Warum Schule sich kaum verändert

Nor­we­gen. Test­stre­cke des Auto­her­stel­ler Cyparis. Das neu­es­te Modell springt bei hoher Luft­feuch­tig­keit und tie­fen Tem­pe­ra­tu­ren nicht an. Seit zwei Jah­ren bemü­hen sich Inge­nieu­re, Test­fah­rer, Mecha­ni­ker und Logis­ti­ker dar­um, die­ses Modell so zu ver­bes­sern, dass es eine sol­che Rei­fe und Qua­li­tät erlangt, dass der Markt das Pro­dukt und das voll­stän­dig neue Bedien­kon­zept annimmt. Davon hängt die wirt­schaft­li­che Exis­tenz von Cyparis ab. Nach lang­jäh­ri­gen Tests, unzäh­li­gen Ver­bes­se­run­gen und der Arbeit an Details kommt das Fahr­zeug schließ­lich auf den Markt und wird ein Erfolg.

Nor­we­gen. Test­stre­cke des Auto­her­stel­ler Pro­c­ne. Das neu­es­te Modell springt bei hoher Luft­feuch­tig­keit und tie­fen Tem­pe­ra­tu­ren nicht an. Seit zwei Jah­ren bemü­hen sich Inge­nieu­re dar­um, die­ses Modell so zu ver­bes­sern, dass es eine sol­che Rei­fe und Qua­li­tät erlangt, dass der Markt das Pro­dukt und das voll­stän­dig neue Bedien­kon­zept annimmt. Sie zeich­nen, sie legen DIN-Nor­men fest, sie ent­wi­ckeln Kon­zep­te — auf dem Papier ste­hen die Lösun­gen. Die Zeit drängt — das Pro­dukt muss auf den Markt, der nach Inno­va­tio­nen ver­langt. Sie kau­fen sich exter­ne Test­fah­rer, Mecha­ni­ker und Logis­ti­ker ein und voll­enden das Modell in kür­zes­ter Zeit. Das Fahr­zeug kommt auf den Markt und über­zeugt die Kun­den nicht. Der Ruf der Mar­ke ist nach­hal­tig geschä­digt — neue Model­le wer­den vom Markt zunächst bearg­wöhnt, Test­fahr­ten wer­den unter­nom­men und danach fah­ren die Kun­den ihren immer noch funk­tio­nie­ren­den Wagen der Mar­ke Cyparis wei­ter, die sie auch unter wid­rigs­ten äuße­ren Bedin­gun­gen noch nie im Stich gelas­sen haben.  Und der Kli­ma­wan­del ver­langt zuneh­mend nach Robust­heit.

Als ich das tech­ni­sche Kon­zept für die Eva­lua­ti­on unse­rer Schu­le ent­wi­ckelt habe, wur­de mir sehr schnell klar, dass die Über­le­gun­gen zur Tech­nik mir allein nichts nüt­zen wür­den. Also habe ich mit Geg­nern der Eva­lua­ti­on gespro­chen, mit Befür­wor­tern, mit dem Unter­richts­pla­ner, mit der Schul­lei­tung, mit Freun­den, mit Schü­lern, mit Eltern. Dar­auf­hin habe ich ein Modell ent­wi­ckelt, von dem ich annahm, dass es auf mei­nen Markt pas­sen könn­te. Vor dem „Ernst­fall” habe ich einen Feld­ver­such mit einer  rea­lis­ti­schen Stich­pro­be (10%) an mei­ner Schu­le im lau­fen­den Unter­richts­be­trieb durch­ge­führt. Dar­auf­hin muss­te ich mein Kon­zept noch­mals modi­fi­zie­ren, obwohl es  tech­nisch unein­ge­schränkt ein­satz­fä­hig war. Das Kon­zept ver­dank­te sei­nen Erfolg nicht mei­nen Über­le­gun­gen, son­dern pri­mär dem stän­dig prak­tisch reflek­tier­ten Pro­zess sei­ner Ent­ste­hung. Das Pro­dukt ist ein­satz­fä­hig und dank sei­ner Fle­xi­bi­li­tät nach­hal­tig für einen län­ge­ren Zeit­raum ohne exter­ne Hil­fe ein­setz­bar.

