LdL auf Systeme anwenden?

In der Theorie von LdL gilt es,  unsere maslowschen Bedürfnisse und die der SuS ideal zu befriedigen und somit Unterricht danach auszurichten. Das steht in der langen Tradition humanistischer Pädagogik, wie sie bereits in den 70er Jahren vor allem in der Jugendbewegung innerhalb der evangelischen Kirche in Deutschland Fuß gefasst hat.

Tatsache ist aber auch, dass diese Ideen das grundsätzliche Machtsystem der „kirchlichen Obrigkeit“ nur marginal zu ändern vermochten, obwohl sie eine gewaltige Bewegung an der kirchlichen Basis generierten – so meine Wahrnehmung, die Wahrnehmung eines Menschen, der sehr lange in diesem System gelebt hat  Hier hat also eine kritische Masse an der Basis allein nicht ausgereicht, um bis zur entscheidenen Stelle durchzudringen. Der Vergleich erscheint mir deswegen wichtig, weil auch bei LdL oft von einer kritischen Masse von Menschen gesprochen wird, die notwendig für eine wirkliche Veränderung ist.

Es ist das Eine, Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen, die aber letztlich in dem wesentlich abstrakterem Rahmen eines Systems agieren. Ein solches System kann z.B. das angesprochene kirchliche Obrigkeitssystem sein (Katholiken kennen so etwas natürlich nicht…). Es ist nicht greifbar, es finden sich kaum Hebelpunkte, es scheint seine eigene Dynamik und seine eigenen Gesetze zu haben. Systemische Veränderungen erfordern Kraft und und Zeit und einen sehr langen Atem, Dinge, die uns nicht unbedingt allen gegeben sind. Das System wird auf neue Impulse aber nach der Theorie von LdL umso mehr reagieren, je attraktiver diese gesetzt werden

Es treibt mich die Frage um, ob ein komplexes System auch Bedürfnisse hat. Das beherrschende Bedürfnis ist nach meinen Erfahrungen der Machterhalt. Idealerweise sogar die Expansion von Macht. Macht wird oft ideologisch ausgeübt. Demnach ist die größte Angst also die vor dem Machtverlust. Machtverlust tritt sehr oft durch zu große Öffentlichkeit ein, sodass sich viele Machtsysteme von der Öffentlichkeit abschirmen, indem bestimmte Pflichten eingeführt werden, deren Verletzung hochgradig sanktioniert wird – wäre man böse, würde man die unbedingte Pflicht zu Wahrung des Schulfriedens mit dazu zählen, aber man ist ja nicht böse.

Viele Strategien für systemische Veränderungen berücksichtigen meiner Ansicht nach genau diesen Punkt nicht, sondern zielen oft auf Bloßstellung, Aufdeckung oder Anprangerung und sprechen daher vor allem die systemische Angst vor dem Machtverlust an – das ist ohne Zweifel mehr als oft notwendig. Ein Mensch reagiert in einer angstbesetzten Lage aber irrational und kann keine klaren Entscheidungen treffen. Daher wird auch ein System darauf in dieser Weise reagieren. Vielleicht ist das Thema Netzsperren ein gutes Beispiel dafür. Mir stellen sich zur Zeit folgende Fragen (die eigentlich mein Handeln aber schon sehr lange bestimmen und leiten):

Wie könnte eine systemische Veränderungsstrategie aussehen, die genau dieses Problem berücksichtigt, die berücksichtigt, dass ein System genau wie ein Mensch Bedürfnisse und Ängste hat?

Wie lässt sich anstellen, dass eine Haltung x – meinetwegen das Theoriegebäude von LdL – irgendwann systemisch wichtig im Sinne der Befriedigung des Bedürfnisses nach Machterhalt wird?

Wie gibt man dem System, was es braucht, ohne es zu Angstreaktionen zu zwingen?

Entspricht die Entwicklung und Anwendung einer solchen Strategie überhaupt noch dem Menschenbild von LdL?  (immerhin ist sie berechnend, kühl und keineswegs offen)

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Ein Kommentar

  • „Es treibt mich die Frage um, ob ein komplexes System auch Bedürfnisse hat. Das beherrschende Bedürfnis ist nach meinen Erfahrungen der Machterhalt. Idealerweise sogar die Expansion von Macht.“
    – Ja, das System hat nur eines „im Sinne“. Es will sich selbst erhalten. Manchmal ergeben sich Situationen, in denen das System sich nur dadurch erhalten kann, dass es den Geltungsbereich ausdehnt. Schnell stößt es an die Grenzen, die durch andere Systeme gesetzt werden.

    „Wie lässt sich anstellen, dass eine Haltung x – meinetwegen das Theoriegebäude von LdL – irgendwann systemisch wichtig im Sinne der Befriedigung des Bedürfnisses nach Machterhalt wird?“
    – LdL funktioniert anders. Das LdL-Menschenbild beruht darauf, dass Menschen handeln müssen, um die Kontrolle über sich und ihren Lebensraum zu erhalten. Wer nicht handelt, verliert die Kontrolle über sich als System und stirbt. Damit Menschen motiviert sind, adäquat zu Handeln, werden Aktionen, die zur Aufrechterhaltung von Kontrolle dienen und erfolgreich sind, belohnt (Adrenalinausschüttung, Flow). Problematisch wird es, wenn das System vesucht, das Kontrollfeld auszudehnen, denn dann gerät es in Konflikt zu anderen Systemen und ihren Kontrollbedürbnissen.

    „Wie gibt man dem System, was es braucht, ohne es zu Angstreaktionen zu zwingen?“
    – Herrscher sind Menschen, die als System ihr Kontrollfeld maßlos ausgedehnt haben und permanent fürchten müssen, die Kontrolle zu verlieren. Dadurch machen sie sich unglücklich. Man muss diesen Menschen erklären, dass sie sich dadurch unglücklich machen, dass sie versuchen, ein Feld zu kontrollieren, dass zu weit für ihre Kontrollkapazität ist.

    „Entspricht die Entwicklung und Anwendung einer solchen Strategie überhaupt noch dem Menschenbild von LdL? (immerhin ist sie berechnend, kühl und keineswegs offen)“
    – Die Botschaft wäre: versuche nur solche Felder zu kontrollieren, die du dauerhaft im Griff behalten kannst. Und das sind nicht viele. Bescheide dich also.

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