Ich bin ein schlechter Lehrer…

vom 13. März 2010, in Aus der Schule, Pädagogik, von Maik Riecken

Dies ist ein fiktiver Artikel. Alle Schicksale und Namen sind erdacht. Das Allermeiste habe ich durch (Blog-)beiträge anderer Lehrer und Eltern(-foren) aufgeschnappt. Die Zahl 180 SuS ist für den gymnasialen Bereich realistisch, da das Deputat bei voller Stelle in etwa 6-7 Lerngruppen umfasst. Die systemkundigen Leser mögen beurteilen, ob die folgende Zusammenstellung irreal ist.

Die Ich-Form ist bewusst gewählt, um ein Identifkationsangebot zu schaffen. Der Ich-Erzähler des Textes ist selbst eine Fiktion und hat mit dem Autor (mir) nicht alles gemein – also nur das Gute…

Die SuS (keine Extremfälle):

  1. Petra hat AD(H)S. Sie kann sich nicht konzentrieren. Sie kann sich nur helfen, indem sie sich bewegt, indem sie laut ist, indem sie auffällt. Petra kann dafür nichts.
  2. Ulrich ist hochbegabt und ständig unterfordert. Ulrich fällt auf, wird zornig, stört. Ulrich geht mich vor der Klasse verbal an.
  3. Constanze ist still. Constanze schreibt hervorrragende Arbeiten, trägt zum Unterricht jedoch nichts bei. Bei Constanze müsste ich eigentlich ganz oft die Hausaufgaben nachschauen.
  4. Hussein kommt aus einem Haushalt, in dem der Mann alles und die Frau nichts zählt. Meine Kolleginnen quälen sich mit Hussein.
  5. Chloé ist sozial hoch engagiert. Sie setzt sich ständig für die Klasse ein, sagt mir, was aus ihrer Sicht schiefläuft, wo es brennt – mit Kolleginnen und Kollegen, in der Klasse. Ihr fehlt ein wenig Empathie und Redetechnik. Da müsste man sie fördern.
  6. Petr kommt aus einem klischeehaften(!!!) Spätaussiedlerhaushalt. Er kann keinen guten Aufsatz schreiben, weil zu Hause nur russisch gesprochen wird. Viele Worte versteht er einfach nicht. Petr bräuchte dringend Deutschförderunterricht.
  7. Haakon verhält sich unauffällig. Haakon entwickelt in Tests sehr eigenständige, hochinteressante Lösungsansätze, die er allein methodisch nicht sinnvoll zu Ende führt. Auf einen Dreier kommt Haakon immer. Man sieht Haakon aber an, dass er damit nicht zufrieden ist, dass er denkt: “Da muss doch noch mehr sein!”. Man müsste ihm mehr bieten.
  8. Martina ist ein hübsches Mädchen. Sie sagt von sich, dass sie für Naturwissenschaften eh zu dumm ist. Martina legt eher wert auf Mode. Martina glaubt nicht an sich. Martina liest keine Hausaufgabe vor, ohne vorher zu betonen, dass ihr Text schlecht ist oder irgendwelche Macken hat. Martina braucht dringend Unterstützung im Bereich Selbstbehauptung – vielleicht hilft Martina auch schon Mann-, äh: Frauschaftssport.
  9. Georginas Eltern haben sich kürzlich scheiden lassen.
  10. Cynthia war lange krank.
  11. … (bitte hochzählen bis 180)

Continue reading »

Tagged with: FörderungindividuellKritikSchule 

Lieber Bildungsforscher…

vom 29. Januar 2010, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Seit Jahren sagst du mir, wie ich unterrichten muss, um meinen SuS gerecht zu werden.

Seit Jahren sagst du mir, dass sich die Strukturen an meiner Schule grundsätzlich ändern müssen.

Seit Jahren forderst du Bildungsstandards ein.

Seit Jahren beeinflusst du die Politik, um deine Vorstellungen realisiert zu sehen

Seit Jahren sagst du mir, dass Bildung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist.

Bildungsforscher, ich muss dir sagen, dass du mir bisher nicht geholfen hast.

Seit Jahren steigen Klassenfrequenzen.

