Man sieht es schon an der Aufmachung der Seite, dass hier jemand am Werke ist, der einerseits über viel Erfahrung, andererseits über ein gehöriges Maß an Pragmatismus verfügen muss. Ausdrücklich empfohlen sei hiermit die Seite von Arne Pönitz. Ich mache gerade sein Partnerpuzzle zu dem Stoffgemischen und beste Erfahrungen. Ich habe noch nicht viel Material gesichtet, aber das, was ich gesehen habe, halte ich für gut einsetzbar – z.B. auch viele andere Versuche, die mich auf andere Gleise und Zugänge setzen – mit den Jahren neigt man ja doch dazu, manches, was gut funktioniert, immer wieder zu wiederholen. Es gibt dort auch Material zu Mathe und Informatik, was ich habe nicht beurteilen kann.
Ich hatte ja schon vor einiger Zeit meine Ideen für ein mögliches Schulnetzwerk zusammengetragen. Das war quasi mein persönliches Pflichtenheft für die Planung hier vor Ort. Was soll ich sagen – es sieht ganz so aus, als wenn wir alles bekommen werden, was vor allen Dingen natürlich das Verdienst unseres Schulträgers ist.
Was ist genau in den letzten Wochen geschehen?
- Ich habe viel – unglaublich viel telefoniert. Der Elektriker vor Ort weiß, was zu tun ist. Er darf es aber nur tun, wenn der zuständige Elektroplaner ihn dazu anweist. Der Elektroplaner wird den Elektriker nur grünes Licht geben, wenn der Bauträger z.B. fehlende Komponenten nachfordert. Anfangs spricht man mit dem Elektriker, erkundigt sich beim E-Planer – Mails gehen über mehrere Ecken hin und her. Am Ende hat man alle Beteiligten persönlich gesehen und man kommuniziert direkt mit Entscheidungsträgern. Dabei bekommt man auch sofort vermeintlich heilige Diagramme zur geplanten Topologie des Netzwerks zu sehen – direkt über den E-Planer. Nebenbei hält man natürlich die eigene Schulleitung immer auf dem Laufenden. Überall läuft man im Prinzip offene Türen ein, weil ein wenig Koordinierung durchaus dankbar angenommen wird.
- Ich habe den Kontakt zu der Firma gesucht, die den technischen Support übernehmen wird. Deren Mitarbeiter müssen mit dem Netzwerk zurechtkommen und Komponenten vorfinden, mit denen sie vertraut sind. Also wurden von mir auch genau diese Komponenten in die Ausschreibung zum E-Planer gegeben. Dem Bauträger muss man dabei natürlich die Vorteile vermitteln: Ein Techniker, der sich nicht groß in die vorgefundene Hardware einarbeiten muss, wird dauerhaft weniger Stunden für seine Arbeit abrechnen, d.h. die erwartbaren Folgekosten sind geringer.
- Gemeinsam mit dem zuständigen Koordinator in der Schule haben wir nach Finanzierungsmöglichkeiten gesucht. Manchmal helfen da Haushaltsposten, die schon lange beantragt worden sind – wir hatten Glück. Da über den Koordinator sehr gute Kontakte zum Schulträger bestehen, können natürlich im Rahmen des Haushaltsrechts der Landkreise Lösungen gefunden werden, die manchmal überraschen.
- Dabei sind in meinem Fall eine Reihe von “Ferientagen” ins Land gegangen. Wenn ich in der Aufbauphase eines Netzes jedoch viel Aufwand betreibe und immer mehrere Stimmen höre, so werde ich ein Produkt erhalten, welches mir im späteren Betrieb wenig Ärger bereitet – diese Ferientage sind also eine Investition in künftige Ferienzeiten und Freistunden.
Wie sieht das Produkt aus?
- Wir werden ein Netz bekommen, welches ziemlich komplett mit managebaren Switchen ausgestattet ist. Man kann in einem solchen Netz über die gleiche Verkabelung mehrere Netze aufbauen. Da wir ein Medienzentrum, eine Außenstelle der Universität im Hause haben und zusätzlich einen Gebäudeteil gemeinsam mit einer anderen Schule nutzen, findet jede Institution ihre gewohnte Umgebung vor. Man kann auch jedes Netz in jeden beliebigen anderen Gebäudeteil routen, so dass z.B. das Medienzentrum Schulungen in den Räume der Uni durchführen kann – und umgekehrt.
