GoogleDocs: Die Suche geht weiter nach vorn

Nachdem ich in diesem Artikel erste Erfahrungen mit GoogleDocs beschrieben habe, kann ich nun sogar mit ersten Ergebnissen aufwarten.  Metareflexionen ohne authentisches Schülermaterial kranken ja  oft an dem „Oberflächlichkeitsverdacht“. Der Weg ist bei der ersten Erfahrung didaktisch einmal mehr sehr unkonventionell, aber es galt neben dem notwendigen inhaltlichen Übel gleichzeitig die neue Methode in ihren Möglichkeiten auszuloten – da muss man manchmal recht stumpf neue Wege gehen.

Erfahrung 1:

Thema ist die allseits beliebte und immer wieder gerne unterrichtete „indirekte Rede“ mit ihrem bis ins Abitur hinein verfluchten Regeln zum Konjunktivgebrauch. Die Bildungsregeln waren eingeführt. Auch habe ich schon sehr klassisch in unserem Regelheft die Sache mit der Grundform (Konjunktiv I) und den beiden Ersatzformen (Konjunktiv II/würde) besprochen und eingeübt. Soweit zum Thema „traditioneller Unterricht“.

Meine ersten Versuche mit den Textdokumenten von Google waren recht ernüchternd, da sie gerade in jüngeren Klassen zu Fehlbedienungen einladen („Oh, jetzt ist alles gelöscht, da wollte ich nicht!“). Das lässt sich retten, da Google eine umfangreiche Versionierungsfunktion mitliefert, mit der man vieles wieder gerade rücken kann. Hauptgrund für die häufigen Irritationen ist die Nähe der vielen Cursor zueinander – da braucht es erstmal vor allem eines: Abstand.

Aufgabe für die SuS war, nach dem unterrichtlichen Vorgeplänkel eine komplette Konjugationstabelle anzufertigen (alle Tempora, alle Modi) – das ist mit GoogleDocs überhaupt keine Sache. Es sollten identische Formen markiert werden, die vorgeschriebene Ausweichform ebenfalls – die Farben haben wir abgesprochen. Ziele:

  1. Es sollte herauskommen, dass die Umschreibung mit „würde“ durch den Konjunktiv II von Futur I-Formen „besetzt“ ist und keine Anstellerei von langhaarigen, stilistisch verbohrten Deutschlehrern
  2. Es sollte herauskommen, dass es bei den Präteritumformen syntaktische Probleme mit der Konjunktivbildung gibt (wenn wir Vorzeitigkeit erhalten wollen, müssen wir syntaktisch auf die Perfektform ausweichen, beim Plusquamperfekt gibt es auch noch Sorgen…). Konjunktiv im Deutschen ist sowieso eine treffliche Grauzone, da die Definition nicht über das Tempus, sondern die Funktion erfolgt.
  3. Nebenschauplatz: Wie gestalte ich eine Tabelle halbwegs übersichtlich? (Jaja, Methodenkompetenz…)
  4. Eigentlich wollte ich noch eine „Peer-Review“ durchführen lassen (Gruppe 1 schaut bei Gruppe 2 drüber, Gruppe 2 bei Gruppe 3 – jaja, wieder Methoden- und zusätzlich Sozialkompetenz)

Jeweils drei SuS arbeiteten zusammen in einem Tabellendokument, welches ich von Moodle aus verlinkt habe. Für meine Lerngruppe gab es damit neun Dokumente und jede Gruppe beackerte ein anderes Verb (sein, haben, stark, schwach, modal….).  Hier gibt es ein Beispiel zum Anschauen, mit dem ich morgen in der Stunde weiterarbeiten möchte, weil es so nicht stehen bleiben kann (liegt hier gerade farbig ausgedruckt vor mir). Ja – und man kann darüber streiten, ob es gut ist, SuS mit dem Präteritum und dem Plusquamperfekt in den Wald laufen zu lassen. Jetzt zu den Erfahrungen:

  1. Das geht sehr gut und schnell – Totholz (Hefte) sind hier eindeutig unterlegen
  2. Ich habe immer mal über die Kommentarfunktion hineinkommentiert, man kann den Prozess schließlich in „Realtime“ miterleben
  3. Die Chatfunktion haben die SuS von sich aus erst einmal nicht entdeckt – ich habe sie darauf gestoßen, als sabotiert wurde
  4. Peer-Review habe ich wegen Punkt 3 abgeblasen und „sozial“ thematisiert. Immerhin vertraue ich ja jedem extrem, wenn ich sie anonym arbeiten lasse, auch ich weiß nicht, wer da ggf. sabotiert

Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Reibungsverluste durch die neue Methodik immens sind. Allerdings hätte ich mich angesichts der zunehmenden Syntaxfeindlichkeit in der Deutschdidaktik niemals getraut, da so heranzugehen.

Die Gruppe, deren Arbeitsergebnisse sabotiert worden sind (konnte ich wiederherstellen), war ehrlich entrüstet und verlieh der Enttäuschung auch gehörigen Ausdruck – ich denke auch deswegen, weil der „Täter“ nicht überführbar war. Ich hoffe, dass selbiger oder selbige durch diese emotionale Konfrontation etwas gelernt hat – eigentlich denke ich das sogar.

Erfahrung 2:

Diesmal Chemie. Wir müssen im Oberstufenkurs verschiedene Verfahren zur elektrolytischen Metallgewinnung/-veredlung besprechen. Ich hasse sowas. Wenn man die Grundlage gut gelegt hat, kann man derartige Dinge auch einfach nachlesen. Hat man die Grundlage nicht, kann man das auch nicht verstehen. Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich von den Grundlagen zur konkreten Anwendung hinführe, oder anhand der Anwendung die Grundlagen erarbeite – in beiden Fällen halte ich Freiheit der SuS eine Illusion. Deswegen habe ich vier Verfahren in die Hände von vier Schülergruppen gegeben. Ein Ergebnis ist dieses. Dazu muss man sagen, dass dieses Produkt nach 20 Minuten Koordinierung, 90 Minuten PC-Raum und etwas häuslicher Arbeit entstanden ist. Die SuS haben sich selbst die Arbeit in Segmente zerlegt. Praktisch daran ist, dass sich die SuS das zu Hause selbst ausdrucken können. Auch dort konnte ich mich über die Kommentarfunktion in den Prozess einmischen und meinem Kurs das „Wegarbeiten“ meiner Sprechblasen auftragen. Denkbar wäre auch, die Kommentare von den Mitschülern erstellen zu lassen – aber sowas fällt einem ja immer erst hinterher ein…

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