Seit Jahren werden meine Räume kleiner.

Seit Jahren wird Verwaltung – gerade durch dich – immer aufwendiger.

Seit Jahren kommt immer weniger meiner Kraft bei denen an, die es verdienen.

Seit Jahren werde ich durch immer neue Ideen gefordert.

Bildungsforscher, ich muss dir sagen, du nützt mir nicht.

Ich mache Projekte – du sagst: “Schon ganz schön, aber…”

Ich mache Evaluation – du sagst: “Nun aber auch Konsequenzen…”

Ich verändere meinen Unterricht – du sagst: “Der Anfang reicht nicht…”

Ich entwickle mich – du sagst: “Die Richtung stimmt ja…”

Ich sage: “Aber die schulische Realität…” – du sagst: “Tja, das kann ich nicht für dich ändern!”

Bildungsforscher, du nützt mir nicht.

Bildungsforscher: Wenn du derjenige bist,

der ausschließlich, sagt, lobbyiert, fordert, spricht, von mir verlangt,

dann fordere wenigstens nicht von mir, dein Verbündeter zu sein

und verurteile mich nicht für dieses Unvermögen.


Tagged with: BildungsforscherKritikSchuleUnterricht 

Reflexartig schroff

vom 25. November 2009, in Gesellschaft, von Maik Riecken

I mention this because so many discussions of the effects of new information technologies take the status quo as self-evidently good and bemoan how intellectual standards are being corroded (the ‘google-makes-us-stoopid’ mindset). They fall into the tradition of other technologically driven moral panics of the past two centuries, like the fears that the telephone, the telegraph, the typewriter, the postcard, radio, and so on, would spell the end of civilized society.

Steven, Pinker – us-amerikanischer Populärpsychologe über Menschen, die das Internet (Facebook & Co. kritisieren) via Philippe Wampfler.

Reflexartig schroff empfinde ich Reaktionen aus der Web 2.0-Gemeinde, die Kritiker am “System Internet” sofort kompromisslos in die Schranken weisen. Ist alles eine irrationale Angst vor der neuen Technologie wie es sie schon immer gab bei der Einführung neuer Medien wie dem Telefon, dem Fernsehen, dem Radio? Ebenso reflexartig folgt so oft der Ruf: “Wer es kritisiert, der versteht es nicht!”.

Es ist also so einfach. Die Kritiker verstehen nicht. Sie wollen oder können gar nicht verstehen. Internetausdrucker. Analoge. Basisdemokratieverhinderer.

Ich bin froh, dass der Großteil der Web2.0-Gemeinde nutzt. Ich bin froh, dass sie kommuniziert, publiziert, sich auch mit mir vernetzt, Zeit effektiv nutzt, mobil arbeitet – davon profitiere ich, dass bereichert als Werkzeug mein Leben, ich teile mein Wissen und vermehre es dadurch. Ich bin absolut fasziniert von Flashmobs, von der immensen Kreativität des Netzes, die mich auch kulturell anspricht.

Ich bezweifle, dass wir verstehen, was wir benutzen, um zu publizieren, zu kommunizieren, uns zu vernetzen. Wir schauen auf Oberflächen. Die müssen ansprechend sein und uns viel bieten. Wir können schließlich nicht alles wissen, das wäre zu viel verlangt. Wer es bezahlt, braucht uns nicht zu kümmern. Es ist ja da. Es ist cool.

Continue reading »

Tagged with: InternetKritikPinkerWeb2.0 

Soll ich das wirklich hochladen?

vom 25. Oktober 2009, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Es gibt immer wieder Versuchungen – Versuchungen, Bilder und Texte einfach so in das Netz hochzuladen. Wenn in der Profilansicht einer 19-jährigen Schülerin, die laut eigenen Angaben seit drei Monaten frisch verliebt ist, Werbung für ein neuartiges Verhütungsprodukt aufpoppt, dann denke ich als misstrauischer Mensch, dass eine Software das Merkmal “weiblich” mit dem Merkmal “frisch verliebt” korreliert, obwohl es wahrscheinlich nur ein Zufall ist – ganz bestimmt.

