BYOD – Gedankensplitter

vom 16. Mai 2012, in Aus der Schule, Gesellschaft, von Maik Riecken

Die Situation:

  • es gibt Handys an Schulen, die von SuS mitgebracht werden
  • die Handys unterscheiden sich stark in ihrer Funktionalität und Vertragsmodalitäten entsprechend des sozialen Status der Elternhäuser
  • nicht alle SuS verfügen über ein Handy, welches internetfähig ist
  • in der Regel ist die Verwendung auf dem Schulgelände per Hausordnung untersagt
  • die Regel wird nicht eingehalten und ist kaum durchzusetzen
  • es landen Fotos, Filmdokumente usw. aus der Schule in sozialen Netzwerken
  • bei Cybermobing spielen digitale Endgeräte eine Schlüsselrolle
  • das schulische WLAN steht SuS in der Regel nicht offen

Persönliche Gedanken:

Die positiven Aspekte der Verwendung von Handys im Unterricht sind nicht nachgewiesen. Jubelschreie und Erfolgsmeldungen im Internet zeigen keine Produkte im Vergleich zu Produkten klassischer Lernarrangements, sondern besitzen in der Regel einen technoiden Fokus, z.B. den “Bildschirminhalt des iPads an einen Beamer übertragen”, Appempfehlungen, Administrationserleichterungen, Dateiexport aus dem Tablet (Seitenhieb: der ohne externe Dienste nicht funkioniert). Es gibt erste, zögerliche Vorreiter auf diesem Gebiet. Ich meine aber zu erkennen, dass wesentliche Effekte nicht mit iDingens, sondern in der Kombinationen von iDingens mit kollaborativen Web2.0-Tools erzielt werden. Finde ich alles wichtig und gut – es hat aber nichts, bzw. für mich noch viel zu wenig mit Unterichtsqualität zu tun.

Die Zukunft

  • mobile Endgeräte werden in der Gesellschaft mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit werden
  • androidbetriebene Geräte ermöglichen den Bau günstigerer Devices und damit den Zugang von mehr Menschen zur digitalen Welt
  • für mich ist es eine Frage der Zeit, bis ein generelles Handyverbot an Schulen von Verwaltungsgerichten kassiert wird (sogar in Bayern). Das wird über (Großstadt-)Elternrechte laufen.

Reaktionsoptionen

Man kann sagen: “Das ist alles so schrecklich. Wir reden nie mehr miteinander, sondern kommunizieren bald nur noch über Facebook & Co. Ich als Lehrer bin bald Freiwild und muss mich immer und überall filmen und fotografieren lassen. Die Welt is schlecht” - das kann man alles sagen. Originalzitat aus dm Lehrerzimmer gestern: “Du kannst den Piraten ja nicht nahestehen, du redest ja noch mit uns.

Ich habe auf dem letzten Modul meines Trainer-Trainings etwas erprobt. Die Grundidee besteht darin, zu sagen: “Ja. Es gibt Handys. Ja. Die Verbreitung dieser Geräte wird zunehmen. Ja. Wir werden das Zeug bald nicht mehr verbieten dürfen.”

Ich möchte gerne einen Vertrag mit Schülern, Eltern und Lehrkräften erarbeiten, der wesentliche Dinge der Nutzung digitaler Endgeräte an der Schule regelt und in einer Art “Festakt” von allen Beteiligten Gremien unterschrieben wird. Wer an der Schule ein Gerät einschaltet, erkennt damit den Vertrag an. So ein Vertrag kann:

  1. Regeln, wann und wie die Nutzung digitaler Geräte erwünscht ist
  2. Welche Konsequenzen bei Fehlverhalten eintreten (SuS könnten bei der Art der Konsequenz natürlich mitbestimmen)
  3. Überlegungen dazu anstellen, inwieweit solche Geräte dann auch in der Schule versichert sind, wenn sie als “Unterrichtsmittel” zugelassen werden
  4. In der Verhandlungsphase ein Bewusstsein für die Ängste und Chancen schaffen, die mit diesen Geräten verbunden sind.
  5. Eine pädagogische und keine rechtliche Diskussionsgrundlage im Falle von Grenzüberschreitungen ermöglichen
  6. Bisher demokratische gemeinte Strukturen realdemokratisch an Schulentwicklung beteiligen – deswegen sollte es schon ernst gemeint und kein Feigenblatt zum Transport der ausschließlichen Bedürfnisse von Lehrkräften sein
  7. Einblicke in politische Arbeit geben
  8. Die Schule in der Öffentlichkeit als “modern” dastehen lassen
  9. [...]

