Heranwachsende und neue Medien — denn sie wissen nicht, was sie tun

Ein paar — natür­lich völ­lig fik­ti­ve Bei­spie­le — aus You­Tube (Vide­os):

(1) Drei offen­sicht­lich besof­fe­ne Mäd­chen gra­tu­lie­ren einer vier­ten Per­son zum Geburts­tag. Namen, Stim­men und Ges­tik las­sen Rück­schlüs­se auf natür­li­che Per­so­nen zu.

Kom­men­tar:

So lan­ge nicht irgend­wann eine Per­so­nal­ab­tei­lung die Namen der drei Schätz­chen googelt und noch auf mehr Vide­os die­ser Art stößt, geht das mit einem Lächeln ab. Ich fra­ge mich nur, wie die drei Damen in fünf­zehn Jah­ren zu die­sem Ereig­nis ste­hen wer­den. Schön fän­de ich auch, wenn der spä­te­re fünf­zehn­jäh­ri­ge Sohn sei­ner Mami so etwas unter die Nase hält — die Such­al­go­rith­men wer­den sich ja eher nicht ver­schlech­tern…

(2) Drei nament­lich genann­te SuS per­for­men nich ein­mal schlecht auf dem Schul­hof zu einem R&B-Song. Die Schu­le ist zu erken­nen und die Namen las­sen Rück­schlüs­se auf die Betei­lig­ten zu.

Kom­men­tar:

Ver­hält­nis­mä­ßig harm­los. Nach gän­gi­gem Recht wird hier ein Urhe­be­rechts­ver­stoß began­gen, da wohl kaum die Zustim­mung des Rech­te­inha­bers zur Ver­öf­fent­li­chung des Musik­stü­ckes ein­ge­holt wor­den ist. Im schlimms­ten Fall kommt es zu einer zivil­recht­li­chen Kla­ge. Das Geld zah­len die Eltern. Ansons­ten mög­li­che „Fol­gen ” ähn­lich wie unter (1).

(3) Ein Jun­ge füllt Malz­bier in eine Brot­do­se. Er fer­tigt sich eine Papier­rol­le an und zieht sich die Flüs­sig­keit in die Nase (Anleh­nung an Koka­in­kon­sum — „Spu­ren zie­hen.”) Sein Name und die Klas­se wer­den genannt. Es geschieht im Klas­sen­raum wäh­rend der Pau­se. Der Film ist zusätz­lich mit einem urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Trai­ler ver­se­hen. Die Akti­on wirkt frei­wil­lig und gestellt. Der vol­le Name des Fil­men­den wird im Abspann genannt.

Kom­men­tar:

Auch hier hät­ten wir eine Urhe­ber­rechts­ver­let­zung, die durch die expli­zi­te Namens­nen­nung im Abspann zivil­recht­lich leicht zu ver­fol­gen ist. Dazu kom­men eine frei­wil­li­ge Ent­wür­di­gung einer Per­son  (Ver­zicht auf Per­sön­lich­keits­rech­te?) und zusätz­lich noch mög­li­che Fol­gen wie unter (1) und (2). Der Film lässt dezi­dier­te Rück­schlüs­se über das sozia­le Klas­sen­ge­fü­ge zu.

(4) Der Unter­richt einer Leh­re­rin in einer 7. Stun­de wird gezeigt. Es han­delt sich um Kunst­un­ter­richt kurz vor den Feri­en. Es herr­schen heil­lo­ses Cha­os  (kei­ner der SuS befin­det sich auf einem Sitz­platz) und hohe Laut­stär­ke (abfäl­li­ge Bemer­kun­gen usw.). Die Lehr­kraft ist offen­kun­dig nicht Frau der Lage.

