Gerade wurde bei uns in den 5. Klassen ein Vergleichsdiktat geschrieben. Mit den Jahren fallen diese Diktate nicht besser aus, obwohl ich mir einbilde, dass die Diktattexte selbst immer leichter werden. Meine begrenzte Ursachenfoschung an dieser Stelle entbehrt jedweder Wissenschaftlichkeit, hilft mir aber bei der Aufrechterhaltung meines subjektiven Weltbildes. Wo sehe *ich* Ursachen?
1. Schriftlichkeit – Mündlichkeit
Vor 15 Jahren war noch alles gut. Es gab eine geschriebene Sprache und es gab eine gesprochene Sprache. In Briefen schrieb man überwiegend Schriftdeutsch, sogar auf Urlaubskarten (ganze Sätze, grammatische Sätze usw.). Es gab auch schon einzelne Ansätze, das nicht zu tun, z.B. auf Gruß- oder Glückwunschkarten. Aber im Großen und Ganzen sprang das Relais mit der Aufnahme eines Schreibgerätes auf den “Schreibmodus” um, d.h. mündliche Sprache war von der schriftlich formal-sprachlich klar unterschieden.
Es gibt immer wieder Versuchungen – Versuchungen, Bilder und Texte einfach so in das Netz hochzuladen. Wenn in der Profilansicht einer 19-jährigen Schülerin, die laut eigenen Angaben seit drei Monaten frisch verliebt ist, Werbung für ein neuartiges Verhütungsprodukt aufpoppt, dann denke ich als misstrauischer Mensch, dass eine Software das Merkmal “weiblich” mit dem Merkmal “frisch verliebt” korreliert, obwohl es wahrscheinlich nur ein Zufall ist – ganz bestimmt.
Ich habe mir für meine SuS einige Hilfsfragen ausgedacht, anhand derer man entscheiden kann, wie lange man beim Hochladen mit sich hadern soll (das Hochladen selbst wird keine dieser Hilfsfragen verhindern – so realistisch bin ich).
- Wäre es in Ordnung für dich, wenn dein Text/Foto/Forenbeitrag auf einer weißen Wand vor dem Hauptportal deiner Schule für jedermann sichtbar stünde?
- Wäre es in Ordnung für dich, wenn dein Bild auf der Titelseite des Regionalblattes erschiene?
- Wäre es in Ordnung für dich, wenn in dreißig Jahren jemand aus deinem Umfeld dank verbesserter Suchalgorithmen, dieses Bild, diesen Text trotz Nickname usw. dir zuordnen könnte?
- Wäre es in Ordnung für dich, wenn dein Vater/deine Mutter dich so sieht / sowas von dir liest?
Erläuterung:
Das Netz ist ein weltweites Publikationsmedium. Die Reichweite einer regionalen Veröffentlichung ist u.U. weitaus geringer, wenn zufällig relevante Suchkriterien durch z.B. EXIF-Daten eines Fotos erfüllt werden. Ich gehe zusätzlich davon aus, dass wir zunehmend mit unserer Netzidentität leben müssen und dass solche Daten nicht verloren gehen. Gestohlene Kundendaten von Großunternehmen sind ja im strengen Sinne nicht gestohlen – sie sind unauthorisiert kopiert.
Vielleicht bin ich ein misstrauischer Miesepeter – natürlich lernen Jugendliche und Kinder nur durch Erfahrung. Vor der Erfahrung, im Keller Schlagzeug spielen zu müssen, bewahren wir unserer Kinder. Vor der Erfahrung, sich ein Kinderzimmer mit einem Geschwisterkind teilen zu müssen, zunehmend auch. Vor der Erfahrung, in Leben lang mit u.U. Mist aus eigener Produktion umzugehen bewahren wir sie nicht einmal dadurch, dass wir dieser Bedrohung nachgehen oder sie zumindest versuchen zu verstehen. Das eine kann Geld regeln – das andere nicht. sondern nur Zeit. Die (Ganztags-)Schule wird’s richten.