Ich habe mir für meine SuS einige Hilfsfragen ausgedacht, anhand derer man entscheiden kann, wie lange man beim Hochladen mit sich hadern soll (das Hochladen selbst wird keine dieser Hilfsfragen verhindern – so realistisch bin ich).

  1. Wäre es in Ordnung für dich, wenn dein Text/Foto/Forenbeitrag auf einer weißen Wand vor dem Hauptportal deiner Schule für jedermann sichtbar stünde?
  2. Wäre es in Ordnung für dich, wenn dein Bild auf der Titelseite des Regionalblattes erschiene?
  3. Wäre es in Ordnung für dich, wenn in dreißig Jahren jemand aus deinem Umfeld dank verbesserter Suchalgorithmen, dieses Bild, diesen Text trotz Nickname usw. dir zuordnen könnte?
  4. Wäre es in Ordnung für dich, wenn dein Vater/deine Mutter dich so sieht / sowas von dir liest?

Erläuterung:

Das Netz ist ein weltweites Publikationsmedium. Die Reichweite einer regionalen Veröffentlichung ist u.U. weitaus geringer, wenn zufällig relevante Suchkriterien durch z.B. EXIF-Daten eines Fotos erfüllt werden. Ich gehe zusätzlich davon aus, dass wir zunehmend mit unserer Netzidentität leben müssen und dass solche Daten nicht verloren gehen. Gestohlene Kundendaten von Großunternehmen sind ja im strengen Sinne nicht gestohlen – sie sind unauthorisiert kopiert.

Vielleicht bin ich ein misstrauischer Miesepeter – natürlich lernen Jugendliche und Kinder nur durch Erfahrung. Vor der Erfahrung, im Keller Schlagzeug spielen zu müssen, bewahren wir unserer Kinder. Vor der Erfahrung, sich ein Kinderzimmer mit einem Geschwisterkind teilen zu müssen, zunehmend auch. Vor der Erfahrung, in Leben lang mit u.U. Mist aus eigener Produktion umzugehen bewahren wir sie nicht einmal dadurch, dass wir dieser Bedrohung nachgehen oder sie zumindest versuchen zu verstehen. Das eine kann Geld regeln – das andere nicht. sondern nur Zeit. Die (Ganztags-)Schule wird’s richten.

Tagged with: BegleitungBildhochladenKompetenzKritikMedienneuText 

Moodle 2.0 – What’s new?

vom 16. August 2009, in Moodle, von Maik Riecken

Erstmal eine kleines Video von Lutz Berger dazu (via Twitter durch Heinz Krettek):

… und jetzt natürlich mein Kommentar zu zwei ausgewählten Neuerungen:

1. Bedingte Aktivitäten (conditional activities)
Bisher war es so, dass eine Schüler innerhalb eines Moodlekurses alle Aktivitäten sehen konnte, die für ihn durch den Kursersteller nicht verborgen worden oder durch das Benutzermanagement (Gruppen, Gruppierungen) ihm nicht zugänglich waren. Nunmehr sind Dinge möglich, wie
  • “das nächste Dokument kannst du erst lesen, wenn du vorher dem Link x gefolgt bist”
  • “wenn du im Test 40% erreicht, bekommst du Aufgabe 1 (leicht) und wenn du 80% erreichst, bekommst du Aufgabe 2 (schwer)”
  • Es sieht zusätzlich so aus, als ob unter der Oberfläche ein Logiksystem werkelt, also eventuell auch Konstrukte wie logisch AND, XOR, OR, NOT möglich werden
Mein Kommentar:
Mit eigenständigem Lernen und individueller Freiheit im eigenen Lernprozess hat das für mich nicht so viel zu tun. Es kann hart verdrahtet werden, wie ich zu lernen habe. Vielleicht verstehe ich Link 1 ja erst in Zusammenhang mit Text A, den ich aber vorher gar nicht sehen kann. Ich fürchte mich davor, das viele Lehrende genau dieses Feature dafür nutzen werden, traditionellen Unterricht noch stärker 1:1 auf Moodle abzubilden und strenge Lernwege vorzugeben. Zudem haut dieses Feature ja in die Kerbe der “gleicher Inhalt, gleiche Chancen, Lehrendenentlastung durch gleichschrittige Zusammenarbeit”-Bewegung. Da verkennt die Technik in meinen Augen einmal mehr die Psychologie. Das Zwischenmenschliche muss stimmen, dann findet Zusammenarbeit statt. Dann kommen die Tools – aber es ist ja schön, dass das schon klappt bzw. das Tool schon da wäre. Ach ja – unnötig zu erwähnen, dass Moodle jetzt “endlich” weiß, wie weit jeder Schüler mit seinem Lernweg ist und das als Lernbericht ausspuckt. Wer ein solches Kontrollinstrument braucht und mit den darauf gewonnenen Ergebnissen und Daten bei seinen ganzen SuS individuell produktiv umgehen kann – ein Privatleben dürfte er dann nicht mehr haben. Wer es nicht kann, muss sich sagen lassen: Datensparsamkeit? Was war das nochmal?
Die Geschichte mit den Tests und der bedingten Verzweigung finde ich hingegen gut und kann mir das bei Themen vorstellen, wo Moodle komplett den Lehrenden substituiert (d.h. bei reinen E-Learning-Kursen wie es z.B. Scoyo & Co. vormachen).

