Ich bin schuld

vom 22. April 2011, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Das ist quasi mein zweiter Name als Lehrer 1.0. Was ist Schuld eigentlich?

Als Voraussetzung für Schuld wird meistens angenommen, dass der Schuldige die Wahlmöglichkeit hatte, die als schlecht definierte Tat zu unterlassen. In der Philosophie wird die Schuldfähigkeit deshalb oft auf die Willensfreiheit zurückgeführt. Nach der Theorie des Determinismus, welche bei rückschauender Betrachtung das Handeln des Menschen in anlage- und umweltbedingten Bestimmungskräften begründet sieht, ist in Ermangelung der Fähigkeit des Menschen, sich frei zwischen Gut und Böse zu entscheiden, dem Schuldprinzip der Boden entzogen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Schuld_%28Ethik%29#

Kompliziert. Zumal es ja auch noch weitere Dimensionen von Schuld gibt, z.B. die Schuld gegenüber der eigenen Person – meist offenbar an so Dingen wie mangelnde Selbstannahme, die eine Fülle von Verhaltensweisen und Gang zu setzen vermag, die weitere Schuld gegenüber anderen Menschen evoziert: Wer sich selbst nicht lieben kann, vermag das auch nicht bei anderen Menschen – einer der wenigen Punkte, in dem sich Psychologie und Christentum einmal einig zu sein scheinen.

Beziehungen scheitern gar nicht einmal so selten an gegenseitigen Schuldzuweisungen. Schuld zuweisen hat eine immens wichtige psychologische Funktion: Mit der Übertragung von Schuld nehme ich Verantwortung von meiner eigenen Person – wenn etwas oder jemand schuld sein kann, dann bin ich es nicht mehr und Verantwortung habe ich auch keine. Selbstschutzmechanismus.

Lehrer machen das, wenn sie sagen: Tja. Das System ist schuld – ich kann gar nicht anders handeln. So ganz klappt diese Strategie in der Fläche zwar nicht ganz, aber es ist eine symptomatisch orientierte Strategie, die Momentansymptome zu bekämpfen vermag, aber eben auch Energie erfordert, vielleicht genau die Energie, die zum Umsteuern des Tankers erforderlich ist.

Viele Kräfte in der Gesellschaft wissen, dass das Schulsystem schuld ist, z.B. an psychischen Krankheiten unter SuS, an wachsender Gewaltbereitschaft, an der Gefährdung der Zukunftfsähigkeit dieses Landes usw.. Sie haben Recht.

  • Wie attraktiv ist ein Beruf, der schuldbeladen ist?
  • Wie frei agiert ein Mensch, dem Schuld zugewiesen wird?
  • Welches Vorbild wird er seinen SuS sein?
  • Wie defizitorientiert wird er agieren?

Die Schuld bleibt. Der Energieverbrauch zur Abwehr der Schuldzuweisungen auch. Die Konsequenzen für die SuS obendrein. Man müsste einmal darüber sprechen, wie man damit umgeht – z.B. bei einer verpflichtenden Supervision. Ich wage zu behaupten, dass dort 95% der Probleme mit dem Thema Schuld zu tun haben werden.

  • Wie machen das Lehrerinnen und Lehrer, die wir als Vorbild sehen?
  • Welche psychologischen Strategien wenden sie an?
  • Wie viel Schuld tragen sie?

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Über (die meisten?) Lehrer

vom 11. April 2011, in Aus der Schule, Gesellschaft, von Maik Riecken

So sieht ein Autor die meisten von uns Lehrern, der öfter in der TAZ veröffentlicht:

“Lehrer, die einen gegliederte Schule anerkennen oder sogar anbeten, müssen sich einen neuen Job suchen. Wir lassen auch keine Päderasten, Nazis, Kommunisten etc. auf unsere Kinder los.”

(Christian Füller, Publizist und Autor auf seiner Webseite http://www.pisaversteher.de)

Das Zitat stammt aus einem längeren Artikel, der auch die Hintergründe dieser Aussage darstellt (wesentlich für das Verständnis des Artikels ist eine geschichtliche Analogie). Man kann dort auch kommentieren. Christian Füller ist nach seinen Aussagen auf der Webplattform Twitter an einem klaren Kommunikationsstil gelegen.

Ich bin zur Zeit ratlos, wie ich damit umgehe. Und froh bin ich: Dass hier vor Ort fast niemand mir auf Twitter folgt. Wie es zu einem Zitat dieser sprachlichen Bauart kommt, wäre wahrscheinlich nicht vermittelbar und würde viele Bemühungen der letzten Jahre zu Staub zerfallen lassen.

