MoodleMoot2010 in Berlin

Es ist Abend in Berlin – gefühlt. Eigentlich ist es Nacht. In irgendeinem U-Bahnniedergang befindet sich ein gekacheltes Loch in der Wand – Tür kann man es eigentlich nicht nennen. Eine iPhone-App hat uns hierher geführt, da die Gastronomie an der vorherigen Location bereits nach drei Stunden auf Flaschenbier umstellen musste (Flensburger in Berlin – unglaublich…). Der Club, in dem ein kleines Grüppchen unerschrockener MoodleMoot-Teilnehmer dann landet, hätte als App keine Chance in Steve Jobs sauberen Store aufgenommen zu werden – und deswegen war er ja auch so ok – kein Chartboumboum, sondern irgendwas Alternatives. Alles nett, alles weit weniger bedrohlich als das gekachelte Loch verhieß. Und mit Scully (Insider) konnte man richtig gut lästern.

Auf den ersten Blick passen „solche Leute“ überhaupt nicht zu Moodle. „Bevormundungsmaschine“, „lehrerzentriert“, „umständlich“ – hallt es dem System aus dem gesammelten Web2.0 entgegen. Klingt alles mehr nach einem System für Oberstudienräte (Scully ist übrigens Grundschulpädagogin). Dieser Eindruck verstärkte sich für mich bei Ralf Hilgenstocks Keynote: Demnächst wird man in Moodle Lernpfade fest vorgeben können. Man wird festlegen können, unter welchen Bedingungen ein Test, ein neues Material erscheint. Diese Funktionalität kommt, weil überall auf der Welt Lehrende einfordern, dass so etwas kommen muss. Wasser auf die Mühlen der Moodlekritiker. Das Eingehen auf die Bedürfnisse der Community ist aber gerade eine der Stärken von Moodle. Es gibt anscheinend auch noch andere Formen der Demokratie im Netz.

Und dann fiel ein Satz: „ … ob das wirklich einen pädagogischen Fortschritt darstellt, muss man diskutieren“. Bei so etwas horche ich auf. Und ja: Es war erlaubt auch ganz andere Sätze zu sagen, z.B. das ich Moodle für lehrerzentriert halte und zwar unabhängig von dem pädagogischen Einsatz. Dazu gab es viele kleinere und größere Diskussionen auf einer absolut fantastisch organisierten MoodleMoot2010, auf der getwittert(!) wurde und sehr viele Notebooks während der Vorträge auf den Tischen der Zuhörer standen.

Noch eine Kleinigkeit: In Moodle 2.0 blitzt an allen Ecken und Kanten das moderne Ajaxdesign von Web2.0 auf. Klein und zart. Moodle ist unterwegs. Nicht unterwegs wie das Web2.0, welches mir oft so sprunghaft, hypemäßig und wenig nachhaltig vorkommt, sondern ein wenig mehr auf Beständigkeit gedacht und – im Gegensatz zu z.B. Twitter – solide finanziert.

Penny Leach aus Neuseeland war da und dank ihr war ich einmal wieder gezwungen Englisch zu sprechen (geht noch). Ich glaube, dass es auch Leute wie sie sind, die Moodle von innen heraus verändern werden. Das Idiom „Ants in the pants“ beschreibt diese für mich bemerkenswerte Persönlichkeit am besten. Man kann einen Workshop leiten, nebenbei einen neuen Filter für Mahara programmieren und sich als ausgesprochen Web2.0-affine Persönlichkeit über das Vorhandensein eines Whiteboards (also eines mit Stift und Farbe und so) freuen („It won’t crash“). Es gibt Leute, die das können. Penny Leach entwickelt an Mahara und ihr verdanke ich einen ganz wesentlichen Satz für mein Reisegepäck: „Moodle is yours, Mahara is theirs – and you can have both integrated“. Bei uns an der Schule ist beides integriert vorhanden – ich sollte wirklich anfangen, es mehr zu nutzen und davon zu erzählen. So entsteht für mich nämlich ein didaktischer Schuh im Bereich der medialen Kompetenz.

Die Abendveranstaltung, deren Ende ich am Anfang dieses Beitrages beschrieben habe, spiegelt „You can have both integrated“. Es lagen viel Ernst, viele tiefe Denkprozess dicht neben viel Flaksererei und Albernheit. Begegnung im Web2.0 ist ein Etwas, aber nicht alles. Und es wird nie das gemeinsame „Um-die-Häuser-ziehen“ und die persönliche Begegnung im ernsthaften Gespräch ersetzen. Hoffentlich. Denn ich warte auf den Tag, an dem der erste Klischee-Web2.0er sich darüber beklagt, dass das Zuhören im persönlichen Gespräch sein Bedürfnis nach temporal freier Äußerung der Gedanken einschränkt.

