Ich wünsch‘ dir Liebe ohne Leiden

Christian Füller veröffentlicht Auszüge aus einer Korrektur eines Kollegen, wie ich sie bestimmt auch schon oft verfasst habe – gleicher Duktus, ähnlicher Aufbau – allein die Tatsache, dass die von mir selten verwendeten Fachbegriffe „Adverbien“ und „Adverbialsätze“ auftauchen, geben mir die Sicherheit, dass Christian Füller noch nichts von mir in den Händen hält. Auch ich muss mich schuldig bekennen viel zu oft viel zu wenig Positives hervorzuheben.

Detlef Teich hat sich in einem Blogbeitrag mit der Art und Weise von Füllers Auseinandersetzung mit dieser Korrektur bereits umfassend geäußert. Wesentlich scheint mir der Hinweis, dass eine solche Korrektur immer in einem Kontext steht, wesentlich scheint mir weiterhin die Frage, ob die Lehrkraft mit dem Leid, mit der „Beschämung“ und mit der Ausgrenzung bilateral durch z.B. die Eltern konfrontiert worden ist, bevor es zu dieser Veröffentlichung kam. Da diese Aspekte im Dunkeln bleiben, scheinen mir die stärksten Positionen und Gedanken zu dieser Korrektur  und der Art ihrer Veröffentlichung ausgetauscht.

Dass Schule unendliches Leid (auf allen Seiten) zu produzieren vermag, kann mittlerweile kaum abgestritten werden und Korrekturen tragen dazu einen erheblichen Teil bei, da mache ich ich mir nichts vor. In Chemie ist es viel einfacher als in Deutsch: Da gibt es einen Erwartungshorizont, der klar benennt, welche Leistung erwartet wurde und wie viele Punkte bei welcher Teilaufgabe erreicht worden sind. Die Produktion eines Textes ist eine viel umfassendere Aufgabe und dadurch empfinde ich Korrektur von Deutscharbeiten auch als weitaus mühsamer. Individuell werde ich dabei meinen über 200 SuS in ihren Fähigkeiten nicht gerecht – gelegentlich wünsche ich mich in die Grundschule, dort würde ich zumindest „meine Klasse“ viel öfter sehen und besser kennen lernen. Darunter, dass es mir im jetzigen System so nicht möglich ist, leide ich (Leid 1). Darunter leiden aber auch meine SuS (Leid 2).

Es gibt Leid (Leid 3), das ich nicht verhindern will und das ich sogar für notwendig halte. Gerade vor zwei Wochen hat mir das mein Seminarfach vor Augen geführt: Im Rahmen unseres Projektes hat eine Gruppe eine Spielszene ersonnen, in der ein Text aus meinem Unterricht vorkam. Es handelte sich um einen Auszug aus Nietzsches Aufsatz „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne„. Ich habe damit Leid hervorgerufen, Leid im Kampf mit dem, Leid im Ringen um das Verständnis des Textes. Ich halte jedoch aufgrund meiner Lebenserfahrung die Erkenntnistheorie eines Friedrich Nietzsche für wichtig, weil sie mir heute immer wieder treue Dienste leistet – gerade im Kontext von Web2.0.

Ich finde, dass Eltern versuchen sollten, ihren Kindern im Leid 2 zu helfen. Ich finde, dass Eltern Leid 1 berücksichtigen sollten – zumindest indem sie Konflikte mit der Lehrperson direkt zu klären versuchen, bevor sie weitere Schritte unternehmen. Die Angst, die das verhindert, ist oft genug, dass das eigene Kind dadurch Nachteile  erfahren könnte. Ein Lehrer, der Konflikte mit den Eltern auf SuS überträgt, sollte an seinem Selbstbild dringend arbeiten – so meine Meinung.

Ich finde, dass viele Elternhäuser es heute nicht mehr schaffen, ihre Kinder für Leid 3 zu stärken. Schule ist ja nur ein Lernort unter vielen und dieser Art von Leid wird man – so meine Erfahrung – an vielen Stellen im Leben begegnen – gerade die reformierten Studiengänge haben nach dem, was ehemalige SuS darüber berichten, eine Menge mit Leid zu tun – mit welcher Art genau, konnte ich noch nicht klassifizieren.

Eine Liebe, die frei von jedwedem Leid ist, kann es wahrscheinlich nicht geben. Fundamentale Erkenntnisse über das menschliche Miteinander erfahren wir im Leid – z.B. wenn wir selbst unbeabsichtigt einem anderen Leid zufügen. Ok – einen Friedrich Nietzsche mit dieser Art von Elementarerfahrungen auf eine Stufe zu stellen, mag übertrieben und überheblich sein. Aber das Einsehen, dass Dinge von bleibendem Wert auch oft genug nicht lustbetont erarbeitet sein wollen, und die dazu notwendige Leidensfähigkeit wünsche ich mir schon hin und wieder. Sonst bleiben wichtige Erfahrungen aus. Vielleicht sogar der Bachelor.

Deshalb wünsche ich niemanden eine Liebe ohne Leiden, sondern eine, an der es sich gemeinsam wachsen lässt.

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Ein Kommentar

  • Danke für die Hinweise auf die Blogs. Ich lerne hier immer wieder etwas.

    Der Füller hat halt eine Schlussfolgerung und biegt sich jetzt seine Fakten hin. Hoffentlich widerspricht ihm jemand, sonst glaubt das noch wer – aber Bayern ist so weit von Berlin entfernt, da halte ich mich gerne zurück.

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