Sechs Jahre oder vier Jahre?

In kei­nem Leis­tungs­be­reich sind För­der­wir­kun­gen des grund­stän­di­gen Gym­na­si­ums nach­weis­bar“, ana­ly­siert der bes­te deut­sche Schul­for­scher. Und resü­miert: „Bewer­tet man die Befun­de ins­ge­samt, so sind sie zunächst ein Kom­pli­ment für die [sechs­jäh­ri­ge, d. Red.] Grund­schu­le. Die Ent­wick­lungs­kur­ven von Spit­zen­schü­lern ver­lau­fen in der Grund­schu­le und in der Unter­stu­fe des grund­stän­di­gen Gym­na­si­ums par­al­lel, und zwar nicht nur im Lesen, son­dern … auch in der unter­richts­ab­hän­gi­gen Domä­ne Mathe­ma­tik. Für die grund­stän­di­gen Gym­na­si­en sind die Befun­de ein Grund zur Nach­denk­lich­keit. Gene­rell ist frag­lich, ob die Gym­na­si­en die För­de­rung der Lese­kom­pe­tenz als aka­de­mi­sche Auf­ga­be aller Fächer bis­lang über­haupt ent­deckt haben.“

gefun­den auf: http://www.pisaversteher.de

Die­se Aus­sa­ge Jür­gen Baum­ert im Kon­text der Dis­kus­si­on in Ber­lin um die sechs­jäh­ri­ge Grund­schu­le getrof­fen (die in Nie­der­sach­sen mit der Abschaf­fung der lang­jäh­ri­gen Ori­en­tie­rungs­stu­fe gera­de eli­mi­niert wor­den ist). Der Ver­gleich ist in mei­nen Augen unvoll­stän­dig, weil es nicht dar­um gehen kann, ob man sechs oder vier Jah­re zur Schu­le geht (Struk­tu­rel­le Reform), son­dern wir müs­sen uns dar­um küm­mern, was in die­sen vier oder sechs Jah­ren eigent­lich geschieht (Inne­re Reform)  Orga­ni­sa­ti­ons­for­men kom­men und gehen. Unter­richts­kul­tur scheint mir da bestän­di­ger zu sein, was ja auch als immer­wäh­ren­der Vor­wurf gegen die Gym­na­si­en anklingt.

Gym­na­si­um (biss­chen nega­tiv dar­ge­stellt)

Wir haben von Start weg das Fach­leh­rer­prin­zip, die Wer­tig­keit des Klas­sen­leh­rers ist mini­mal im Ver­gleich zur Grund­schu­le. Das ist für vie­le Grund­schü­ler natür­lich zunächst ein Schock. Sie ren­nen von Unter­richts­raum zu Unter­richts­raum, das Gebäu­de ist groß — die Schü­ler­zahl im Ver­gleich zu den meis­ten Grund­schu­len in der Regel auch. Auf ein­mal sit­zen „Aus­er­le­se­ne” zusam­men, SuS, die alle­samt auf der Grund­schu­le zurecht­ge­kom­men sind und nun wird klas­sen­in­tern wei­ter diver­si­ziert. Die Leh­rer unter­rich­ten nicht zwei oder drei Lern­grup­pen, son­dern je nach Fach bis zu zehn. Wel­che Wer­tig­keit besitzt da die ein­zel­ne Klas­se im Ver­gleich zu einem, z.B. Ober­stu­fen­kurs auf erhöh­ten Niveau? Flan­kie­rend kommt meist noch die Pro­ble­ma­tik der Fahr­schü­ler dazu — gele­gent­lich wer­den die SuS kilo­me­ter­weit zusam­men­ge­karrt und die Bus­se hal­ten an jeder Milch­kan­ne. Wir haben als abso­lu­ten Stress­fak­tor eine unglaub­li­che Kon­kur­renz um Zuwen­dung — gera­de in der Unter­stu­fe des Gym­na­si­ums!

Grund­schu­le (idea­li­siert)

Es gibt i.d.R. einen fes­ten Unter­richts­raum, in dem die Lehr­kraft sich häus­lich ein­ge­rich­ten kann. Die­ser Raum macht zahl­rei­che Ange­bo­te zur Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung. und ver­fügt in der Regel über schlich­ten Platz für z.B. eine Lese­ecke oder ein Inter­net­ter­mi­nal. Der Klas­sen­leh­rer besitzt eine zen­tra­le Funk­ti­on, da er fast alle Fächer selbst aus­bringt und Lern­pro­zes­se zeit­lich fle­xi­bel orga­ni­sie­ren kann. Pau­sen wer­den gemacht, wenn die Lern­grup­pe es braucht, nicht wenn der Pau­sen­gong ertönt. Die Vor­aus­set­zun­gen, die SuS von zu Hau­se aus mit­brin­gen, sind extrem unter­schied­lich. Nach mei­nem Dafür­hal­ten ist es eine unglaub­li­che Auf­ga­be, die­ser Spann­brei­te als Lehr­kraft gerecht zu wer­den. Das mag der einen Grund­schu­le auf­grund von För­der- und For­der­kon­zep­ten bes­ser gelin­gen als der ande­ren.

Der Ver­gleich

Wie wäre der Ver­gleich aus­ge­fal­len, wenn die Gym­na­si­en in der Unter­stu­fe eine grund­schul­ähn­li­che Struk­tur hät­ten? Es wären immer noch aus­er­le­se­ne SuS in die­ser Schu­le — die „Grund­schul­struk­tur” könn­te eine wei­te­re Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung ermög­li­chen. Wäre das dann noch ein Gym­na­si­um im klas­si­schen Sin­ne? „Aus­sor­tiert wür­de ja immer noch… PISA-Sie­ger Sach­sen hat mei­nes Wis­sens kei­ne sechs­jäh­ri­ge Grund­schu­le, son­dern ein klas­si­sches Set­up der Aus­le­se. Dort sind z.B. Klas­sen­fre­quen­zen ganz ande­re und auch die Ver­sor­gung mit Lehr­kräf­ten scheint nach ober­fläch­li­chem Ein­le­sen bes­ser als im Bun­des­durch­schnitt zu sein. Man ver­sucht nach mei­nem Ein­druck zur Zeit sehr stark, die­se in der Grund­schu­le mitt­ler­wei­le doch recht weit ver­an­ker­ten Ler­nar­ran­ge­ments auch in Gym­na­si­en zu eta­blie­ren, schei­tert aber bis­her an den Struk­tu­ren (inne­re und äuße­re).

