An Henriette – SuD Kleinod

Auf der Suche nach einem Übungsgedicht für eine Gedichtinterpretation wurde ich im Netz nicht fündig, aber es gibt ja auch noch Bücher – z.B. die „Deutsche Literaturgeschichte in einem Band“ von Professor Dr. Hans Jürgen Geerdts (gibt es nur noch antiquarisch, dafür aber günstig). Hätte ich da bloß gleich hineingeschaut, denn dort fand sich dieses, schon auf den ersten Blick fesselnde Stück Lyrik:

Jakob Michael Reinhold Lenz
An Henriette

um 1771

1.
Von Gram und Taumel fortgerissen,
Verzweiflungsvoll dein Bild zu küssen,
Ach, alles, was mir übrig ist.
Dies Bild will ich am Munde halten,
Wenn alles an mir wird erkalten
Und du mir selbst nicht denkbar bist.

2.
Verzeih den Kranz, den eines Wilden Hand
Um dein geheiligt Bildniß wand,
Hier, wo er unbekannt der Welt,
In dunkeln Wäldern, die ihn schützen,
Im Tempel der Natur es heimlich aufgestellt,
Und wenn er davor niederfällt,
Die Götter selbst auf ihren Flammensitzen
Für eifersüchtig hält.

Folgende Aufgaben könnte ich mir dazu vorstellen:

  1. Interpretieren Sie das vorliegende Gedicht von J.M.R. Lenz vor dem Hintergrund der Epoche des SuD.
  2. Stellen Sie Bezüge zwischen dem Gedicht und anderen Texten aus dem SuD her.

Ein paar Gedanken:

Die angesprochene Geliebte ist nur in Form eines Bildes anwesend. Nur diesem Bild vermag das Lyrische Ich seine Empfindung der Verzweiflung entgegenbringen. Dabei sind zwei grundsätzliche Bewegungen erkennbar:

Einerseits die religiöse Überhöhung der Geliebten, deren Bildnis als „heilig“ (V. 8) tituliert und in einem „Tempel der Natur“ (V. 11) auf einem Altar bekränzt wird, sodass man davor niederfallen (V. 12) kann, andererseits die Selbstauflösung des Lyrischen Ichs, welche sich sprachlich in der Verwendung der Pronomen äußert. In der ersten Strophe spricht das Lyrische Ich noch in der ersten Person, in der zweiten bereits sehr selbstdistanziert nur noch in der dritten. Zusätzlich bezeichnet es sich selbst als Wilde[r] (V. 7).

Lange musste ich über folgende Verse nachdenken (die ein Goethe zur damaligen Zeit  sicher nicht hinbekommen hätte):

„Wenn alles an mir wird erkalten

Und du mir selbst nicht denkbar bist.“

Sind es die Gefühle, die im Lyrischen Ich „erkalten“ und die Gedanken an Sie  vereiteln? Oder ist es der Tod, der die Geliebte aus den Gedanken vertreibt? Oder ist das Erkalten der Gefühle gar auch eine Art des Todes?

Das Gedicht erinnert in der Selbstauflösung (Entselbstigung) des Lyrischen Ichs an Goethes Ode „Ganymed“. Die „Flammensitze“ (V. 13) der Götter tragen Anspielungen auf den Prometheusmythos – die Götter „sitzen“ auf dem Feuer, verweigern es den Menschen. Und auch diese Götter stehen im Verdacht des Lyrischen Ichs, auf das Bild der Geliebten „eifersüchtig“ (V. 14) zu sein – eine menschliche Eigenschaft. Wie hoch steht das Bild der Geliebten hier eigentlich?

Es ist für mich beeindruckend, wie sehr die Sprache des Gedichtes fließt und wie stark die Verdichtung teilweise gelungen ist.

Eigentlich sollte das Gedicht in den Schulkanon gehören… So viel Sturm und Drang auf kleinem Raum. Ein Text, der durch die Summe seiner Teile die Empfindung des Künstlers fantastisch transportiert.

Manchmal ist weniger Internet doch ein Gewinn für den Unterricht… Ich werde es jetzt öfter erst mit der Literaturgeschichte versuchen – den Text findet man dann im Netz schnell, wenn man den Titel hat. Dann noch mit dem Kindler (auch antiquarisch erworben – wird ja nicht schlecht) nachgewürzt und schon steht die Stunde inhaltlich.

Facebook Like

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.