Gerade heute haben wir drei Kollegen beieinandergesessen, die mit einem Deutschkurs auf erhöhtem Niveau beglückt worden sind. Damit man eine Vorstellung davon bekommt, was wir in ersten Halbjahr unter einen Hut bekommen müssen, hier zunächst einmal das laut Kerncurriculum verpflichtende Programm:
Epochenband (Rahmenthema: Literatur und Sprache um 1800)
- Aufklärung und Romantik im Vergleich
Gattungsband (Rahmenthema: Drama und Kommunikation)
- Geśtaltungmittel des Dramas
Verbindlich zu lesende Texte:
- Friedrich Schiller: Kabale und Liebe (1784)
- Friedrich Schiller: Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken? (1784)
Verbindliche Unterrichtsaspekte:
- Problematisierung von adliger und bürgerlicher Moral
- Überwindung der Ständeklausel
- Programmatik der Schaubühne vor dem Hintergrund der historisch-gesellschaftlichen Entwicklung
Zusätzlich:
- Ausweisung eines weiteren Wahlpflichtmoduls
Dilemmata
- Es gibt so viele bekannte romantische Dramen (das war Ironie).
- Aus dem G8-Zug mit der wegfallenden 11. Klasse ist das epochale Wissen der SuS arg begrenzt
- Aus dem G8-Zug mit der wegfallenden 11. Klasse sind die Schreibfertigkeiten der Schülerinnen und Schüler nicht so geübt
- Ich könnte “Train-to-the-test” machen und mich nur auf die prüfungsrelevanten Wahlpflichtmodule stürzen, arbeite aber ungern im luftleeren Raum
Das KuMi in NDS wird gegen die Punkte 2+3 einwenden, dass die SuS aus dem G8-Zug beim Doppelabitur gegenüber den SuS des G9-Zuges sogar besser abgeschnitten haben und meine Einwände daher nicht gerechtfertigt sind. Der geneigte Leser möge sich aber bitte dazu die Zentralabituraufgaben des letzten Jahres zu Gemüte führen und sowohl inhaltlich als auch methodisch beurteilen. Außerdem waren wir Lehrer wahrscheinlich bei Punkt 4 geübter.
Ideen
Wir wollen das Gattungsband mit dem Epochenband verknüpfen und in einem ersten Schritt zunächst einmal auf die Ursprünge des Dramas eingehen, z.B. anhand von Auszügen aus der guten, alten spröden Antigone. Danach erfolgt arbeitsteilig die exemplarische Auseinandersetzung mit Auszügen aus einem Drama der früheren Aufklärung (“Die Juden”), des Sturm und Drang (“Götz von Berlichingen”), der Klassik (“Iphigenie”) und des Vormärz (“Woyzeck”). Dabei sollen sich die SuS erstmal mit Inhalt in Sprache der Auszüge auseinandersetzen und dann anhand von kleinen Epochenüberblicken (z.B. im Lehrbuch “Texte, Themen und Strukturen”) Bezüge zu gesellschaftlichen Entwicklungen herstellen. Natürlich ist dabei keine tiefgreifende inhaltliche Auseinandersetzung zu erwarten, aber vielleicht zumindest ein Orientierungsrahmen, der eine Verortung des Primärtextes “Kabale und Liebe” als Drama mit deutlichen Elementen des Übergangs von SuD zur Klassik überhaupt erst ermöglicht. Die Ergebnisse werde ich in einem Blog sammeln. Die erste Klausur könnte somit eine sprachliche Analyse eines unbekannten Dramenauszugs oder eine Aufgabenstellung mit kreativem Anteil umfassen. In der zweiten Klausur ist dann eine komplexere Aufgabenstellung zum Primärtext evtl. mit Bezügen zu einer programmatischen Schrift möglich. Als zusätzliches Wahlpflichtmodul drängt sich der Literaturauswahl eigentlich WMP4 “Familie im Drama” nahezu auf.
Die Romantik bekommt man auf diese Weise noch nicht mit in den Unterricht hinein. Aber um Weihnachten herum kann man sich diese Epoche anhand z.B. von Gedichten und einem ET.A. Hoffmann-Text bei Kerzenschein (Die Abibox schlägt “Der Sandmann” vor) eben als Epoche in den Fokus stellen und klären, warum dort so gedacht und geschrieben worden ist und warum das eben nicht so oft Dramen waren – im Theater ist man ja eher nicht so sehr “mit sich” oder weit weg von der Gesellschaft und blaue Blumen hat’s da auch keine. Die Voraussetzungen waren ja eben andere als zur Zeit der Aufklärung. Mit dem einen oder anderen Gedicht wäre dann auch das folgende Rahmenthema “Vielfalt lyrischen Sprechens” im zweiten Semester vorbereitet.
Vielleicht habt ihr ja noch andere Ideen, wie sich die Vorgaben in ein Semester bringen lassen. Über den Vergleich zwischen Aufklärung und Romantik musste ich ein wenig den Kopf schütteln.
“Ich werde heute eine empirische Untersuchung vorstellen, nach der wir in der neunten Jahrgangsstufe eines nordrhein-westfälischen Gymnasiums eine Abitur-Leistungskursarbeit Biologie haben schreiben lassen – ohne jede inhaltliche Vorbereitung. Das Ergebnis war erschreckend, denn zwei Drittel Schüler hätten die Abiturarbeit bestanden, einer sogar mit einer Eins.”
