Unter Eltern ist folgende Anekdote bekannt:
“Mein Kind ist seine Mandarine nur, wenn ich sie ihm geschält und zerlegt in die Tupperdose lege. Tue ich das nicht, kommt sie ungegessen wieder zurück. Das ist jeden Morgen echt ein ziemlicher Aufwand und eigentlich kann es doch nicht so schwer sein, die Mandarine selbst zu schälen! Aber ich will doch, dass mein Kind Obst isst. Was soll ich nur tun? Mich nervt das!”
Kinder sind heute sowohl im Kindergarten als auch in der Schule nicht unerheblichen Belastungen ausgesetzt. Nicht selten ginge die Schälzeit von wertvoller Spielzeit ab. Gleichwohl wird diese durch Lebenszeit der Erwachsenen bezahlt – je nachdem wie man seine Elternrolle auffasst, wird man in solchen oder ähnlichen Situationen reagieren, in denen man eine Entscheidung zwischen “Selbstständigkeit fördern” und “Bewahren vor nicht kindgerechten Belastungen” zu treffen hat. Das Mandarinenbeispiel dürfte eines der harmloseren sein. Natürlich hätte ich persönlich auch lieber eine geschälte Mandarine in meiner Frühstücksdose! Mein Alltag ist auch voller Belastungen und alles, was mir das Leben leichter macht, ist zunächst einmal positiv für mich – das sollte ich mir einfach wert sein.
Ich halte Appleprodukte für eine geschälte und zerlegte Mandarine. Apple hat mein Bedürfnis nach Erleichterung begriffen und gibt mir durch ein funktionales und hervorragendes Design eine echte Entlastung in meinem Lehreralltag.
Trotzdem will ich, ich ganz persönlich, Apples geschälte Mandarine nicht. Das hat mit den ideellen Kosten zu tun, die für mich zu hoch sind, dass ich nach wie vor lieber selbst schäle oder eben dafür andere Werkzeuge einsetze. Wäre ich nicht zusätzlich der Überzeugung, dass der technische Ansatz von Apple auch Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, zögerte ich keine Minute, selbst eine iPad-Klasse ins Leben zu rufen. An Möglichkeiten dazu fehlt es hier vor Ort im Gegensatz zu anderen Landkreisen definitiv nicht. Finanziell stehen wir glänzend ausgestattet da. Um zu erklären, warum ich nicht auf den gerade anrollenden Zug aufspringe, muss ich etwas ausholen.
Apple verkauft proprietäre Appliances, d.h. eine Verbindung aus Hard- und Software. Apple tut sehr viel dafür, dass sich beide Komponenten nicht ohne Weiteres trennen lassen. Das gelingt der Firma im Bereich der Mobilgeräte z.Zt. natürlich weitaus besser als im Desktopumfeld.
Eine Appliance hat Vorteile:
- Sie funktioniert
- Sie besitzt eine konsistente Oberfläche
- Sie hat eine intuitive Oberfläche, die sich mühelos bedienen lässt
- Sie ist durch das geschlossene Konzept wartungsarm und zuverlässig
- Im Falle vom Appleprodukten sind die Geräte langlebig und hochwertig verarbeitet
Eine Appliance hat Nachteile:
- Jede Funktion der Appliance ist abhängig vom Hersteller der Appliance
- Eine Appliance ermöglicht genau das, was der der Hersteller der Appliance ermöglichen will
- Eine Appliance ist nicht transparent
- Die Sicherheit der Appliance bewegt sich im Rahmen der Sicherheitsvorstellungen des Herstellers
- Was die Appliance tut, entzieht sich gängigen Kontrollmechanismen. Vertrauen ist angesagt.
Und – für mich sehr wichtig: Mit einer Appliance lernt man, die Mandarine zu essen und zu genießen, nicht sie zu schälen. Zudem wird man bald erwarten, dass alle Mandarinen geschält sind und sie nur noch so akzeptieren. Ob das ok ist oder nicht, muss jeder für sich entscheiden und der Kontext spielt zusätzlich eine Rolle: Wenn eine Appliance in einem eng begrenzten Umfeld etwas macht, was Experten (huch – die sollen doch bald überflüssig sein?) besser können als ich, dann ist das absolut sinnvoll – Firewalls für Rechenzentren sind oft als Appliance realisiert. Wenn eine Appliance jedoch wesentliche kommunikative Abläufe in meinem Leben strukturiert und bestimmt, dann tue ich mich schwer damit. Mein “Nichtexpertentum” ist diesem Bereich für einen Anbieter Kapital – und zwar nicht bezogen auf eine hochspezialisierte Nische.