Die Ver­su­chung

Ich bin bereit, über die Exis­tenz­be­rech­ti­gung des Gym­na­si­ums in sei­ner jet­zi­gen Form zu dis­ku­tie­ren. Ich möch­te aber in die­ser Dis­kus­si­on zwi­schen struk­tu­rel­len und inne­ren Refor­men unter­schei­den. Struk­tu­rel­le Refor­men sind sehr leicht durch­setz­bar, weil das Sys­tem der staat­li­chen Schu­len ein hier­ar­chi­sches ist. Struk­tu­rel­le Refor­men zwin­gen aber nicht auto­ma­tisch zu einer ande­ren Unter­richts­kul­tur — genau das zeigt man ja immer wie­der ger­ne am Gym­na­si­um. Flan­kie­rend oder viel­leicht sogar an ers­ter Stel­le wer­den m.E. inne­re Refor­men benö­tigt (bot­tom up): Bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen für SuS und LuL, Inves­ti­tio­nen in eine ver­bind­li­che Leh­re­rin­nen­fort­bil­dung usw. hal­te ich z.B. für inne­re Refor­men. Struk­tu­rel­le Refor­men las­sen sich so steu­ern, dass sie zumin­dest kos­ten­neu­tral blei­ben, inne­re wahr­schein­lich nicht, sodass die Fra­ge erlaubt sein muss (und auch immer wie­der gestellt wird), wer das bezah­len soll. Kauf­te z.B. jeder Deut­sche ein 10% klei­ne­res Auto, hät­ten wir die­se Pro­ble­me nicht — aber das Jam­mern und Schau­dern in Indus­trie und Gesell­schaft wür­de unse­re Demo­kra­tie wahr­schein­lich auf eine har­te Pro­be stel­len. Da geht es dann auf ein­mal nicht mehr um die Per­sön­lich­keit der Leh­rer, son­dern um das Bewusst­sein eines jeden ein­zel­nen.

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20 Kommentare

  • PISA-Sie­ger Sach­sen hat mei­nes Wis­sens kei­ne sechs­jäh­ri­ge Grund­schu­le, son­dern ein klas­si­sches Set­up der Aus­le­se.”

    Der PISA-Zweit­bes­te Bay­ern übri­gens auch.

  • Zustim­mung, Herr Riecken,

    ich ver­wei­se hier ger­ne auf einen älte­ren Bei­trag zur Ber­li­ner Schul­re­form von mir, der ein ähn­li­ches Fazit zieht: http://subtexte.blogspot.com/2009/03/schulreform-berlin.html

  • Auch Zustim­mung. Der Fokus auf Struk­tur­re­for­men ver­hüllt den Blick auf das Wesent­li­che. Aber er ist gut für Bil­dungs­po­li­ti­ker-Fuß­ball und um zu zei­gen, wer die Macht hat.

  • Robert Schneider

    Ich stim­me zu: ohne eine Ände­rung der Unter­richts­kul­tur wird eine Reform der Schul­struk­tur schei­tern.

    Aber: solan­ge es „höher-” und „nie­der­wer­ti­ge” Schu­len gibt, wird es für die Leh­rer leich­ter sein, einem Kind zu attes­tie­ren, dass es „nicht hier­her gehört”, als sich um sei­ne indi­vi­du­el­len Stär­ken und Schwä­chen zu küm­mern.

    Bit­te nicht als Leh­rer­schel­te miß­ver­ste­hen! Unser Sys­tem, mit sei­nen Klas­sen­grö­ßen sei­nem Lehr­plan und sei­ner enor­men Leis­tungs­band­brei­te (100% zwi­schen Bes­tem und Schlech­tes­tem lt. KESS 7) läßt den Leh­rern kei­ne Wahl. Solan­ge sie allen Kin­dern im Klas­sen­raum am glei­chen Tag das­sel­be bei­brin­gen müs­sen (in jedem Fach), müs­sen sie zuse­hen, dass da nur die sit­zen, die eine Chan­ce haben, mit­zu­kom­men.

    Ich mei­ne, der Fokus muss sich ver­schie­ben.

    Der­zeit haben wir ver­schie­den „wer­ti­ge” Insti­tu­tio­nen mit ver­schie­de­nen Lehr­plä­nen, an die die Schü­ler anzu­pas­sen sind. Dar­aus resul­tiert die Fra­ge: „gehörst Du hier­her” und die Leh­rer wer­den gleich­sam gezwun­gen, in eine Art Rich­ter­rol­le zu schlüp­fen, und die­se Fra­ge zu beant­wor­ten. Jahr für Jahr wie­der.

    Die Schu­le der Zukunft muss aber fra­gen: „was kannst Du schon, was wirst Du kön­nen kön­nen? Und wie kön­nen wir Dir hel­fen, Dein per­sön­li­ches, indi­vi­du­el­les, ein­zig­ar­ti­ges Poten­zi­al zu ent­wi­ckeln”. Die Rich­ter­rol­le ent­fällt und es wird mög­lich, auch den­je­ni­gen zu för­dern, der beim ers­ten Mal alles kapiert hat und sich dann lang­weilt, wenn sich der Leh­rer um die Mit­tel­köp­fe küm­mert.

    Weil aber kaum in Kind in allen Fächern gleich gut ist, ist es schlicht unmög­lich homo­ge­ne Lern­grup­pen — also das, was die drei Schub­la­den bewir­ken sol­len — zu bil­den. Es hat schon sei­nen Grund, war­um regel­mä­ßig in den Stu­di­en gefun­den wird, dass ca. 50% der Kin­der falsch ein­sor­tiert sind.

    Weil also:
    — die Sor­tie­rung in der Hälf­te der Fäl­le fehl­schlägt
    — der Fokus von „gehörst Du hier­her” auf „wohin kannst Du kom­men” geän­dert wer­den muss

    ist die Ände­rung der Schul­struk­tur unab­ding­bar. Die Ände­rung der Unter­richts­kul­tur muss damit Hand in Hand gehen, d’accord!

  • Da fra­ge ich doch gleich hin­ter­her: Wer macht Schu­len eigent­lich unter­schied­lich „wer­tig”?

    Wir haben in Deutsch­land eine her­vor­ra­gen­de Durch­läs­sig­keit, du kannst teil­wei­se mit einemn Meis­ter­ti­tel stu­die­ren, es gibt Fach­ober­schu­len, Fach­gym­na­si­en usw.

    Ich erle­be aber hin und wie­der Men­schen mit dem Anspruch „Mein Kind soll ein huma­nis­ti­sches Gym­na­si­um besu­chen” (Kos­te es, was es wol­le…). Sol­che Men­schen musst du mit­er­zie­hen, weil ansons­ten die Pri­vat­schu­len immens Ober­was­ser bekom­men wer­den.

    Ich bin gespannt, wie sich dem poli­tisch begeg­nen lässt, gera­de wenn man Bil­dung vom sozia­len Sta­tus abkop­peln möch­te (das muss man als sozia­le Markt­wirt­schaft mei­ner Ansicht nach).

    Ich habe auf dem Edu­Camp einen Satz gehört, der ganz furcht­bar gemein klingt. Er lau­te­te: „Unser volks­wirt­schaft­li­cher Wohl­stand basiert dar­auf, dass es in der Gesell­schaft Hier­ar­chi­en gibt.”

