Eine medienpädagogische Kurzgeschichte

Zunehmend wird davon geredet, Medienbildung mit in einzelne Fächer zu integrieren. Dieser Anspruch wirft oft Fragen auf, wie das bei all dem sonstigen Pensum überhaupt noch zu schaffen sei.

Ich möchte heute ein Beispiel präsentieren, dass zeigt, wie wenig zusätzliche Arbeit notwendig ist, um dieses Ziel zu erreichen. Bewusst knüpfe ich dabei an Methoden und didaktische Ansätze an, die vielen Lehrkräften mit dem Fach Deutsch bekannt sein sollten.

Die Skizze berührt folgende Kompetenzbereiche des neuen KMK-Strategiepapiers:

  1. Suchen, verarbeiten und aufbewahren
  2. Produzieren und Präsentieren
  3. Schützen und sicher agieren
  4. Analysieren und reflektieren

Die vorliegende Unterrichtsidee ist nicht mehr als eine Skizze. Je nach Lerngruppe wird man Veränderungen in der Reihenfolge der vorkommenden Texte vornehmen müssen.

Die Skizze legt den Schwerpunkt auf kritische Aspekte. Sie befasst sich nicht mit den individuellen Vorteilen personalisierter Werbung. Daher ist sie in Teilen natürlich inhaltlich einseitig und durch geeignetes Material bei der Konzeption der gesamten Einheit zu ergänzen.

Die Skizze arbeitet instruktiv mit vorgegebenen Texten. Das kann nicht im Sinne eines neuen Lernansatzes sein. Die sich aus ihr ergebenden Fragestellungen ermöglichen aber ggf. eigene Fragen der Schülerinnen und Schüler.

Die Unterrichtsskizze eignet sich für die Sekundarstufe I, mit Ausnutzung aller didaktischen Potentiale durchaus aber auch für einen Leistungskurs Deutsch im Kontext des Rahmenthemas „Medienkritik“.

Der Kontext

Die US-Drogeriemarktkette „Target“ hat nach Berichten in der Presse einen Weg gefunden, durch Verknüpfung von Kundendaten, elementare Veränderungen im Leben ihrer Kunden zu bestimmen – in diesem Fall die Schwangerschaft inkl. des voraussichtlichen Entbindungstermins. Bezeichnenderweise ist die Originalquelle von Charles Duhigg ( Quelle: http://www.nytimes.com/2012/02/19/magazine/shopping-habits.html – abgerufen am 8.12.2016 ) bereits auf das Jahr 2012 zu datieren – für Internetmaßstäbe nahezu historisch.

Das haben öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland schon vor einiger Zeit recherchiert ( Quelle: http://www1.wdr.de/fernsehen/quarks/sendungen/bigdatatalk-kassenbon100.html – abgerufen am 8.12.2016 ). Dazu ist die Verknüpfung vieler Daten notwendig, u.a. müssen auch Kredit- oder EC-Kartenumsätze zwingend mit erfasst werden.

Medialer Aufhänger ist die Geschichte eines Vaters einer 16-jährigen Tochter, der die personalisierte Werbung für sein Kind gelesen hat. Daraufhin lief er aufgebracht in die Firmenzentrale, um sich darüber zu beschweren, dass seiner Tochter suggeriert würde, unbedingt schwanger werden zu müssen. Seine Tochter war jedoch tatsächlich schwanger, sodass der Vater sich nach zwei Wochen kleinlaut entschuldigen musste.

Diese Art der Berichterstattung auch in deutschen Medien provozierte weitere Metatexte, etwa den einer Soziologin, die sich nicht in dieser Weise durchleuchten lassen wollte und daher zu folgendem Maßnahmenkatalog griff:

  1. Sie instruiert Freunde und Bekannte auf sozialen Medien, ihre Schwangerschaft nicht preiszugeben

  2. Sie anonymisiert ihren Datenverkehr beim Einkauf im Internet aufwändig

  3. Sie zahlt ihre Einkäufe grundsätzlich mit Bargeld

  4. Sie verwendet auf Amazon eine selbstgehostete E-Mailadresse unds keine von Gmail, da Google standardmäßig Nachrichten auf Schlagworte hin untersucht.