IT beherrscht unser Leben. Informatik ist für mich ein Fach, welches z.B. zeigt, wie man Mandarinen schält, welche unterschiedlichen Ansätze dafür existieren und wie sich der Prozess des Schälens optimieren lässt. Wer keine Mandarinen schälen kann, ist auch anfällig dafür, mit einem Kolbenfresser auf der Autobahn liegenzubleiben, weil der Bordcomputer den defekten Öldrucksensor nicht gemeldet hat. Der Blick unter die Motorhaube auf den Peilstab ist heute eben nicht mehr zeitgemäß.
Ich habe Freude am Verstehen. Ich habe Freude daran, hinter die Fassaden zu schauen. Ich freue mich über einfache und geniale Lösungsstrategien, die ganz andere Wege gehen. Ich möchte das Menschen vermitteln. Dafür muss ich Mandarinen haben, die noch eine Schale besitzen. Ein Appleprodukt hat für mich keine Schale mehr. Allein das saftige, perfekt freigelegte Fruchtfleisch bleibt. Ich möchte eine Mandarine sehen, wie sie ist und nicht wie sie mir jemand mundgerecht in die Obstdose gelegt hat. Deswegen benutze ich OpenSource, deswegen bekomme ich von den “Technikaffinen” oft genug den Stempel “Nerd” – nicht weil die Mandarinen da nicht geschält wären, sondern weil ich das Ganze sehe könnte, wenn ich wollte und Zeit hätte. Das ist meine Vorstellung von Unabhängigkeit. Ja – und ich genieße auch das Staunen anderer Menschen, wenn sie fragen: “Wie machst du das nur?” – Meine Anwort: “Ich schäle Mandarinen selbst. Schon ganz schön lange.”
PS: Keine Sorge. Ich baue auch Netze für geschälte Mandarinen inkl. Genießerkurse. So realistisch bin ich dann schon.
Zwischen den Feiertagen kommt es im Netz zu Diskussionen, inwiefern NC-Lizenzen, also der Ausschluss einer kommerziellen Nutzung freier Bildungsinhalte sinnvoll sind. Lesenswert ist der in diesem Zusammenhang häufig zitierte Artikel von Eric Möller. Auch hier im Blog ist das Thema in einem Kommentar, den ich bisher noch nicht angemessen realisiert habe. Visionen von einer neuen “Bildungscloud” sind von Christian Füller in der TAZ zu lesen. Entscheidend für die Realisierung dieser Vision wird einerseits die Rechtefrage sein andererseits aber auch die Bereitschaft sowie die grundlegende Haltung der daran mitwirkenden Personen. Bei letzterem Aspekt hege ich Zweifel, inwiefern eine “Nicht-NC-Lizenz” sich positiv auswirkt und das liegt an den besonderen Umständen des Bereichs “Bildung” hier in Deutschland. Nehmen wir einmal nüchtern den Ist-Zustand:
- Bildungsinhalte im schulischen Bereich sind zu > 90% monopolisiert im kommerziellen Bereich (Schulbuchverlage)
- Ersteller von Bildungsinhalten sind zu einem nicht unerheblichen Anteil Lehrkräfte, die für z.B. einen Verlag arbeiten. Die Vertragsbedingungen wären für mich zurzeit zu schlecht, um so etwas auch zu machen. Viele Kollegen, die ich kenne, tun es auch mehr der eigenen Reputation willen.
- Es gibt Plattformen mit freien Inhalten. Nachhaltig werden diese Plattformen oft von einem personalisierten, harten Kern mit viel Liebe und Enthusiasmus getragen. Oft sind es “HTMLer der ersten Stunde” und es gibt auch hier gelegentlich Nachwuchssorgen.
