Von der Augenhöhe in pädagogischen Situationen

Ges­tern ging es auf Twit­ter eigent­lich um die Nut­zung von Whats­App im Unter­richt. Glück­li­cher­wei­se ging es sehr schnell weg von Daten­schutz­fra­gen hin zu päd­ago­gi­schen Erwä­gun­gen. Die Grund­fra­ge dabei war: „Soll man als Lehr­per­son Mit­glied in einer Whats­App-Klas­sen­grup­pe prä­sent sein?”

Die zen­tra­le Über­le­gung steckt für mich in Chris­ti­ans ers­tem Tweet, den ich so ver­ste­he:

Wenn ich mich auf SuS zube­we­ge, mich auf ihre Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le ein­las­se, neh­me ich sie ernst und gewin­ne päd­ago­gi­schen Hand­lungs­spiel­raum, weil ich Infor­ma­tio­nen erhal­te, die ich auf ande­rem Wege nicht erhal­te.”

Ich glau­be per­sön­lich nicht, dass das so ist. Dazu zwei Anek­do­ten:

Ich hat­te einen Kol­le­gen in der Schul­lei­tung, der sich selbst auf Fach­kon­fe­ren­zen immer nur als Kol­le­ge mit einer Stim­me sah, es aber ver­stand, sich inhalt­lich stets im Sin­ne einer Bewahr­lo­gik durch­zu­set­zen. Das hat­te sehr viel damit zu tun, dass ihn vor allem jun­ge Kol­le­gen als Schul­lei­tungs­mit­glied wahr­ge­nom­men haben. Er ver­bat sich stets die­sen Kri­tik­an­satz. Er kön­ne schließ­lich bestim­men, in wel­cher Rol­le er jeweils auf­tre­te. Mei­ne Beob­ach­tun­gen dazu wären grund­falsch.

Vor Jah­ren habe ich gro­ße Zelt­frei­zei­ten (Neben­schau­platz: nach diver­sen Besu­chen in der Gedenk­stät­te Ausch­witz haben wir das Wort „Lager” aus unse­ren Frei­zei­ten kon­se­quent getilgt)  erst als Betreu­er, dann im Lei­tungs­team eines Zelt­dor­fes und schließ­lich als Frei­zeit­lei­tung beglei­tet. Bei mei­ner ers­ten Zelt­dorflei­tung wur­de ich von mei­nen Tel­neh­men­den nahe­zu gehasst — das nie zuvor pas­siert, alle hat­ten mich immer lieb. Ich war näm­lich der­je­ni­ge, der das mit den manch­mal not­wen­di­gen Regeln und Ver­ein­ba­run­gen durch­setz­te. Aus Stu­di­en­grün­den muss­te ich für drei Tage weg. Als ich wie­der­kam, wur­de ich freu­dig begrüßt (wohl weil in der Zwi­schen­zeit auch für die Teil­neh­mer erkenn­bar eini­ges aus dem Ruder gelau­fen war).

Kern ist: Ich kann mir nie aus­su­chen, in wel­cher Rol­le oder wie mich mein Gegen­über wahr­nimmt. Ich kann durch Ver­hal­ten bestim­me Vor­aus­set­zun­gen schaf­fen, die gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en för­dern, trotz­dem blei­be ich z.B. immer Erwach­se­ner und Lehr­kraft (oder in ande­ren Kon­tex­ten Sohn, Vater, Kol­le­ge, Medi­en­be­ra­ter, graue Emi­nenz etc.). Es gibt da kei­ne Augen­hö­he für mich. Es ist für mich auf Basis mei­ner Erfah­run­gen und mei­nes Han­delns, des­sen Grund­la­ge die huma­nis­ti­sche Päd­ago­gik war und hof­fent­lich bleibt,  gera­de bei SuS rei­nes Wunsch­den­ken. Dar­aus erwächst ja für mich erst die beson­de­re Ver­ant­wor­tung, weil ich letzt­lich mit Macht umge­he. In der Schu­le gebe ich Zen­su­ren und bewer­te — viel­leicht wird das mal anders — das ist zur­zeit noch eine Macht­po­si­ti­on.

Dar­aus ergibt sich zwei­er­lei:

  • Ich weiß nicht, wie mei­ne Prä­senz in WhatApp-Grup­pen von den ein­zel­nen SuS wahr­ge­nom­men wird. Auch in Schul­klas­sen gibt es sozia­le Gefü­ge, die z.B. Zwän­ge auf­bau­en oder die Äuße­rung von Befind­lich­kei­ten erschwe­ren — auch in gut funk­tio­nie­ren­den Klas­sen.
  • Ich weiß nicht, ob die sich mir offen­ba­ren­de Kom­mu­ni­ka­ti­on letzt­lich authen­tisch ist, also so abläuft, als wäre ich nicht prä­sent.

Und ja: Wenn ich nicht in einer Klas­sen-Whats­App-Grup­pe bin, muss ich in bestimm­ten Situa­tio­nen dar­auf ver­trau­en, dass mich päd­ago­gisch rele­van­te Infor­ma­tio­nen auf ande­rem Wege errei­chen und ich muss dafür im Unter­richt oder bei ande­ren Akti­vi­tä­ten dafür die Vor­aus­set­zun­gen geschaf­fen haben.