Bei uns an der Schule soll es bald ein Präventionskonzept geben.Teil dieses Konzeptes (7. Klasse) wird auch die Nutzung des Internets bzw. der Umgang damit sein. Ich habe mich aus mehreren Gründen für einen Moodlekurs entschieden:
- Verschiedenste KuK werden mit den SuS die betreffenden Stunden durchführen
- Ich möchte etwas Universelles haben, z.B. auch für Vertretungsstunden
- Ich möchte einen Schutzraum für die SuS schaffen
- Ich möchte Moodle bei uns an der Schule noch bekannter machen
- Ich muss leider entgegen meinem sonstigen Ansatz die Lehrkraft teilweise durch Moodle substituieren
Das Problem an Moodle ist für mich jedoch unbestreitbar, dass es recht wenig attraktive Interaktionsmöglichkeiten für SuS bietet (gegen in dieser Altersgruppe angesagte Web2.0-Tools kann diese Plattform nicht ansatzweise gegenanstinken).
Daher möchte ich kleine Bausteine zusammenstellen, die zwar in ihrer Abfolge eine gewisse Logik aufweisen, jedoch nicht zwingend in der gegebenen Reihenfolge bearbeitet werden müssen und eine Fülle von externen Ressourcen verwenden, damit es nicht bei Moodle bleibt. Es sollen kleine Lernhäppchen und verschiedene Arbeitsformen möglich sein.
Ich bin überhaupt kein Typ für das “ansprechende Design” – man mag mir anfängliche Spartanität etwas nachsehen. Der Kurs wird natürlich unter CC hier veröffentlicht, wenn er einen gewissen Umfang erreicht hat. Für Rückmeldung bin ich in jeder Form dankbar. Hier der Link:
http://moodle.riecken.info/course/view.php?id=2
Ein Baustein steht inhaltlich. Die Auswahl der Beispiele (Filme) ist nicht zufällig – man kann daran verschiedene Facetten von Herausforderungen im Netz zeigen (Urheberrecht, Cybermobbing, Selbstvermarktung, positive Netzidentität…).
… denn unser Wissen selbst veraltet so schnell, dass Inhalte mehr und mehr irrelevant werden. Täglich kommt so viel Wissen hinzu, dass wir einmal mehr dieses Wissen niemals beherrschen können – selbst wenn wir wollten. Deswegen müssen wir in der Schule weg von der Kultur der reinen inhaltlichen Wissensvermittlung. Wir müssen hin zu einer Kultur der Kompetenzvermittlung. Wir müssen den SuS Möglichkeiten und Methoden an die Hand geben, damit diese das Wissen der Welt selbst erschließen.Denn wir bilden heute Menschen für Berufe aus, die es in ihrer Profilierung erst noch geben wird.
Grob zusammengefasst höre ich diese Töne gerade im Kontext von Web2.0 sehr oft. Die Bezeichnung durch das Wort “Töne” impliziert bereits meine Einstellung zu solchen Sätzen. Ich halte den Anspruch – zumindest in bestimmten Alterstufen für sehr gefährlich. Volker Pispers stellt die in meinen Augen möglichen Konsequenzen sehr überzogen und generalisierend dar, trifft aber den Kern meiner Kritik am verabsolutierten Kompetenzkonzept:
Nehmen wir einmal an, es gibt wirklich Unternehmensberater, Investmentbanker usw., die so klischeehaft handeln, wie von Volker Pispers 2004(!) dargestellt. Sie könnten nach meinem Verständnis nicht existieren ohne gewaltige Kompetenzen im kommunikativen und methodischen Bereich. Was müssten sie aber können, um nachhaltige volkswirtschaftliche Werte zu schaffen? Was müssten sie wissen, um Unternehmen erfolgreich zu beraten?