    Wir haben nicht alle glei­che Vor­aus­set­zun­gen. Ob das ein allei­ni­ges Pro­blem von Schu­le ist, weiß ich nicht.

    Der Wider­stand in Ham­burg ist ein gesell­schaft­li­cher — kein sys­te­misch schu­li­scher! Damit wird es kom­plex, ver­dammt kom­plex, da es u.U. Rück­kopp­lun­gen gibt, die schwer zu kon­trol­lie­ren sind.

    War­um fan­gen wir nicht zur Abwechs­lung ein­mal mit inne­ren Refor­men statt mit struk­tu­rel­len an? Fast jede Schu­le, die das gemacht hat, ist nach mei­nem Dafür­hal­ten eine bes­se­re Schu­le gewor­den — viel­leicht weil sie eige­ne Struk­tu­ren mehr oder min­der demo­kra­tisch „bot­tom-up” gefun­den hat.

    Und dann besteht eine rea­le Chan­ce, das Wer­tig­kei­ten sich ver­schie­ben. Es ist schon eine gewal­ti­ge Auf­ga­be das Sys­tem „Schu­le” zu ver­än­dern — auch ohne das Sys­tem „Gesell­schaft”.

  • Robert Schneider

    Lie­ber Maik,

    Die „Wer­tig­keit” der ver­schie­de­nen Schu­len kann man z.B. an den Anmel­de­zah­len able­sen: deut­lich über 50% der Kin­der wer­den an den Gym­na­si­en ange­mel­det. Eltern neh­men dabei in Kauf, dass ihre Kin­der mit 34–38 Wochen­stun­den plus Haus­auf­ga­ben + Nach­hil­fe (40% der FÜNFT-Kläss­ler!!) belas­tet wer­den. Rei­hen­wei­se wer­den Sport und Musik auf­ge­ge­ben und wenn nach Klas­se 6 der Dau­men des Insti­tuts nach unten geht, dann wird das von der gan­zen Fami­lie als Ver­sa­gen ange­se­hen. Und das geschieht in zwi­schen 20 und 50% der Fäl­le.

    War­um tun die sich das an?

    Der Prä­ses der Han­dels­kam­mer Ham­burg ver­kün­de­te vor der Enquete-Kom­mis­si­on, dass es in Ham­burg prak­tisch nur hoch­wer­ti­ge Arbeits­plät­ze, wie Ban­ker und Ver­si­che­rungs­kauf­mann gäbe, für die man Abi braucht.

    Und nicht zuletzt unser aller Dr. Scheu­erl, der im Abend­blatt-Streit­ge­spräch mit Klaus Bull­an (GEW) am 18.5.2008 erklär­te: „Scheu­erl: Nein. In einer moder­nen Gesell­schaft haben wir etwa 30 bis 35 Pro­zent von Schü­lern, die sich für den wis­sen­schaft­lich gepräg­ten Weg zum Abitur, also das Gym­na­si­um, eig­nen. Dass in Ham­burg Schü­ler das Gym­na­si­um nach Klas­se sechs wie­der ver­las­sen müs­sen, liegt dar­an, dass nach der vier­ten Klas­se zu vie­le dort ange­mel­det wer­den. Dem mag die berech­tig­te Sor­ge vie­ler Eltern zugrun­de lie­gen, ihr Kind wer­de spä­ter ohne Abitur auf dem Arbeits­markt kei­ne Chan­ce haben.”
    (http://www.welt.de/hamburg/article2007864/Wie_sollen_unsere_Kinder_lernen.html)

    …ohne Abitur auf dem Arbeits­markt kei­ne Chan­ce haben…

    Wel­chen „Wert” kann in den Augen die­ser Eltern eine Real- oder Haupt­schu­le haben?

    Ist es nicht ver­ständ­lich, wenn Eltern, die das glau­ben (also etwas mehr als die Hälf­te) dass es nötig wäre, ihr Kind durch’s Gym­na­si­um zu prü­geln, „kos­te es was es wol­le”? Wenn man anders kei­ne Chan­ce auf dem Arbeits­markt hat, dann muss es wohl sein, oder?

    Auch dies bit­te nicht als Eltern-Schel­te miß­ver­ste­hen. Im gegen­wär­ti­gen Sys­tem han­deln die­se Eltern nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen und ver­mut­lich sogar rich­tig. Nur 40% der Haupt­schü­ler bekom­men einen Aus­bil­dungs­platz, der Rest kommt in immer­wäh­ren­de „Maß­nah­men”.

    Du schreibst von einer >her­vor­ra­gen­de Durch­läs­sig­keit­Wir haben nicht alle glei­che Voraussetzungen.Warum fan­gen wir nicht zur Abwechs­lung ein­mal mit inne­ren Refor­men statt mit struk­tu­rel­len an? Fast jede Schu­le, die das gemacht hat, ist nach mei­nem Dafür­hal­ten eine bes­se­re Schu­le gewor­den – viel­leicht weil sie eige­ne Struk­tu­ren mehr oder min­der demo­kra­tisch “bot­tom-up” gefun­den hat.<

    a) Wie lan­ge soll das gehen? Wir _jetzt_ einen enor­men brain-drain durch die­se ver­rück­te Sor­tie­re­rei. Pisa-mäßig sind unse­re Schü­ler am unte­ren Ende _jetzt_ kom­plett abge­hängt und strei­ten sich mit Mexi­ko um die Plät­ze. Am obe­ren Ende hän­gen wir _jetzt_ um ein kom­plet­tes Per­zen­til hin­ter den top-5 zurück. Wenn wir auf die­se Ein­sicht war­te­ten, dann wären wir in den nächs­ten 10 Jah­ren nur noch die ver­län­ger­te Werk­bank der Fin­nen. Denen ist es heu­te schon egal, ob Deut­sche oder Rumä­nen ihre han­dies zusam­men­schrau­ben.

    b) War­um soll­ten wir sol­che Ent­schei­dun­gen „nach unten dele­gie­ren”. Wer gese­hen hat, wie ver­bis­sen in den schu­li­schen Gre­mi­en um die alberns­ten Lap­pa­li­en gefoch­ten wird, kann sol­che Ent­schei­dun­gen nicht dort sehen wol­len.

    Ach­ja, die Pri­vat­schu­len. Die ZeitOn­line berich­te­te im Jahr 2006, also lan­ge vor jeder Gemein­schafts­schul- oder Pri­mar­schul-Dis­kus­si­on von einer Grün­dungs­ra­te von 100 Pri­vat­schu­len p.a. Pri­vat­schu­len haben offen­sicht­lich _nicht_ die­sen Zulauf, weil Eltern Angst vor der Ein­heits­schu­le haben, son­dern weil ihnen schon lan­ge vor den hunds­mi­se­ra­blen Leis­tu­nen der öffent­li­chen Schu­len graust. Die meis­ten Pri­vat­schu­len arbei­ten hoch­gra­dig indi­vi­dua­li­siert oder sind im Grun­de Gemein­schafts­schu­len (bspw. die sehr erfolg­rei­chen Wal­dorf­schu­len).