Nein, ein solcher Vertrag ist nicht rechtlich bindend. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Es geht darum, mit einem nicht durchsetzbaren, rechtlichen Rahmen pädagogisch umzugehen. Ich würde da auch keinen Juristen heranlassen.

Ich selbst…

… baue ja ein WLAN für unsere Schule auf. Ich habe das Glück, über eine Schulserverlösung zu verfügen, mit der ich Schritte gehen kann zwischen: “Keiner darf!” und “Jeder darf sofort alles!”. Das Bedürfnis nach einem offenen WLAN mag für den modernen Web2.0-Lehrer zwar individuell groß sein – wenn das System aber ggf. eigenmächtige “Öffnungen” im Falle von Missbrauch nicht auffangen kann, ist u.U. Erde für Jahre verbrannt. Ich habe vor, folgende Schritte zu gehen:

  1. Offenes WLAN für Lehrkräfte und Schulgeräte in möglichst allen Gebäudeteilen
  2. Zugriff auf das Intranet der Schule für Schüler mit Anmeldung an einem Hotspot
  3. Freigabe weniger ausgewählter Seiten für Schüler
  4. Prinzipielle Freischaltung des Internet in bestimmten Gebäudeteilen für SuS. Dabei kann die Lehrkraft bestimmen, welcher Schüleraccesspoint ein- oder abgeschaltet wird.
  5. Einen Vertrag aushandeln
  6. Das WLAN generell öffnen
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WLAN-Planungen in der Schule

vom 14. April 2012, in Tech-Talk, von Maik Riecken

Plant man ein WLAN in der Schule, so hat man mehrere Möglichkeiten. Dabei setze ich einmal voraus, dass grundsätzliche Funktionen, z.B. eine zentrale Wartung (alle Accesspoints zeitgesteuert deaktivieren/aktivieren, Gastlogins über z.B. Hotspotfähigkeit, möglicher Aufbau eines Meshnetzes – das ist übrigens die Zukunft – usw.) umgesetzt werden. Außerdem kalkuliere ich, dass irgendwann zwischen 200-300 Geräte in diesem Netzwerk gleichzeitig aktiv, d.h. nicht nur angemeldet sind.

Der Wunsch

Man lässt eine Firma anrücken, die über entsprechende Messtechnik verfügt, um die gesamte Schule auszuleuchten. Auf diese Weise ist relativ schnell klar, wo welche Accesspoints gesetzt werden müssen, um eine gute Abdeckung zu erreichen. Je nach Ergebnis des Messprotokolls sind ggf. weitere Installationsarbeiten notwendig. Nicht überall liegen die erforderlichen Netzwerkkabel und ggf. zusätzliche Stromversorgungen. Ich bin übrigens kein Freund von PoE-Lösungen, d.h. der Accesspoint wird über das Netzwerkkabel mit Strom versorgt, da die dafür erforderlichen Switche nicht günstig sind und man sich eine mögliche Fehlerquelle mehr auf das Netzwerkkabel bringt. Ein schönes Nym-Kabel transportiert bis zu 3600 Watt und taugt dann auch für die Versorgung von Beamern, AppleTV oder sowas… Ein gute Firma wird dann Businessaccesspoints von Cisco, Lancom , Zyxel, Netgear usw. setzen. Die Einstiegsklasse fängt bei solchen Geräten um die 300-400 Euro je Gerät an – dafür nehmen sie aber auch wirklich 90-100 Clients in ihre Funkzelle auf und halten.

Je nach Größe der Schule ist man recht flott bei 20-30.000 Euro – für ein großes Schulzentrum können es auch 50.000 Euro sein. Dafür hat man etwas Anständiges, um das man sich weder bei der Planung noch bei der späteren Wartung großartig kümmern muss.Wenn man auf eine gute Dokumentation achtet, kann man ggf. sogar die Firma wechseln, falls irgendwann irgendetwas nicht passt.