In meinen Augen müssten sie etwas über z.B. Humanismus wissen. Sie müssten etwas über Soziologie und Politik wissen. Sie müssten etwas über geschichtliche Zusammenhänge wissen. Sie müssten etwas über das Produkt der Firma und die Arbeitsbedingungen in der Firma wissen bzw. erfahren haben, was z.B. körperliche Arbeit bedeutet.
Dazu gehört für mich in Ansätzen auch technisches Know-How, das ich so oft auch im Web2.0-Kontext vermisse. Der Ausdruck von Unwissen im Web2.0 lauten für mich: “Ich will anwenden, das muss bunt sein und die Technik dahinter interessiert mich nicht – das kann man doch nicht alles wissen!”. Dieses Wissen kann z.B. anhand von Beispielen vermitteln werden, die idealerweise prototypische Konzepte vorbereiten/implizieren. Ohne die Beispiele kann ich den prototypischen Charakter nicht abstrahieren, weil ich dazu ja Parallelen finden muss, bzw. auch parallele Beispiele. Das kann in meinen Augen kein Unterstufenschüler in dieser Absolutheit leisten. Er muss z.B. mit verschiedenen Wertesystemen konfrontiert werden – das geht zunächst nur über den Inhalt, woraus dann Kompetenzen erwachsen, die unbedingt zu reflektieren, auf einer Metaebene aufzubereiten und einzuüben sind, indem man die auf neue Sachverhalte projeziert. Das im Kompetenzumfeld entwickelte Akzeptor-/Donatorkonzept in der Chemie finde ich in dieser Beziehung ganz hervorragend.
Das was wir an Wissen nicht haben, werden wir später durch Kompetenzen nicht aufwiegen. Der reine Kompetenzmensch ist in meinen Augen der abhängige Mensch von Morgen. Wie viele Menschen sind z.B. von einer bestimmten Benutzeroberfläche eines Rechners abhängig, weil sie nicht verstehen wollen, was der Rechner für sie macht? Relevantes Wissen im IT-Bereich bedeutet das Erlernen von Konzepten – etwa der Objektorientierung – die es erlauben, jedes Schreibprogramm, welche objektorientiert arbeitet (das tun fast alle) zu bedienen. Das ermöglich mir Freiheit bei der Wahl meines Softwareanbieters. Dazu benötige ich zunächst aber Wissen um die Objektorientierung und ich brauche jemanden, der erkennt, dass die Objektorientierung relevantes Wissen darstellt. Habe ich dieses Wissen nicht, muss ich andere Leute fragen oder für eine Dienstleistung zahlen.
Kompetenzen fangen für mich immer mit dem Inhalt an – nie mit der Methode, nie mit dem Medium. Wir können nicht alles wissen. Das heißt aber nicht, dass wir kein Wissen mehr vermitteln sollten oder dass wir keines mehr brauchen. Junge Menschen wissen naturgemäß weniger oder andere Dinge über das, was man Leben nennt. Geben wir unser Wissen an die Jüngeren weiter – unser relevantes Wissen bzw. das Wissen, welches wir dafür halten.
Über die Richtung im Bildungssystem bin ich immer verwirrter. Auf einer Fortbildung zum neuen Kerncurriculum Deutsch habe ich gehört, dass eine stärkere Zusammenarbeit zwischen LuL – aus meinetwegen einer Fachschaft – gewünscht wird. Man entwickelt z.B. gemeinsam Einheiten miteinander und probiert diese dann im “Gleichschritt”, aber mit individueller Lehrendenpersönlichkeit aus. Danach erfolgt eine Evaluation und eine Überarbeitung der Einheit, sodass ein evolutionärer Prozess der Verbesserung eintritt, alle SuS die gleichen Chancen haben und LuL von Unterrichtsvorbereitungen entlastet sind.
Ich finde den Grundgedanken nicht falsch, aber das ist natürlich Bildung im Gleichschritt, wobei ich immer gerne Vielfalt mag. Die praktischen Probleme – man braucht z.B. Arbeitsmittel, Räume und Zeit – lasse ich hier unerwähnt – das ist eine reine Geld- und Willenssache in der Politik.


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