Ich habe den PC einfach nur genutzt

Um Din­ge zu nut­zen, brau­chen wir nur ein begrenz­tes Ver­ständ­nis von ihrer tech­ni­schen Funk­ti­ons­wei­se. Mit einem Auto etwa wol­len wir fah­ren. Wir wol­len nicht wis­sen, wie ein Motor funk­tio­niert, wir wol­len es ein­fach benut­zen. Des­halb soll im Bereich der Medi­en­di­dak­tik nicht pri­mär tech­ni­sches Wis­sen ver­mit­telt wer­den, son­dern Wis­sen um die Her­aus­for­de­run­gen und Poten­tia­le der Nut­zung der Medi­en.

So in etwa lie­ßen sich in mei­nen Augen Tei­le der vor län­ge­rer Zeit statt­fin­den­den Dis­kus­si­on zum Spie­gel­ar­ti­kel „Gene­ra­ti­on Null Blog” zusam­men­fas­sen. Die­se Argu­men­ta­ti­on besitzt für mich einen wah­ren Kern, jedoch ein abso­lut fal­sches Ana­log­bei­spiel mit den Autos, weil die Kon­se­quen­zen von Inkom­pe­tenz beim Auto­fah­ren oder bei Bedie­nung eines Com­pu­ters auf völ­lig ver­schie­de­nen Ebe­nen lie­gen. Beim ers­te­ren sind sie phy­si­ka­lisch erfahr­bar, phy­sisch unmit­tel­bar erleb­bar, beim zwei­ten sind die Kon­se­quen­zen eher dif­fus — allen­falls für Ser­ver­be­trei­ber wie auch mich erge­ben sich ech­te Erleb­nis­se, wenn man sich des übli­chen Grund­rau­schens viren­ver­seuch­ter Anwen­der­cli­ents erwehrt oder dank mit­ge­sen­de­ter Infor­ma­tio­nen theo­re­tisch einen Cli­ent einer natür­li­chen Per­son zuord­nen kann.

Das Auto

… ist ja des Deut­schen liebs­tes Kind. Selbst auf­ge­schlos­se­ne Päd­ago­gen in mei­nem Umfeld nut­zen die­sen Hau­fen Blech als fah­ren­des Wohn­zim­mer oder Reprä­sen­ta­ti­ons­ge­gen­stand — oder was auch immer. Für mich bleibt es ein Hau­fen Blech, der tech­nisch in Stand gehal­ten wird und so lan­ge die dicke Beu­le in der Sei­ten­tür nicht gam­melt, bleibt sie halt: Die Kis­te ist bezahlt und nur der Schrot­ter wird uns irgend­wann schei­den und der Kas­ten Geträn­ke fliegt vor dem Ein­stei­gen auch schon mal auf’s Dach.

Neue Autos sind so kon­stru­iert, dass ein simp­ler Glüh­lam­pen­wech­sel oft­mals einen Werk­statt­be­such erfor­dert. Ich brau­che bei mei­nem Auto dafür in etwa 45 Sekun­den — ein­zig die H4-Lam­pe im Haupt­schein­wer­fer ist mit 2–3 Minu­ten etwas fimm­li­ger. Es sei jedem gegönnt, ein moder­nes Auto zu fah­ren: Wirt­schaft­lich und vom Umwelt­ge­dan­ken her (ein Golf II kommt erst nach ca. 150.000km in die nega­ti­ve Öko­bi­lanz gegen­über einem moder­nen Golf — Stich­wort: Schad­stoff­aus­stoß bei der Her­stel­lung) ist sowas oft abso­lu­ter Blöd­sinn. Ob die Ver­sor­gung mit elek­tro­ni­schen Ersatz­tei­len auch über Jahr­zehn­te hin­weg gewähr­leis­tet bleibt, ist zusätz­lich zu fra­gen. Allein die gestie­ge­ne Sicher­heit ist da ein gül­ti­ges Sach­ar­gu­ment. Die Leu­te benut­zen halt ihre Autos — zu wel­chem Zweck auch immer — und das sol­len sie auch. Wenn an einem Auto ein Defekt auf­tritt, den man nicht selbst behe­ben kann, muss man jeman­den dafür bezah­len, der den Defekt besei­tigt. Das kos­tet Geld und Zeit — nichts wei­ter. Ich fah­re zur Werk­statt x, mache einen Repa­ra­tur­ver­trag und bekom­me mein Auto zurück. Das war’s. Mein Nicht­wis­sen um die Tech­nik bezah­le ich mit Geld. Viel­leicht denkt mein Mecha­ni­ker noch: „Wie­der so’n klug­schei­ßen­der Leh­rer” und damit hat es sich auch schon mit dem sozia­len Risi­ko.