2. Schnittstellen zu externen Systemen
Moodle wird verstärkt Daten mit externen Systemen austauschen können, deren API frei verfügbar ist, z.B. YouTube, flickr, Alfresco, Mahara, Blogs etc.. Ich kann z.B. als Schüler eine eingereichte Aufgabe direkt per Klick in mein Mahara-Portfolio übertragen – ich muss das wohl doch einmal konfigurieren… Ich kann als Kursersteller z.B. YouTube-Videos komfortabel über einen neuen Editor (TinyMCE) per Klick einbinden ohne die jetzt notwendige Codekopiererei.

Kommentar:
Ich finde diesen Schritt absolut wichtig und ein wirkliches Novum. Es erleichtert auch unerfahrenen KuK das Erstellen von multimedial ansprechenden Kursen. Es ermöglicht, vorhandene Webressourcen unkompliziert zu nutzen ohne Inhalte doppelt vorhalten zu müssen. Gerade auf die Kombination mit Blogs freue ich mich. Wenn es beim Maharaexport auf dem bisherigen Stand bleiben sollte (nur Dateien können kopiert werden), wäre es enttäuschend. Spannend wird es dadurch, wenn z.B. Beiträge im eigenen Moodleblog mit allen Dateien veröffentlich werden könnten, z.B. nach WordPress oder Mahara. Leider gibt es in Moodle standardmäßig noch gar nicht so viele Orte, an denen Nutzer eigenen Content erstellen können. Da arbeiten die bestimmt aber noch dran – sonst wäre die Maharakopplung etwas “dünn” vom Ertrag. Auf jeden Fall sollte man jetzt aber schon darauf achten, dass das einmal verwendete CMS an einer Institution eine mit Moodle kompatible API aufweist… Das könnte nicht kurz- aber mittelfristig spannend werden.

Weitere Neuerungen
Ganz viel soll sich auch hinsichtlich der Benutzerfreundlichkeit ändern. Ob der Rückstand Moodles (Web 2.0, Ajax kommt da jetzt ja erst allmählich) zu anderen Systemen in dieser Hinsicht aufgeholt werden kann, bleibt abzuwarten. Ich sehe sehr gespannt den geplanten Vereinfachungen bei der Bedienung des Rechtesystems entgegen. Nicht, dass ich das Rechtesystem je gebraucht hätte, aber vielleicht fällt dadurch ein Teil der Fragen auf Moodle.org weg, die dann durch Fragen zum Logiksystem bei den “Conditional Activities” ersetzt werden.
Wer noch mehr über Moodle 2.0 wissen möchte, sei auch den oben verlinkten YouTube-Film verwiesen – und vor allem auch noch auf andere Meinungen zu den neuen Features als auf meine…
Tagged with: 2.0FeatureKritikMoodleneu 
WordPress SEO fine-tune by Meta SEO Pack from Poradnik Webmastera