  5. Sie bezahlt auf Amazon mit Gutscheincodes

  6. Sie lässt sich Ware grundsätzlich an eine Packstation liefern

  7. Sie muss Beträge über 500 Euro wegen des Verdachts der Geldwäsche auf mehrere Personen aufteilen, um z.B. einen Kinderwagen bestellen zu können

( Quelle: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014-04/big-data-schwangerschaft-verheimlichen – abgerufen am 8.12.2016 )

Die Geschichte der durchleuchteten schwangeren Frauen hat wahrscheinlich einen wahren Kern. An dem medialen Aufhänger gibt es ernste Zweifel hinsichtlich des Wahrheitsgehalts:

Zitat:

Beyond this […] the New York Times article itself provides another factoid making it even less likely the teen’s pregnancy had been determined analytically (if „determined“ by Target at all – perhaps the particular teen was simply placed accidentally into the wrong marketing segment): Target knows consumers might not like to be marketed on baby-related products if they had not volunteered their pregnancy, and so actively camouflages such activities by interspersing such product placements among other non-baby-related products. Such marketing material would by design not raise any particular attention of the teen’s father. “

(Quelle: http://www.kdnuggets.com/2014/05/target-predict-teen-pregnancy-inside-story.html – abgerufen am 8.12.2016)

Sinngemäß übersetzt:

Abgesehen davon enthält der Artikel in der New York Times selbst einen Fakt, der es weniger wahrscheinlich macht, dass die Schwangerschaft des Teenagers algorithmisch ermittelt wurde (wenn das überhaupt von Target so ermittelt wurde – vielleicht wurde der Teenager auch irrtümlich dem falschen Werbebereich zugeordnet): Target weiß, dass Kunden es eventuell nicht mögen, Werbung über Babyprodukte zu erhalten, wenn sie ihre Schwangerschaft nicht freiwillig offenbart haben. So tarnt Target solche Aktivitäten dadurch, dass auch andere Produkte in der entsprechenden Werbung platziert werden. Derartiges Werbematerial würde aber schon vom Ansatz her eben gerade nicht die spezielle Aufmerksamkeit des Teenagervaters erregen.

Ich selbst schrieb dazu vor Jahren in einem dystopischen Artikel:

„Die Entwicklung hin zu neuen Geschäftsfeldern wie dem Versicherungs- und dem Kreditwesen basiert auf Daten, die die Menschen uns freiwillig gegeben haben auf Plattformen, die sie als integral für ihr Leben empfunden haben und immer noch empfinden. Dabei haben wir anfänglich die Algorithmen bewusst „dumm“ gestaltet: Wer z.B. eine Kaffeemaschine kaufte, bekam über unsere Werbenetzwerke nur noch Kaffeemaschinen in Werbeanzeigen angepriesen. Er konnte dann mit dem Finger auf uns zeigen und sagen: „Schaut her, was für eine dämliche Algorithmik!“ Es war wichtig, Menschen dieses Überlegenheitsgefühl gegenüber Technik zu geben, obwohl sie schon längst davon entfremdet waren, damit sie uns weiter Informationen über sich lieferten.“

Auf Basis dieser Informationen lässt sich nicht nur das Durchleuten von Kunden durch „Big Data“ in den Blick nehmen, sondern auch die mediale Aufbereitung kritisch betrachten.

Die Kurzgeschichte

Inhaltlicher Ausgangspunkt ist eine Kurzgeschichte – sie wurde nicht von einem „richtigen“ Autor, sondern etwas selbstüberschätzend von mir extra für die Einheit verfasst, weil ich auf die Schnelle keinen vergleichbaren Text finden konnte – die literarische Qualität mag daher begrenzt und einige Klischees mögen zu sehr bedient sein:

Sylvie

(Maik Riecken, Dezember 2016)

Sie standen vor ihrer Tür. Ein Willkommensteam der Stadt. Eine mütterlich wirkende ältere Dame und ein leidlich schneidiger Jungspund, dem die pädagogische Ausbildung aus jeder Faser seiner Kleidung leuchtete. Ob sie denn schon über das Angebot der Volkshochschule informiert sei? Dort würden Mutter-Kind-Kurse zur Stärkung der Bindung zwischen Mutter und Kind angeboten. Die seien immer frühzeitig ausgebucht, da müsse man sich jetzt schon anmelden. Der Stadt sei es ein Anliegen, werdende Eltern bestmöglich zu unterstützen – vor allem Spätgebärende wie sie.