Fundstelle: FR-online
Nun ist der gute Hans Peter Klein ursprünglich ein Gymnasiallehrer und damit für eine Vielzahl von Stereotypen prädestiniert – aber diese Studie deckt sich mit meinen subjektiven Erfahrungen in meinen Fächern hier in Niedersachsen.
Mein Spruch dazu letztens im Chemiekurs auf erhöhtem Niveau: “Ich bereite euch nicht auf das Abitur vor – ich möchte, dass ihr später im Grundstudium klarkommt”. In meinem Deutschkurs auf erhöhtem Niveau gab es in diesem Jahr auch einen satten Schnitt – nur: Das dazu notwendige Wissen hätte wahrscheinlich auch in einem halben Jahr vermittelt werden können.
Vielleicht bin ich ein unglaublicher Miesepeter und freue mich nicht des eigenen “Erfolgs”. Vielleicht sind meine Ansprüche mittlerweile weltfremd, ich weiß es manchmal nicht mehr.
… wird in den Kollegien bis jetzt eher verhalten aufgenommen. Ich habe es mir einmal ein bisschen genauer angeschaut und muss nach eingehender Lektüre sagen, dass es bedeutend schlimmer hätten kommen können. Da ich Übersichten mag und diese im Kerncurriculum selbst nicht in dieser Form zu finden sind (sonst wäre die Lektüre wahrscheinlich pure Lust und nicht Arbeit), gibt es zunächst eine Grafik zum Überblick:
Die genauen Bezeichnungen der einzelne Elemente sind teilweise gekürzt, damit die Ästhetik nicht durch verschiedene Schriftgrößen eine Störung erfährt. Man kann vertikal und horizontal lesen: Vertikal bekommt man zu sehen, welche Themen im jeweiligen Schulhalbjahr zu behandeln sind, horizontal ist zu erkennen, wie die einzelnen Themen sich im Laufe der Oberstufe entwickeln sollen. Ich habe diese Entwicklungen einmal als epochales Ordnungsprinzip (Epochenband) dargestellt – das finde ich nachvollziehbar. Außerdem wird in jeder “Epochenklammer” zusätzlich der Schwerpunkt auf eine andere literarische Gattung gelegt – 12.1 fällt mit einem tendenziell eher linguistischen Ansatz da etwas heraus, aber auch das mag ich im Prinzip. Ich freue mich vor allem auch auf die Filmanalyse – da kann ich endlich meine alten Star-Trek-Geschichten wieder missionarisch einbringen.
Hier in Niedersachsen gibt es seit einiger Zeit das Zentralabitur und thematische Schwerpunkte, d.h. man bekommt im Prinzip grob gesagt, welche Inhalte für die Abiturprüfung relevant sind. Was in der Pralinenschachtel der Abiturprüfung tatsächlich steckt, sehe ich auch erst mit den SuS zusammen. Für die Korrektur wird ein Erwartungshorizont mitgeliefert, der mal mehr, mal weniger dezidiert ausweist, wie viele Punkte für welche Teilaufgabe zu geben sind. Über die Qualität und den Anspruch der Aufgaben sowie den Erwartungshorizont schreibe ich besser einmal nichts. Ich frage mich gelegentlich, ob das Gelieferte den Ansprüchen der früheren Fachberater – die haben damals meine eingereichten Aufgaben schulextern gegengeprüft – gerecht geworden wäre.
Lange Rede – kurzer Sinn. Ich habe gestern durch meinen Korreferenten etwas gelernt: Er gab mir zwei Dinge mit auf den Weg:
- Maik, du musst nicht mehr “erziehend” korrigieren. Du erziehst deinen Kurs nicht mehr. Die haben gerade Abitur geschrieben – das soll in der Regel ihre letzte schulische Tat sein. Lass” deinen Anspruch einmal beiseite und hol’ heraus, was der Erwartungshorizont hergibt. Dein Erzieherjob ist vorbei.
- Wenn der Erwartungshorizont sich selbst nicht in allen Punkten eins ist, dann lege nicht deine persönlichen Maßstäbe an. Wenn das da so steht, ist das auch bei SuS richtig. Du musst keine Erwartungshorizonte korrigieren. Das haben andere Instanzen mehrfach vor dir getan.
Ich finde, dass er mit beiden Aussagen Recht hat. Und finde es nicht schlimm, wenn meine Kontrollinstanz sagt, dass ich vor dem eingangs zitierten Kontext doch bitte noch den einen oder anderen Notenpunkt herausrücken soll – trotz aller verbleibenden Freiheit. Ich mag ein gutes Ergebnis im Abitur.
Wäre ich ein Kultusministerium und hätte kein Geld für Fortbildung meiner Bediensteten, würde ich ein Zentralabitur mit verbindlichen thematischen Vorgaben einführen.
Ich würde die Vorgaben so wählen, dass sich sich grundsätzlich nicht auf bisher exemplarische Texte einzelner Epochen beziehen und so den Horizont meiner Lehrerschaft wirkungsvoll erweitern. Zudem ist es absolut vermessen zu glauben, dass es innerhalb der Deutschdidaktik auch über Jahrzehnte bewährte Texte geben sollte. Lehrer unterrichten schließlich methodisch und inhaltlich veraltet.



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