Noteninflation

Es soll Bun­des­län­der geben, in denen der pro­zen­tua­le Anteil an Abitu­ri­en­ten durch das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um als Ziel­vor­ga­be bestimmt wird. Es soll wei­ter­hin Bun­des­län­der geben, in denen die Qua­li­tät einer Schu­le nicht zuletzt auch an dem erreich­ten Noten­durch­schnitt ihrer abge­hen­den SuS gemes­sen wird — Zah­len sind schließ­lich stets objek­tiv. Nach die­ser Logik hat etwa ein Gym­na­si­um mit einem Abitur­no­ten­durch­schnitt von 2,6 weit­aus bes­ser gear­bei­tet als eines mit einem Durch­schnitt von 2,8.

Lei­der ist das nicht ganz so ein­fach: Viel­leicht haben  das Gym­na­si­um mit dem schlech­te­ren Abitur­no­ten­durch­schnitt nicht genug SuS aus bil­dungs­na­hen, wohl­ha­ben­den Schich­ten besucht. Viel­leicht sind die Anfor­de­run­gen an die­sem Gym­na­si­um höher. Viel­leicht gibt es dort mehr LuL, die einen höhe­ren Anspruch an das Wort Bil­dung ver­fol­gen. Viel­leicht arbei­tet das besag­te Gym­na­si­um wirk­lich päd­ago­gisch und inhalt­lich schlech­ter. Viel­leicht ist der Noten­durch­schnitt in den natur­wis­sen­schaft­li­chen Fächern dort aber wesent­lich bes­ser als bei dem Gym­na­si­um mit dem bes­se­ren Abitur­no­ten­durch­schnitt usw..

Fakt ist aber in jedem Fall, dass SuS von bei­den Gym­na­si­en um Stu­di­en­plät­ze kon­kur­rie­ren. Wie steht dann die Schü­le­rin des Gym­na­si­ums mit dem schlech­te­ren Noten­durch­schnitt gegen­über Schü­lern des ande­ren Gym­na­si­ums da? 0,2 Zen­su­ren­punk­te machen bei vie­len NC-Fächern eine Men­ge aus. Soll unse­re Schü­le­rin des­we­gen auf den Stu­di­en­platz ver­zich­ten oder Lebens­zeit in War­te­schlei­fen ver­brin­gen? Ich kann SuS ver­ste­hen, die momen­tan um jeden Noten­punkt kämp­fen. Der Ton wird nach mei­nem Emp­fin­den dabei zuneh­mend drän­gen­der.

Also geben wir doch alle ein­fach bes­se­re Noten. Holen wir das Äußers­te an Ver­tret­bar­keit her­aus.  Sen­ken wir not­falls das Niveau so weit ab, bis es für die gewünsch­te Pro­zent­zahl passt. Ab in die Noten­in­fla­ti­on. Oder blei­ben wir dem Bil­dungs­ide­al der umfas­sen­den Bil­dung und unse­ren Ansprü­chen treu, um mün­di­ge Bür­ger in den Ernst des Lebens zu ent­las­sen, der sie mit FSJ, FÖJ und Über­brü­ckungs­aus­bil­dun­gen emp­fängt? Oder bes­ser gleich in der Mit­tel­stu­fe „aus­sor­tie­ren”? Wie viel ist der Anspruch wert, SuS wahr­haf­tig Rück­mel­dun­gen zu ihren Fähig­kei­ten a lá „Über­lebst du das auch an der Uni?” zu geben, damit sie nicht das für sie Unmög­li­che stu­die­ren? Woher wis­sen wir eigent­lich jetzt schon, dass es an der Uni wahr­schein­lich in dem oder dem Fach nicht klap­pen wird? Aus unse­rer eige­nen Stu­di­en­zeit? Hel­fen wir uns oder ihnen, wenn wir uns Moral und Wer­te in die­sem Bereich leis­ten? Wel­che Aus­sa­ge­kraft, wel­chen Wert besit­zen Noten? Sind Noten vor die­sem Hin­ter­grund auf mitt­le­re Sicht über­haupt noch halt­bar?

Ich weiß es nicht. Und das Leben in die­ser Pola­ri­tät emp­fin­de ich zuneh­mend als anstren­gend.

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3 Kommentare

  • Und das Leben in die­ser Pola­ri­tät emp­fin­de ich zuneh­mend als anstren­gend.

    Nicht nur du.

  • Wel­che Aus­sa­ge­kraft, wel­chen Wert besit­zen Noten? Sind Noten vor die­sem Hin­ter­grund auf mitt­le­re Sicht über­haupt noch halt­bar?

    Dies Pro­blem ist ja schon (sehr) lan­ge erkannt, getan wird aber nichts, denn die gesell­schaft­li­che Funk­ti­on der Noten scheint über­mäch­tig und so zen­tral, dass sich nie­mand dar­an wagt, sie abzu­schaf­fen. Es ist auch zu ein­fach, einen Men­schen schnell per eini­ger Zif­fern ein­zu­sor­tie­ren in Selek­ti­ons­re­la­van­te Kate­go­ri­en. Mir gefällt die Idee, dass nicht die abge­ben­de Schu­le die Selek­ti­on vor­nimmt, son­dern die auf­neh­men­de Insti­tu­ti­on. Damit wären zumin­dest an der ein­zel­nen Insti­tu­ti­on alle Bewer­ber wie­der gleich.

    • Was für mich natür­lich damit flan­kie­rend ein­her­ge­hen muss sind Frei­räu­me für LuL, um u.a. Gesprä­che mit Eltern und SuS zu füh­ren und vor allem klei­ne­re Klas­sen.
      Die Noten haben gera­de auf wei­ter­füh­ren­den Schu­len noch eine erheb­li­che Dis­zi­pli­nie­rungs­funk­ti­on, ohne die der­ar­tig gro­ße und hete­ro­ge­ne Lern­grup­pen weit­aus schwe­rer zu füh­ren sein dürf­ten. Man nicht ein­fach „nur” die Noten weg­neh­men, son­dern muss dazu das gan­ze Fass auf­rei­ßen (und das Ding här­tet seit Jah­ren immer mehr aus).

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