren schon von den Reflexionsprozessen beeinflusst.

Ein absoluter Glücksfall war dabei die Gruppe der medienpädagogischen Berater, die einfach passte und auf die ich mich bei den nächsten Modulen sehr freue. Nur so war Arbeit an dem möglich, an was wir uns in Schule oft nicht herantrauen: Haltung.

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2 Kommentare

  • Interessanter Beitrag! Ich durfte kurz vor Weihnachten einem systemischen Berater bei der Arbeit in einer Schule zusehen. Mir ging es da wie dir: ich war wirklich beeindruckt. Und auch dein Fazit (Haltung) kann ich gut verstehen. in zweieinhalb Jahren gehe ich ins Sabbatjahr und ich überlege, ob ich nicht eine Zusatzausbildung in dieser Richtung machen soll. Ich würde mich freuen, wenn du mehr schreibst.

  • Tja – das mit der richtigen Ausbildung zum systemischen Berater dürfte recht, recht teuer werden… Wir streifen in den vier Modulen das Thema ja allenfalls.
    Spannend ist die Geschichte der systemischen Beratung: Einzeltherapie wurde irgendwann zu teuer und ineffizient, weil die Zahl der „Fälle“ in den Industriegesellschaften ständig wuchs. Also brauchte man Ansätze, die mit einem ungünstigeren Therapeut-Klientenverhältnis auskamen. So ist dieser Ansatz wohl aus ganz pragmatischen Überlegungen heraus entstanden. Auf jeden Fall schreibe ich nach jeden Modul etwas – leider ist das nächste erst im Mai (schnüff), dafür aber wieder in Etelsen…

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