Mit diversen Produktproben von Tees und wohlriechenden, hautstraffenden Ölen stand sie schließlich ratlos in der Tür und schaute den beiden verwirrt nach.

Sie war Anfang 40 und ohne festen Partner. Das war gut so. Sie war frei und unabhängig. Sie hatte – aber nur ganz tief in ihr drin – hin und wieder Sehnsucht nach einem eigenen kleinen Wesen, das sie zum Ziel ihrer Liebe machen konnte, aber Herr Schröder, der kleine Golden Retriever füllte diese Leerstelle eigentlich auch recht trefflich aus. Die Werbung auf dem Bildschirm ihres Tablets zeigte in letzter Zeit vermehrt niedliche Babybilder und unaufhörlich Produkte für den guten Start ins Leben.

Aber das Thema war für sie abgehakt. Sie würde nicht alles aufgeben, um noch einmal ganz von vorne anzufangen. Dafür hatte sie sich beruflich zu viel aufgebaut.

Sie genoss es, sich jederzeit sportlich betätigen zu können oder ihren zahlreichen Hobbys nachzugehen. Bei den Männern kam das gut an – unabhängige Frauen galten in ihrem Bekanntenkreis als sexy. Hin und wieder war einer dabei, aber etwas wirklich Verbindliches konnte sie sich nicht mehr vorstellen.

Ihre Vergangenheit strich in diffusen Erinnerungsschleiern an ihr vorüber.

Er war bequem geworden. Er hatte sich irgendwann einfach nicht mehr angestrengt, ihr nicht mehr das Gefühl gegeben, begehrenswert zu sein. Irgendwann saßen sie als Paar in der Kumpelfalle. Sie lebten mehr als Freunde denn als Partner miteinander. Ja, sie teilten sich den Alltag, den Haushalt so gleichberechtigt wie es nur ging. Nach außen eine richtige Musterbeziehung. Für Sylvie waren sie noch heute ein gutes Team – auch nach dem Aus. Kein Rosenkrieg, klare Vereinbarungen. Pädagogisch zogen sie am gleichen Strang. Ihre gemeinsame Tochter Sylvie brauchte schließlich neben Zuwendung vor allem Konsequenz. Und sowohl Mutter als auch Vater zur eigenen Orientierung.

Sie wusste selbst nicht, warum sie die beiden vor der Tür nicht einfach herzlich ausgelacht hatte. Vor allem diesen Pädagogikschnösel. Sie war einfach viel zu überrumpelt von diesem rundum durchchoreografierten Erstgesprächsansatz.

Sie ging zurück in die Wohnung. Ihr Tablet auf der Kochinsel der großzügigen Küche war noch nicht in den Energiesparmodus gegangen. Wahrscheinlich war Sylvie zwischendurch wieder in irgendwelchen Onlineshops unterwegs gewesen. Wieder diese Werbung für Babyprodukte. Aufdringlich.

Aus Sylvies Bad kamen Geräusche. Sie klangen so, als wenn sich ihre 16jährige Tochter gerade übergeben würde. Als sie nach vorsichtigem Anklopfen die Tür öffnete, stürzte sich ein heulendes Elend in ihre Arme: „Mama, ich habe seit acht Wochen meine Tage nicht mehr bekommen …“

Mögliche Aufgaben:

  1. Fasse den Inhalt der Geschichte in eigenen Worten zusammen.

  2. Warum handelt es sich bei diesem Text um eine Kurzgeschichte?

  3. Verfasse einen inneren Monolog, in dem Sylvie ihre Lage darstellt.

  4. Recherchiere mit den Suchbegriffen „Target, Schwangerschaft, Big Data“ nach den Hintergründen der in der Geschichte dargestellten Handlung. Erstelle eine Präsentation, die erklärt, wie Dritte u.U. von Sylvies Lage wissen konnten.

