Interaktive Tafeln

vom 20. Februar 2012, in Tech-Talk, von Maik Riecken

Ich sehe zurzeit viel baulichen Unsinn in Zusammenhang mit interaktiven Tafellösungen. Oft bedingen die baulichen Gegebenheiten immense Einschränkung bei der Nutzung von interaktiven Tafeln, die sich durch etwas Überlegung und wenig Mehrkosten leicht vermeiden lassen, teilweise aber auch die Produktwahl von vornherein beeinflussen. Ich möchte an dieser Stelle einmal vier verschiedene Grundsettings vorstellen und auch gleich werten. Ich vertrete dabei die Grundannahme, dass jede Lösung immer in ein System integrierbar sein muss – dabei ist es egal, ob es sich um ein technisches oder didaktisches System handelt. Außerdem verwende ich den Begriff “SMART-Board” genau wie das Wort “Tempo” für Taschentuch: Damit sind auch die Produkte von Epson, Promethean usw. gemeint – eben Tafeln, die als größenwahnsinnige Pen Tablets konzipiert sind.

Setting A – oft anzutreffen:

Kurzbeschreibung:

Ein SMART-Board wird an der Stelle der Tafel montiert und besitzt ein leistungsfähiges Lautsprechersystem. Ein Notebook oder ein Steuerungsrechner steht auf einem Tisch daneben. Es ist idealerweise in eine Schulnetzwerklösung eingebunden.

Möglichkeiten:

Man kann alle Medien und Inhalte aus dem Internet auf das SMART-Board holen. Mit der interaktiven Software lassen sich Tafelbilder erstellen und auf einem Laufwerk der Schulnetzwerklösung ggf. auch Schülerinnen und Schülern direkt nach der Stunde durch einfaches Speichern zur Verfügung stellen. Durch das Standardnotebook ist man bei der Wahl der Software nicht weiter eingeschränkt.

Einschränkungen:

Es ist schon “by design” ein streng frontales Setting. Kollaboration ist nur im dem Rahmen denkbar, wie sie auch mit einer normalen Kreidetafel möglich ist (das geht aber tatsächlich). Als Lehrkraft steht man immer mit dem Rücken zur Lerngruppe. Man kann das durch den Einsatz einer wertigen Funktastatur lindern. Diese Lösung bildet in 80% aller Unterrichtssituationen Schule ab, wie sie heute ist, bzw. lädt geradezu dazu ein. Nur durch recht teure Fortbildungsarbeit erweitert so eine Lösung die methodischen und didaktischen Möglichkeiten. Ich würde so etwas nicht kaufen oder empfehlen.

Setting B:

Wie Setting A, nur dass der Steuerungsrechner direkt neben oder auf dem Lehrerpult steht. Diese Lösung ist baulich mit einem SMART-Board viel schwieriger zu realisieren, da USB, VGA und Netzwerkanschlüsse zum Lehrerpult geführt werden müssen. Das geht mit einem Hohlboden sehr gut, den ich auch aus anderen Gründen in Schulen für sinnvoll halte.

Möglichkeiten:

Wie bei Setting A. Zusätzlich ist aber die Arbeit für die Lehrkraft leichter, weil ich die Lerngruppe während des Unterrichts anschauen kann. Wenn ich die Anschlüsse flexibel als Box auslege, kann ich sogar sehr schnell mein eigenes, mitgebrachtes Gerät verwenden und z.B. in einer Stillarbeitsphase ohne Unterrichtszeitverlust vor mich hinstöpseln.

Einschränkungen:

Wie Setting A.

Setting C:

Neu: Es wird kein aktives Board eingesetzt, sondern eine Lösung mit aktiven Stiften, wie sie etwa Dymo vertreibt.