Die Realität

  • Es gibt jenseits größerer Technologiezentren kaum Firmen, die über ein entsprechendes Know-How verfügen, potentiell weit über 100 Geräte per WLAN zu versorgen. Sie einzufliegen nützt nichts, da man immer noch Partner vor Ort für die Wartung braucht. Die Kosten für Wartungsverträge mit SLAs übernimmt kaum ein Schulträger, weil das seine finanzielle Möglichkeiten weit überschreitet.
  • Ab 20.000 Euro Investitionskosten – teilweise deutlich darunter – muss man schon sehr gut begründen, wenn man so etwas gebaut haben möchte. Zwischen Antrag und Realisierung werden Jahre mit Technologiesprüngen liegen, die die vorliegende Planung bald überholen.
  • Extern geplante Netze sind auf Zeit geplante Netze. Sie werden irgendwann selbst von Technologiesprüngen überholt werden
  • Bei der Netzwerkplanung sind oft mehrere Gewerke beteiligt: Elektriker, Netzwerkfirmen, Hardwarefirmen – oft passt hinterher nix mehr zusammen, keiner ist’s gewesen und Schuld hat immer der andere. Da es dann keine Doku gibt, vergehen oft Stunden, bis einfachste Probleme gelöst werden können – das fängt schon bei Passwörtern für Konfigurationsoberflächen an.
  • Als technisch Ahnungsloser wird man die Zeit, die man sonst mit Bastelei (und Lernzuwachs) verbracht hätte, mit Telefonieren, Mahnen, Hinterherlaufen, Schimpfen und Genervtsein verbringen.

Unbedingte Voraussetzung beim Aufbau eines solchen Netzes durch eine Firma ist externe Beratung. Die projektiert ggf. auch konkrete Pflichtenhefte für die einzelnen Gewerke und koordiniert während der Bauphase. Natürlich sind da entsprechende Stundensätze zu kalkulieren – aber das machen auch viele Hausbauer m.E. falsch: Der externe Gutachter wird gespart, weil das Gutachten 3000-4000 Euro kostet. Bei einer angenommenen Bausumme von 200.000 Euro für ein EFH ist dieser Betrag aber eher gering und spart unter Umständen durch Vermeidung von Planungsfehlern Nachbesserungen, die schnell ein Vielfaches der Kosten für einen Gutachter betragen.

Der Pragmatismus

Der Pragmatismus – vor allem der finanzielle – besteht darin, Dinge selbst zu tun, die man selbst tun kann. Dazu gehören nicht:

  • das Verlegen von 230V-Leitungen und Setzen von Steckdosen
  • das Durchbohren von (Brandschutz-)Wänden zur Verlegung von Netzwerkkabeln
  • die gemeinsame Verlegungen von Netzwerkkabeln und 230V-Leitungen in einem Kanal (es gibt aber Kabelkanäle mit Trennsteg)

Viele Hausmeister sind aber gelernte Elektriker und wissen über die VDE-Normen Bescheid. Sie dürfen in der Regel nicht selbst aktiv werden, können aber Arbeiten von Firmen kontrollieren. Dinge, die man selbst tun kann, beschränken sich also darauf, bereits vorhandene Installationen zu nutzen. Ab Netzwerk- oder Steckdose darf man mit einem fertig gekauften Gerät hantieren.

Kern meines Hantierens ist für mich zurzeit die kostenlose Routerdistribution DD-WRT. Es handelt sich um eine weitgehend freie Firmware, also eine Art Betriebssystem für Router. Es werden unzählige Modelle unterstützt. Hier kann man schauen, ob die vorhandene Hardware dazugehört. Das Schöne ist, dass DD-WRT auf jedem Router gleich aussieht – die Bedienung hängt also nicht mehr vom Typ des Routers ab. Mit DD-WRT erhalten viele günstige Router Funktionen, von denen wesentlich teurere Business-Accesspoints träumen – ich zähle hier mal die offensichtlichsten auf:

  • an den Switch eines modifizierten Routers könne weiter Router angesteckt werden (weiterer WLAN-Ausbau)
  • der Router kann als Accesspoint, als Repeater oder als Bridge konfiguriert werden – das ist gerade in schlecht ausgebauten Altbauten von fulminanter Bedeutung
  • Man kann eine Hotspotfunktionalität wie an Unis oder Hotels realisieren (der IServ bringt übriges fast alles dafür schon mit)
  • Viele Router können mit DD-WRT zeitgesteuert werden, d.h. das WLAN ist z.B. nachts oder an Wochenenden inaktiv
  • usw.