  5. Nimm Stellung zu dem Artikel des Onlineangebots der Zeit ( http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014-04/big-data-schwangerschaft-verheimlichen )

  6. Wie bewertest du die Möglichkeit, mit Hilfe von Big Data derartige Informationen über Menschen erhalten zu können?

 

Didaktische Erweiterung

Der Aufhänger der Berichterstattung ist wahrscheinlich frei erfunden (s.o). Es gab die Geschichte mit dem Vater der 16-jährigen Tochter u.U. nicht. Das Durchleuchten der schwangeren Frauen ist dagegen wohl Realität.

Dies kann den Schülerinnen und Schülern mit der Argumentation der Internetquelle von knuggets.com (s.o.) vermittelt werden.

Wenn dieses Wissen innerhalb der Lerngruppe entweder im Zuge der Recherche oder durch einen gezielten Input verankert ist, können darüberhinausgehende Fragen behandelt werden:

  1. Dürfen solche Aufhänger erfunden werden?

  2. Welches Licht wirft die Demontage eines derartigen Aufhängers auf die eigentliche Berichterstattung?

  3. Inwiefern unterscheiden sich bezogen auf diesen Fall sogenannte „Qualitätsmedien“ ( Die Zeit, öffentlich-rechtlicher Rundfunk) von anderen Quellen?

Fächerübergreifende Arbeit

Um die Hintergründe des Vorfalls zu recherchieren, kann nicht auf die Hinzunahme englischsprachiger Quellen verzichtet werden, deren Sprachniveau teilweise recht hoch ist. Anstatt die fertige Übersetzung zu präsentieren, kann diese selbst erarbeitet werden.

Durch das Thema stellen sich eine Reihe ethischer Fragen. Durch die Präsentation zielgerechter Werbung ergibt sich für das jeweilige Individuum natürlich auch ein Vorteil. Dass die Drogeriemarktketteihre Aktivitäten im Bereich der Auswertung von Kundendaten „tarnt“, schließt ein Bewusstsein um die Ablehnung durch die Kunden mit ein. Hier wären die Fächer Werte & Normen, Religion oder auch Philosophie thematisch eng angebunden.

Ist unser Verhalten algorithmisch vorhersagbar?

Am Wochenende geisterte ein verstörender Artikel durch Twitter – „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“. Mit der „Bombe“ war gemeint, dass ein Forscher namens Michal Kosinski glaubt anhand von Facebook-Likes recht intime Dinge von Menschen vorhersagen zu können – etwa die sexuelle Orientierung.

Den Originalttext der Studie findet man hier, erste Auseinandersetzung mit der statistischen Qualität hier. Die Studie wurde schon vor einiger Zeit medial diskutiert, gewinnt natürlich aber natürlich im Kontext des Brexit oder der Trumpwahl wieder an Brisanz: Sind beide Wahlen vielleicht über Social-Media-Bots gezielt manipuliert worden? Nutzt vielleicht sogar die AFD diese Technologie, um Wahlergebnisse in ihrem Sinn zu beeinflussen?

Algorithmische Modelle, um das Verhalten von Menschen vorauszusagen oder zu simulieren, gibt es schon sehr lange. Schon in den 60er Jahren entwickelte Joseph Weizenbaum ein nach heutigen Maßstäben primitives Programm, um ein menschliches Gegenüber zu simulieren. Heute kennen wir digitale Assistenten wie Siri oder Cortana, die einfache Funktionen sprachbasiert zur Verfügung stellen.

Etwas Ähnliches macht ein Social-Media-Bot. Im einfachsten Fall twittert er über das Wetter auf Basis von Wetterdaten aus einer Datenbank. Bots gibt es unglaublich viele – manche sind leicht als solche zu erkennen, bei manchen fällt es erst auf, wenn versucht, mit ihnen in Interaktion zu treten. Im Prinzip ist schon ein WordPresssystem, welches bei neuen Artikeln direkt twittert, eine Art Bot. So etwas nutzt natürlich auch die AFD – reiht sich damit aber in die Reihe der anderen Parteien ein.