Der Com­pu­ter

… ist auf der Hard­ware­sei­te ein völ­lig iden­ti­scher Fall. Die bekommt man mit Geld in den Griff. Da gehe ich inzwi­schen selbst als pas­sio­nier­ter  Bast­ler nicht mehr bei. Schwie­ri­ger ist die Soft­ware­sei­te. Um so kli­cken vie­le Face­book­nut­zer z.B. flei­ßig die „like But­tons” und lie­fern neben­bei emsig Daten dar­über, wo sie sich im Inter­net gera­de auf­hal­ten — ein geis­ti­ges Bewe­gungs­pro­fil, wür­den aber ver­mut­lich in der Mehr­heit laut auf­jau­len, wenn bekannt wür­de, dass deut­sche Maut­brü­cken zur Erstel­lung von geo­gra­phi­schen Bewe­gungs­pro­fi­len ein­zel­ner Bür­ge­rin­nen und Bür­ger genutzt wer­den — was man gar nicht mehr muss:

Habe ich als Ermitt­lungs­be­hör­de ein Pro­blem, über­wa­che ich halt  auf rich­ter­li­chen Beschluss das Mobil­te­le­fon des Bür­gers, der idea­ler­wei­se Loka­li­sie­rungs­diens­te via GPS oder A-GPS nutzt (dann geht es auf 10m genau)  — z.B. eine inte­gra­le Funk­ti­on des iPho­nes.  Dafür brau­che ich nicht ein­mal die Koope­ra­ti­on eines US-ame­ri­ka­ni­schen Anbie­ters — T-Com resi­diert z.B. in Deutsch­land. Vie­le Web 2.0er schei­nen ja bei­des zu machen: Ist das eine (Like-But­tons) weni­ger schlimm, weil in dem Fall der deut­sche Staat schwe­rer an die Daten her­an­kommt als bei z.B. Maut­brü­cken? Dann dürf­te ich  kon­se­quen­ter­wei­se eigent­lich kei­ne Loka­li­sie­rungs­diens­te mei­nes Han­dys nut­zen, weil dann der Staat im Fal­le eines begrün­de­ten Ver­dacht über ein deut­sches Unter­neh­men Zugriff hät­te.

Die Kon­se­quen­zen die­ser in mei­nen Augen oft para­do­xen Ver­hal­tens­wei­sen sind nicht abseh- son­dern allen­falls abschätz­bar. Der kopf­schüt­teln­de Mecha­ni­ker erzählt es viel­leicht sei­ner Frau — was macht Face­book mit den Daten über mich? Ist in Zei­ten von SWIFT-Abkom­men garan­tiert, dass die­se Daten nie­mals — auch nicht poten­ti­ell — deut­schen und gar aus­län­di­schen Behör­den zugäng­lich sein wer­den?