  • Robert Schneider

    uups, da ist ‚was ver­schluckt wor­den:

    Du schreibst von einer „her­vor­ra­gen­de Durch­läs­sig­keit”. Tut mir Leid, das ist schlicht und ein­fach Unfug. Alle Stu­di­en bestä­ti­gen Deutsch­land ledig­lich eine enor­me Durch­läs­sig­keit von „oben” nach „unten”. Der Weg zum Abitur/Studium über den zwei­ten oder drit­ten Bil­dungs­weg ist aber enorm stei­nig und kos­tet sehr viel Ener­gie und Zeit. Ich habe kei­ne Zah­len dar­über, bin aber sicher, dass auf die­sem Weg vie­le „ver­lo­ren” gehen, die das Zeug um Stu­die­ren hät­ten, denen es aber an Ener­gie und Zeit fehlt, bspw. das Abi noch neben dem Beruf abends durch­zu­zie­hen.

    Du schreibst: „Wir haben nicht alle glei­che Vor­aus­set­zun­gen.” Und damit hast Du Recht.

    Neh­men wir z.B. Joa­chim http://i8t.de/2efvi5g1 und Melis­sa http://i8t.de/odzy9l2t . Von die­sen bei­den Kin­dern berich­tet der schwei­zer Kin­der­arzt und Bil­dungs­for­scher Remo Lar­go in sei­nem Buch „Schü­ler­jah­re”.

    Bei­de sind 10 Jah­re alt.

    Joa­chim kann im mathe­ma­ti­schen Bereich das, was sonst 14-jäh­ri­ge kön­nen, im sprach­li­chen Bereich das, was 8-jäh­ri­ge kön­nen und sein Sozi­al­ver­hal­ten ent­spricht dem eines 6-jäh­ri­gen.

    Melis­sa hin­ge­gen ist im Sprach­li­chen fit wie eine 12-jäh­ri­ge im Mathe­ma­ti­schen aber eher wie eine 9-jäh­ri­ge.

    Mei­ne Fra­gen:
    a) lan­det Joa­chim auf dem Gym wegen sei­ner genia­len Mathe­leis­tun­gen oder auf der Son­der­schu­le, weil er über Tisch und Bän­ke geht?

    b) soll­ten bei­de auf dem Gym­na­si­um lan­den, wie will ein Leh­rer bei­de gleich­zei­tig in Deutsch (oder Mathe) unter­rich­ten, ohne den einen zu ver­lie­ren und den ande­ren zu lang­wei­len?

    Und das sind _keine_ Ein­zel­fäl­le. KESS 7 zeigt, dass es bei den Test­leis­tun­gen (hier: Lese­ver­ständ­nis 7. Klas­se) enor­me Über­lapp­pun­gen zwi­schen den Schul­for­men und enor­me Band­brei­ten inner­halb der ein­zel­nen Schul­form exis­tie­ren: http://i8t.de/ny21uzj5 . Ein Kind mit einem Wert von 100 Punk­ten im Lese­ver­ständ­nis kann ein guter Haupt- ein mitt­le­rer Real­schü­ler oder ein schlech­ter Gym­na­si­ast sein. Wel­ches Lot­to bestimmt, an wel­cher Schu­le er ist?

  • (1) PISA
    PISA ist in Deutsch­land lei­der nicht gleich PISA, son­dern von Bun­des­land zu Bun­des­land sehr unter­schied­lich zu sehen. Die von dir ange­führ­ten Zah­len gel­ten — so glau­be ich — für den Bun­des­durch­schnitt. Sach­sen und Bay­ern schnei­den auch in den „unte­ren Schul­for­men” etwas anders ab als ande­re Bun­des­län­der, obwohl dort am schärfs­ten selek­tiert wird. Blöd.

    (2) 2. Bil­dungs­weg
    Der zwei­te Bil­dungs­weg kos­tet Zeit — Zeit, die manch einer in Zei­ten von G8 aber viel­leicht auch bit­ter nötig braucht. Das hast Recht: Ver­all­ge­mei­nert ist das mit der Durch­läs­sig­keit Blöd­sinn — ich schaue dabei zu sehr auf mei­ne Regi­on und bekom­me — eben­falls ohne genaue Zah­len zu ken­nen — dort ein ganz ande­res Bild. Sehr vie­le kön­nen auf die­se Wei­se G8 ent­kom­men und nut­zen das auch…

    (3) Aus­gangs­fra­ge
    Es geht ja dar­um, ob eine Schu­le für alle Men­schen zu Ver­än­de­run­gen führt — in mei­nem Arti­kel geht es ja um sogar nur um die Fra­ge, ob es nun vier oder sechs Jah­re sein sol­len. Das ver­nei­ne ich ent­schie­den. Es ist bloß viel leich­ter zu sagen: „So, wir machen jetzt sechs Jah­re gemein­schaft­li­ches Ler­nen!” als die wirk­li­chen Pro­ble­me von Schu­le anzu­ge­hen. Ich begrei­fe sehr gut, war­um man die­ser Ver­lo­ckung erliegt.

    (4) bot­tom-up
    Ich mag nicht gegen „Gesell­schaft” oder das „Sys­tem Schu­le” kämp­fen oder gar gegen bei­des gleich­zei­tig. Ich mag für mei­ne SuS kämp­fen, ich mag mein Wis­sen um Unter­richt und das Ler­nen an sich ver­tie­fen, ich mag öffent­lich reflek­tie­ren und dis­ku­tie­ren, weil das für mich der Weg ist, mei­nen All­tag zu ver­än­dern. Damit bin ich nicht allein, son­dern es gibt einen Hau­fen von KuK, die da mit mir auf dem Weg sind. Über die Art und Wei­se, wie es an Schu­le zu Ent­schei­dun­gen kommt, darf ich mir anders als du von Amts wegen kein Urteil erlau­ben. Ich sehe nur, was hier vor Ort durch „bot­tom-up” erreicht wor­den ist und immer noch erreicht wird. Und ich habe schon oft gese­hen, wie die­se zar­ten Pflänz­lein durch aus­schließ­li­che Schul­struk­tur­re­for­men in ein Kli­ma kamen, das sie nicht mehr ertru­gen. Man kann über die­se mie­sen Zustän­de ent­setzt sein und sie anpran­gern. Ich möch­te mit all mei­ner Kraft Pflan­zen gie­ßen mich an ihrer Ent­wick­lung erfreu­en, d.h. das sup­por­ten, das sehen wol­len, was gut läuft. Dir wird es — wahr­schein­lich — viel zu wenig sein. Für mich ist es ein Anfang.