- Viele Inhalte liegen auf Einzelwebseiten, Blogs usw. weit verstreut im Netz herum – hier im Blog ja auch das eine oder andere. Es gibt Erschließungsversuche durch spezielle Suchmaschinen, die man (pluralis majestatis) aber hinsichtlich der Ergebnisqualität und -präsentation eigentlich eher nicht sinnvoll nutzen kann.
- Es ist im schulischen Bereich üblich, Material aus kommerziellen Quellen zusammenzukopieren ohne die Angabe einer Quelle. Wer eine Festplatte aus einem Schulkopierer ausbaut, wird wahrscheinlich nicht viele Quellenangaben finden. Deswegen gibt es eigentlich auch den Rahmenvertrag mit den Verlagen: Es geht darum, eine nicht legale Praxis in begrenztem Umfang zuzulassen, daran zu verdienen und hintergründig um das Eingeständnis, dass die bestehenden kommerziellen Lizenzmodelle eigentlich nicht praxistauglich sind.
- Weil das Verhalten unter 5 üblich ist, wird man seine öffentlich bereitgestellten Texte als Lehrkraft auch immer wieder in kommerziellen Produkten ohne Angabe der Quelle finden – das speisen wahrscheinlich die gleichen Lehrkräfte ein, die morgens ihren zusammengeschnippelten Zettel auf den Kopierer legen (wenn sie den nicht sogar erst vor Ort zusammenschnippeln)
- Es gibt einzelne, sorry vereinzelte, die Materialien heute schon in verschiedener Form (Blog, Wiki usw.) tauschen. Die Motivik scheint mir sehr unterschiedlich. Vielen ist gemein, dass sie diese individuelle Form der Selbstbestimmheit wegen wählen. Die Bereitschaft zur Schaffung gemeinsamer Projekte scheint mit doch recht gering. Das ist bei mir nicht anders. Dieses Blog dient klaren Zwecken bar jedweder altruistischen Ziele. Selbstverwirklichung ist nur einer. Diejenigen, die sich öffentlich im Netz präsentieren, sind gut vernetzt und berichten einander von neuen Inhalten und Materialien. Dadurch entsteht manchmal der Eindruck, dass das sehr viele Menschen sind. Das stimmt wahrscheinlich nicht. In der Mitte einer Schwarms von 100 Fischen sieht man den Rand nicht. Dazu muss man immer wieder aus dem Schwarm herausschwimmen. Gleichwohl bewegt dieser kleine Schwarm etwas, von dem ich mich zunehemend frage, was es denn genau ist. Mit nebulösen “Internet-Revolution-Ubergangsphänomen”-Geschnacke tue ich mir äußerst schwer.
Was wird oft als wünschenswerter Zustand formuliert?
- Christian Füller beschreibt es in seinem Artikel: Eine von Lehrern und Wissenschaftlern geschaffene Cloud, in der Inhalte für Forschung und Lehre frei sind. Strenggenommen müsste man dafür einen gewaltigen Schritt weiter gehen: Die Gesellschaft bezahlt mich nicht einmal schlecht dafür, dass ich Lehrer bin. Von mir in diesem Rahmen geschaffene Inhalte sind damit eigentlich konsequenterweise Eigentum der Gesellschaft – nicht meines. Genau wie die Inhalte öffentlich-rechtlicher Sender und Universitäten mit öffentlichen Geldern finanziert sind und damit gemeinfrei sein müssten (viele Kollegen denken das m.E. nicht konsequent zu Ende – bei den Öffentlich-Rechtlichen: “haben, haben, schnell haben!”, bei sich selbst: “Also das ist ja wohl ein Eingriff in meine Privatssphäre, dazu darf mich keiner zwingen!”). Jetzt bezahlt die Gesellschaft Lehrer, die Inhalte für Verlage schaffen, um diese Inhalte dann unter Lizenzen zurückzukaufen, die eine freie Verwendung erst nach Ablauf von Jahrzehnten ermöglichen – diese Art von “Nebentätigkeit” gehört meist auch noch zu den gewünschten – ist das logisch?