Natürlich lässt sich ein Bot prinzipiell mit beliebigen Daten koppeln, also auch mit Datenbanken zu Vorhersage von menschlichem Verhalten – Konsinski glaubt ja, eine solche auf Basis von öffentlich zugänglichen Profildaten erstellen zu können.

Damit „sucht“ der Bot im Falle der Trumpwahl also gezielt Profile von Menschen, die noch unentschieden sind und „versorgt“ diese mit geeigneten Artikeln oder schlägt Profile vor, die Trump nahe stehen.

Diese Vorstellung wird in Teilen des Internets als „Angstmacherei“ und „völlig überzogen“ abgetan. Die algorithmische Analyse menschlichen Verhaltens habe sich oft genug als „Bullshit“ herausgestellt. Derartige Darstellungen seien also zu unterlassen (sie könnten die Bevölkerung verunsichern).

Das stimmt für mich nur teilweise. Tatsächlich ist das bezogen auf den Trump- oder AFD-Kontext wahscheinlich Bullshit. Meine Lieblingsgeschichte ist die der Drogeriemarktkette Target, die algorithmisch bestimmen konnte, ob eine Schwangerschaft bei einer Frau vorlag.

Um schwangere Frauen zu beeinflussen, muss nicht zwingend etwas über deren Charakter bekannt sein. Es reicht u.U. schon zu wissen, dass sie schwanger sind.

Hinter der „Angstmachereithese“ stecken für mich gewisse bildungsbürgerlich-romantische Grundannahmen:

  1. Menschliches Verhalten ist sehr komplex, zu komplex, um einer algorithmischen Analyse zugänglich zu sein.
  2. Menschen sind autonome Geschöpfe mit einem freien Willen.
  3. Socialmedia erweitert den Horizont durch die Möglichkeit der unbegrenzten Vernetzung.
  4. Das Internet ist eine Bereicherung der menschlichen Ausdrucksfähigkeit und Freiheit.

Demgegenüber stehen über 50 Jahre algorithmische Entwicklungsarbeit und immense, bisher wohl weitgehend ungenutzte Datenbestände. Das Individuum kann man heute wohl (noch) nicht mit hinreichender Genauigkeit bestimmen – außer Lehrern mit ihren sehr typischen Tweets und Posts :o)…

Bei der Masse bin ich mir da nicht so sicher. Informationsverbreitung kostet heute kaum noch etwas, sodass auch mit Unschärfe das Prinzip der großen Zahl immer noch tragen wird. Bei knappen Entscheidungen muss ich nicht alle adressieren. Wenige Prozent reichen u.U..

Das wäre natürlich doof, weil es den Mythos des freien Internets doch arg demontiert. Wenn Technologiekonzerne und Agenturen bestimmen, was wir sehen und mit wem wir in Kontakt treten – schon irgendwie eher feudalistisch. Sehr beruhigend, dass Google, Facebook, Apple, Amazon und Microsoft ja sehr transparent darlegen, wie ihr jeweiliger Algorithmus eigentlich arbeitet.

Ach nee – das mit der Transparenz war ja nicht in dieser Welt.

 

 

 

Medienbildung und Informatik

Folgende Aufgaben haben Programmieranfänger von mir nach ca. vier Einheiten Python bekommen. Das Beispiel zeigt – finde ich – ganz gut, dass Medienkompetenz und Informatik sich sehr gut ergänzen können, teilweise vielleicht sogar einander bedingen. Das Problem der Passwortlänge und dem Passwortaufbau wird hier bewusst nicht angesprochen, weil das programmiertechnisch etwas anspruchsvoller ist. Das kommt dann in der Folgestunde.
Weiterhin ist natürlich auch das sha-2-Verschlüsselungsverfahren moderneren Entwicklungen wie z.B. pbkdf2 weit unterlegen, aber auch programmiertechnisch wesentlich beherrschbarer. sha512 ist schon ganz ok, auch wenn heutige Grafikkarten ca. 200 Millionen Schlüssel pro Sekunde berechnen.

