Die letzte Welt

Die Schne­cken wan­den und krümm­ten sich unter der furcht­ba­ren Wir­kung der Säu­re und stie­ßen zu ihrem Todes­pfei­fen Trau­ben von Schaum her­vor, Schaum­blü­ten, glit­zern­de, win­zi­ge Bla­sen. Dann fie­len die Tie­re ster­bend ab, stürz­ten, glit­ten, rann umarmt den Stein hin­ab und gaben ihn frei.

Die letzte Welt

Die letz­te Welt

Die­ser Aus­zug aus Chris­toph Rans­mayrs Roman „Die letz­te” Welt stellt stell­verstre­tend für ein Grund­prin­zip des Tex­tes: Des Ästhe­ti­sie­rung des Häss­li­chen. Damit und auf vie­len ande­ren Schau­plät­zen spielt die­ser post­mo­der­ne Roman auf oft­mals wun­der­vol­le Wei­se mit dem Gegen­satz von Rea­lis­mus und Idea­lis­mus. Ganz natür­lich hat in die­sem Roman das Häss­li­che, das Gewöhn­li­che sei­nen fes­ten Platz und sei­ne Berech­ti­gung, wie auch z.B. im Natu­ra­lis­mus. Ganz natür­lich wird die­ses Häss­li­che in der Tra­di­ti­on idea­lis­ti­scher Sprach­kunst, idea­lis­ti­scher Rhe­to­rik ästhe­ti­siert. Somit muss der Text aus bei­den Posi­tio­nen her­aus abso­lut absurd wir­ken.

Der römi­sche Dich­ter Ovid wird in das abge­le­ge­ne, dunk­le, archai­sche Tomi in die Ver­ban­nung geschickt. Cot­ta, ein jun­ger Römer wan­delt weni­ge Zeit spä­ter auf den Spu­ren des nun­mehr ver­schwun­de­nen Dich­ters. Dabei muss er fest­stel­len, dass sich die ihn umge­ben­de Welt ver­än­dert. Nach und nach keimt in ihm die unbe­wuss­te Ahnung, dass sich an die­sem Ort „Tomi” alle Merk­wür­dig­keit von Ovids Meta­mor­pho­sen rea­li­siert und damit Wirk­lich­keit und Fik­ti­on auf nicht nur ange­neh­me Wei­se mit­ein­an­der ver­schwim­men. Dabei spannt Rans­mayr ein Geflecht aus Sym­bo­len und immer wie­der auf­ge­nom­me­nen Bil­dern, bei dem am Schluss kaum ein Faden her­aus­hängt. Der Text irri­tiert durch moder­ne Ele­men­te in einer anti­ken Welt: So ver­keh­ren BUs­se oder ein Film­vor­fü­her erfreut sein Publi­kum mit Hil­fe eines elek­tri­schen Pro­jek­tors.

Rans­mayr hebt damit die Geset­ze tra­di­tio­nel­ler Erzähl­tech­nik aus. Der Text befrem­det einer­seits auf gan­zer Linie und ander­seits lie­fert er eine Fül­le von Ansatz­punk­ten für die gelun­ge­ne „Kür­ein­heit” inner­halb eines Deutsch­leis­tungs­kur­ses, denn ohne ein gewis­ses Maß an epo­cha­ler — und jetzt ganz neu anwend­ba­rer  — Vor­bil­dung und lese­tech­ni­scher Lei­dens­fä­hig­keit wird kein Schü­ler den beschwer­li­chen Weg die­ses Wer­kes mit­ge­hen oder sich auch nur pro­duk­tiv an ihm rei­ben kön­nen.

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