    (5) Geschwin­dig­keit
    Es geht zu lang­sam, abso­lut d’accord. Es wird m.E. erst schnel­ler gehen, wenn die­se Zustän­de ganz kon­kret unse­ren gesell­schaft­li­chen Wohl­stand gefähr­den *und* das in brei­ter Front für jeden ein­zel­nen spür­bar wird. Es ist unlo­gisch. Aber sozio­lo­gi­sche Sys­te­me ab einer gewis­sen Grö­ße waren noch nie logisch. Und wenn jeder in die­ser Gesell­schaft Ver­ant­wor­tung für die Bil­dung unse­rer Kin­der über­neh­men muss, ist das anstren­gend. Das müs­sen wir gemein­sam wol­len.

  • Robert Schneider

    (1) PISA
    a) ich hob nur auf die Ham­bur­ger Zah­len ab. Die sind ein­fach nur ver­hee­rend. Das kom­plet­te unters­te Per­zen­til ist _weit_ unter dem unters­ten Per­zen­til von bspw. Finn­land. Will sagen: selbst der schlech­tes­te fin­ni­sche Schü­ler ist immer noch bes­ser als 15% (!!) der deut­schen Schü­ler. Das ist nicht nur ein biß­chen schlech­ter, das ist eine ganz ande­re Liga. Am obe­ren Ende sieht es spe­zi­ell für Ham­burg auch nicht gut aus. Das obers­te Per­zen­til endet, wo die Fin­nen, Kana­di­er & Co anfan­gen. Also sind immer noch 5% der Fin­nen bes­ser als _jeder_ deut­sche Schü­ler, inkl. unse­rer tol­len Eli­te­gym­na­si­en. Und — ich wie­der­ho­le mich da — das ist _systembedingt_, denn in einer Klas­se, mit einer Band­brei­te von 100%, in der Front­be­la­dung prak­ti­ziert wird, kann kein Leh­rer jedem/r SuS gerecht wer­den. Er muss sich ein­fach auf die Mit­tel­köp­fe kon­zen­trie­ren. Das Ergeb­nis sieht man am rech­ten Rand in den Pisa-Per­zen­til­bän­den.

    Bay­ern als Pisa-Pri­mus in D her­an­zu­zie­hen funk­tio­niert übri­gens nicht. Zum Einen natür­lich weil man Flä­chen- und Stadt­staa­ten nicht ein­fach stumpf ver­glei­chen kann. Zum Ande­ren aber, weil Bay­ern schlicht geschum­melt hat. Dazu gehört u.a., dass die kom­plet­te Crew von 8% Föder­schü­ler nicht mit­ge­zählt wur­de. Wei­te­res: http://www.arge.schule-hamburg.de/Archiv/DOK-PISA-Bayernhatgeschummelt.html
    Übri­gens muss Bay­ern jedes Jahr gro­ße Men­gen von Abitu­ri­en­ten impor­tie­ren, weil es an den eige­nen Schu­len nicht hin­rei­chend davon aus­bil­det!

    (3) Aus­gangs­fra­ge
    Hier sind wir einer­seits zusam­men und dann wie­der nicht.
    Zusam­men sind wir, wenn Du sagst, dass eine „ein­fa­che” Ände­rung der Schul­struk­tur nicht funk­tio­niert, ohne die Unter­richts­kul­tur zu ändern. Neben­bei: die Ham­bur­ger Schul­re­form beinhal­tet ja des­we­gen bei­des im Paket. Es ist eben _nicht_ nur eine ein­fa­che Ver­län­ge­rung der Grund­schu­le. Sie wird von einer enor­men Leh­rer­fort­bil­dung in Sachen Indi­vi­dua­li­sie­rung usw. flan­kiert und von einer Ver­zah­nung von Pri­mar- und Sekun­dar­schu­le: ab Klas­se 3 wird der Unter­richt sowohl von von Grund­schul- als auch von Fach­leh­rern der Sekun­dar­schu­len (die sich übri­gens um den Job rei­ßen!) gestal­tet. Damit wird das, was von vie­len Kin­dern als Bruch emp­fun­den wird: der Wech­sel von der Grund- in die Sekun­dar­schu­le von einem Tag auf den ande­ren zu einem flie­ße­ne­den Über­gang, in dem jedem Kind die Zeit gewährt wird, die es braucht.
    Nicht zusam­men sind wir, wenn Du ernst­haft behaup­test, man kön­ne einem 10-jäh­ri­gen anse­hen, ob er/sie das Zeug zum Mau­rer oder Pro­fes­sor hat. Wenn Dir der nor­ma­le „Haus­ver­stand” (süßer öster­rei­chi­scher Aus­druck, nicht wahr?) nicht reicht, dann schau’ Dir die­se Zah­len an: in den Ham­bur­ger Gym­na­si­en fan­den die KESS-Tes­ter 37% der Schü­ler, deren Test­leis­tun­gen unter der Schwel­le für gym­na­sia­le Leis­tun­gen lagen. Auf den Ham­bur­ger Haupt­schu­len jedoch fast 10%, deren Leis­tun­gen über die­ser Schwel­le lagen. Es wer­den also Jahr für Jahr fast die Hälf­te unse­rer Kin­der in die fal­sche Schub­la­de gesteckt.
    Wür­dest Du Dich in ein Taxi set­zen, des­sen Fah­rer nur die Hälf­te sei­ner Fahr­gäs­te dort absetzt, wo sie hin­wol­len? Wür­dest Du Dich einem Chir­urg unter’s Mes­ser legen, der nur eine Hei­lungs­ra­te von 50% hat?
    War­um in aller Welt soll­ten wir an sei­nem solch unzu­ver­läs­si­gen Sys­tem fest­hal­ten?