Genau die Her­stel­lung die­ses Ver­trau­ens ist eines mei­ner päd­ago­gi­schen Zie­le — z.B. dass man offen im Unter­richt Kri­tik an mir übt (erfolg­rei­cher kann man als Lehr­kraft m.E. kaum wer­den). Das gelingt mal bes­ser und mal schlech­ter, aber die Prä­senz in einer Klas­sen-Whats­App-Grup­pe ändert dar­an für mich erst­mal nichts.

Nun ist mein Kon­text i.d.R. ein gym­na­sia­ler. Da ich auch ande­re Schul­for­men zumin­dest durch eige­nen Unter­richt und Hos­pi­ta­tio­nen ken­ne, wür­de ich über­all, wo es z.B. pri­mär um Lebens­hil­fe geht, noch ein­mal anders argu­men­tie­ren — ten­die­re aber auch hier dazu, Räu­me in der per­sön­li­chen Begeg­nung dafür zu öff­nen,

 

 

 

Servicepost für #molol18 und #educampX

Sowohl auf dem #molol18 als auch auf dem #edu­cam­pX habe ich eine Ses­si­on zum The­ma „Medi­en­bil­dung unplug­ged” ange­bo­ten. Dabei stan­den zwei The­men­schwer­punk­te im Mit­tel­punkt:

  1. Sco­ring / Tracking
  2. Infor­ma­ti­sche Grund­la­gen (haupt­säch­lich Pro­to­kol­le)
Scoring

Zunächst eine klei­ne Übung. Jeder Teil­ge­ben­de erhält ein wei­ßes DINA4-Blatt mit der Auf­ga­be, es mit fol­gen­den Ele­men­ten zu fül­len:

  • eine Son­ne zeich­nen
  • das Wort „Lie­be” gra­fisch gestal­ten
  • die größ­te, dem jewei­li­gen Teil­ge­ben­den bekann­te Prim­zahl notie­ren

Es darf kein Name auf dem Blatt ste­hen und alles muss auf einer Blatt­sei­te Platz fin­den! Man soll­te unbe­dingt dicke Stif­te (Wachs­ma­ler oder Eddings) bereits­stel­len. Die Blät­ter wer­den nach Abschluss die­ser Auf­ga­be ein­ge­sam­melt und gut durch­ge­mischt.

Danach wird auf dem Boden des Rau­mes eine Ska­la von 1–4 aus­ge­legt (1 = trifft nicht zu, 2 = trifft weni­ger zu, 3 = trifft zu, 4 = trifft voll zu).

Die Grup­pe bekommt nun die Auf­ga­be, die Blät­ter auf der Ska­la nach vor­ge­ge­be­nen Kri­te­ri­en nach­ein­an­der in Durch­gän­gen anzu­ord­nen, z.B.:

  • krea­ti­ver Mensch
  • tech­nisch inter­es­sier­ter Mensch
  • enga­giert
  • gebil­det (Vor­sicht! Geht nicht bei jeder Grup­pe — außer­halb jeder Kom­fort­zo­ne)
  • faul (Vor­sicht! Geht nicht bei jeder Grup­pe — außer­halb jeder Kom­fort­zo­ne)
  • schwul (nicht machen las­sen, nur andeu­ten!)

Man kann dazu die Blät­ter neu ver­tei­len oder auf den Boden legen und auf das Enga­ge­ment der Grup­pe ver­trau­en. Nach jedem Durch­lauf soll jeder Teil­ge­ben­de sein Blatt auf der Ska­la suchen und in sich hin­ein­hor­chen, ob die Lage des Blat­tes „etwas mit ihm macht”.

Aus­wer­tungs­mög­lich­kei­ten:

  • die Grup­pe Erleb­nis­se erzäh­len las­sen
  • ein­zel­ne Grup­pen­mit­glie­der ihre indi­vi­du­el­len Kri­te­ri­en für eine Zuord­nung offen­le­gen las­sen („Der kann­te eine hohe Prim­zahl, das muss ein Tech­ni­ker sein”, „Die Son­ne war so hübsch …”)
  • Was wäre mit Kri­te­ri­en wie „schwul”?
  • Refle­xi­on auf Meta­ebe­ne durch­füh­ren („Wo sind die­se Mecha­nis­men wirk­sam?”)
  • Kri­ti­sche Refle­xi­on — Sco­ring wird durch die­se Metho­de ein­sei­tig dar­ge­stellt („Wo ist Sco­ring nütz­lich?” Wel­che Regeln soll­ten beim Tracking gel­ten?” „Wer soll­te die­se Regeln wie defi­nie­ren?”)

Meta:

Die Grup­pe über­nimmt bzw. ein­zel­ne Grup­pen­mit­glie­der über­neh­men die Funk­ti­on eines Bewer­tungs­al­go­rith­mus, kön­nen aber im Gegen­satz zu einen „wirt­schaft­li­chen Algo­rith­mus” ihre Kri­te­ri­en offen­le­gen, die momen­tan in Ein­zel­fäl­len auf­wän­dig rekon­stru­iert wer­den müs­sen.

Tracking

vgl. https://riecken.de/index.php/2016/12/eine-medienpaedagogische-kurzgeschichte/ (nicht alles unplug­ged mög­lich, aber das meis­te).

Protokolle

Auch hier­für gibt es eine klei­ne Übung. Die Teil­ge­ben­den schlie­ßen sich zu Paa­ren zusam­men und erhal­ten eine lee­re 5x5 Matrix und einen Kar­ten­satz.