DD-WRT ist sehr gut in Englisch dokumentiert – auch deutschsprachige Foren gibt es. Für Linuxer ist es auch kein Problem, eine Zeitsteuerung für das WLAN zu integrieren. DD-WRT bringt eine Konsole mit, über die man via Script den WLAN-Chip ein und ausschalten kann. Ich habe dafür einen Cronjob auf unserem IServ erstellt, der das per Key-Auth auf fast jedem Router bei uns in der Schule erledigt. Oder man kann den WLAN-Schlüssel für die gesamte Schule zentral per Konsole setzen… Ich halte beides für einen Sicherheitsgewinn.

Ich habe zurzeit zwei Gerätetypen mit DD-WRT hier im Schulnetz im Einsatz: Den Linksys WRT54GL als Paradevertreter von Stabilität und Robustheit und den TP-Link TL-WR1043ND, den man mehr als “jungen Wilden” bezeichnen kann. Beide werden von DD-WRT gut unterstützt, beim TP-Link muss man die Zeitsteuerung per Konsole nachrüsten, während sie beim WRT54G über die Oberfläche eingestellt werden kann. Beide funken nur m 2,4Ghz-Band – die nächsten Router bei mir werden auf jeden Fall dualbandfähig sein, also auch 5Ghz unterstützen. Der TP-Link funkt auch im N-Modus und erreicht hier übliche Übertragungsgeschwindigkeiten von 65-107Mbit/s, während der Linksys auf maximal 54Mbit/s kommt (G-Standard).

Konfigurationstipps:

  1. Weboberfläche nur per HTTPS zugänglich machen und auch die Statusseite von DD-WRT mit einem Passwort schützen
  2. SSH-Zugriff nur über Key-Auth
  3. Alle Router einer Schule sollten unter einer einheitlich SSID senden – dann klappt sogar “Handover”, bzw. man merkt nicht, dass man kurzzeitig beim AP-Wechsel keine IP hat. Ich kann fast durch das ganze Schulgebäude laufen ohne die WLAN-Verbindung zu verlieren. Zudem vermeiden man bei unerfahrenen Nutzern, dass sie mehrere Netzwerke einrichten müssen. Ist ein AP überlastet, sucht sich das Gerät zudem in der Regel einen anderen – wesentlich(!) weniger Fragen von Benutzern…
  4. N-Router sollten nur die AES-Verschlüsselung zulassen, da TKIP nur für WLAN-G spezifiziert ist und man so nicht die N-typischen hohen Datenraten erhält
  5. Die Router sollten ihre externe IP nach Möglichkeit per DHCP bekommen, weil ich so zentral am DHCP-Server bestimmen kann, wer welche IP erhält
  6. Ein extrem wichtiger Helfer beim Setzen der Accesspoints ist ein Handy mit einem WLAN-Analyzer. Den gibt es für alle gängigen Mobilplattformen.

Anderes Thema: Ist das meine Aufgabe?

Nein. Aber wenn ich möchte, dass mobiles Lernen möglich wird, kann ich entweder:

  • darauf warten, dass sich die unermüdlicher Forderer politisch durchsetzen, so dass der Schulträger zum Handeln gezwungen wird. Leider sehe ich wenig Einigkeit darüber, was denn der Standard sein soll oder in welchem Bereich er sich bewegt.
  • heute etwas tun, um die bestehende Situation konkret zu verbessern. Dazu bedarf es nichts außer der Bereitschaft in diesem technischen Bereich zu lernen – das Wissen dazu ist im Netz.
  • beides kombinieren

Realität ist, dass sich einzelne Lehrer zurzeit aus Not selbst etwas basteln, z.B. mit dem mitgebrachten Hotspot. Das kann ich auch und habe es lang so gemacht. Es nützt dem System Schule m.E. aber überhaupt nichts. Die Abhängigkeiten werden nur andere. Daten müssen irgendwo liegen, um ausgetauscht zu werden. Eine Schulcloud finde ich sympathischer als Web2.0-Dienste oder im beste Fall angemieteten Webspace.