Die Per­sön­lich­keits­rech­te der Lehr­kraft und eini­ger SuS wird wer­den nicht geach­tet. Hier ist wahr­schein­lich eine zivil­recht­li­che Kla­ge mög­lich, da ein Außen­ste­hen­der ohne Kon­text­be­zug die Stun­de nicht sinn­voll ein­ord­nen kann und somit ver­all­ge­mei­nern wird — im schlimms­ten Fall die Schul­lei­tung selbst. Damit dürf­te der Begriff „Ruf­mord” zivil­recht­lich ins Gespräch kom­men. Der Fall könn­te an der Schu­le die Run­de machen und Ord­nungs­maß­nah­men nach sich zie­hen. Somit ergibt sich auch für den Fil­men­den ein mög­li­cher wei­te­rer sozia­ler Scha­den (der manch­mal aber mehr Nach­hal­tig­keit erzeugt, als ein päd­ago­gi­sches „Es wäre schön, wenn…”).

Alle die­se Fäl­le klin­gen ver­hält­nis­mä­ßig harm­los und wür­den an den meis­ten Schu­len wahr­schein­lich intern päd­ago­gisch gelöst wer­den. So gebie­ten es eigent­lich Anstand und päd­ago­gi­sches Wohl­wol­len. „Man ist ja Schlim­me­res gewöhnt.” — dum­mer Spruch… Aller­dings wer­den in den Fäl­len (3) und (4) natür­lich ekla­tant Gren­zen über­schrit­ten, da Drit­te unter der Akti­on u.U. erheb­lich lei­den — der Schwe­re­grad wird von der Kom­pe­tenz z.B. einer Schul­lei­tung abhän­gig sein.

Zwei Sachen erstau­nen mich aller­dings ganz beson­ders:

  1. Die mög­li­che Trag­wei­te sol­cher Aktio­nen wird nicht erkannt — ok, es hat ihnen ja kei­ner bei­ge­bracht und es fehlt ihnen an Erfah­rung, um abzu­schät­zen, was eine welt­wei­te Ver­öf­fent­li­chung für poten­ti­el­le Fol­gen haben kann.
  2. Es wer­den bereit­wil­lig rea­le Namen genannt oder Infor­ma­tio­nen in Form von Meta­da­ten mit­g­lie­fert, die eine indi­vi­du­el­le Zuord­nung der Erzeug­nis­se und Situa­ti­on zulas­sen. Es gibt also auch gera­de in den Fäl­len (3) und (4) kei­ner­lei ethi­sches Bewusst­sein für mög­li­cher­wei­se spä­ter auf­kei­men­de Pro­ble­ma­ti­ken. Ein sol­ches Ver­hal­ten kann ich nur als „naiv” ver­bu­chen.

So — und jetzt kom­men wir Päd­ago­gen:

Wir sind nicht inkom­pe­tent, was den inhalt­li­chen(!) Umgang mit neu­en Medi­en angeht. Wir haben in der ethi­schen und qua­li­ta­tiv-ästhe­ti­schen Bewer­tung den Kin­dern und Jugend­li­chen durch unse­re Lebens­er­fah­rung erheb­li­che Kom­pe­ten­zen vor­aus. Wir fol­gen ihnen aber nicht auf ihren Pfa­den, die natür­lich auch von unglaub­li­cher Krea­ti­vi­tät geprägt sind: In einem Film mit Trai­ler steckt Arbeit — zumin­dest Grund­zü­ge in der Bedie­nung eines Video­schnitt­pro­gram­mes sind vor­han­den.

Wir ver­säu­men es jedoch, die­ser Krea­ti­vi­tät

  1. einen Raum zu geben, wo sie sich unbe­küm­mert und geschützt hem­mungs­los ent­wi­ckeln kann — dort kön­nen wir z.B. Feh­ler kon­struk­tiv durch Dis­kus­si­on begeg­nen
  2. eine Rich­tung zu geben, die von ethi­schen Wer­ten und Wis­sen um Pro­ble­ma­ti­ken beein­flusst wird

Geschlos­se­ne Räu­me (tech­nisch lös­bar!) braucht es m.E. in der vor­pu­ber­tä­ren Pha­se, Rich­tung in und nach der puber­tä­ren — da wer­den wir sie nicht in einem Raum hal­ten, wenn ihnen die Welt offen­steht!