Kryptografie

Immer wieder hörst du davon, dass bei großen Anbietern Datenbankinhalte gestohlen werden. In dem Artikel steht allerdings nichts davon, dass Passwörter gestohlen werden, sondern Hashes. Heute wirst du lernen, dass du jetzt schon ganz einfach viel besser sein kannst als LinkedIn und das mit nur ganz wenigen Codezeilen in Python.

Um alles möglichst gut zu verstehen, musst du auf jeden Fall die beiden oben verlinkten Artikel lesen oder wenigstens überfliegen.

Aufgabe 1:

Nimm eines deiner Passwörter und lasse folgendes Programm laufen (z.B. auf https://try.jupyter.org ).

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# wir weisen Python an, Kryptografiefunktionen zu laden
import hashlib
# wir fragen nach einem Passwort
crypted_phrase = input()
# Und geben den Hash des Passworts als MD5-Hash aus
print("Hash is:")
print(hashlib.md5(crypted_phrase.encode('utf-8')).hexdigest())

Nimm jetzt den Hash und kopiere ihn auf diese Seite. Nach Eingabe der Sicherheitsabfrage (reCaptcha) kannst du schauen, ob der Hash deines Passworts bereits bekannt ist (Wenn du das Verfahren mit dem Passwort „12345678“ durchführst, wirst du sehen, dass das „geknackt“ wird.

Wiederhole das Verfahren mit einem deiner Passwörter und folgendem Programm (mit „12345678“ klappt es! – auch mit deinem Passwort?):

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# wir weisen Python an, Kryptografiefunktionen zu laden
import hashlib
# wir fragen nach einem Passwort
crypted_phrase = input()
# Und geben den Hash des Passworts als MD5-Hash aus
print("Hash is:")
print(hashlib.sha512(crypted_phrase.encode('utf-8')).hexdigest())

Wenn dein Passwort auch im zweiten Fall „geknackt“ wurde, hast du ein Problem, wenn du Opfer eines Datenbankdiebstahls wirst. Auch dein Anbieter wird nur Hashes in einer Datenbank speichern.

Informiere dich jetzt über den Unterschied zwischen dem md5- und dem sha512-Verschlüsselungsverfahren. Python kann folgende Verfahren „von Natur aus“: md5, sha1, sha224, sha256, sha384, sha512.

Aufgabe 2:

Das Problem ist schon lange gelöst – mit nur wenigen Codezeilen mehr. Informiere dich über den Begriff „Salt“ in Verbindung mit Hashes.

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import hashlib
# Statt "somestring" kannst bzw. solltest du möglichst wirres Zeug hier reinschreiben
salt = "somestring"
crypted_phrase = input()
salted_password = crypted_phrase + salt
print(hashlib.md5(salted_password.encode('utf-8')).hexdigest())

Wenn du jetzt versuchst, den Hash cracken zu lassen, klappt das nicht mehr, weil ein sogenanntest „salt“ (Salz) zum Passwort hinzugefügt wird. Bei unserem Programm verwendet jedes Passwort jedoch den gleichen Salt.

Auch dafür gibt es eine Lösung:

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import hashlib, uuid
# Python schreibt nun für dich wirres Zeug hier hinein
salt = uuid.uuid4().hex
crypted_phrase = input()
salted_password = crypted_phrase + salt
print(hashlib.md5(salted_password.encode('utf-8')).hexdigest())

Hätten LinkedIn und andere die Benutzerpasswörter mit einem sicheren Algorithmus (z.B. sha512) gehasht und mit einem Salt versehen, wäre der Diebstahl der Datenbanken nicht so ein großes Problem, da es sehr lange dauern würde, die Passwörter aus den Hashes zu errechnen.

In der Praxis speichert man die Salts im Klartext zusammen mit den Hashes, meist durch ein Trennzeichen abgesetzt. Du kannst ja einmal überlegen, warum das kein Problem darstellt.