 

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Barcamp vor 20 Jahren

vom 30. März 2012, in Methoden, von Maik Riecken

Das Barcamp als Unkonferenz kenne ich vom Prinzip her seit über 20 Jahren – das klingt vermessen. Die Struktur war auf unseren damaligen Zeltfreizeiten ein sehr fester Bestandteil. Die “Sessions” hießen dort bloß “Interessengruppen”. Man traf sich mit einem Teilnehmenden und Mitarbeitern in einem großen Kreis und setzte sich auf den Rasen. Danach konnte jeder eine Interessensgruppe vorstellen – Teilnehmende und Mitarbeitende gleichermaßen. Einige Vorstellungen gelangen, einige nicht. Zum Gelingen war es gut:

  • deutlich und mit Präsenz zu sprechen
  • etwas dabeizuhaben, was man produzieren wollte
  • eine Beziehung zwischen der intendierten Tätigkeit und dem Publikum herzustellen

Jeder “Sessionleiter” bestimmte einen Ort als Treffpunkt (das ist unter freiem Himmel auf einem großen Zeltplatz auch ohne Sessionplan möglich) und dorthin kamen dann Interessierte oder auch nicht. Es gab Interessengruppen, in denen musiziert, in denen gewerkt (Silberdrahtbastelarbeiten bis Lochkamera), gespielt, vorgelesen oder diskutiert wurde. Wem  es während der Session zu langweilig wurde, setzte sich ab oder ging zu einer anderen. Die Produkte der Session flossen nach und nach ins Freizeitleben ein (z.B. Gesangsvorträge am Lagerfeuer), waren an den Teilnehmenden selbst zu sehen (Schminksession), wurden ausgestellt oder, oder, oder… Wir hatten keine Kommunikationstechnik. Aber es gab die ersten PCs mit Comic Sans als Schrift (für die Freizeitzeitungsredaktion). Thematisch stand unser Barcamp nicht unter einem Oberbegriff. Aber es gab erfassbare Produkte aus jeder Session.

Mir wird heute bewusst, dass wir dort Bildungsarbeit geleistet haben, die ihrer Zeit aus heutigem Blickwinkel um zwei Jahrzehnte voraus war. Disziplinprobleme? Nunja – gab es. Aber auch genug Menschen, die sich dann eben einen Tag Zeit nehmen konnten: Auf vier Teilnehmer kam ein Mitarbeitender. Sehr viele Kinder fuhren auf Kosten des Sozialamtes mit. Wer das war, wusste keiner, weil es irrelevant war. Vielleicht ist alles viel einfacher als wir denken: Einfach mehr Zeltfreizeit an die Schulen bringen.

PS:

Wir sagten irgendwann nicht mehr “Zeltlager”, “Kinderlager” und “Jugendlager”. Das lag an unseren Besuchen in Auschwitz/Birkenau und war in unserer Mitarbeitergruppe heftig umstritten. Leute, die das umgesetzt haben wollten, hießen spöttisch “Schwebis”.

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In Schulen eigene, teure Netzwerkinfrastruktur aufzubauen sei irgendwann überflüssig, da schließlich mit UMTS und LTE neue Technologien zur Verfügung stünden, die in absehbarer Zeit jedwede eigene technische Installationen überflüssig machten – dieses Argument höre ich sehr häufig im Netz und lese es auch gelegentlich in ernstzunehmenden journalistischen Texten.