Der Kar­ten­satz besteht aus DINA5-Kar­ten, im ein­zel­nen:

  • Zah­len­kar­ten (1–5)
  • Punkte­kar­ten (2,4,8,16)
  • einer wei­ßen (ein­fach eine Punk­te- oder Zah­len­kar­te umdre­hen) und einer schwar­zen Kar­te (nicht mit im Set)

Jedes Paar erhält spä­ter(!) zusätz­lich eine DINA5-Kar­te mit einer klei­nen 5x5-Pixel­gra­fik aus einem Set ( PDF ODT ). Die­se soll­te auf nicht durch­schei­nen­dem Papier gedruckt sein.

Die Auf­ga­be besteht dar­in, zunächst im Paar jeman­den zu bestim­men, der die Rol­le des Sen­ders über­nimmt und einen, der die Rol­le des Emp­fän­gers spielt.

Der Sen­der soll dem Emp­fän­ger eine Pixel­gra­fik (5x5) durch den Raum allein mit Hil­fe des Kar­ten­sat­zes über­mit­teln. Der Emp­fän­ger notiert das Ergeb­nis in der lee­ren Matrix.

Dabei gilt:

  • es darf wäh­rend der Über­tra­gung nicht gespro­chen wer­den
  • es darf immer nur eine Kar­te zur­zeit hoch­ge­hal­ten wer­den
  • das Spiel endet, wenn die ers­ten drei Paa­re fer­tig sind
Phase 1:

Die Paa­re eini­gen sich auf ein Ver­fah­ren bzw. ent­wi­ckeln ein sol­ches und stel­len sich im Raum gleich­zei­tig mit den ande­ren Paa­ren gegen­über auf.

Phase 2:

Die Sen­der erhal­ten nun ver­deckt ihre Pixel­gra­fik. Auf ein Start­si­gnal begin­nen sie, das Bild durch den Raum zu ermit­teln. Wenn die ers­te drei Paa­re fer­tig sind, endet das Spiel.

Phase 3:

Die Paa­re bekom­men kurz Gele­gen­heit, ihr Ver­fah­ren zur über­ar­bei­ten. Danach geht es wie­der in Pha­se 2.

Aus­wer­tung­mög­lich­kei­ten:

  • Offen­le­gung eines „per­for­man­ten” Ver­fah­rens (Gewin­ner) und eines „untaug­li­chen” Ver­fah­rens.
  • Dis­kus­si­on von Opti­mie­rungs­stra­te­gi­en — man muss mit mög­lichst wenig Kar­ten aus­kom­men
  • ggf. Tausch der Part­ner ohne Offen­le­gung der Abspra­chen
  • Modi­fi­ka­ti­on: Über­tra­gung durch Töne / Sil­ben — dann wei­ter: Wo ist das Pro­blem, wenn das alle machen? (Anwen­dungs­fall: WLAN-Stö­run­gen in Bal­lungs­ge­bie­ten)
  • Dis­kus­si­on auf Basis des Ori­gi­nal­ma­te­ri­als
  • Vor­stel­lung des Fax-Algo­rith­mus zur Daten­über­tra­gung

Meta:

Die Paa­re ent­wi­ckeln ein Pro­to­koll zur Daten­über­tra­gung. Die­ses Pro­to­koll muss man z.B. auch im Brow­ser immer vor die Adres­se stel­len ( http ftp https ftps … ). Wenn man die Paa­re ohne „Pro­to­koll­of­fen­le­gung” durch­tauscht, gibt es Pro­ble­me, die ganz typisch auch bei der Inter­ak­ti­on von IT-Sys­te­men auf­tre­ten. Dann fand eine Opti­mie­rung des Algo­rith­mus in Pha­se 3 statt, der im Prin­zip meist auf Daten­kom­pres­si­on hin­aus­läuft — und schon haben wir einen bun­ten Rei­gen von infor­ma­ti­schen und all­tags­re­le­van­ten The­men auf dem Tisch — durch­aus auch auf Grund­schul­ni­veau.

 

 

 

 

Sollte man Lehrkräfte in Bezug auf die Digitalisierung „beschützen”?

In den letz­ten Wochen ist es mir im Rah­men mei­ner Bera­tungs­tä­tig­keit mehr­fach pas­siert, dass man mir ent­geg­ne­te, in Bezug auf die Digi­ta­li­sie­rung dür­fe man spe­zi­ell Lehr­kräf­ten nicht zu viel zumu­ten. Das zer­stö­re jed­we­de Arbeits­mo­ti­va­ti­on. Außer­dem käme alles bestimmt nicht so schlimm, wie ich es dar­stel­len wür­de. Kon­kret hat­te ich mich u.a. zu fol­gen­den Äuße­run­gen hin­rei­ßen las­sen:

