Nietzsche und Medienpädagogik

Ich habe am vergangenen Donnerstag ein weiteres Canossa erlebt – es war nicht meine Woche. Im Deutschunterricht behandle ich gerade das Thema „Beschreibungen“. Personenbeschreibungen konnte meine 5. Klasse bereits sehr gut, da die Grundschule hier schon vorgearbeitet hatte. Also bin ich auf zu neuen Ufern gezogen und auf das Thema Vorgangsbeschreibungen angegangen, wobei ich einmal mehr ein wenig bei Herrn Rau und seinen Knalltüten gewildert habe. Das klappte ganz vorzüglich, jedoch sind die niedersächsischen Schüler haptisch offenbar begabter als die bayrischen. Das war schon laut und nach 10 Minuten zog er erste Schüler ein DINA3-Blatt aus dem Schrank…

Das eine ist es, Vorgänge zu beschreiben, die bereits sehr oft im Netz dokumentiert worden sind, etwas ganz anderes ist es, authentisch für die Schulgemeinschaft etwas zu schaffen, etwa eine Anleitung, um sein Netzwerkpasswort zu ändern oder seine Schul-E-Mailadresse zu nutzen oder um eine Ansicht im Mahara-E-Portfoliosystem zu erstellen. Daher dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn, dass ich den SuS einfach eine Anleitung bereitstelle, wie sie mit WinXP-Bordmitteln Screenshots erstellen und Teile daraus auschneiden können, um ihre Beschreibungen damit zu bereichern. Diese Anleitung wollte ich in einer Stunde ausprobieren lassen, um dann in die konkrete Planung der Vorgangsbeschreibung einzusteigen. Pläne sind dazu da, damit man etwas hat, um davon abzuweichen… Da klappte nichts – und die Anleitung ist für Fünftklässler offenbar absoluter Mist – dabei fand ich mich so gut.

Probleme:

  1. Der Satz mit dem Druck auf die „Druck“-Taste muss fett, rot und mit bunten Buchstaben gesetzt sein – am besten noch ein Sound- und Videofile mit dazu
  2. Beim Druck auf die „Druck“-Taste passiert ja scheinbar nichts
  3. Nach dem Einfügen des Shots in Paint wollten die SuS gerne mit dem Startmenü auf dem Bild arbeiten – „Herr Riecken, das funktioniert einfach nicht, der nimmt meine Klicks nicht an…“
  4. Die Terminologie „Das Bild öffnen“ (Schritt 4) ist nicht verständlich
  5. Die Anleitung wird nicht gelesen, das Problem wird generell intuitiv (= wild klickend) angegangen
  6. usw.

Während der Stunde musst ich immer wieder an Friedrich Nietzsche denken, der in seinem Aufsatz „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ das grundsätzliche Problem und m.E. das Problem jedweder Medienpädagogik generell beschreibt – ohne es zu wissen. Oliver Tacke schrieb in einem Blogkommentar bei Jean-Pol Martin:

“Wissenschaftliches Denken ist, banal gesagt, eine Methode zur Überprüfung von Vermutungen, Wenn ich vermute: ‘Im Kühlschrank könnte noch Bier sein…’, und ich schaue nach, dann betreibe ich im Prinzip schon eine Vorform von Wissenschaft. In der Theologie dagegen werden Vermutungen in der Regel nicht überprüft. Wenn ich also nur behaupte: ‘Im Kühlschrank ist Bier’, bin ich Theologe. Wenn ich nachsehe, bin ich Wissenschaftler. Wenn ich nachsehe, nichts finde, aber trotzdem behaupte: ‘Es ist Bier drin!’, dann bin ich Esoteriker.” (Vince Ebert)

Nietzsche würde nun kontern: „Der Wissenschaftler findet dort nur ein Bier, weil er zuvor willkürlich definiert hat, dass es sich bei dem Ding im Kühlschrank um eine Sache handelt, die mit der Lautkombination „Bier“ bezeichnet wird“. Für Nietzsche läuft – stark verkürzt – der Prozess der Begriffsbildung etwa so ab:

Das eigentliche Wort, eine phonetische Lautkombination, hat mit dem ursprünglich Bezeichneten keine Beziehung mehr. Wenn Herr Riecken z.B. von einem „Baum“ spricht, so entstehen in der Klasse von Herrn Riecken bis zu 33 verschiedene innere Bilder. Zudem ist die Zuordnung der Lautkombination „Baum“ völlig willkürlich und was für mich noch ein Baum ist, ist für vielleicht 10 SuS immer noch ein Busch. Das Ding an sich ist also entfremdet von der Lautkombination, die es bezeichnet, es gibt durch die zweifache Umwandlung (Metaphernbildung) keine Beziehung mehr.

Jetzt geht es ein wenig mit mir durch:

Heutige Betriebsysteme sind nur noch Metaphern, bunte Abstraktionsschichten. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir nicht mehr lesen müssen, um ein Betriebssystem zu bedienen, sondern wir haben oftmals eine Intuition im Umgang mit ihnen angeeignet und wir haben dafür nicht einmal Begriffe, weil wir sie in der Regel nicht brauchen. Es sei denn, wir müssen sie jemandem erklären, der nicht über die gleiche Intuition verfügt – dann brauchen wir Begriffe, dann brauchen wir Worte. Wir können oft nicht einmal erklären, wie wir unsere Intuition erlangt haben, obwohl für mich doch genau darin Bildung maximal realisiert wird: Heraustreten aus sich selbst, abstrahieren und analogisieren, übertragen auf neue Sachverhalte, sich bewusst werden über Motive, Struktur und Herkunft des eigenen Handelns.