Da das Zitat nicht das meine ist, sollte die Diskussion auch nicht hier, sondern direkt in Christian Füllers Blog stattfinden. Daher habe ich undemokratisch die Kommentare für diesen Artikel deaktiviert.

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Transformationen der Macht

vom 11. Januar 2011, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Ein alter Hof auf einer noch älteren Warft irgendwo auf einem Nordseeeiland. Hektisches Treiben auf den Gängen. Zettel werden auf einen Tisch mit drei schmunzelnden Menschen gelegt. Auf den Zimmertüren hängen Zettel mit Aufschriften wie “Würfelfrucht Inc.” oder “Urlaub Perfekt” oder gar “Regierung”. Auch Ortsnamen sind vertreten “Lino” z.B. – ein mickriges Dorf bestehend aus drei Bauern und einem Tischler. Das unentdeckte Eiland “Safo” muss sich entscheiden: Entweder ein Flughafen für die Touristen (und “Urlaub Perfekt”) oder ein Industriehafen für Würfelfrucht Inc. Beides geht nicht – so sind die Regeln. Ich bin übrigens Wirtschaftsminister in diesem Spiel. Irgendwann hat mich keiner aus dem Volk mehr lieb und meine Entscheidungen werden wahrhaftig immer sinnbefreiter. Jeder Strohhalm, jeder Ausweg ist mir recht. Im Jahr davor war ich Bauer. Da habe ich den Protestmarsch auf das Regierungszimmer angezettelt. Mit Transparenten, mit Parolen. Das war irgendwie cooler.

Es ist eines der besten Planspiele, die ich kenne. Leider wird es nicht mehr aufgelegt und die Rechtelage ist unklar – dabei habe ich alle Rollen und Regeln noch digital vorliegen.

Man lernt bei Planspielen etwas über Macht, da sich ein gutes Planspiel verselbstständigt und dann reale psychologische und soziale Prozesse einsetzen, die Welt abbilden, wie sie ist. “Safobauer” sein ist immer einfach:  Wenig Verantwortung, mit ein bisschen Grips und Vernetzung (ging auch schon vor mehr als 20 Jahren) konnte man den Mächtigen eine Menge Probleme machen – aber entschieden haben dann doch andere. Zum Schwitzen bringen konnte man sie – mehr nicht.

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Burnout

vom 29. November 2010, in Aus der Schule, von Maik Riecken

Wenn du…

  • deine Zynik zum Selbstzweck erklärst, d.h. du kannst gar nicht mehr über Schule und vor allem Schüler reden, ohne zynisch zu werden
  • Kritik mehr wahrnimmst, als Offenheit und Interesse
  • dich zunehmend von deinen Kolleginnen und Kollegen zurückziehst
  • Stellvertreterkriege auch gegen die führst, die dir wohlgesonnen sind
  • Freund und Feind nicht mehr auseinanderhalten kannst
  • du nicht mehr siehst, dass es SuS gibt, die etwas leisten
  • du nicht mehr siehst, dass an deiner Schule Dinge gut laufen
  • du Engagement – vor allem pädagogisches – insgeheim belächelst, da es ja eh keinen Zweck hat
  • wenn du deine Erfahrung, nicht getragen worden zu sein, nun quasi als Lebensaufgabe auch noch anderen vermitteln willst

… dann such’ dir einen anderen Beruf oder einen Therapeuten. Deine Gesundheit und vor allem dein Herz werden es dir danken.

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Resignation

vom 11. Oktober 2010, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Ich bin es, die dir ein Zucken der Mundwinkel in dein Lächeln zaubert,

wenn du wieder einmal sagst, dass alles in Ordnung ist.

Ich bin es, die dir Kritik so tief in dein Herz gräbt,

dass alles ehrliche Lob vergangener Tage dagegen als ein Nichts erscheint.

Ich bin es, der dir den Satz mit der Sinnlosigkeit diktiert,

weil allein deine Einsamkeit und Ohnmacht mich am Leben erhalten.

Ich bin es, der dich nicht um Hilfe bitten lässt,

weil das eine Chance  ist, um Menschen näherzukommen.

Ich bin es, die dich dir selbst einen Maßstab diktieren lässt,

den niemand auf dieser Welt zu erfüllen vermag.

Ich bin es, die dich blind und taub macht,

für all das, was du täglich erreichst und in letzter Zeit erreicht hast.

Gib’ mir die Hand, du Lehrer.

Komm zu mir.

Ruiniere ich dein Leben, so trägst du mich weiter in viele andere.

Komm zu mir.

Wer es nicht kennt: Aus “Before Sunrise” – ein echtes Anti-Resignativum. Nur, damit sie nicht wirklich beim Lesen kommt.

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