    Die geplan­te 3-Säu­lig­keit der Ent­schei­dung nach Klas­se 6 (Lern­ent­wick­lungs­be­rich­te, Ein­schät­zung des Leh­rers, Schü­ler-Eltern-Leh­rer-Gespräch) macht die­se Ent­schei­dung ganz sicher bedeu­tend bes­ser. Dar­über hin­aus muss man sich ja auch über eines im Kla­ren sein: die Ent­schei­dung Gym/­Nicht-Gym wird doch über­haupt nicht von den Eltern und nicht nach Klas­se 4 gefällt. Sie wird, meist begin­nend ab Klas­se 6, von den Zeug­nis­kon­fe­ren­zen gefällt und zwar Jahr für Jahr wie­der. Zum ers­ten Mal also nach Klas­se 6 für gewöhn­lich von Leh­rern, die die Kin­der gera­de zwei Jah­re ken­nen. In Ham­burg ist es so geplant, dass zumin­dest die Klas­sen­leh­rer von 0/1 bis 6 durch­gän­gig eine Klas­se behal­ten. Sie ken­nen dann ihre Kin­der natür­lich wesent­lich bes­ser.
    KESS zeigt übri­gens auch, dass gera­de in den ers­ten bei­den Jah­ren auf dem Gym ein wesent­lich gerin­ge­rer Lern­zu­wachs statt­fin­det, als zu erwar­ten wäre. Mei­ne Inter­pre­ta­ti­on: die Leh­rer sind zu sehr damit beschäf­tigt, her­aus­zu­fin­den, ob ein Kind „hier­her­ge­hört”, als dass sie sich voll dar­auf kon­zen­trie­ren könn­ten, wie sie es am bes­ten for­dern und för­dern kön­nen. Die Schul­re­form nimmt ihnen die­se „Rich­ter­rol­le”, denn Umschu­lun­gen sind wei­test­ge­hend aus­ge­schlos­sen. Das müss­te eigent­lich deut­lich zur Ent­span­nung bei­tra­gen.

    Die­se gan­ze Ent­schei­dung Gym/­Nicht-Gym wird übri­gens deut­lich an Dra­ma­tik ver­lie­ren. Da man ja auf der Stadt­teil­schu­le ein gleich­wer­ti­ges Abitur erwer­ben kann, ent­fällt die­ser enor­me Druck, sein Kind unter allen Umstän­den durch’s Gym prü­geln zu müs­sen.

    (4) bot­tom-up & (5) Geschwin­dig­keit
    Du sagst es: „aus­schließ­li­che” Schul­struk­tur­re­form ist Mist. Aber genau das pas­siert hier in HH eben nicht (s. oben). Und die Schul­struk­tur fällt nun ein­fach unter den Begriff des Rah­mens, der „von oben” vor­ge­ge­ben ist. Inner­halb die­ses Rah­mens kann sich dann jeder nach sei­nem Gut­dün­ken bewe­gen. No pro­blem. Aber der Rah­men muss vor­ge­ge­ben wer­den, sonst gibt es end­lo­se Dis­kus­sio­nen.

    Und der bis­he­ri­ge Rah­men mit sei­nen drei Schub­la­den hat aus­ge­dient. Er wur­de zu Zei­ten der Feu­dal­ge­sell­schaft kon­zi­piert und ist auf deren Ver­hält­nis­se opti­miert: auch wenn ein Kind aus einer Bau­ern- oder Hand­wer­ker­fa­mi­lie das Zeug zur Gelehr­ten­schu­le hät­te, es hat­te da nichts zu suchen und in Land­wirt­schaft und Hand­werk gab es ja genug Jobs für es. Der Ver­lust an Talent für die Gesell­schaft war über­haupt kein Pro­blem.

    Das hat sogar noch bis in die 70er Jah­re des letz­te Jahr­hun­derts funk­tio­niert: in der „Pro­duk­ti­on” arbei­te­ten 70% der Men­schen, und nur 30% in Ver­wal­tung und Wis­sen­schaft.

    Die­ses Ver­hält­nis hat sich in unse­rer Wis­sens- und Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft schlicht umge­dreht: nur 30% der Bevöl­ke­rung arbei­ten noch in der „Pro­duk­ti­on”, schaf­fen damit aber mehr, als die 70% von frü­her. Dafür aber brau­chen wir wesent­lich mehr gut aus­ge­bil­de­te Fach­ar­bei­ter und Aka­de­mi­ker.

    Die­se Gesell­schaft kann sich den brain-drain des geglie­der­ten Schul­we­sens ein­fach nicht mehr leis­ten. Wir brau­chen wirk­lich alle Talen­te und jedes Kind, das nur des­we­gen nicht zur „höhe­ren Bil­dung” zuge­las­sen wird, weil sei­ne Eltern Arbei­ter oder nicht ehr­gei­zig genug sind, ist ein dra­ma­ti­scher Ver­lust für uns alle.

    Des­halb muss drin­gendst ein neu­er Rah­men gebaut wer­den, der die­ser neu­en Gesell­schaft Rech­nung trägt. Die Ham­bur­ger Schul­re­form ist dazu der ers­te und enorm wich­ti­ge Schritt.

  • Bay­ern als Pisa-Pri­mus in D her­an­zu­zie­hen funk­tio­niert übri­gens nicht.”

    Und Sach­sen? Seufz. Ich muss drin­gend mal PISA lesen und mein Wis­sen nicht aus irgend­wel­che Blätt­chen zie­hen, die ich bis­her immer für seri­ös gehal­ten habe… Für jede Reform fin­dest du „seriö­se Bil­dungs­for­scher” — du musst nur lang genug suchen.

    Nicht zusam­men sind wir, wenn Du ernst­haft behaup­test, man kön­ne einem 10-jäh­ri­gen anse­hen, ob er/sie das Zeug zum Mau­rer oder Pro­fes­sor hat.”

    An wel­cher Stel­le behaup­te ich das? Behaup­tet habe ich, dass diri­gis­ti­sche Schul­struk­tur­pro­jek­te allei­ne doof sind. Wo fin­de ich Links zu neu­en Kon­zep­ten der Leh­rer­aus­bil­dung in HH, zu Refe­ren­ten, die die Qua­li­fi­zie­rung über­neh­men wer­den — also nicht irgend­wel­ches Papier, son­dern Rea­les? Hof­fent­lich müs­sen die Referenten/Lehrkräfte/Qualifizierer nicht noch erst gefun­den und die neu­en Stra­te­gi­en nicht noch erst ent­wi­ckelt wer­den…

    Mei­ne Erfah­rung sagt mir, dass für inne­re Refor­men auch in Ham­burg kein Geld da sein wird — aber viel­leicht kommt da ja wirk­lich alles bes­ser — allein mein Glau­be fehlt — mir fehlt auch der Glau­be, dass da „pling” ganz vie­le neue Lehr­kräf­te ste­hen, die alles anders machen wer­den. Im Web2.0 gibt es ja allen­or­ten die Hoff­nung, dass sich bestimm­te Her­aus­for­de­run­gen bio­lo­gisch lösen wer­den — nun denn.

    Bil­dung ist eben wie Bör­se: Ob es klappt, sieht man erst Jah­re spä­ter.

    Die PISA-Sie­ger (z.B. Finn­land) sind weder von ihrer Schul­struk­tur noch von der Art und Wei­se ihrer Leh­rer­aus­bil­dung und -qua­li­fi­zie­rung mit Deutsch­land ver­gleich­bar. Wenn man hier schon nicht Stadt- und Flä­chen­staa­ten ver­glei­chen kann, könn­te es sehr schnell pro­ble­ma­tisch mit der Ver­gleich­bar­keit über­haupt wer­den.