Der Unter­schied

Beim Auto hän­gen also die Gefah­ren­po­ten­tia­le, die sich durch die Nut­zung erge­ben unmit­tel­bar mit der eige­nen Erfah­rung zusam­men: Bei der War­tung der Brem­sen ist irgend­wie klar, dass das sinn­voll ist, weil ich direkt erfah­ren oder mir aus­ma­len kann, was defek­te Brem­sen für Kon­se­quen­zen für mich und Drit­te haben kön­nen.  Wenn mein Licht aus­fällt, sehe ich nachts nichts mehr — also fah­re ich in die Werk­statt.

Im Soft­ware­be­reich ist in mei­nen Augen die­ser Zusam­men­hang nur her­stell­bar durch das, was heu­te gemein­hin als „tech­ni­sche Kom­pe­tenz” bezeich­net und  nach mei­ner Wahr­neh­mung von vie­len Medi­en­päd­ago­gen ger­ne ver­mie­den wird, weil es eben ganz und gar nicht moti­vie­rend und „hipp” ist — zumin­dest nicht auf den ers­ten Blick. Des­we­gen ist für mich Medi­en­kom­pe­tenz  (oft als „reflek­tier­te Benut­zungs­kom­pe­tenz” ver­un­stal­tet) ziem­lich kas­triert (wenn­gleich ein Anfang)  ohne einen beglei­ten­den, fun­dier­ten Infor­ma­tik­un­ter­richt, weil nach mei­ner Mei­nung nur die­ser die Brü­cke zur oft ent­kop­pel­ten direk­ten Erfah­rung wie beim Auto dar­stellt. Des­we­gen lohnt sich Wis­sen über die inter­me­diä­re Soft­ware­schicht aus mei­ner Sicht auf jeden Fall. Aber das ist Arbeit, mit der sich kei­ne Schlag­zei­len machen las­sen und die auch nicht „lust­be­tont” ist — aber durch­aus zur Frei­heit führt.

Und ein Stand­ort wie Deutsch­land mit sei­nen reich­hal­ti­gen Boden­schät­zen braucht die­ses Wis­sen in einer Welt, in der IT immer unbe­deu­ten­der wird, sowie­so nicht. Schon rein prag­ma­tisch gedacht… Da rei­chen rei­ne „Toucher”/„kompetente Benut­zer” aus.

Für Ser­ver­men­schen wie mich ist das in Zei­ten zuneh­men­der „Clou­di­sie­rung” natür­lich gut. Mei­ne Diens­te wer­den gefragt sein. Not­falls auch nur Con­sul­ting, obwohl das nicht halb so wit­zig ist. Viel­leicht soll­te ich ein­mal begin­nen, dar­aus Kapi­tal zu schla­gen…

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Ein Kommentar

  • Ich den­ke auch: Der Ver­gleich zum Auto hinkt. Wenn ich mich nicht wei­ter für mein Auto inter­es­sie­re, hat das wenig unkon­trol­lier­ba­re Fol­gen für mein wei­te­res Leben. Wenn ich mich nicht für das inter­es­sie­re, was ich durch mei­nen media­len Analpha­be­tis­mus anrich­te, dann kann es durch­aus sein, dass ich irgend­wann Pro­ble­me bekom­me — z.B. bei der nächs­ten Bewer­bung um einen Arbeits­platz.
    Manch­mal kann es aber auch ganz ein­fach sein, die Schü­ler auf einen ver­ant­wor­tungs­vol­len, d.h. kom­pe­ten­ten Umgang mit den hip­pen Medi­en auf­merk­sam zu machen. Es reich­te bei mir schon, mei­ne Schü­ler mit den Infor­ma­tio­nen zu kon­fron­tie­ren, die ich auf face­book über sie gesam­melt habe, inkl. der Prä­sen­ta­ti­on der welt­weit öffent­lich zugäng­li­chen nicht anony­mi­sier­ten Pho­tos im Klas­sen­raum…
    Viel schwe­rer zu errei­chen sind da die der Schu­le ent­wach­se­nen ‚Analpha­be­ten’ — denn sie wis­sen nicht, was sie (und ihre Kin­der) tun…

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