- Idealerweise gibt es eine Reihe von Menschen, die bereit sind, Inhalte unter freien Lizenzen zu erstellen. Zurzeit erstellen und veröffentlichen schätzungsweise von 100 Lehrern maximal zwei Materialien, die sich für den Einsatz im Bildungsbereich eignen und die unter freien Lizenzen stehen (das ist optimistisch). Das hat mit Rechtefragen nur am Rande zu tun. Eher mit Belastung und Zeit. Aber eben auch mit Haltung: “Dann können das ja andere kopieren. Ich will die gleiche Arbeit wieder schreiben können. Da könnten ja Fehler enthalten sein, die meine Reputation schädigen.”
- Idealerweise bezahlt der Staat Verlage für die Erstellung freier Materialien. Doof nur, dass es den Föderalismus und die Globalisierung gibt. Dann profitieren ja andere von den Ressourcen einer Volkswirtschaft. Ist ja nicht so, dass unsere Volkswirtschaft von Billiglöhnen und Ausbeutung anderer Völker profitiert.
- Niemand muss mehr fragen. Alles darf frei verwendet werden. Lizenzen gibt es nur noch in der Form (edit) CC-BY-SA. Das ist einerseits rechtlich sehr sicher, anderseits vor allen Dingen bequem.
- Ich würde mir ja wünschen, dass Folgendes passiert: Alle Twitter- und Blogger-Lehrer legen ihre Kraft in ein gemeinsames Projekt – vermarkten das in der Art und Weise einer digitalen Rampensau, nutzen alle Kontakte, um das in der Öffentlichkeit jenseits des kleinen Blogs zu präsentieren. Nur eine solche gemeinsame Arbeit mit konkreten Selbstverpflichtungen wird den bestehenden Strukturen etwas entgegensetzen können. Das wird nicht geschehen, weil niemand von uns altruistisch genug dafür ist, weil jedes zu planende Projekt an Grundsatzfragen wie “Welche Lizenz?”, “Welche Plattform?”, “Welche Farbe?”, “Welches Logo?” usw. zerschellen würde.
Zusammenfassung
Auch 2012 werden Lehrer Lehrer bleiben und Menschen Menschen. Die Verlage werden weiter an einer Software schrauben lassen, die wahrscheinlich nie datenschutzkonform einsetzbar und technisch immens schwer zu realisieren sein wird. Lehrer werden weiter für Verlage arbeiten und Lehrer werden mit dem Copyright weiter so umgehen, wie sie mit dem Copyright umgehen. Unter den jetzigen Rahmenbedingungen ist für mich die NC-Lizenz so etwas ähnliches wie der Rahmenvertrag zur pauschalen Vergütung von Ansprüchen der Verlage: Sie verhindert nicht, dass Material kommerziell eingesetzt wird, aber sie zeigt ein bisschen moralisch auf, dass das nicht fair ist, genau wie die 10%-12-Seiten-Kopierregel moralisch de Zeigefinger hebt, dass das, was ich da morgens am Kopierer tue, eigentlich so nicht ganz in Ordnung ist – moralisch. Rechtlich immerhin in gewissen Grenzen schon.
Ich hatte ja schon vor einiger Zeit meine Ideen für ein mögliches Schulnetzwerk zusammengetragen. Das war quasi mein persönliches Pflichtenheft für die Planung hier vor Ort. Was soll ich sagen – es sieht ganz so aus, als wenn wir alles bekommen werden, was vor allen Dingen natürlich das Verdienst unseres Schulträgers ist.
Was ist genau in den letzten Wochen geschehen?
- Ich habe viel – unglaublich viel telefoniert. Der Elektriker vor Ort weiß, was zu tun ist. Er darf es aber nur tun, wenn der zuständige Elektroplaner ihn dazu anweist. Der Elektroplaner wird den Elektriker nur grünes Licht geben, wenn der Bauträger z.B. fehlende Komponenten nachfordert. Anfangs spricht man mit dem Elektriker, erkundigt sich beim E-Planer – Mails gehen über mehrere Ecken hin und her. Am Ende hat man alle Beteiligten persönlich gesehen und man kommuniziert direkt mit Entscheidungsträgern. Dabei bekommt man auch sofort vermeintlich heilige Diagramme zur geplanten Topologie des Netzwerks zu sehen – direkt über den E-Planer. Nebenbei hält man natürlich die eigene Schulleitung immer auf dem Laufenden. Überall läuft man im Prinzip offene Türen ein, weil ein wenig Koordinierung durchaus dankbar angenommen wird.