Ich bin kein Spezialist für Kommunikationstechnik, möchte aber dennoch begründen, warum ich dieses Argument von einem heutigen Standpunkt aus nicht gelten lassen will. Dazu muss ich etwas ausholen:

LTE und UMTS sind sogenannte Shared-Medien, d.h. alle Nutzer einer Funkzelle auf einem Sendemast teilen sich die maximalen Bandbreiten, die mit diesen Funktechnologien möglich sind. Der Datentransport bei UMTS und LTE ist ziemlich genial gelöst, so dass das erstmal nicht so auffällt. Ein gutes Bild dafür findet sich in diesem Artikel:  LTE und UMTS-Masten senden ein Frequenzmischmasch, was mit den Stimmen auf einer WG-Party vergleichbar ist. In diesem Unterhaltungsbrei werden simultan unglaublich viele Informationen ausgetauscht. Der Umfang dieser Klangmenge ist begrenzt durch die Anzahl der Sprechenden, die akkustische Verhältnisse und die Gesamtlautstärke. Um eine bestimmte Information aus diesem Unterhaltungsbrei herauszuhören, muss ich mich auf die Stimme und das Gesicht eines Menschen konzentrieren.

Ein Handy oder Pad mit UMTS-Modul “konzentriert” sich nicht auf Stimmen, aber es erkennt die für sich bestimmten Pakete (“Worte”) in diesen Frequenzbrei an einem Schlüssel, den es vorher mit der Basis ausgehandelt hat. Je mehr Teilnehmer “zuhören”, desto mehr muss verschlüsselt und entschlüsselt werden und desto niedriger ist die zu Verfügung stehende Bandbreite.Die Übergabe an eine andere Funkzelle ist wegen der Verschlüsselung technisch nicht trivial – daher stockt heute schon im UMTS-Betrieb gerne mal der Datenstrom im Zug.

Die Einstiegsklasse bei LTE beträgt etwa 21Mbit/s. Das entspricht etwa 1/50 der heute mit günstigen Schraddelkabelnetzen erreichbaren Geschwindigkeit. Surfen 25 SuS in einem Raum mit ihren Pads, bleibt für jeden eine Bandbreite von 0,84Mbit/s, also etwa DSL768. Macht das unsere Schule mit der Hälfte (700) der Schüler gleichzeitig, sind es noch 0,03Mbit/s – also etwa Modemgeschwindigkeit. Allerdings unter folgender Idealisierung:

  • es entsteht kein Overhead durch die Verschlüsselung/Protokollfehlerkorrektur
  • die Verhältnisse erlauben die Verbindung mit Maximalspeed
  • die Geräte stören sich nicht gegenseitig
  • in der Funkzelle ist niemand außer den SuS unterwegs

Mit einem billigen Schraddelnetzwerkkabel und x Accesspoints der neusten Generation (ca. in einem Jahr), erreichen unsere 700 Schüler eine Geschwindigkeit von 1,4Mbit/s – garantiert. Das reicht für HD-Material durchaus aus – wenn es gut kodiert ist. Und es geht schon heute – nicht erst wenn der LTE-Ausbau vorangeschritten ist. Voraussetzung ist hier natürlich auch wie beim Mobilfunksendemast ein geeignet dimensionierter Uplink ins Netz.

Man kann das dadurch lösen, dass man mehr Funkzellen baut, stößt dabei aber auch irgendwann an Grenzen, da der für UMTS und LTE nutzbare Frequenzbereich schmal ist und unter mehreren Mitbewerbern auf dem Markt aufgeteilt werden muss. Zudem eignet sich für Mobilfunkanwendungen eben nicht jeder Frequenzbereich gleichermaßen gut.Die Strahlenbelastung sinkt übrigens paradoxerweise durch den Aufbau weiterer Masten. Handys funken dann am stärksten, wenn sie auf dem letzten Balken röcheln.

Die Geschwindigkeitszuwächse im Mobilfunkbereich der letzten Jahre sind im Vergleich zum klassischen WLAN- und LAN-Bereich eher niedlich. Gerade in der Glasfaser steckt erhebliches Potential. Noch nicht im Ansatz ausgeschöpft sind die Möglichkeiten von Ad-Hoc-Netzen, die es zurzeit nur zu horrenden Preisen als fertige Lösungen oder eben gebastelt mit frickeligen Clienteinstellungen gibt, die dann niemand versteht.  Ich stelle mir den Unterricht der Zukunft schon mit qualitativ hochwertigen und damit bandbreitenhungrigen Medien vor. Video- und Audiokonferenzen mit anderen Schulen auf der Welt wären doch auch was.