  • phy­si­sche Daten­trä­ger wie z.B. DVDs haben in Zei­ten von Strea­ming­diens­ten kei­ne lan­ge Zukunft mehr (eine sol­che Ent­wick­lung „bedroht” z.B. momen­tan cur­ri­cu­lar gefor­der­te Inhal­te, wie z.B. Fil­m­ana­ly­se oder Hör­ver­ste­hens­übun­gen)
  • wer Men­schen zur wis­sen­schafts­pro­pä­deu­ti­schen Arbeit anlei­ten will, muss grund­le­gen­de Aspek­te einer Text­ver­ar­bei­tung und ggf. Tabel­len­kal­ku­la­ti­on beherr­schen und ver­mit­teln kön­nen (z.B. auto­ma­ti­sche Ver­zeich­nis­se, Fuß­no­ten, For­mat­vor­la­gen etc.)
  • Arbeit mit und über Medi­en erfor­dert immer auch ein Nach­den­ken über Schul- und Unter­richts­ent­wick­lung und hängt gera­de nicht allein an Aus­stat­tungs­fra­gen.
  • […]

Aus­sa­gen die­ser Art erzeu­gen in so man­cher See­le Stür­me der Ent­rüs­tung, so dass ich mir sehr genau über­le­ge, wie und zu wel­chem Zeit­punkt ich sol­che Punk­te set­ze — denn das so Gesag­te macht unglaub­li­che Angst.

Du nimmst mir mei­ne Angst vor der Digi­ta­li­sie­rung nicht, son­dern du ver­stärkst sie auch noch, Maik!

… sag­te unlängst eine Kol­le­gin zu mir. Das stimmt natür­lich. Das sehe ich ja auch ein. Mir selbst macht aber auch etwas Angst, was gleich­zei­tig aber auch der Grund für die Lage ist, in der sich die Kol­le­gin wähnt:

Schu­le bewegt sich natür­lich, aber sie ist schlicht zu lang­sam. Das Wachs­tum des Del­tas zwi­schen bei­den Kur­ven ver­läuft expo­nen­ti­ell. Es gibt ers­te Bera­ter­kol­le­gen, die in den Panik­mo­dus ver­fal­len:

Wie müs­sen schnell vie­le Men­schen fit für ein Ler­nen im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung machen. Wir haben kei­ne Zeit, um Din­ge zu dis­ku­tie­ren. Ver­fah­ren müs­sen her und ein­ge­übt wer­den!

Schaut euch ein­mal die Vide­os des ers­ten Androi­den mit Staats­bür­ger­rech­ten (in Sau­di-Ara­bi­en) an:

Akti­vie­ren Sie Java­Script um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=vtX-qVUfCKI

(eng­lisch, die Situa­ti­on wur­de Sophia nicht ein­pro­gram­miert, die reagiert aus­schließ­lich auf Basis ihrer „Sin­nes­ein­drü­cke” mit Hil­fe einer KI).

Oder die Vor­trä­ge von Prof. Dr. Chris­toph Igel, den ich auf der Didac­ta im Rah­men einer Tagung des nie­der­säch­si­schen Städ­te- und Gemein­de­ta­ges zum The­ma Bil­dung hören durf­te:

Akti­vie­ren Sie Java­Script um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=OK_LxqvIDgc

Ich per­sön­lich glau­be immer mehr, dass ein „Beschüt­zen” und ein „Mit­neh­men” von Lehr­kräf­ten ihnen letzt­lich immens scha­den und Ent­wick­lun­gen beschleu­ni­gen wird, die wir als (noch ver­hält­nis­mä­ßig) star­ke Demo­kra­tie nicht wol­len wer­den. Der ers­te, immens wich­ti­ge Schritt dabei wird sein, Digi­ta­li­sie­rung end­lich als gesell­schaft­li­ches Phä­no­men zu begrei­fen und zu ver­in­ner­li­chen. Jed­we­des Gerät ist allen­falls sowas wie ein Gate­way, nicht mehr, aber auch nicht weni­ger.

PS: In der prak­ti­schen Bera­tungs­tä­tig­keit neh­me ich Men­schen mit oder ver­su­che es zumin­dest.

 

 

 

Twitter: shutdown -h now

In den letz­ten bei­den Tagen wur­de ich auf der Didac­ta von eini­gen Men­schen auf mei­nen zur­zeit deak­ti­vier­ten Twit­ter­ac­count ange­spro­chen (eine Deak­ti­vie­rung lässt sich 30 Tage lang fol­gen­los zurück­neh­men). Aus­lö­ser, aber nicht allei­ni­ger Grund sind die jüngs­ten Dis­kus­sio­nen, deren Gra­vi­ta­ti­ons­wel­len man noch bei Bob Blu­me (auch in den Kom­men­ta­ren) nach­le­sen kann. Da mein Netz­werk auf Twit­ter ganz natür­lich pri­mär von Bezie­hun­gen getra­gen wird, ist es nur fair, wenn ich — aller­dings in epi­scher Brei­te — auf die Grün­de ein­ge­he.

Wie sehe ich Twit­ter?

Phil­ip­pe Wampf­ler beschreibt in sei­ner Replik auf die Vor­komm­nis­se die Leh­ren­den­com­mu­ni­ty auf Twit­ter fol­gen­der­ma­ßen:

Wäre das #twit­ter­leh­rer­zim­mer ein Team, es befän­de sich in Tuck­mans Modell in der Stor­ming-Pha­se: Die Pio­nie­re haben sich in einer ers­ten Pha­se auf Twit­ter ein­ge­fun­den, sind aber nicht mehr unter sich. Sie haben ein Publi­kum gefun­den und auch Teams gebil­det, zwi­schen denen sich Grä­ben befin­den. Insze­nie­run­gen und Erwar­tun­gen haben zu Rol­len­vor­ga­ben geführt.