- Ich habe den Kontakt zu der Firma gesucht, die den technischen Support übernehmen wird. Deren Mitarbeiter müssen mit dem Netzwerk zurechtkommen und Komponenten vorfinden, mit denen sie vertraut sind. Also wurden von mir auch genau diese Komponenten in die Ausschreibung zum E-Planer gegeben. Dem Bauträger muss man dabei natürlich die Vorteile vermitteln: Ein Techniker, der sich nicht groß in die vorgefundene Hardware einarbeiten muss, wird dauerhaft weniger Stunden für seine Arbeit abrechnen, d.h. die erwartbaren Folgekosten sind geringer.
- Gemeinsam mit dem zuständigen Koordinator in der Schule haben wir nach Finanzierungsmöglichkeiten gesucht. Manchmal helfen da Haushaltsposten, die schon lange beantragt worden sind – wir hatten Glück. Da über den Koordinator sehr gute Kontakte zum Schulträger bestehen, können natürlich im Rahmen des Haushaltsrechts der Landkreise Lösungen gefunden werden, die manchmal überraschen.
- Dabei sind in meinem Fall eine Reihe von “Ferientagen” ins Land gegangen. Wenn ich in der Aufbauphase eines Netzes jedoch viel Aufwand betreibe und immer mehrere Stimmen höre, so werde ich ein Produkt erhalten, welches mir im späteren Betrieb wenig Ärger bereitet – diese Ferientage sind also eine Investition in künftige Ferienzeiten und Freistunden.
Wie sieht das Produkt aus?
- Wir werden ein Netz bekommen, welches ziemlich komplett mit managebaren Switchen ausgestattet ist. Man kann in einem solchen Netz über die gleiche Verkabelung mehrere Netze aufbauen. Da wir ein Medienzentrum, eine Außenstelle der Universität im Hause haben und zusätzlich einen Gebäudeteil gemeinsam mit einer anderen Schule nutzen, findet jede Institution ihre gewohnte Umgebung vor. Man kann auch jedes Netz in jeden beliebigen anderen Gebäudeteil routen, so dass z.B. das Medienzentrum Schulungen in den Räume der Uni durchführen kann – und umgekehrt.
- Kernstück für unsere eigenes Schulnetz wird der Portalserver iserv werden. Dieses Produkt ist regional auf Niedersachsen beschränkt, verfügt jedoch über alle von mir im Pflichtenheft vorgedachten Features und eine eigene niedersächsische Supportstruktur, die es mir erst erlaubt hat, das Produkt ausgiebig zu evaluieren. In die Bedienung des iserv lässt sich jeder etwas technikaffine Kollege einführen, so dass in Verbindung mit den lokalen Supportstrukturen die Funktion des Netzes nicht an eine einzelne Person gebunden ist – ein nicht zu unterschätzender Nachhaltigkeitsfaktor.
- Alle Überlegungen der letzten Wochen sind in unseren Medienzentrum in eine Vision eingeflossen: Wir möchten hier in der Region einen Supportverbund etablieren, der auf lokale Produkte und Dienstleistungen setzt. Das klingt im Zeitalter des grenzenlosen Internets erstmal altbacken. Unsere Erfahrung damit ist aber schon jetzt ungemein positiv – unsere Kunden und Benutzer müssen schließlich damit zurechtkommen. Und ich weiß, dass in einem derartigen, auch sozialen Supportverbund auch nicht unbedingt immer auf die Zeit oder den Preis geschaut wird. Der Verbund besteht idealerweise aus Menschen, die Dienstleistungen erbringen und daran neben dem erforderlichen Verdienst auch Freude haben sollen.
Was für ein Aufwand!
Ja und Nein. Ich sehe meine momentane Arbeit als Übungsfeld für meine Tätigkeit als MPB-digi. Meine Erfahrungen, die ich hier vor Ort mache, möchte ich natürlich auch anderen Schulen der Region zur Verfügung stellen und sie bei Verhandlungen mit Schulträgern oder Firmen unterstützen. Das was ich hier vor Ort lerne, hat also Synergieeffekte. Das muss es auch, denn eine Abordnung von einer Drittelstelle muss ja auch von einem Gegenwert begleitet sein.