Die Metaphorik heutiger Abstraktionsschichten gaukelt uns vor, dass wir frei sind, frei sind von althergebrachten Begriffen, frei von der Systematik, frei vom leidvollen Begreifen und Verstehen von Prozessen. Denn wir leben in dieser Welt voller bunter Metaphern und wir glauben, dass deren Metaphorik grenzenlos ist. Dabei werden die Grenzen dieser Metaphorik nicht von uns gesetzt, sondern von den Erbauern (den Begriffsbildnern) der Abstraktionsschichten. Das geht sehr lange gut, bis es entweder Probleme (Fehler) oder Datenskandale gibt oder unsere Freiheit bedroht ist – dank der doppelten Metaphorik merken wir es aber oft nicht einmal.

Meine SuS konnten – davon bin ich überzeugt – meiner Anleitung zunächst nicht folgen, weil sie mit Begriffen operiert, die der erlernten Lösungsstrategie „Intuition“ entgegenlaufen. Sie haben nur ihre persönlichen Metaphern, Begriffe haben sie nicht. Dabei ist der Computer eigentlich reine Mathematik und Logik, also genau das, was sich durch Nietzsches Sprachkritik am wenigstens angreifen lässt, da schon der beschriebene Gegenstand im Gegensatz zu einem realen nicht wirklich, sondern definitorisch existent ist.  Was ist denn „Software?“ Mir schossen während der Stunde zunächst Gedanken durch den Kopf wie: „Können die nicht lesen?“, „Habe ich zu kompliziert geschrieben?“, „Fehlt eine Metapher für die ‚Zwischenablage‘?“.

Ich habe dann eingegriffen und es ihnen gezeigt – an der Videodidaktanlage. Drei von 25 konnten es noch in der gleichen Stunde umsetzen – nahezu alle am nächsten Tag – das sind schöne Anleitungen geworden – ich muss noch einmal um Erlaubnis fragen, ob ich die eine oder andere hier veröffentlichen darf.

Aber: Es sind jetzt nachgeahmte Operationen, gespeicherte, starre Prozesse. Mir wäre es lieber, wenn das Prinzip „Zwischenablage“ erfasst worden wäre, sodass sie sehen: „Oh, mit Programm XY klappt das auch!“ Alle reden von Kompetenz. Videotutorials, Screenshotkaskadenanleitungen (so wie die meine), Screencasts usw. haben Hochkonjunktur – weil uns die eigentlichen Begriffe eben fehlen und wir daher mehr als oft einfach „nachmachen“.

Mediendidaktik ohne Begriffe (= technisches Grundwissen) ist in meinen Augen wertlos, da sie nur Metaphern liefert, aber keine Kompetenzen. Es muss ja kein Assembler sein. Aber ein bisschen Prozeduren, ein bisschen Objektorientierung – ein bisschen…, um das Wort wenigstens vor Nietzsche zu retten und den Begriffsbildnern nicht das Feld zu überlassen, was wir Dank der doppelten Metaphernbildung oft gar nicht mehr überschauen und das auch noch als Fortschritt feiern.

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3 Kommentare

  • Sehr aufschlussreich. Dann will ich auch mal versuchen, für die nächste Vorgangsbeschreibung einen Anlass zu finden, so dass das Ergebnis anderen Schülern nützt. Gerade für die Vorgänge im Computerraum ist das eine gute Idee. Aber eine Beschreibung, die hilft und nicht verwirrt, ist schwer.

    Aber zur Hauptsache: ja, Computer sind reinste Metaphorik. Der liebe Gott hat die 0 und 1 gemacht, alles andere ist Metapher, sozusagen. Dateien, Verzeichnisse, Benutzeroberflächen sowieso. Die Zwischenablage, das Ausschneiden, Laufwerksbuchstaben, das Verschieben von Dateien.

    Und ich finde auch, dass man diese Metaphorik kennen und als solche erkennen sollte. Beim Auto ist das nicht so wichtig. Der Schlüssel sperrt die Zündung auf und zu (auch nur metaphorisch), aber hauptsächlich muss man das Auto eher fahren als verstehen können. Der Computer ist zwar auch nur ein Werkzeug wie das Auto, aber ein ungemein vielseitigeres. Und ich möchte ihm als Benutzer nicht so hilflos ausgeliefert sein wie einem Auto.

  • Gisbert Erzner

    Zu Herrn Rau und seinem Kommentar über Nietzsche und…
    Ich kann mit meinem Auto besser umgehen als mit meinem Computer.
    Aber jetzt mal zum „lieben Gott“, der die 0 und 1 gemacht hat. Können Sie als „bekennender Atheist“ mir, der ich den lieben Gott noch nicht gefunden habe erklären, wie das zu verstehen ist? Oder wenigstens, welche Farbe mein Humor hat? Bitte inständigst um Antwort.

  • Der Satz ist eine Abwandlung von „Die ganzen Zahlen hat der liebe Gott gemacht, alles andere ist Menschenwerk“ aus der Mathematik (nachgeschlagen: von einem Leopold Kronecker). Der Satz stimmt so nicht ganz, und dehalb gilt die Analogie auch nicht ganz.

    Gemeint ist: „Es gibt“ tatsächlich nur 0er und 1er – metonymisch für: eine grundlegende Ebene, von mir aus auch: 0,5 Volt und 3 Volt -, alles andere baut darauf auf. Ordner, Dateien, Programme „gibt“ es auf der grundlegendsten Ebene nicht, sondern nur Ansammlungen von Nullen und Einsen. Dazwischen liegen verschiedene Ebenen von Metaphern.

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