In Zeiten von ACTA möchte ich zudem nicht auf rein cloudbasierte Lösungen angewiesen sein und eine großer Vertrag (Internetuplink) kommt in der Regel immer günstiger als 1400 kleine Einzelverträge.

Wäre UMTS/LTE wirklich eine Lösung, würde ich heute in Betrieben Femtozellen erwarten. Die gibt es, z.B. bei Google. Aber dort übertragen sie Telefongespräche und keine Multimediadaten. Wäre UMTS/LTE für die lokale Anbindung von Geräten an das Internet eine nachhaltige Lösung, wären doch große Player die ersten, die so etwas nutzen.

Vielleicht spielt bei den LTE-Hoffnungen eher hinein, dass an Schulen extrem schlechte Erfahrungen mit den Netzwerken gemacht werden. Das liegt aber an anderen Dingen, z.B. an der Auslegung derselben. Klar funktioniert UMTS/LTE super – aber selbst ein GSM-Netz bricht zusammen, wenn viele Endgeräte auf engem Raum zusammenkommen. Und dann gibt es keinen Schulträger, den man fragen kann, sondern einen Technologiepartner aus der Wirtschaft, an den man selbst und die SuS mit Zeitverträgen gebunden ist. Meine Definition von Freiheit sieht da anders aus.

Die Entwicklung in diesem Bereich geht weiter – klar. Unglaublich viel habe ich hier unglaublich vereinfacht dargestellt. Aber auch die Physik wird weiter gelten. Frequenzen sind unglaublich wertvoll und gehen für Milliarden über den Tisch. Nicht nur internetbasierte Dienste schielen auf Geschäftsmodelle auf Basis von Kommunikationsnetzen.

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Appleprodukte und ich

vom 19. Januar 2012, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Halina Zaremba / pixelio.de

 

Unter Eltern ist folgende Anekdote bekannt:

“Mein Kind ist seine Mandarine nur, wenn ich sie ihm geschält und zerlegt in die Tupperdose lege. Tue ich das nicht, kommt sie ungegessen wieder zurück. Das ist jeden Morgen echt ein ziemlicher Aufwand und eigentlich kann es doch nicht so schwer sein, die Mandarine selbst zu schälen! Aber ich will doch, dass mein Kind Obst isst. Was soll ich nur tun? Mich nervt das!”

Kinder sind heute sowohl im Kindergarten als auch in der Schule nicht unerheblichen Belastungen ausgesetzt. Nicht selten ginge die Schälzeit von wertvoller Spielzeit ab. Gleichwohl wird diese durch Lebenszeit der Erwachsenen bezahlt – je nachdem wie man seine Elternrolle auffasst, wird man in solchen oder ähnlichen Situationen reagieren, in denen man eine Entscheidung zwischen “Selbstständigkeit fördern” und “Bewahren vor nicht kindgerechten Belastungen” zu treffen hat. Das Mandarinenbeispiel dürfte eines der harmloseren sein. Natürlich hätte ich persönlich auch lieber eine geschälte Mandarine in meiner Frühstücksdose! Mein Alltag ist auch voller Belastungen und alles, was mir das Leben leichter macht, ist zunächst einmal positiv für mich – das sollte ich mir einfach wert sein.

Ich halte Appleprodukte für eine geschälte und zerlegte Mandarine. Apple hat mein Bedürfnis nach Erleichterung begriffen und gibt mir durch ein funktionales und hervorragendes Design eine echte Entlastung in meinem Lehreralltag.

Trotzdem will ich, ich ganz persönlich, Apples geschälte Mandarine nicht. Das hat mit den ideellen Kosten zu tun, die für mich zu hoch sind, dass ich nach wie vor lieber selbst schäle oder eben dafür andere Werkzeuge einsetze. Wäre ich nicht zusätzlich der Überzeugung, dass der technische Ansatz von Apple auch Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, zögerte ich keine Minute, selbst eine iPad-Klasse ins Leben zu rufen. An Möglichkeiten dazu fehlt es hier vor Ort im Gegensatz zu anderen Landkreisen definitiv nicht. Finanziell stehen wir glänzend ausgestattet da. Um zu erklären, warum ich nicht auf den gerade anrollenden Zug aufspringe, muss ich etwas ausholen.