Die Anforderung an mich erlebe ich dabei momentan extrem: Neben dem technischen Wissen sind natürlich auch viele kommunikative Kompetenzen erforderlich – und manchmal auch viel Verständnis für Strukturen, die eben Strukturen sind und das genau so auch sein dürfen. Und ich kenne eben Schule – auch als Personalrat. Schön und entlastet ist der Umstand, dass ich in eine Beratungsstruktur des Landes mit ihren vor allem menschlichen Ressourcen eingebunden bin.
Ich verstehe mich damit als jemand, der hilft, dem Lernen in der Wissensgesellschaft eine Grundlage zu geben – ganz praktisch, ganz konkret – fernab von Apologien auf eine wie auch immer geartete Zukunft.
In den letzten beiden Wochen habe ich mich ein wenig in unser Schulnetzwerk eingegraben – als medienpädagogischer Berater kann man es ja nicht auf sich sitzen lassen, dass man anderswo nichts vorzustellen hat – zudem haben wir hier mittlerweile vor Ort so ausgezeichnete Bedingungen, dass sich bestimmt auch einmal eine Tagung organisieren lässt. Weil unser Schulträger zurzeit massiv in bauliche Maßnahmen investiert, ist man geneigt, sich bei der Beantragung von Mitteln für den Vermögenshaushalt eher zurückzuhalten oder eben noch etwas zu warten.
Bei uns mangelt es nicht an Kupfer, das im Gebäude verlegt ist – es gibt sogar Glasfaserstrecken zwischen den einzelnen Gebäudeteilen. Es gibt in den Naturwissenschaften und in einzelnen Gebäudeteilen auch WLAN, jedoch längst nicht flächendeckend. In den PC-Räumen werkeln noch P4-2,8Mhz-Kisten mit 512MB RAM vor sich hin. Zur betreuenden Firma kann ich noch nicht viel sagen – so richtig habe ich noch nicht mit ihr zusammengearbeitet. Gut wäre auf lange Sicht sicher ein periodischer Termin zur Sichtung und Besprechung der anfallenden Aufgaben.
Ein wenig möchte ich das Netzwerk planen und seinen Aufbau koordinieren, werde in der Anfangszeit aber etwas selber zaubern müssen. Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass sich dabei viel Gehirnschmalz und Arbeit am Anfang ungemein positiv für die langfristige Ausrichtung auswirken. Folgende Grundsätze halte ich für Schulnetzwerke mittlerweile für essentiell:
- Eine zentrale Authentifizierung ist unbedingt notwendig. Ich nutze für meine Webservices dafür seit Jahren LDAP – kann auch ein AD (Windows) sein. Das ist quasi das Backend für alles weitere – am besten mit zumindest periodischer, nicht-physikalischer Anbindung (CSV, USB-Stick) an das Verwaltungsnetz der Schule. Dann kann man auch das mit der Datensparsamkeit realisieren.
- PC-Räume sind sowas von eighties. Die Zukunft liegt in der Cloud, die man sich entweder selbst bastelt oder einkauft. Folgerichtig muss ein wesentliches Augenmerk auf WLAN und Uplink liegen, um mittelfristig viele mobile Geräte bedienen zu können.
- Softwaredeployment ist der Schlüssel für Nachhaltigkeit. Software muss sich zwingend zentral verteilen lassen, am besten per PXE. So hat z.B. eine Firma einen zentralen Punkt, an dem neue Software eingepflegt wird – das spart Wartunsgkosten und öffnet gedankliche Räume für die Weiterentwicklung des Schulnetzwerks. Lösungen dafür gibt es viele, z.B. opsi, fog oder RIS.
- Ohne didaktisches Konzept ist jedes Schulnetzwerk wertlos. Die Technik muss die Freirräume schaffen.
- Ohne Fortbildung des pädagogischen Personal ist jedes Schulnetzwerk wertlos. Die Technik muss die Freiräume schaffen.