Aufgabe 3:

Schreibe folgende Programme

  1. Es wird zweimal ein Passwort abgefragt und dazu ein Hash berechnet. Stimmen beide Hashes (und damit die Passwörter) überein, soll das Programm die Ausgabe „Access granted!“ machen, ansonsten „Access denied!“ ausgeben.
  2. Ein Programm fragt nach einem „Masterpasswort“ (password) und einem Domainnamen (salt). Es berechnet daraus einen Hash, den man als Passwort für die betreffende Webseite benutzen kann – wenn man immer das richtige Masterpasswort und den gleichen Domainnamen eingibt – quasi ein ganz einfacher Passwortmanager!

Können wir bitte pragmatisch werden?

Es gibt einen sehr schönen episch langen Text von Lisa Rosa zum Thema welche „digitale Bildungsrevolution“ wir wollen. Ihre Kernthesen:

  1. Wir können uns nicht entscheiden, ob digitale Bildung zukünftig zum Schulalltag gehört. Mit ein wenig Glück und viel Verstand bestimmen wir allenfalls, wie das aussieht.
  2. Die Digitalisierung stellt das bestehende System Schule schon jetzt vor gewaltige Probleme, die sich zukünftig verschärfen werden.
  3. Das Bildungsbürgertum mit seinen bestehenden wissenschaftlichen Strukturen hat versagt beim konstruktiven, visionären Umgang mit dem digitalen Zeitalter und damit das Feld kommerziellen Playern überlassen.
  4. Die entscheidende Aufgabe des Schulsystem besteht darin, das Individuum so zu stärken, dass es die Anforderungen, die unsere Generation der künftigen hinterlässt, positiv und mit gesamtgesellschaftlicher Verantwortung bewältigt.

Der Digitalpakt#D (die Wanka-Offensive) katalysiert zurzeit nochmals gesellschaftliche Diskurse rund um digitale Bildung bis in Regionalzeitungen hinein. Es ist Geld da, viel Geld mit sogar Aussicht auf noch mehr Geld. Schließlich geht es ja um den Standort Deutschland und damit auch um Dinge wie Wohlstandswahrung.

Den Jubel der Web2.0-Szene darüber halte ich für völlig unbegründet und ist meiner Meinung nach auf ein eher zurückhaltendes politisches Bewusstsein zurückzuführen. Was wird wahrscheinlich nämlich geschehen?

  1. Das Geld wird nicht über die Kultusministerien „verteilt“, sondern im Rahmen der Wirtschaftsförderung eher über die der Wirtschaft nahestehenden Ministerien. Es geht politisch im Kern um regionale Wirtschaftsförderung.
  2. Man wird mit viel Geld Institutionen beauftragen, diese Gelder zu verwalten und dabei einen guten Anteil bereits verbrennen. Da niemand strukturell großartige Vorarbeit geleistet hat, besteht mit etwas Pech die reale Gefahr, dass vermeintlich „einfache Lösungen“ der Wirtschaft sich durchsetzen.
  3. Das Geld erhält dann der Schulträger, der im besten Fall in Abstimmung mit seinen Schulen selbige ausstattet, im schlimmsten Fall jedoch seine Schulen mit Technik planiert – oder – für Schulen wahrscheinlich noch schlimmer – ihnen pädagogische Konzepte abverlangt, die in Anbetracht der Lage, in der sich Schulen gerade befinden, allenfalls rudimentär ausfallen können.

Der letzte Punkt ist der entscheidende: Man kann keine isolierten Medienbildungskonzepte schreiben und in Leitzordner stecken – Digitalien nimmt keine Rücksicht darauf, dass da ein statisches Konzept steht. Digitalien entwickelt sich rasend schnell weiter – und nicht immer ethisch eindeutig. Man kann nur in jedem Fach anerkennen, dass es eine digitalisierte Welt drumherum gibt, die vernetzt ist (wäre schön, wenn auch Fächer vernetzt wären, aber träumen wir weiter). Es kann also meiner Meinung nach nicht um Konzepte gehen, sondern allein darum, Prozesse einzuleiten, die zu einer Änderung von Haltungen führen.

So, liebe Schulen, nun holt mal alleine nach, was die euch vorgeschaltete Bildungsforschung kaum auf die Kette bekommen hat. Und lasst euch beschimpfen, wenn ihr das nicht schafft. Dann seid ihr doof oder habt wahlweise nichts verstanden.

