Oxymoron und Paradoxon

Heu­te hat mich ein­mal mehr eine Schü­le­rin auf dem fal­schen Fuß erwischt. Bewaff­net mit einem mir frem­den Zet­tel­chen – SuS mögen Zet­tel­chen mit Zusam­men­fas­sun­gen – frag­te sie nach dem Unter­schied zwi­schen zwei Stil­for­men: Dem Para­do­xon und dem Oxy­mo­ron. Dabei brach­te sie fol­gen­de Bei­spie­le:

  1. uni­for­mier­te Indi­vi­du­li­tät (Para­do­xon)
  2. gelieb­ter Feind (Oxy­mo­ron)

Sie ver­stün­de den Unter­schied nicht – in bei­den Stil­fi­gu­ren gehe es schließ­lich um den Begriff der Unver­ein­bar­keit zwei­er Lexe­me.

Net­ter Wei­se füh­ren zusätz­lich nicht alle Lexi­ka das Para­do­xon über­haupt als rhe­to­ri­sche Stil­fi­gur (dar­über lässt sich ja auch treff­lich strei­ten), wäh­rend Tan­te Wiki­pe­dia sogar noch wei­ter aus­dif­fe­ren­ziert. Eduhi.at macht es so:

  1. Oxy­mo­ron: Ver­bin­dung zwei­er sich nach dem Wort­sinn wider­spre­chen­der Begrif­fe
  2. Para­do­xon: Aus­sa­ge, die im Wider­spruch zum gesun­den Men­schen­ver­stand zu ste­hen scheint.

Ja  nun – Steht ein Wider­spruch etwa nicht im Kon­trast zum „gesun­den Men­schen­ver­stand“? Ist damit das Oxy­mo­ron nicht gleich­zei­tig auch para­dox?

Wenn z.B. eine Lebens­form so wächst, dass sie in der Ver­gan­gen­heit erwach­sen ist und in der Zukunft erst gebo­ren wird, so han­delt es sich unbe­streit­bar um ein Para­do­xon (Dank an Star Trek TNG – da kommt sowas in der letz­ten Staf­fel ein­mal vor).

Ich glau­be, dass das eigent­li­che Pro­blem die Bei­spie­le sind. Wie wäre es so:

  1. Düm­mer als dumm (Para­do­xon)
  2. Schwar­ze Milch (Oxy­mo­ron)

In bei­den Fäl­len sind die Begrif­fe unver­ein­bar. Ein Oxy­mo­ron kann aber ohne direk­ten Gegen­satz – Milch bele­gen wir intui­tiv sofort mit „weiß“, auch wenn die­ses Attri­but dort expli­zit nicht steht – nicht funk­tio­nie­ren, wäh­rend die seman­ti­sche Varia­ti­ons­brei­te beim Para­do­xon weit­aus grö­ßer ist, wenn man mein Bei­spiel noch mit hin­zu­zieht. So könn­te es viel­leicht klap­pen.

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2 Kommentare

  • Stephan Rinke

    Hal­lo Maik,

    dan­ke für das Bei­spiel der schwar­zen Milch. Hat­te seit Ewig­kei­ten nicht mehr an das Holo­kaust-Gedicht gedacht.

    Lie­be Grü­ße,

    Ste­phan

  • Beltane

    Bei­de Bei­spie­le der Schü­le­rin,
    1. uni­for­mier­te Indi­vi­du­li­tät und
    2. gelieb­ter Feind,
    sind Oxy­mo­ra, denn ein Oxy­mo­ron ist ein _Ausdruck_ bestehend aus 2 kon­tras­tie­ren­den Begrif­fen (Wer Grie­chisch kann, ist klar im Vor­teil). Das kann ein Kom­po­si­tum sein oder ein Sub­stan­tiv modi­fi­ziert durch ein Adjek­tiv oder ein Adjek­tiv modi­fi­ziert durch ein Adverb.
    Da aber jedes Oxy­mo­ron ein stark kom­pri­mier­tes Para­do­xon ist, sind bei­de Bei­spie­le gleich­zei­tig Para­do­xa. Ein Para­do­xon ist eine _Aussage_ oder ein Sach­ver­halt, der wider­sprüch­lich scheint. Ergo: Jedes Oxy­mo­ron ist ein Para­do­xon.

    Die­se Dif­fe­ren­zie­rung geht auch aus den oben­ste­hen­den Defi­ni­tio­nen von her­vor, man muss nur schon vor­her wis­sen, wo die wesent­li­chen Kri­te­ri­en zu suchen sind:

    Oxy­mo­ron: _Ver­bin­dung_ zwei­er (sich [nach dem Wort­sinn] wider­spre­chen­der) Begrif­fe
    Para­do­xon: _Aus­sa­ge_(, die im Wider­spruch zum gesun­den Men­schen­ver­stand zu ste­hen scheint.)

    Düm­mer als dumm“ kann dage­gen kein Oxy­mo­ron im enge­ren Sin­ne sein, da es ers­tens kein Wort ist, son­dern eine Wort­grup­pe, und zwei­tens, weil „düm­mer“ nicht das Gegen­teil von „dumm“ ist. Wenn man „dumm“ für ein abso­lu­tes Adjek­tiv hält, kann man die Phra­se als Para­do­xon klas­si­fi­zie­ren; der Wider­spruch läge dann aber in der Tat­sa­che, dass etwas unstei­ger­ba­res in den Kom­pa­ra­tiv gesetzt wird. Ein sol­ches Para­do­xon wäre „töter (als tot)“.
    In ers­ter Linie hal­te ich „düm­mer als dumm“ aber für eine Hyper­bel: Jemand ist ganz beson­ders dumm, nämich noch düm­mer als man sich unter dem Begriff „dumm“ eigent­lich vor­stellt.

    Aus Grün­den der Ein­fach­heit wird der Begriff des Oxy­mo­rons oft seman­tisch aus­ge­dehnt, damit er auch zwei kon­tras­tie­ren­de Begrif­fe inne­halb eines Sat­zes oder auch über Satz­gren­zen hin­aus abde­cken kann und man sich den Auf­wand der Unter­schei­dung vom Para­do­xon spart. Dies funk­tio­niert nach Pro­zes­sen der Metonymie/über Teil-Gan­zes-Bezie­hun­gen. So kommt es, dass das Oxy­mo­ron im wei­te­ren Sin­ne dann plötzllich als Syn­onym zum Para­do­xon in Erschei­nung tritt. Nor­ma­tiv gese­hen ist es inkor­rekt, Phra­sen wie „Wenn du’s eilig hast, gehe lang­sam“ als Oxy­mo­ron zu bezeich­nen. Ande­rer­seits ent­schei­det ja offen­bar der Sprach­ge­brauch dar­über, was rich­tig und falsch ist. Wenn alle den Begriff so ver­wen­den, wird die­se Ver­wen­dung irgend­wann rich­tig.
    Umge­kehrt kann man zur Ver­ein­fa­chung auf den Unter­be­griff ver­zich­ten und jede Kom­bi­na­ti­on wider­sprüch­li­cher Begrif­fe unab­hän­gig von ihrer Kon­stel­la­ti­on als Para­do­xon bezeich­nen. Daher die all­ge­mei­ne Ver­wir­rung.

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