- Das System selbst muss didaktisches Potential und Partizipationsmöglichkeiten schaffen – Warum nicht Schülerinnen und Schüler mit in die Arbeit integrieren? Da gibt es viel zu lernen und zu erfahren. Also OpenSource. Zumindest auf dem Server.
- Das Netzwerk muss Bandbreite liefern – Gbit ist Mindeststandard – vor allem bei den Switches.
Momentan habe werden unsere Clients mit dem schon nicht mehr erhältlichem Microsoft Shared Computer Toolkit so verrammelt, dass Änderungen an der lokalen Installation auch ohne Zusatzhardware nicht möglich sind. Ein Schulserver regelt Freigaben via Samba und fungiert gleichzeitig als Netzfilter – über den Ansatz lässt sich trefflich streiten, aber er funktioniert. Leider bringt er diverse Nachteile mit sich, die die Punkte 4+5 meiner Liste betreffen.
Eine Software auf allen unseren Clients zu installieren, dauert ungefähr 20 Arbeitsstunden, da nicht nur die Software eingespielt werden will, sondern auch die Rechner immer wieder aus der Domäne fliegen usw.. Das geht so nicht. Deswegen Deployment (Punkt 3) – image- (fog) oder systemdienstbasiert (opsi). Das ist ein Muss – gerade auch in heterogenen Systemlandschaften mit verschiedenen Windowsversionen. Es gibt schicke Windowslösungen, z.B. RIS. Kostet. Summen.
Perspektivisch muss so oder so ein neuer Server her, der z.B. einem eventuellem Dienstleister die Grundlage für eine Wartungstätigkeit bietet. In Niedersachsen läuft das an vielen Schulen über iserv. Es ist die in meinen Augen zur Zeit ausgereifsteste Schulserverlösung überhaupt (neben paedML aus BW) – kostet aber. Bezeichnenderweise ist die Kiste an einer Schule entstanden, die Punkt 6 meiner Liste sehr ernst genommen hat. Dummerweise kann iserv von Hause aus keine Terminals bedienen – das hätte ich aber soooo gerne. Die Vorstellung, 0815-Hardware auch in öffentlichen Bereichen der Schule zur Verfügung stellen zu können, finde ich nett. Zudem können unsere bestehenden Clients PXE. Fürs Terminal reicht die Hardware dicke.
Wo will ich hin?
- Kollege XY hat den Wunsch nach einer Software, die idealerweise frei verfügbar ist (sonst muss er die Lizenzen eben auftreiben). Ich oder ein Schüler oder ein Dienstleister modifiziert Remote das Basisimage. Ein Systemdienst weckt nachts die Clients via WOL auf und spielt das Image neu auf. Kollege XY kommt am nächsten Morgen und kann arbeiten.
- Die Festplatte eines Notebooks an einem SMART-Board versagt. Der Techniker der Hardwarefirma kommt mit einem Ersatz, bootet via PXE und das Image wird ohne Nutzereingriff restauriert auf den letzten Stand.
- Das Notebook in der Chemie ohne festen Netzzugriff wird durch einen Kollegen verkonfiguriert. Ich sage dem Schulassistenten Bescheid, der es zu sich in die Werkstatt nimmt und per PXE über einen GBit-Uplink zum Deploymentserver das Image restauriert und nach 30 Minuten wieder in die Chemie stellt.
- Ein Mediaserver im Schulnetz versorgt nach Klärung von Lizenzfragen das Schulnetz per DLNA mit Audiofiles (Fremdsprachen-CDs) und Filmen (z.B. Merlin). Jedes Android-, iOS- oder Sonstwiegerät mit DLNA-Client spielt das im Klassenraum z.B. über WLAN ab. DLNA-Clients sind übrigens oft sehr schicke Apps, mit denen jeder Mausschubser zurechtkommt.
Technisch ist das alles möglich – heute, komplett mit OpenSource. Müsste das für unsere Schule umgesetzt werden, würde ich inkl. Migration bei einer fähigen Firma dafür drei Wochen mit ca. 120 Mannstunden ( 80,- Euro Stundensatz – soll ja eine fähige Firma sein) ansetzen. Dann wäre mit einem Kapitaleinsatz von ca. 20.000 Euro inkl. Hardware aber für einige Zeit Ruhe. Und: Man spart auf mittlere Sicht erheblich bei den Wartungskosten. Außerdem habe ich eigentlich das Unterrichten gelernt und sollte mich darauf konzentrieren. So – und jetzt Fundraising.