Bei mich ist die­se Beschrei­bung bei Wei­tem nicht aus­rei­chend und sim­pli­fi­ziert Tuck­mans Ansatz dar­über hin­aus.

Dazu zwei The­sen:

  1. Die Grup­pie­run­gen auf Twit­ter sind weder per­so­nell noch tem­po­ral homo­gen. Es gibt Unter­grup­pen und mit jeweils unter­schied­li­chem Ent­wick­lungs­stand in die­sem Pha­sen­mo­dell.
  2. Es gibt ein Del­ta ( = Dif­fe­renz) bezüg­lich der auf Twit­ter (oder über­haupt auf Soci­al­me­dia) aus­drück­ba­ren emo­tio­na­len Befind­lich­kei­ten gegen­über „ana­lo­ger” face2­face-Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Ein­fach gesagt: Auf Twit­ter (und in allen grö­ße­ren Soci­al­me­dia­com­mu­nities) fin­den sämt­li­che Pha­sen des Tuck­man­mo­dells immer wie­der par­al­lel statt.

  • es sind Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dabei, die neu­gie­rig mit digi­ta­len Medi­en ihre ers­te Schrit­te machen
  • es sind Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dabei, die Tech­no­lo­gie und auch Platt­for­men in ihrem Unter­richt ein­set­zen und von ihren Erfah­run­gen berich­ten.
  • es sind Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dabei, die bereits über ihre ers­ten Erfah­run­gen reflek­tie­ren und Denk- und Hand­lungs­wei­sen modi­fi­zie­ren
  • es sind Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen auf ver­schie­de­nen Ebe­nen unter­wegs (Schu­le, Lan­des­ebe­ne, Poli­tik, Theo­rie- und/oder Pra­xis­be­zug usw.).
  • […]

Das” Twit­ter­leh­rer­zim­mer” exis­tiert für mich nicht. Durch die Par­al­le­li­tät de ver­schie­de­nen Grup­pen­ent­wick­lungs­pha­sen ent­steht ggf. erst der Ein­druck eines um sich selbst krei­sen­den, zir­ku­lä­ren Sys­tems.

Noch­mal: Eine Homo­ge­ni­tät im Sin­ne eines Teams lt. Tuck­man ver­mag ich nicht zu erken­nen und genau das ist für mich in mei­ner Arbeit als medi­en­päd­ago­gi­scher Bera­ter unglaub­lich berei­chernd und wert­voll, weil ich auf unter­schied­li­chen Ebe­nen Input erhal­te. Es ist aber auch wert­voll und berei­chernd, weil über Twit­ter auch „ana­lo­ge” Bezie­hun­gen zu Men­schen ent­stan­den sind und ent­ste­hen.

 

Was ist die Her­aus­for­de­rung?

Ich erwi­sche mich immer wie­der dabei, dass ich mei­ne hohen Maß­stä­be — die z.B. in die Ent­wick­lung des Ori­en­tie­rungs­rah­mens Medi­en­bil­dung hier in Nie­der­sach­sen mit ein­ge­flos­sen sind — auch an ande­re anle­gen möch­te in Sin­ne eines „Bekeh­rungs­an­sat­zes”. Ich ver­ges­se dabei ger­ne, dass jede der Ent­wick­lungs­pha­sen in die­sen Grup­pen­pro­zes­sen sei­nen eige­nen Wert und sei­ne eige­ne Not­wen­dig­keit besitzt. Ohne „ein­fach machen” kein Reflek­tie­ren — letzt­lich haben wir alle — auch die „grau­en Emi­nen­zen” unter uns — genau so begon­nen, digi­ta­le Sze­na­ri­en umzu­set­zen.

Durch die Beschrän­kung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­nen auf im Wesent­li­chen Geschrie­be­nes ent­ste­hen eine Men­ge zusätz­li­cher Her­aus­for­de­run­gen. Eini­ge Twit­te­rer haben dar­auf­hin ja schon eine Art inof­fi­zi­el­les Regel­werk auf­ge­stellt, z.B. die Ver­mei­dung von Iro­nie etc.. Ab einem gewis­sen Level der Bezie­hungs­ebe­ne sind Dis­kus­sio­nen auf Twit­ter wahr­schein­lich nicht sinn­voll zu füh­ren.

Jetzt ist die Fra­ge, wel­che Rol­le ich in die­sem kun­ter­bun­ten Geflecht an Ent­wick­lungs­pha­sen und Bezie­hun­gen ich ein­neh­men soll.

Ein­fach authen­tisch Mensch sein? Auch ein­mal Flachs machen und mensch­lich wir­ken? „Erzie­he­risch” tätig sein und „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stan­dards” leben, pro­pa­gie­ren und ein­for­dern? Altru­is­tisch immer wie­der die viel­leicht glei­chen Din­ge sagen und als „Wert­hers-Ech­te-Groß­va­ter” bera­ten? Eine nüch­ter­ne Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung auf­ma­chen? (Was gebe ich hin­ein und was kommt tat­säch­lich zurück?) Den momen­ta­nen Befind­lich­kei­ten nach­ge­ben und ein­fach mal einen raus­hau­en?