Apple verkauft proprietäre Appliances, d.h. eine Verbindung aus Hard- und Software. Apple tut sehr viel dafür, dass sich beide Komponenten nicht ohne Weiteres trennen lassen. Das gelingt der Firma im Bereich der Mobilgeräte z.Zt. natürlich weitaus besser als im Desktopumfeld.

Eine Appliance hat Vorteile:

  1. Sie funktioniert
  2. Sie besitzt eine konsistente Oberfläche
  3. Sie hat eine intuitive Oberfläche, die sich mühelos bedienen lässt
  4. Sie ist durch das geschlossene Konzept wartungsarm und zuverlässig
  5. Im Falle vom Appleprodukten sind die Geräte langlebig und hochwertig verarbeitet

Eine Appliance hat Nachteile:

  1. Jede Funktion der Appliance ist abhängig vom Hersteller der Appliance
  2. Eine Appliance ermöglicht genau das, was der der Hersteller der Appliance ermöglichen will
  3. Eine Appliance ist nicht transparent
  4. Die Sicherheit der Appliance bewegt sich im Rahmen der Sicherheitsvorstellungen des Herstellers
  5. Was die Appliance tut, entzieht sich gängigen Kontrollmechanismen. Vertrauen ist angesagt.

Und – für mich sehr wichtig: Mit einer Appliance lernt man, die Mandarine zu essen und zu genießen, nicht sie zu schälen. Zudem wird man bald erwarten, dass alle Mandarinen geschält sind und sie nur noch so akzeptieren. Ob das ok ist oder nicht, muss jeder für sich entscheiden und der Kontext spielt zusätzlich eine Rolle: Wenn eine Appliance in einem eng begrenzten Umfeld etwas macht, was Experten (huch – die sollen doch bald überflüssig sein?) besser können als ich, dann ist das absolut sinnvoll – Firewalls für Rechenzentren sind oft als Appliance realisiert. Wenn eine Appliance jedoch wesentliche kommunikative Abläufe in meinem Leben strukturiert und bestimmt, dann tue ich mich schwer damit. Mein “Nichtexpertentum” ist diesem Bereich für einen Anbieter Kapital – und zwar nicht bezogen auf eine hochspezialisierte Nische.

IT beherrscht unser Leben. Informatik ist für mich ein Fach, welches z.B. zeigt, wie man Mandarinen schält, welche unterschiedlichen Ansätze dafür existieren und wie sich der Prozess des Schälens optimieren lässt. Wer keine Mandarinen schälen kann, ist auch anfällig dafür, mit einem Kolbenfresser auf der Autobahn liegenzubleiben, weil der Bordcomputer den defekten Öldrucksensor nicht gemeldet hat. Der Blick unter die Motorhaube auf den Peilstab ist heute eben nicht mehr zeitgemäß.

Ich habe Freude am Verstehen. Ich habe Freude daran, hinter die Fassaden zu schauen. Ich freue mich über einfache und geniale Lösungsstrategien, die ganz andere Wege gehen. Ich möchte das Menschen vermitteln. Dafür muss ich Mandarinen haben, die noch eine Schale besitzen. Ein Appleprodukt hat für mich keine Schale mehr. Allein das saftige, perfekt freigelegte Fruchtfleisch bleibt. Ich möchte eine Mandarine sehen, wie sie ist und nicht wie sie mir jemand mundgerecht in die Obstdose gelegt hat. Deswegen benutze ich OpenSource, deswegen bekomme ich von den “Technikaffinen” oft genug den Stempel “Nerd” – nicht weil die Mandarinen da nicht geschält wären, sondern weil ich das Ganze sehe könnte, wenn ich wollte und Zeit hätte. Das ist meine Vorstellung von Unabhängigkeit. Ja – und ich genieße auch das Staunen anderer Menschen, wenn sie fragen: “Wie machst du das nur?” – Meine Anwort: “Ich schäle Mandarinen selbst. Schon ganz schön lange.”

PS: Keine Sorge. Ich baue auch Netze für geschälte Mandarinen inkl. Genießerkurse. So realistisch bin ich dann schon.

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