Thomas Kerstan erwartet gespannt die Schulinspektion an der Grundschule seiner Tochter, bzw. natürlich auch die Ergebnisse. Die Schulinspektion ist ein Instrumentarium zu Deskription, zur Darstellung eines Ist-Zustandes einer Schule und läuft hier in Niedersachsen hinsichtlich der Kriterien in meinen Augen sehr transparent ab. Sehr viele Ressourcen fließen in die Organisation der Inspektion, personell, finanziell und ideell – es muss geschult, konzeptioniert, nachgedacht, reflektiert werden. Nach der Inspektion hält die Schule einen übersichtlichen Plan über ihre Stärken und Schwächen in der Hand. Das hört sich doch gut an, oder?
Wohlwollend ließe sich formulieren, dass die Deskription eines Ist-Zustandes immer der erste Schritt für nachhaltige Qualitätsentwicklung ist. Aus meiner guten alten Jugendarbeitszeit ist mir mit Blick auf die “Qualitätsentwicklung” folgender Vierschritt bekannt:
- Wo stehen wir?
- Wo wollen wir hin?
- Wie erreichen wir das Ziel?
- Welche konkreten Maßnahmen leiten wir wann ein?
Die Inspektion bleibt bei der ersten Frage stehen. Vielleicht verschriftlicht sie lediglich, was an der Schule meist diffus eh schon bekannt ist – aus unserem Inspektionsbericht habe ich z.B. null Überraschungen herausgelesen. Trotzdem ist er natürlich hilfreich in bestimmten Argumentationssituationen.
Entscheidend ist, dass Schule mit den Ergebnissen der Inspektion und den letzten drei Schritten – also bei der eigentlichen Arbeit – weitgehend auf sich gestellt bleibt oder böse formuliert: Damit alleine gelassen wird. Die Herausforderungen sind in der jeweiligen Schulen entstanden – die Herausforderungen sollen jetzt intrinsisch gelöst werden. Ich habe gehört, dass Schulen A14- oder A15-Stellen für den Bereich der Qualitätsentwicklung ausschreiben und ich habe gehört, dass solche oft schulintern besetzt werden.Das halte ich für problematisch, weil der Fokus dann schnell auf “Noch mehr neben dem Unterricht” gelegt wird.
Besser fände ich ein umfangreiches und qualitativ hochwertiges Angebot von externem Personal, um den Kern schulischen Handelns zu stärken, z.B. die Persönlichkeitsentwicklung von Lehrpersonen und damit den Unterricht selbst – dafür gibt es keine “interne Instanz” und die würde zudem dort auch gar keinen Sinn machen.
Der Nachtteil liegt auf der Hand: Ein neues Konzept zu XY ist schnell installiert und steht dann in der Lokalzeitung. Persönlichkeitsentwicklung dauert und ist kaum pressegängig, weil Presse und Öffentlichkeit selten auf Nachhaltigkeit schauen. Teuer ist es auch. Der Tagessatz von qualifizierten Referenten fängt so bei einem Fünfteljahresbudget für die selbstständige Schule an – ein Topf, aus dem hier in NDS noch mehr zu bedienen ist… Es ist eben auch eine Frage des Geldes.
Update:
Das Land Niedersachsen bietet den Schulen mit der Schulentwicklungsberatung eine kostenlose Unterstützung an – allerdings gehört der Aufgabenbereich der Persönlichkeitsentwicklung von Lehrkräften nicht zum Katalog der Angebote – der müsst also wohl nach wie vor extern “eingekauft” werden. Geschätzte Zahlen und Informationen zum Qualifizierungsprozess der zurzeit 30 Schulentwicklungsberaterinnen und -berater an vier Standorten im Land lassen sich hier finden. Mir fehlt als Information eigentlich nur ein Link auf die Studie der Schweizer Firma und Informationen zum Umfang der Stundenentlastung des innerhalb der Schulentwicklungberatung tätigen Personals.


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