Jedes Kon­zept von Bil­dung wird auf gan­zer Linie ver­sa­gen, wenn der Markt es nicht annimmt. Den Markt kön­nen wir uns nicht aus­su­chen, wenn wir in über­schau­ba­ren Zeit­räu­men Ver­än­de­run­gen errei­chen wol­len. Er ist so, wie er ist. Das Sys­tem Schu­le ist so wie es ist und jedes Kon­zept muss in die vor­han­de­nen Rah­men­be­din­gun­gen pas­sen oder ich muss eben­die­se mit der glei­chen Ener­gie ver­än­dern, wie ich Kon­zep­te erschaf­fe, um Hand­lungs­spiel­räu­me zu eröff­nen, die eine Grund­la­ge für sanf­ten Druck schaf­fen. Das ist aber nicht so sexy, wie Kon­zep­te zu ver­öf­fent­li­chen — das ist Poli­tik.  Vie­le Säue sind in den letz­ten Jahr­zehn­ten über die­sen Markt getrie­ben wor­den und die Kun­den haben gelernt, dass sie meis­tens in der Rea­li­tät schnell ster­ben, weil ihre Popu­la­ti­on die kri­ti­sche Grö­ße sel­ten über­steigt.

Einem Auto­her­stel­ler, der mit sei­nen Pro­duk­ten den Markt in sei­nem Sin­ne „erzie­hen” will, begeg­nen wir mit Miss­trau­en und Arg­wohn — das kann nicht rich­tig sein und kau­fen nicht — oder zuneh­mend doch, weil die Her­stel­ler das Prin­zip der psy­cho­lo­gi­schen Sug­ges­ti­on immer mehr ver­in­ner­li­chen. Von Schu­le ver­lan­gen wir wie selbst­ver­ständ­lich, dass sie sich neu­en Ide­en öff­net und das ist rich­tig so, denn sie hat uns als Gesell­schaft zu die­nen und nicht umge­kehrt.

So manch einer setzt auf die Hoff­nung, dass dank der hier­ar­chi­schen Struk­tur der Schu­le Ver­än­de­run­gen und Inno­va­ti­on durch eine star­ke Füh­rung eta­blier- und durch­setz­bar ist. Ich habe da mei­ne Zwei­fel, die auf sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen beru­hen. Wo sol­len die­se star­ken Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten mit päd­ago­gi­schen Visio­nen und Durch­set­zungs­ver­mö­gen  in der benö­tig­ten Anzahl her­kom­men? Dadurch, dass wir unse­re Schu­len per­so­nell, kon­zep­tio­nell  (Fort­bil­dung!) und mate­ri­ell aus­blu­ten las­sen, steigt die Rol­le der ide­el­len Macht.  Inha­ber ide­el­ler Macht erle­be ich an vie­len Schu­len oft als Moto­ren, als Vor­rei­ter des päd­ago­gi­schen Fort­schritts — somit sind sie Schmuck­stü­cke der Außen­dar­stel­lung einer Schu­le. Da aber vie­le von ihnen ihr Enga­ge­ment auf frei­wil­li­ge Basis stel­len, kann ihnen die­ses Enga­ge­ment nicht „abver­langt” wer­den. Man ver­sucht dem zu begeg­nen, indem man Stel­len schafft, die der­ar­ti­ge Pro­jek­te in ihrer Beschrei­bung ent­hal­ten. Die ide­el­len Macht­in­ha­ber leh­nen  nach mei­ner Erfah­rung die­se Art der Deko­ra­ti­on oft genug ab, um sich die Opti­on offen­zu­hal­ten, eben­die­ses Enga­ge­ment auch wie­der belie­big ein­stel­len zu kön­nen, wenn der Rah­men nicht mehr passt.

Das wür­de mich als Schul­lei­tung in eine aus­ge­spro­chen bizar­re Lage brin­gen: Einer­seits möch­te ich, dass an mei­ner Schu­le etwas wächst, ande­rer­seits bin ich in die­sem Punkt von der  — sehr über­trie­ben for­mu­liert — „Gna­de” des ide­el­len Macht­in­ha­bers abhän­gig. Es gibt Aus­we­ge, — z.B. die beam­ten­recht­lich mög­li­che leis­tungs­ge­rech­te Bezah­lung — die wahr­schein­lich aber zu einer erheb­li­chen Stö­rung des Schul­frie­dens führt und der scheint *die* hei­li­ge Kuh zu sein. Des­we­gen rückt man  man­gels Optio­nen heut­zu­ta­ge Geld oder Stun­den her­aus — zumin­dest als Ges­te der mensch­li­chen Aner­ken­nung.

Wir haben den Markt und die Kun­den, die wir haben. Und der Markt wird nicht grö­ßer — im Gegen­teil. Ich möch­te mit die­sem Markt arbei­ten und ich möch­te mehr Ide­en dazu bekom­men, *wie* das funk­tio­nie­ren kann. Lesen möch­te ich auch. Aber höchs­tens 10% mei­ner Arbeits­zeit. Sonst will ich lie­ber machen, erle­ben, ler­nen, reflek­tie­ren.

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