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7 Kommentare

  • Danke für diesen nett geschriebenen Bericht.
    Ich kenne Ralf mit seinen Ideen auch. Ich höre da oft den „Verkäufer“ heraus, was der ganzen Argumentation wieder etwas Berechtigung gibt. Aber tatsächlich muss man auch Moodle etwas gegen den Strich bürsten, um Schüler wirklich aktiv werden zu lassen.
    Aber – und dies ist ein entscheidendes Aber – bei Moodle geht das. Alle anderen mir bekannten Plattformen sind noch starrer und können nahezu gar nicht angepasst werden. Moodle kann ich vom Theme bis zum PluIn aufboren und strukturieren. Und was noch wichtiger ist, ich kann einzelne, ausgewählte Bereiche in einem Moodle-Raum mit unterschiedlichen Zugangsrechten ausstatten. So kann ich in einem Block die Schüler zu Administratoren machen und daneben eine statischen Block setzen. Und dann wird es wirklich spannend, wenn die Schüler selber am Raum mitgestalten!

    Mahara ist klasse. Ich wollte es eigentlich für meine Lesetagebücher nutzen (http://lernwolke.de/2010/03/26/blogs-im-unterricht-erste-erfahrungen/), bis es mir abgeschmiert ist. Aber die Kombi aus Moodle und Mahara ist genau die Idee, die Du oben zitierst. Und ich werde auf jeden Fall die Ferien nutzen, um einen neuen Anlauf mit Mahara zu starten.

    Viel Erfolg beim Umsetzen und danke für die Einblicke in Deine MoodleMoot-Erfahrungen.

  • „Ich höre da oft den “Verkäufer” heraus“

    Mir ist auf dem Educamp ganz klar geworden, dass das ein echtes Lehrerproblem ist. Es gibt zwei Arten von Unternehmen: Die mit Gewinnerzielungsabsicht und die mit der Absicht der Profitmaximierung. Das erste ist in Ordnung, weil das die Leute sind, die vor Ort Steuern zahlen und u.a. Bildungssysteme wie das unsere erst ermöglichen. Unternehmen der zweiten Sorte haben an der Schule nichts, aber auch gar nichts verloren.
    Und wenn ich mir teilweise anschaue, wie „lehrerhaft“ der eine oder andere Kollege gelegentlich öffentlich auftritt (ich habe mich auf der MoodleMoot an einer Stelle sogar selbst dabei erwischt), weiß ich manchmal nicht, ob mir der „Verkäufer“ nicht lieber ist. Da gibt es einen Standpunkt und es gibt Reibungsfläche.
    Ich bin da aber persönlich voreingenommen. Ralf, André und ich sind uns inhaltlich oft nicht grün (ein Dauerthema: die Hostingpreise). Trotzdem habe ich den Eindruck, dass da trotzdem eine hohe Wertschätzung auf beiden Seiten ist, die als Modell für so manchen „Lehrerkonflikt“ durchaus taugt, ziemlich sogar.

  • Pingback: Tweets die MoodleMoot2010 in Berlin - riecken.de - Gedanken zu Bildung, Lehre und Schule erwähnt -- Topsy.com

  • Vielen Dank für diese spannenden Einblicke! War das zufällig der Club, der auf dem Heimweg von der Abendveranstaltung lag? Dort stand eine ordentliche SChlange davor.
    Auf unserem Blog habe ich auch ein paar Eindrücke zur MoodleMoot niedergeschrieben und auch auf den Beitrag von hier verlinkt:
    http://blog.e-learning.tu-darmstadt.de/2010/03/29/eindrucke-von-der-moodlemoot-2010-in-berlin/

    Viele Grüße aus Darmstadt!

  • Wenn du in Adlershof gewohnt hast, lag der Club eher nicht auf dem Heimweg. Hier die URL:

    http://www.sage-club.de

    Hat auch eine nette Entstehungsgeschichte…

  • Pingback: Bloghauszweinull » Archiv » Grenzüberschreitende Kooperation? – Kommunikation und Moodle machen es möglich!

  • Pingback: E-Portfolios mit Mahara und Moodle « eventualitaetswabe.de

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