Letzt­lich geht es wahr­schein­lich doch wie­der um die­se Fra­gen:

  1. Man lernt nur gut in Bezie­hun­gen. Wie kann ich einen Men­schen nach Twit­ter vir­tua­li­sie­ren (es ist ja so oder so nicht mein Selbst, son­dern eine zwangs­läu­fig unvoll­stän­di­ge Pro­jek­ti­on von mir) , der gute Bezie­hungs­ar­beit leis­tet?
  2. Wie gelingt es mir, mit Men­schen so respekt­voll umzu­ge­hen, dass sie grö­ßer wer­den und wir gemein­sam wach­sen? Was dient die­sem Ziel und was nicht?

Dabei wird es nicht auf den ein­zel­nen Tweet, son­dern auf das Gesamt­bild ankom­men. Der Erfolg oder Miss­erfolg bemisst sich für mich dabei aus­drück­lich nicht nach mei­nem Wer­te­sys­tem, son­dern aus­schließ­lich an der Wahr­neh­mung, die mein jewei­li­ges Gegen­über von mir hat. Ich muss mich bei Nicht­ge­lin­gen von Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Twit­ter zumin­dest auch selbst fra­gen, was mein eige­ner Bei­trag dazu ist. Das kann und darf man natür­lich anders sehen.

 

War­um bin ich für eine Wei­le weg (oder ggf. auch für län­ger)?

Ich über­den­ke mein Ver­hält­nis und mei­nen Umgang mit Twit­ter gera­de, weil ich bestimm­te Ver­hal­tens­wei­sen an mir bemerkt habe, die mich nun umtrei­ben.

  • der ers­te Griff mor­gens ging zum Han­dy und zur bun­ten Tweet­welt — qua­si eine Art Zei­tungs­er­satz.
  • auf dem zwei­ten Bild­schirm am Arbeits­platz, oder zumin­dest in einem neu­en Tab lief immer Twit­ter mit
  • Twit­ter frag­men­tier­te zuneh­mend mei­ne Auf­merk­sam­keit
  • Dis­kus­sio­nen auf Twit­ter betra­fen mich emo­tio­nal, dass ich mich manch­mal genö­tigt fühl­te, schnell zu reagie­ren
  • Twit­te­rer, die mir per E-Mail schrei­ben oder mit denen ich auf der Didac­ta gespro­chen habe, berich­te­ten mir von Hem­mun­gen und Ängs­ten, Wider­re­de zu leis­ten oder bestimm­te Tweets auch nur zu faven.
  • […]

Ich bin noch nicht bereit, das als „neu­en Lebens­stil” und „neue Wer­te­welt mit einer Ver­schmel­zung von ana­lo­gem und digi­ta­lem Raum” zu sehen und unter­lie­ge ger­ne (für eine Wei­le) den damit ver­bun­de­nen „Irr­tü­mern”.

Ich mer­ke, dass ich durch den Abstand zu Twit­ter jetzt schon immens viel Zeit für ande­re Din­ge gewin­ne, natür­lich aber auch von der einen oder ande­ren Ent­wick­lung abge­schnit­ten bin. Das erset­ze ich gera­de wie­der zuneh­mend durch Auf­mö­beln mei­ner guten, alten RSS-Feed-Samm­lung.

Eine Ent­schei­dung, ob ich Twit­ter „für immer” ver­las­se oder wie­der­kom­me, möch­te ich erst auf­grund von drei Wochen „Absti­nen­zer­fah­rung” tref­fen. In die­sen drei Wochen wer­de ich zusätz­lich auf meh­re­ren Ver­an­stal­tun­gen Twit­te­rer in die­sem „real Life” tref­fen und mich aus­tau­schen kön­nen. So wird man mich auf jeden Fall am 9. März auf dem #molol18 und am dar­auf­fol­gen­den Edu­Cam­pX tref­fen kön­nen, für das ich gera­de zufäl­lig eine Idee für eine Ses­si­on habe.

Ansons­ten geht es durch die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen hier im Blog mal wei­ter: Ich habe ein paar alte Schät­ze aus dem Refe­ren­da­ri­at im *.sdw-For­mat gefun­den und mei­ne 2. Staat­ex­amens­ar­beit dem Ver­lags­mo­loch ent­ris­sen.

 

 

 

Von Relativierern, Beschwichtigern und Verneinern der Gefahren im Netz

Kin­der­schutz­ver­bän­de wer­den nicht müde, vor den Mög­lich­kei­ten zu war­nen, die sich z.B. pädo­phi­len Men­schen im Netz bie­ten, an unschul­di­ge Opfer her­an­zu­kom­men. Für Spiel­süch­ti­ge bie­tet das Netz eine Welt, in der sie ihre Sucht zügel­los aus­le­ben kön­nen. Ent­haup­tungs­vi­de­os und ande­re für Kin­der ver­stö­ren­de Inhal­te geis­tern durch Whats­App-Grup­pen. Mob­bing erhält durch Mes­sen­ger ganz neue Dimen­sio­nen. Vie­le Men­schen wer­den wie paw­low­sche Hun­de durch den Blick auf das Smart­pho­ne bestimmt. Man macht sich im Netz über Men­schen mehr oder weni­ger lus­tig, die sich bewusst eine digi­ta­le Aus­zeit neh­men. Es ent­wi­ckelt sich eine gan­ze Bewe­gung, die den soge­nann­ten „Detox” pflegt, auch aus Angst vor Abhän­gig­keit. Die Betrugs­sze­na­ri­en im Netz wer­den immer aus­ge­feil­ter, im Dark­web wer­den Waf­fen und durch­aus auch Men­schen gehan­delt. All die­se Din­ge sind real und erschre­ckend.