Ach­ja:

Wir kön­nen nur fol­gen und beglei­ten, wenn wir uns auch im Umgang mit neu­en Medi­en bil­den, selbst Erfah­run­gen mit ihnen machen. Umsonst bzw. ohne Arbeit gibt es nur wenig auf der Welt.

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3 Kommentare

  • Ein guter Bei­trag, ins­be­son­de­re des­sen Fazit in punk­to Raum und Rich­tung!

  • Wir wis­sen es doch längst: Medi­en­kom­pe­tenz ist mehr als Medi­en­hand­ha­bungs­kom­pe­tenz. Nur: Zu Medi­en­kom­pe­tenz gehört auch ein bis­serl Medi­en­hand­ha­bungs­kom­pe­tenz (und -moti­va­ti­on). Einem gro­ßen Teil hand­ha­bungs­kom­pe­ten­ter und -moti­vier­ter Kin­der und Jugend­li­cher steht ein klei­ner Teil medi­en­kom­pe­ten­ter Päd­ago­gin­nen und Päd­ago­gen gegen­über (egal ob in for­mel­len Lern­si­tua­tio­nen oder an ande­ren infor­mel­len Lern­or­ten)… Ich will jetzt nicht wie­der den PISA Län­der­ver­geich bemü­hen ;))
    …und die digi­ta­le Ent­wick­lung schrei­tet rasant vor­an (habe bei Twit­ter grad erst von poken erfah­ren)…

  • Zu Medi­en­kom­pe­tenz gehört auch ein bis­serl Medi­en­hand­ha­bungs­kom­pe­tenz (und -moti­va­ti­on).”

    Ein bis­serl mehr, wie ich den­ke. Das Pro­blem ist nur, dass wir ja mit dem arbei­ten müs­sen, was gera­de da ist. Und das scheint mir nicht üppig viel zu sein. Es mag ein­zel­ne geben — ich mer­ke aber zwi­schen der Medi­en­kom­pe­tenz jün­ge­rer und älte­rer Kol­le­gen mitt­ler­wei­le kaum einen Unter­schied mehr, sodass der Ste­reo­typ „Die Jun­gen wer­den es rich­ten” nicht unbe­dingt stim­men muss. Flä­chen­de­cken­de und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Fort­bil­dungs­an­ge­bo­te sehe ich nicht — also alles sel­ber machen und sich das Geheul des kom­mer­zi­el­len „Leh­rer-sind-für-Unter­richt-da-Cho­res” anhö­ren.

    Einem gro­ßen Teil hand­ha­bungs­kom­pe­ten­ter und -moti­vier­ter Kin­der und Jugend­li­cher”

    Ein­spruch. Ich glau­be, dass die Hand­ha­bungs­kom­pe­tenz sich bei vie­len eher auf dem Bereich „Kon­sum” erstreckt. War­um fil­me ich und stel­le es unbe­ar­bei­tet, unkom­men­tiert bei You­Tube rein? Weil ich drei Klicks kann und kei­nen Bock auf Schreiben/Formulieren habe, das ist in mei­nen Augen kei­ne Kom­pe­tenz — es gibt auto­di­dak­ti­sche Gegen­bei­spie­le…

    Ich wür­de gern ein­mal eini­gen Jugend­li­chen Auf­ga­ben zu ihrem Han­dy stel­len — a la: Tue dies, tue das. In bestimm­ten Bereich sind sie fit. Aber in denen Berei­chen, die ein Han­dy zu einem Werk­zeug machen kön­nen, sind sie es oft nicht — auch hier gibt es Gegen­bei­spie­le.

    Der Trend geht doch zur Zeit in Rich­tung tech­ni­scher Ent­mün­di­gung. Das Betriebs­sys­tem macht Vor­schlä­ge, ver­steckt eigent­li­che Funk­tio­na­li­tä­ten oder fasst sie zu Flows in 1-Klick­ma­nier zusam­men. Das ist einer­seits oft sehr bequem, ande­rer­seits schafft es Anhän­gig­kei­ten. Die Tech­nik kommt uns eigent­lich mehr und mehr ent­ge­gen (und nimmt dabei mehr und mehr Frei­heit).

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