Möglichkeiten:

Wie bei Setting A & B. Da die Technologie notebookseitig nicht auf USB, sondern auf einem schlichten Funktastaturmechanismus beruht, sind Kabelverbindung nur beim Anzeigegerät für VGA/HDMI erforderlich. Durch Zusatzprodukte, etwa verschiedenen Eingabegeräten, kann ich auf Schüler vom Platz aus am Board arbeiten lassen. Läuft die bisherige Tafel an Pylonen, kann ich den Zwischenraum weiß streichen und als Projektions- und Arbeitsfläche nutzen – die Tafel bleibt als zusätzliche Lösung dabei erhalten. Das System kostet mit 700,- Euro weitaus weniger als eine Tafellösung mit berührungsempfindlicher Oberfläche. Das gesparte Geld lässt sich z.B. in einen wirklich lichtstarken Beamer mit ordentlichem Bild stecken – den ich beim Marktführer immer mehr vermisse.  Für gleiche Kosten lassen sich ca. zwei Räume bei besserer Projektion ausstatten. Auch ohne(!)  Projektion kann auf einer normalen Tafel ein Bild digitalisiert werden – dem Gerät ist es egal, ob es mit oder ohne optisches Feedback digitalisiert.

Einschränkungen:

Wie Setting B. Die aktiven Stifte werden zwar berührungslos (induktiv) geladen, besitzen aber gleichwohl ein in seiner Lebensdauer begrenzten Akku. Das System basiert auf Infrarot- und Ultraschalldistanzmessung. Es geht das Gerücht, dass einfallendes Sonnenlicht für Störungen sorgt.

Setting D:

Stellvertretend habe ich einmal eine Applelösung ausgesucht – man kann dafür auch andere Pads uns andere Bildübertragungstechniken (RDP, FreeNX, VNC usw.) nutzen. Jeder Schüler verfügt über ein eigenes Endgerät, dessen Bildschirminhalt an die zentrale Tafel vorne übertragen werden kann. Das geht über Apples Airplay-Technik recht einfach, wenn man für den Klassenraum eine weitgehend autarke Netzinfrastruktur baut. Bei Standardkomponenten ist eine stärkere Einbindung in eine ggf. vorhandene Schulcloud denkbar.

Möglichkeiten:

Wie bei Setting A & B. Eine interaktive Tafel ist gar nicht erst notwendig, da die Pads die interaktive Komponente vollständig übernehmen – daher reicht ein leistungsstarker Beamer eigentlich aus.  Man vermeidet mediale Brüche zwischen Papier und Digitalem. Die Kamera beim SMART-Board ist ja lieb gemeint, macht aber eigentlich nur bestehende Strukturen digital.

Einschränkungen:

Es dürfte noch sehr wenige Erfahrungen mit so einem System geben. Pads ohne WLAN sind für mich wie Häuser ohne Fenster. Ein WLAN für 20+ simultane Clients ist aber technisch nicht trivial. Die Kosten sind immens, da schließlich eine 1:1-Ausstattung mit entsprechenden Finanzierungs- und Wartungskonzepten erforderlich ist. Mit geschickter App-Auswahl und konsequentem Einsatz der vorhandenen Angebote (Taschenrechner, Wörterbuch, digitale Schulbücher etc.) ließe sich das aber kompensieren.

Abschließende Bemerkungen

Keins der Settings berücksichtigt eine Schule, die sich den veränderten Gegebenheiten und Anforderungen durch die fortschreitende Digitalisierung bereits vollständig angepasst hat. Das sieht man natürlich an den grundsätzlichen Raumgestaltungen. Da könnte ich mir noch ganz andere Dinge vorstellen, z.B. Tischprojektionen usw.. Setting D hat viel Reiz, ist aber stark von einem zu entwickelnden Gesamtkonzept abhängig – die ganze Schulgemeinschaft sollte da mitkommen. Selbst 60 iPads pflegen zu müssen, wäre für mich schon eine Horrorvorstellung.  Für klassische Netzwerke gibt es da zentrale Lösungen und Steuerungen – für Pads sind diese nur zugänglich, wenn die Hardware lösgelöst vom Betriebssystem funktioniert. Sonst macht man eben keine Turnschuh-, aber immer noch Kofferbückadministration – 1:1 wäre da schon wünschenswert.

