class Identifikation extends Partizipation

Partizipation bedeutet die Einbindung von Individuen und Organisationen (sogenannte Stakeholder) in Entscheidungs- und Willensbildungsprozessen. Aus emanzipatorischen, legitimatorischen oder auch aus Gründen gesteigerter Effektivität gilt Partizipation häufig als wünschenswert. Partizipation kann die unterschiedlichsten Beteiligungsformen annehmen (z. B. Bürgerbeteiligung, Interessenverband, Politische Partei). Partizipation gilt als gesellschaftlich relevant, weil sie zum Aufbau von sozialem Kapital führen kann und dann soziales Vertrauen verstärkt.

Quelle: Wikipedia

Ich frage mich in letzter Zeit, wie sich Partizipation generieren lässt und welche Faktoren ihren Realisierungsgrad bestimmen. Ich frage mich auch, warum Partizipation gerade auch in der Schule oft nicht stattfindet. Dabei bestimmen mich die unten wiedergegeben Gedanken, die ich mit als Grundlage für den Artikel für unsere diesjährige Aufführung der Theater-AG zu verwenden gedenke:

  1. Ich partzipiere gerne innerhalb von Systemen, die mir eigene Gestaltungsmöglichkeiten offerieren. Besonders attraktiv ist Partizipation für mich dann, wenn ich grundlegende Werte und Strukturen in dann auch gerne lang andauernden und harten, aber klaren Prozessen mitgestalten kann.
  2. Große Systeme laufen immer Gefahr, dass Partizipation für sinnlos erachtet wird. Die allgemeine Politikverdrossenheit in unserem Land ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn ich das Gefühl habe, dass immer gleiche und starke Mächte das mich umgebende System gestalten, bin ich wenig bis gar nicht bereit zu partzipieren. Eine große Gefahr liegt für mich also in der schieren Größe.
  3. Partizipation setzt für mich persönlich voraus, in meinen Fähig- und Möglichkeiten insbesondere von den Leitenden eines Systems prinzipiell geachtet zu sein. Dabei spielt der Satz „Wissen ist Macht“ eine zentrale Rolle: Partizipation ist nur auf Basis eine soliden Informationspolitik möglich. Diese ist umso schwieriger zu gestalten, je größer ein System ist. Das Schlüsselwort heißt hier für mich weitestgehende Transparenz: Die Vorgänge und Gerüchte rund um die Lobbyisten im Kanzleramt oder Europaparlament sind eben nicht transparent.
  4. Partizipation ist nützlich: Es nützt den Mächtigen, da sie entlastet werden und sich primär auf reale Leitungskompetenzen, z.B. der Lenkung, der Vermittlung und der Moderation beschränken können. Die Gemeinschaft eines Systems profitiert ebenfalls von Partizipation: Sie kann ihr System menschlicher gestalten und damit massiv zur Motivation und Atmosphäre eines Systems beitragen (soziales Kapital). Partizipation stirbt, wenn Mächtige einseitig ideologische Richtlinien durchsetzen und primär darauf ihre Energie verwenden. Ein gutes Beispiel ist für mich dabei die öffentliche Debatte um die Gesamtschule, die sich ideologisch verselbstständigt hat und wenig sachlich geführt wird. Die grundsätzliche Frage nach der Nachhaltigkeit vermisse ich in den laufenden Debatten.
  5. Wenn ein System Partizipation ermöglicht und fördert, kommt es zu einem weiteren systemisch meist positiven Begleiteffekt – die Identifikation:

Die Identifikation muss nicht zwingend bewusst verlaufen und wahrgenommen werden, sondern unterliegt oft unbewussten Vorgängen, die in der Psychoanalyse als Abwehrmechanismus eine wichtige Rolle spielen.

Quelle: Wikipedia

Wenn ein wie auch immer geartetes, soziales System Möglichkeiten der Partizipation bietet, ist die Wahrscheinlichkeit der Identifikation mit ihm nach meinen Erfahrungen größer, als wenn es diese Möglichkeiten nicht gäbe. Die oft unbewusst verlaufende Identifikation wiederum bildet oft die Basis für mehr Partizipation, zieht diese jedoch nicht zwingend nach sich.

Trotzdem scheint es nach meinen Erfahrungen ein interessantes Wechselspiel zwischen beiden Größen zu geben, auf wenn Identifikation prinzipiell lösgelöst von Partizipation existieren kann: Ich kann mich mit den Mächtigen, mit den inhaltlichen Ziele eines sozialen Systems oder auch mit den Personen identifizieren, die mit mir gemeinsam dieses soziale System bilden. Ich kann mich innerlich identizieren – d.h. z.B. eine Ideologie mittragen – und es äußerlich tun, indem ich z.B. bestimmte Kleidung anziehe, die innerhalb des System üblich ist.

Der einzige Weg eines sich entwickelnden Prozesses führt meiner Meinung nach aber immer über Inhalte, Ziele bzw. Werte. Personale Identifikation ist zeitlich begrenzt, aber zweifelsohne auch eine mächtige Kraft.

Ich werde bestimmt daran noch weiterdenken, ziehe aber vorläufig folgendes Fazit:

  1. Partizipation ist für die nachhaltige Entwicklung sozialer Systeme unverzichtbar
  2. Grundlage für Partizipation sind Identifikation, Transparenz und gegenseitiger Respekt
  3. Partizipation wird umso schwieriger, je größer und intransparenter ein System ist
  4. Partizipation nützt allen Hierarchiestufen eines sozialen Systems
  5. Partizipation muss immer primär auf einer inhaltlichen Ebene erfolgen, um nachhaltig positive Entwicklungen nach sich zu ziehen.
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5 Kommentare

  • Partizipation gelingt am besten, wenn nicht zuviele konkurrente attraktive Partizipationsangebote vorliegen. Wie im Augenblick überall.

  • Dann bleibt uns ja nur der Weg, unseren Sexappeal zu erhöhen, wenn wir unserem Menschenbild treu bleiben wollen. Mist. Gibt es hier irgendwo eine Typberatung in der Nähe?

  • Danke für die Ideen – ein Punkt springt mich besonders an:

    Ich partzipiere gerne innerhalb von Systemen, die mir eigene Gestaltungsmöglichkeiten offerieren.

    Ich unterrichte das in B-W neue Fach Naturwissenschaft und Technik, in dem wir Projektunterricht machen, der den Schülern viel Freiraum für die eigenen Interessen gibt. Die Motivation und die erbrachten Leistungen sind fast durchweg deutlich höher/besser als im „normalen“ Unterricht. Auf meine Frage, woran das liege, erhalte ich zu 3/4 die Antwort: an der Möglichkeit dieser Mitgestaltung.

    Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass Schule den Schülern mehr Gestaltungsmöglichkeiten geben muss, wenn wir möchten, dass die Schüler wirklich partizipieren.

    • Das ist ja spannend. Der Artikel bezog sich ursprünglich auf die Partizipation von Kolleginnen und Kollegen. Tatsächlich passt er aber auch für Schülerinnen und Schüler.

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