Der Netz­ge­mein­de, die sich für schu­li­sche digi­ta­le Bil­dung ein­setzt, wird oft vor­ge­wor­fen, die­se Aspek­te aus­zu­blen­den und zu rela­ti­vie­ren. Auf die Spit­ze getrie­ben, ist jeder, der sich für Bil­dung im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung ein­setzt, ger­ne mal dem Vor­wurf aus­ge­setzt, im Prin­zip nur ein wil­li­ges Werk­zeug der gro­ßen Digi­tal­kon­zer­ne zu sein, die neue Absatz­märk­te für ihre Gerä­te und Ideo­lo­gi­en in Schu­len suchen. Und in der Tat sehe ich die­sen Vor­wurf sehr oft bestä­tigt, wenn Lehr­kräf­te ein tech­ni­sches Gerät oder eine Platt­form in den Mit­tel­punkt ihres Unter­richts stel­len und nicht päd­ago­gi­sche Zie­le.

Das sind rea­le Pro­ble­me, die ger­ne mal mit Begrif­fen wie „ver­än­der­te Wer­te­sys­te­me” und „Auf­lö­sung der Gren­zen zwi­schen vir­tu­ell ver­mit­tel­ter und sinn­lich erfahr­ba­rer Welt” von den Befür­wor­tern ver­sei­ert wer­den.

Die Kon­se­quenz der „War­ner und Geg­ner” sind dann For­de­run­gen, in Schu­le einen bewuss­ten Gegen­pol zur digi­ta­li­sier­ten Welt zu schaf­fen und sich dort aus­schließ­lich auf Kul­tur­tech­ni­ken wie z.B. Lesen, Schrei­ben, Rech­nen zurück­zu­be­sin­nen. Dann wer­den „Stu­di­en­schlach­ten” aus­ge­tra­gen, die je nach Ein­stel­lung aus­ge­wählt oder kri­ti­siert wer­den. Vie­le die­ser Stu­di­en schei­nen mir auf­grund der oft sehr gerin­gen Stich­pro­ben­grö­ße wenig reprä­sen­ta­tiv zu sein.

Man hat sowohl in dem Stra­te­gie­pa­pier der KMK als auch z.B. im Ori­en­tie­rungs­rah­men Medi­en­bil­dung hier in Nie­der­sach­sen die­sen bei­den Polen — auch auf­grund der wich­ti­gen Inter­ven­ti­on der Kri­ti­ker und Mah­ner — Rech­nung getra­gen. Auf Grund­la­ge bei­der Papie­re scheint mir eine Medi­en­bil­dung mög­lich zu sein, die sowohl Chan­cen als auch Gefah­ren in den Blick nimmt.

Ich glau­be, dass das eigent­li­che Pro­blem noch viel schlim­mer und bedroh­li­cher ist und ich glau­be, dass sowohl Befür­wor­ter als auch Bewah­rer dabei oft ähn­li­chen Irr­tü­mern unter­lie­gen.

Aus­gangs­punkt ist für mich zwei Tweets im Rah­men eines Streit­ge­sprä­ches auf Twit­ter:

Der Ein­fluss der IT wird fälsch­li­cher­wei­se als «Revo­lu­ti­on» dar­ge­stellt. […]

Es gibt eine Tech­nik (Inter­net) und mensch­li­che Ver­hal­tens­wei­sen im Umgang damit, die man prä­zis beschrei­ben kann. Das Inter­net kann nicht «gesell­schaft­li­che Sys­te­me neu kon­sti­tu­ie­ren».  (Andre­as Goss­wei­ler, @a_gossweiler)

Dahin­ter steckt für mich eine gewal­ti­ge Reduk­ti­on. IT und Inter­net wird als „Tech­nik” auf­ge­fasst. Die­se Ein­stel­lung trägt in mei­nen Augen mas­siv dazu bei, dass sich im Inter­net bestimm­te Din­ge ent­wi­ckelt haben, die wir nicht ger­ne sehen.

Der Buch­druck ist eine Tech­nik. Durch den Buch­druck — genau­er — durch die Befrei­ung des Buch­drucks vom Ein­fluss der Kir­che — ist z.B. wis­sen­schaft­li­cher Aus­tausch mög­lich gewor­den, der die Ent­wick­lung der Gesell­schaft immens beschleu­nigt hat. Laut McLu­han spielt dabei wohl zusätz­lich eine Rol­le, dass zumin­dest in Euro­pa Schrift nicht iko­nisch ange­legt, son­dern der Lau­tung der gespro­che­nen Spra­che ange­lehnt war. Die­se „Ent­wick­lung der Gesell­schaft” hat nicht nur Biblio­the­ken und das Schul­we­sen her­vor­ge­bracht, son­dern auch Din­ge wie effek­ti­ve­re Waf­fen, die Kolo­nia­li­sie­rung oder die Indus­tria­li­sie­rung mit allen ihren nega­ti­ven Fol­gen, wie z.B. den Kli­ma­wan­del und die immens unglei­che Res­sour­cen­ver­tei­lung auf der Welt. Ohne Buch­druck wäre es wohl auch gegan­gen, aber wohl bei Wei­tem nicht so schnell. Ich hal­te den Buch­druck wie vie­le ande­re Autoren auch für durch­aus gesell­schafts­kon­sti­tu­ie­rend, obwohl es zunächst eine schlich­te Tech­nik ist.