Viele Nachteile von den Settings A-C lassen sich auch heute schon durch Einsatz von Web2.0-Tools kompensieren: In einem GoogleDocs- oder Etherpad-Lite-Dokument lässt sich mit beliebigen Endgeräten gleichzeitig und kollaborativ arbeiten. Die interaktiven Tafeln verkommen dann natürlich wie ggf. ein Pad zu reinen Anzeigegeräten. Ich persönlich habe aber auch nach mehreren Schulungen noch keinen großen Sinn in der zu einem interaktiven System passenden Software gefunden – außer dass sie den Rechner langsam macht.

Wer das übrigens auch so sieht, sollte einen Blick auf EasyChalk werfen: 1,4 Mbyte groß, vollständig HTML5-basiert – rennt auf jedem Endgerät mit aktuellem Browser wie Schmidts Katze, speichert auf Wunsch gleich in der Cloud und ist recht bezahlbar.

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Appleprodukte und ich

vom 19. Januar 2012, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Halina Zaremba / pixelio.de

 

Unter Eltern ist folgende Anekdote bekannt:

“Mein Kind ist seine Mandarine nur, wenn ich sie ihm geschält und zerlegt in die Tupperdose lege. Tue ich das nicht, kommt sie ungegessen wieder zurück. Das ist jeden Morgen echt ein ziemlicher Aufwand und eigentlich kann es doch nicht so schwer sein, die Mandarine selbst zu schälen! Aber ich will doch, dass mein Kind Obst isst. Was soll ich nur tun? Mich nervt das!”

Kinder sind heute sowohl im Kindergarten als auch in der Schule nicht unerheblichen Belastungen ausgesetzt. Nicht selten ginge die Schälzeit von wertvoller Spielzeit ab. Gleichwohl wird diese durch Lebenszeit der Erwachsenen bezahlt – je nachdem wie man seine Elternrolle auffasst, wird man in solchen oder ähnlichen Situationen reagieren, in denen man eine Entscheidung zwischen “Selbstständigkeit fördern” und “Bewahren vor nicht kindgerechten Belastungen” zu treffen hat. Das Mandarinenbeispiel dürfte eines der harmloseren sein. Natürlich hätte ich persönlich auch lieber eine geschälte Mandarine in meiner Frühstücksdose! Mein Alltag ist auch voller Belastungen und alles, was mir das Leben leichter macht, ist zunächst einmal positiv für mich – das sollte ich mir einfach wert sein.

Ich halte Appleprodukte für eine geschälte und zerlegte Mandarine. Apple hat mein Bedürfnis nach Erleichterung begriffen und gibt mir durch ein funktionales und hervorragendes Design eine echte Entlastung in meinem Lehreralltag.

Trotzdem will ich, ich ganz persönlich, Apples geschälte Mandarine nicht. Das hat mit den ideellen Kosten zu tun, die für mich zu hoch sind, dass ich nach wie vor lieber selbst schäle oder eben dafür andere Werkzeuge einsetze. Wäre ich nicht zusätzlich der Überzeugung, dass der technische Ansatz von Apple auch Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, zögerte ich keine Minute, selbst eine iPad-Klasse ins Leben zu rufen. An Möglichkeiten dazu fehlt es hier vor Ort im Gegensatz zu anderen Landkreisen definitiv nicht. Finanziell stehen wir glänzend ausgestattet da. Um zu erklären, warum ich nicht auf den gerade anrollenden Zug aufspringe, muss ich etwas ausholen.

Apple verkauft proprietäre Appliances, d.h. eine Verbindung aus Hard- und Software. Apple tut sehr viel dafür, dass sich beide Komponenten nicht ohne Weiteres trennen lassen. Das gelingt der Firma im Bereich der Mobilgeräte z.Zt. natürlich weitaus besser als im Desktopumfeld.