  • Das ers­te Baum­ert-Zitat stammt nicht aus der Zeit, sd von pisaversteher.de Deutsch­lands Schu­len haben KEINE „her­vor­ra­gen­de Durch­läs­sig­keit” (Riecken),sondern sind scharf seg­men­tiert, man sehe sich nur mal die Auf- und Abstei­ger­ta­bel­len aus­dem Natio­na­len Bil­dungs­be­richt an, wenn man schon kei­ne Pisa-Stu­di­en lesen mag. Schul­re­form von oben ist not­wen­dig, aber nicht hin­rei­chend. Schul­re­form von unten sind Lehr- Lern­re­for­men, es müss­te bei­des Hand in Hand gehen, tut es aber nicht, das ist die ver­zwick­te Situa­ti­on, in der wir ste­cken. Wir ste­hen vor einer mani­fes­ten Bil­dungs­kri­se, die eher grö­ßer wird — aber ins­be­son­de­re die Akteu­re in der Schu­le ver­schlies­sen die Augen. Mei­nes Erach­tens wird man, wenn Refor­men von oben und unten blo­ckiert wer­den zu Schlie­ßun­gen und Neu­grün­dun­gen mit reform­be­rei­ten Per­so­nal über­ge­hen. Das ist der bes­te Weg.

  • Hinnerk Mohr

    … und wenn man schon eine Struk­tur­re­form ein­führt, dann soll­te man das sorg­fäl­tig tun ohne Schul­cha­os anzu­rich­ten wie in Ham­burg. Dazu gehört auch eine ver­nünf­ti­ge finan­zi­el­le Pla­nung. So warn­te Ham­burgs Rech­nungs­hof-Prä­si­dent Mey­er Abich am 8. 2. 2010 davor, die Schul­re­form — wie immer sie nach den noch lau­fen­den Ver­hand­lun­gen mit den Geg­nern aus­ge­stal­tet wird — zu beschlie­ßen, ohne kon­kre­te Zah­len zu nen­nen. „Die Kos­ten müs­sen auf den Tisch”, sag­te Mey­er-Abich. „Das Par­la­ment muss wis­sen, was es beschließt.” (Quel­le: http://bit.ly/bfXqUp) Was nützt uns die schöns­te Struk­tur, wenn sie nicht bezahl­bar ist?

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  • Robert Schneider

    Lie­ber Maik,

    also nicht irgend­wel­ches Papier, son­dern Rea­les?”

    Die Leh­rer­fort­bil­dungs­of­fen­si­ve ist real. Da nimmt die Stadt wirk­lich Geld in die Hand und tut was. Im Moment habe ich noch kei­ne Zah­len, aber die krie­ge ich in Kür­ze. Wich­tig ist aus mei­ner Sicht, dass jetzt auch die Leh­rer mit­zie­hen und die­se Chan­ce beim Schopf packen. Das Mot­to „wir haben schon sovie­le Refor­men über­lebt, die­se wer­den wir auch noch klein­krie­gen”, das man gele­gent­lich auf den Schul­flu­ren hört, wäre jetzt wirk­lich depla­ziert.

    Von Schu­len, zu denen ich so Kon­takt habe ich übri­gens, dass sich gera­de die jun­gen Leh­rer für die 3–6 Stu­fe bewer­ben und zwar auch und beson­ders jun­ge Gym­na­si­al­leh­rer. Mir scheint, dass da eini­ge die Chan­cen die­ser Reform erkannt haben.

  • @christian
    Ent­schul­di­ge bit­te die fal­sche Zitier­wei­se. Das Zitat war auf pis­aver­ste­her bereits als Zitat ohne Quel­le gesetzt — da habe ich nicht sorg­fäl­tig recher­chiert und es ein­fach über­nom­men — nun sind wir zumin­dest quitt :o)…

    her­vor­ra­gen­de Durch­läs­sig­keit”
    … habe ich bereits in einem Rück­zugs­ge­fecht rela­ti­viert.

    wenn Refor­men von oben und unten blo­ckiert wer­den zu Schlie­ßun­gen und Neu­grün­dun­gen mit reform­be­rei­ten Per­so­nal über­ge­hen. Das ist der bes­te Weg.”

    Wenn „oben und unten blo­ckie­ren” — was bleibt dann noch außer „dem Markt”, d.h. pri­va­ten Schul­in­itia­ti­ven inner­halb und außer­halb des Sys­tems (bot­tom-up)? Was pas­siert denn schon an ganz vie­len Stand­or­ten?

    @robert
    Auch ich wür­de die­se Chan­ce ergrei­fen — könn­te aber nicht ver­heh­len (wenn ich ganz ehr­lich bin), dass das Argu­ment der Arbeits­be­las­tung in den höhe­ren Stu­fen da viel­leicht ein klitz­klei­nes Biss­chen mit eine Rol­le spielt — ich hof­fe für Ham­burg, dass es sich bei den Bewer­bern um über­zeug­te Schul­re­for­mer han­delt.

  • Robert Schneider

    Lie­ber Maik,

    auch hin­sicht­lich der Arbeits­be­las­tung kann ich Dich beru­hi­gen. Mei­ne bei­den Töch­ter gehen an eine der bei­den Ham­bur­ger Reform­schu­len. Und aus den Erfah­run­gen kann ich Dir ver­si­chern: die Arbeits­be­las­tung ist _nicht_ höher als an den Schu­len, die nach den alten Metho­den arbei­ten, die Wert­schät­zung zwi­schen Leh­rern, Eltern und Schü­lern aber bedeu­tend höher.

    • Viel­leicht habe ich mich miss­ver­ständ­lich aus­ge­drückt: Ich den­ke, dass die Arbeits­be­las­tung am rei­nen Gym­na­si­um höher ist, als in einer gemein­sa­men Unter­stu­fe — zumin­dest was die „belas­ten­den Arbei­ten” für mich angin­ge, z.B. Kor­rek­tu­ren — mit Kon­fe­ren­zen, die inhalt­lich etwas brin­gen und Bera­tungs­ge­sprä­chen für SuS mit den Eltern habe ich gar nichts — das mache ich auch heu­te schon ger­ne und hät­te auch lie­ber mehr als weni­ger davon. Es gab — als die Ori­en­tie­rungs­stu­fe hier in NDS noch war — Leh­rer, die ger­ne dort­hin gewech­selt haben, weil die Arbeits­be­las­tung dort eben nicht höher war. Ich bin daher nicht besorgt um mei­ne poten­ti­el­le Arbeits­be­las­tung…