Das letzte Absatz ist von mir ironisch gemeint. Es gibt aber durchaus Stimmen, die den im Kern sogar ernst meinen.

 

Ein Buch über die Entwicklung von Medienbildungskonzepten?

Ich schreibe gerade eine „extended Version“ dieses Artikels. Es geht um die Entwicklung von Medienbildungskonzepten. Es ist kein Checklistenbuch, aber es enthält z.B. ganz viele praktische Beispiele und Fragenraster, aber auch kurz umrissene Dinge zur Ausstattung und Vorgehensweisen. Der Umfang wird etwa 130 Seiten betragen, von denen ca. 48 fertig sind.

Das Buch ist kein altruistischer Selbstzweck. Und ich mache es auch nicht, weil ich so gut bin. Ich bin ein sehr sicherer Mensch – eigentlich.

Zusammengefasst geht es darum, wie ich das Buch unter die Leute bringe. Und es geht auch darum, wem gegenüber ich loyal bin.

Option A:

Ich arbeite mit einem großen, renommierten Schulbuchverlag zusammen. Der erste Vertrag gefällt mir überhaupt nicht, er steht in der guten, alten Tradition „Riecken und die Verlage„.

Das ist jetzt viel Nachverhandlung nötig und vor allen Dingen auch viel Klarheit darüber, wie ich mit den Inhalten später weiterarbeiten möchte. Der Verlag ist sehr flexibel – selbst CC-Lizenzen wären möglich. Geld wird damit nicht zu verdienen sein. Aber natürlich sind die Verwertungsrechte (weitgehend) weg. Und es ist halt ein Buch.

Man kommt aber an Zielgruppen, die außerhalb der üblichen Filterbubble liegen. Und berühmt wird man auch, was vielleicht den ein oder anderen besser bezahlten „Folgeauftrag“ nach sich zieht (Consulting, Referate, Vorträge).

Option B:

Ich mache das im Selbstverlag – print on demand. Wäre eine spannende Erfahrung (Ich kann LaTeX) und wäre mir sicher, dass „Werbung“ dafür durch Socialmedia irgendwie läuft. Zusätzlich kann man den Text online stellen und z.B. durch Screencasts und andere Medien immer wieder ergänzen, d.h. den Text als lernenden organisieren. Weil ich weiß, wie gut das mit lernenden Texte funktioniert (erst gestern hat wieder jemand hier im Blog einen meiner Texte korrigiert) , hätte das schon Charme.

Das gäbe vielleicht ein bisschen Geld und etwas Renommé, jedoch noch weniger als bei Option B. Aber die Rechte bleiben vollständig bei mir. Die Reichweite ist bedeutend geringer und im Wesentlichen auf die Filterbubble beschränkt.

Option C:

Ich mache das über meinen Dienstherrn. Das geht. Der ist nämlich toll. Dann wäre das quasi auch Arbeitszeit. Und es würde meinem Landesinstitut nützen, das ich sehr schätze, weil ich dank ihm so arbeiten kann, wie ich arbeiten möchte. Auch die Rechtegeschichte wäre so viel unkomplizierter zu handhaben. Finanziell unter dem Strich am lukrativsten.

Option D:

Ich puste das als OER raus. So wie sich die Community das vorstellt. Ohne NC. Am ehesten bei ZUM in Wikiform. Totalverlust über die Inhalte. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich kommerzielle Player und Stiftungen ganz schnell dieser Inhalte annehmen und sie in ihrem Sinne vermarkten. Das Geld in diesem Feld machen dann andere. Gerade im momentanen bildungspolitischen Umfeld. Dass Lehrkräfte OER außer durch Worte vergüten, habe ich noch nicht gesehen. Aber es wäre einmal ein Experiment, ob OER tatsächlich mindestens zum Mindestlohn funktioniert – ich glaube ehrlich gesagt nicht daran.

Was meint ihr?

Wie soll ich das machen? Ernstnehmen könnte ich nur Ideen, die auch meine Position berücksichtigen bzw. die sich ein wenig in mich hineinversetzen.

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