Eine Appliance hat Vorteile:

  1. Sie funktioniert
  2. Sie besitzt eine konsistente Oberfläche
  3. Sie hat eine intuitive Oberfläche, die sich mühelos bedienen lässt
  4. Sie ist durch das geschlossene Konzept wartungsarm und zuverlässig
  5. Im Falle vom Appleprodukten sind die Geräte langlebig und hochwertig verarbeitet

Eine Appliance hat Nachteile:

  1. Jede Funktion der Appliance ist abhängig vom Hersteller der Appliance
  2. Eine Appliance ermöglicht genau das, was der der Hersteller der Appliance ermöglichen will
  3. Eine Appliance ist nicht transparent
  4. Die Sicherheit der Appliance bewegt sich im Rahmen der Sicherheitsvorstellungen des Herstellers
  5. Was die Appliance tut, entzieht sich gängigen Kontrollmechanismen. Vertrauen ist angesagt.

Und – für mich sehr wichtig: Mit einer Appliance lernt man, die Mandarine zu essen und zu genießen, nicht sie zu schälen. Zudem wird man bald erwarten, dass alle Mandarinen geschält sind und sie nur noch so akzeptieren. Ob das ok ist oder nicht, muss jeder für sich entscheiden und der Kontext spielt zusätzlich eine Rolle: Wenn eine Appliance in einem eng begrenzten Umfeld etwas macht, was Experten (huch – die sollen doch bald überflüssig sein?) besser können als ich, dann ist das absolut sinnvoll – Firewalls für Rechenzentren sind oft als Appliance realisiert. Wenn eine Appliance jedoch wesentliche kommunikative Abläufe in meinem Leben strukturiert und bestimmt, dann tue ich mich schwer damit. Mein “Nichtexpertentum” ist diesem Bereich für einen Anbieter Kapital – und zwar nicht bezogen auf eine hochspezialisierte Nische.

IT beherrscht unser Leben. Informatik ist für mich ein Fach, welches z.B. zeigt, wie man Mandarinen schält, welche unterschiedlichen Ansätze dafür existieren und wie sich der Prozess des Schälens optimieren lässt. Wer keine Mandarinen schälen kann, ist auch anfällig dafür, mit einem Kolbenfresser auf der Autobahn liegenzubleiben, weil der Bordcomputer den defekten Öldrucksensor nicht gemeldet hat. Der Blick unter die Motorhaube auf den Peilstab ist heute eben nicht mehr zeitgemäß.

Ich habe Freude am Verstehen. Ich habe Freude daran, hinter die Fassaden zu schauen. Ich freue mich über einfache und geniale Lösungsstrategien, die ganz andere Wege gehen. Ich möchte das Menschen vermitteln. Dafür muss ich Mandarinen haben, die noch eine Schale besitzen. Ein Appleprodukt hat für mich keine Schale mehr. Allein das saftige, perfekt freigelegte Fruchtfleisch bleibt. Ich möchte eine Mandarine sehen, wie sie ist und nicht wie sie mir jemand mundgerecht in die Obstdose gelegt hat. Deswegen benutze ich OpenSource, deswegen bekomme ich von den “Technikaffinen” oft genug den Stempel “Nerd” – nicht weil die Mandarinen da nicht geschält wären, sondern weil ich das Ganze sehe könnte, wenn ich wollte und Zeit hätte. Das ist meine Vorstellung von Unabhängigkeit. Ja – und ich genieße auch das Staunen anderer Menschen, wenn sie fragen: “Wie machst du das nur?” – Meine Anwort: “Ich schäle Mandarinen selbst. Schon ganz schön lange.”

PS: Keine Sorge. Ich baue auch Netze für geschälte Mandarinen inkl. Genießerkurse. So realistisch bin ich dann schon.

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