  • Leicht lässt sich sagen, in Ham­burg gin­ge mal wie­der bloß um die Struk­tu­ren — wenn man nur die bil­dungs­po­li­ti­schen Kämp­fe aus der Pres­se kennt. Wir haben hier in HH für die Leh­rer­fort­bil­dung 3 Mio Euro bekom­men, um die nöti­gen Ver­än­de­run­gen in den Kennt­nis­sen und im Habi­tus der Leh­rer für kom­pe­tenz­ori­en­tier­tes Ler­nen im indi­vi­dua­li­sier­ten Unter­richt in didak­ti­schen Werk­stät­ten zu ent­wi­ckeln. Außer­dem sind neue — zumin­dest ihrem Anspruch nach — an Kom­pe­ten­zen ori­en­tier­te Lehr­plä­ne ent­stan­den sowie eine Auf­lö­sung von Fächern zuguns­ten von Lern­be­rei­chen für die Klas­sen­stu­fen 4–6. Mei­ne Kol­le­gen sind uner­müd­lich dabei, die Anfra­gen nach Schul­ent­wick­lungs­be­ge­lei­tung zu einer demo­kra­ti­schen Schul­kul­tur zu befrie­di­gen. Es wird also eine Men­ge „Inne­res” getan, sowohl von den Schu­len selbst, als auch von den Unter­stüt­zungs­sys­te­men. Nicht umsonst ste­hen die Schul­lei­ter qua­si geschlos­sen hin­ter der Schul­struk­tur­re­form — obwohl sie ihnen erst mal viel Arbeit beschert. Ob die­se Anstren­gun­gen aus­rei­chend sind zu einer „inne­ren” Erneue­rung, die durch­aus auch von Unnen, also von Unten aus der Pra­xis kom­men, und nicht bloß von Oben, das ist frei­lich noch nicht aus­ge­macht. Eben­so­we­nig, ob sie weit­rei­chend genug sind.

  • John

    Löst euch doch mal vom „Pisa-Vor­bild Finn­land“. Wir haben und wer­den (und wol­len) die­se Vor­aus­set­zun­gen in Deutsch­land nie haben. Z.B.: Migran­ten­quo­te, Bevöl­ke­rungs­dich­te, Schü­ler­ho­mo­ge­ni­tät sozia­le Pro­ble­me in Groß­städ­ten etc.. Wir haben aller­dings auch nicht die hohe Jugend­ar­beits­lo­sig­keit wie in Skan­di­na­vi­en. Pisa taugt haupt­säch­lich zur Bewer­tung der zeit­li­chen Ent­wick­lung bzw. zum Ver­gleich äqui­va­len­ter Regio­nen. Die Zeit­li­che Ent­wick­lung zeigt aber in Ham­burg eine deut­li­che Erhö­hung bei den erreich­ten Abschlüs­sen (Zahl und Qua­li­tät) mit 4-jäh­ri­ger Grund­schu­le. Das wird lei­der vom Senat nicht gebüh­rend erwähnt.

    Unab­hän­gig von der Fra­ge was, bei opti­ma­ler Aus­stat­tung, bes­ser ist, muss man in aber lei­der erken­nen, dass das von der BSB geplan­te und teil­wei­se schon ange­rich­te­te Cha­os uner­träg­lich ist.
    So eine Reform braucht erst Inhal­te. Wenn man dann genug qua­li­fi­zier­te Leh­rer, aus­rei­chen Räu­me und eine Schü­ler­schaft hat, die in der vor­schu­li­schen Bil­dung wei­test­ge­hend homo­ge­ni­siert ist, kann man die Struk­tur anfas­sen. Ob man das wirk­lich möch­te ist eine zwei­te Fra­ge.

  • Clara

    Um an Roberts Ver­gleich anzu­knüp­fen: Wür­det ihr Euch bei einem Chir­ur­gen unters Mes­ser legen, der kei­ne Ahnung hat wie die Ope­ra­ti­on aus­geht? Dass indi­vi­dua­li­sier­ter Unter­richt an den zwei (!) Ham­bur­ger Reform­schu­len ab Klas­se 5 (!), die zudem NICHT in Ham­bur­ger Pro­blem­stadt­tei­len lie­gen ganz gut funk­tio­niert, heißt ja noch lan­ge nicht dass das an allen (!!!) Ham­bur­ger Pri­mar- und Stadt­teil­schu­len ab Klas­se 1 auch funk­tio­nie­ren wird bloß weil Ham­burgs Leh­rer eine 20-Stun­den-Fort­bil­dung gemacht haben!!
    Außer­dem stimmt es NICHT dass die Ham­bur­ger Schul­lei­ter geschlos­sen hin­ter der Reform ste­hen. Die neu­en Pri­mar­schul­lei­ter sind erst­mal durch Anhe­bung der Gehäl­ter besto­chen wur­den (sonst hät­ten sie näm­lich weni­ger ver­dient als die Gym­na­si­al­leh­rer, die an Ihren Schu­len unter­rich­ten sol­len). Außer­dem traut sich anhand des inzwi­schen auf­ge­bau­ten poli­ti­schen Dru­ckes (Leh­rer sind ja als Beamt ihren Dienst­herrn ver­pflich­tet) sowie­so nie­mand öffent­lich etwas gegen die Pri­mar­schu­le oder über­haupt die Schul­re­form zu sagen!
    Wenn man sich die Pro­zent­zah­len so anschaut die hier ange­ge­ben wer­den, dann sieht es so aus, als wären an den Ham­bur­ger Gym­na­si­en nur die dum­men Schü­ler, wäh­rend die guten zu Unrecht in die ande­ren Schu­len sor­tiert wur­den. Denn es stimmt nicht, dass 50 Pro­zent der Gym­na­si­as­ten Nach­hil­fe­un­ter­richt in der 5. und 6. Klas­se neh­men; laut Lau 9 neh­men in Ham­burg die Gym­na­sia­si­as­ten am wenigs­ten Nach­hil­fe­un­ter­richt, Schü­ler an den Gesamt-, Haupt- und Real­schu­len aber deut­lich mehr. An den Gym­na­si­en hat sich das wegen des Dop­pel­jahr­gangs ein biss­chen ver­scho­ben, aber nicht weil sie Schüler/innen sonst abge­schult wor­den wären, son­dern weil sie auf­grund der stär­ke­ren Kon­kur­renz bes­ser Noten haben woll­ten.
    Außer­dem haben die Ham­bur­ger Gym­na­si­um kei­ne 34–38 (!) Wochen­stun­den in der 5. und 6. Klas­se. Und nach der 6. Klas­se ver­las­sen nicht 20–50 Pro­zent der Schü­ler son­dern höchs­tens 10 Pro­zent – was bei einer Ein­schu­lungs­quo­te von über 20 Pro­zent nicht gym­na­sial­emp­foh­le­ner ja ein ganz guter Schnitt ist. Genau wie in Ber­lin sind in Ham­burg die Gym­na­si­en die Schu­len, die noch am bes­ten funk­tio­nie­ren.
    Anhand der hier ver­öf­fent­lich­ten fal­schen Daten von Schul­re­for­man­hän­gern kann man vie­leicht bes­ser ver­ste­hen, war­um in Ham­burg der Schul­kampf tobt!

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