Die Eisen­bahn ist eine Tech­nik. Man stel­le sich die Gesell­schaft der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ohne die Rol­le der Eisen­bahn vor. Für die Urbe­völ­ke­rung war die Eisen­bahn hin­ge­gen eine rea­le Bedro­hung. Das Pro­blem für die India­ner war nicht die Tech­nik, son­dern der Umstand, was durch die neue Tech­nik mög­lich wur­de. Mit Pferd und Kut­sche wäre die Erschlie­ßung des Wes­tens wohl auch real gewor­den, jedoch wahr­schein­lich nicht so schnell. Auch die Eisen­bahn hal­te ich für eine gesell­schafts­kon­sti­tu­ie­ren­de Tech­nik.

Beim Buch­druck und bei der Eisen­bahn ist das aber auch sehr leicht ein­zu­se­hen, weil wir qua­si aus unse­rer Gegen­wart auf die Ver­gan­gen­heit schau­en. Weder die Kir­che des Mit­tel­al­ters noch die India­ner wären in der Ent­ste­hungs­zeit des Buch­drucks bzw. der Eisen­bahn wahr­schein­lich in der Lage gewe­sen, ihre gesell­schafts­kon­sti­tu­ie­ren­de Dimen­si­on zu erken­nen.

Die Fol­gen der Tech­nik „IT” und „Inter­net” sind doch aber jetzt schon sicht­bar, sowohl im Guten als auch im Schlech­ten. Das Ver­ständ­nis dafür, wie es die Nut­zung die­ser „Tech­nik” aber zustan­de­bringt, z.B. pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se im Ver­sand­han­del oder eben Sucht­pro­ble­ma­ti­ken zu schaf­fen, steht aber erst am Anfang. Ich emp­fin­de die­se und ande­re Phä­no­me­ne im übri­gen nicht als „klein” oder in der Sum­me „ver­nach­läs­sig­bar”. Für mich beschleu­nigt „IT-Tech­nik” genau wie der Buch­druck oder die Eisen­bahn „ledig­lich” bestimm­te gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen und macht Din­ge, die vor­mals eher im Ver­bor­ge­nen lagen, bru­tal sicht­bar, aber eben auch Din­ge mög­lich, die vor­her undenk­bar waren — dum­mer­wei­se auf einer glo­ba­len Ebe­nen — und das soll nicht gesell­schafts­kon­sti­tu­ie­rend sein?

Die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen bestimm­ter gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen sind nach mei­ner Ansicht dadurch kom­pen­siert wor­den, dass es unter­schied­li­che mora­li­sche (sic!) Stand­punk­te dazu gab. Eine mora­lisch-ethi­sche Wer­tung von Ent­wick­lun­gen auf IT-Sek­tor erfor­dert nach mei­ner Ansicht aller­dings auch tech­ni­sches Grund­wis­sen, was sich oft nicht lust­be­tont erwer­ben lässt. Um eine Wer­tung drü­cken sich daher vie­le Beschwich­ti­ger zuguns­ten einer Rela­ti­vie­rung und oft­mals ein­sei­ti­gen Dar­stel­lung. Klar fin­det z.B. Miss­brauch immer oft im häus­li­chen Rah­men statt, aber die „Opfer­aus­wahl” kann durch bestimm­te Nut­zungs­for­men von Tech­no­lo­gie per­vers effek­ti­viert wer­den. Und als Leh­rer und Vater bin ich mir — natür­lich nur auf Basis von unwis­sen­schaft­li­chem „Erfah­rungs­wis­sen” — gar nicht so sicher, ob es nicht auch durch­aus sehr nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen der Medi­en­nut­zung von uns anver­trau­ten Men­schen gibt.

Die ggf. auch vor­läu­fi­ge mora­li­sche Wer­tung ist vor allem auch des­we­gen not­wen­dig, weil Regu­lie­run­gen in einem glo­ba­li­sier­ten Sys­tem nicht ganz tri­vi­al sind. Mir erschei­nen eini­ge wohl­mei­nen­de Erklä­rungs­an­sät­ze zum Web­ver­hal­ten von Jugend­li­chen hart an der Gren­ze zur Anbie­de­rungs- und Ver­ständ­nis­päd­ago­gik, die Din­ge wie einen Erzie­hungs­auf­trag zu negie­ren ver­mag (ja, das ist wohl der bis­her böses­te Satz).

Ich fän­de es daher wün­schens­wert, wenn wir „Befür­wor­ter” unser eige­nes Medi­en­ver­hal­ten und unse­re Kauf­ge­wohn­hei­ten, aber auch unse­re ver­meint­li­chen tech­ni­schen Kom­pe­ten­zen gemein­sam mit Schü­le­rin­nen und Schü­lern hin­ter­fra­gen. Und ich fän­de es sehr wich­tig, dass Kri­ti­ker nicht nur Gerä­te, son­dern das gesell­schaft­kon­sti­tu­ie­ren­de Poten­zi­al der Digi­ta­li­sie­rung mit in den Blick näh­men.

Grund­la­ge ist für mich dabei Grund­wis­sen über Grund­zü­ge der digi­ta­len Welt. Ein iPad mit Apps bestü­cken und die­se bedie­nen zu kön­nen, wäre mir nicht genug.

 

 

 

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