- Kernstück für unsere eigenes Schulnetz wird der Portalserver iserv werden. Dieses Produkt ist regional auf Niedersachsen beschränkt, verfügt jedoch über alle von mir im Pflichtenheft vorgedachten Features und eine eigene niedersächsische Supportstruktur, die es mir erst erlaubt hat, das Produkt ausgiebig zu evaluieren. In die Bedienung des iserv lässt sich jeder etwas technikaffine Kollege einführen, so dass in Verbindung mit den lokalen Supportstrukturen die Funktion des Netzes nicht an eine einzelne Person gebunden ist – ein nicht zu unterschätzender Nachhaltigkeitsfaktor.
- Alle Überlegungen der letzten Wochen sind in unseren Medienzentrum in eine Vision eingeflossen: Wir möchten hier in der Region einen Supportverbund etablieren, der auf lokale Produkte und Dienstleistungen setzt. Das klingt im Zeitalter des grenzenlosen Internets erstmal altbacken. Unsere Erfahrung damit ist aber schon jetzt ungemein positiv – unsere Kunden und Benutzer müssen schließlich damit zurechtkommen. Und ich weiß, dass in einem derartigen, auch sozialen Supportverbund auch nicht unbedingt immer auf die Zeit oder den Preis geschaut wird. Der Verbund besteht idealerweise aus Menschen, die Dienstleistungen erbringen und daran neben dem erforderlichen Verdienst auch Freude haben sollen.
Was für ein Aufwand!
Ja und Nein. Ich sehe meine momentane Arbeit als Übungsfeld für meine Tätigkeit als MPB-digi. Meine Erfahrungen, die ich hier vor Ort mache, möchte ich natürlich auch anderen Schulen der Region zur Verfügung stellen und sie bei Verhandlungen mit Schulträgern oder Firmen unterstützen. Das was ich hier vor Ort lerne, hat also Synergieeffekte. Das muss es auch, denn eine Abordnung von einer Drittelstelle muss ja auch von einem Gegenwert begleitet sein.
Die Anforderung an mich erlebe ich dabei momentan extrem: Neben dem technischen Wissen sind natürlich auch viele kommunikative Kompetenzen erforderlich – und manchmal auch viel Verständnis für Strukturen, die eben Strukturen sind und das genau so auch sein dürfen. Und ich kenne eben Schule – auch als Personalrat. Schön und entlastet ist der Umstand, dass ich in eine Beratungsstruktur des Landes mit ihren vor allem menschlichen Ressourcen eingebunden bin.
Ich verstehe mich damit als jemand, der hilft, dem Lernen in der Wissensgesellschaft eine Grundlage zu geben – ganz praktisch, ganz konkret – fernab von Apologien auf eine wie auch immer geartete Zukunft.
Auf netzpolitik.org gab es gestern interessantes Material über einen geplanten “Schultrojaner” zu lesen. Hier noch einmal in aller Kürze der bisher bekannte Sachverhalt:
- Es gibt einen Vertrag zwischen den Kultusministern der Länder und dem Dachverband der Schulbuchverlage.
- 1% der Schulen sollen mit einer Software ausgestattet werden, die innerhalb des Schulnetzwerks automatisch urheberrechtlich geschütztes Material ausfindig macht
- UPDATE: Die dabei gefundenen Daten werden an den Schulträger(!) übermittelt (der ist nicht der disziplinarisch Vorgesetzte) -
- Der Dienstherr soll durch disziplinarische Maßnahmen dafür Sorge tragen, dass dem Urheberrecht an Schulen genüge getan wird
Darüber war auf den üblichen Plattformen und auch in der Blogossphäre viel Empörung zu lesen und auch sinngemäß Sätze wie:
- Schulbuchverlage sind in der neuen Wissensgesellschaft überflüssig.
- Schulbuchverlage verdienen keinen Dialog.
- Schulbuchverlage produzieren minderwertiges Material
- Schulbuchverlage verdienen sich auf Kosten der Allgemeinheit dumm und dämlich
Das Feindbild steht also fest – oftmals generalisiert, pauschal, extrem. Ich hoffe inständig, dass dieses Verhalten nicht die oft proklamierte “neue Wissensgesellschaft” repräsentiert. Auch ich habe Probleme mit Verlagen. Ich möchte bloß gerne zwischen “Verlag” und “Verhalten von Verlagen” differenzieren.
Der 1. Skandal
Das mit dem Schultrojaner verbundene Verhalten verdient extreme Reaktionen. Hier nimmt Privatwirtschaft öffentliche Institutionen in die Pflicht, für Konsequenzen in zivilrechtlichen Fragen zu sorgen. Das ist der erste Skandal.
Ich bin Administrator eines Schulnetzwerks. Würde ich angewiesen, diese Software auf Schulsystemen zu installieren, wäre diese Anweisung wahrscheinlich rechtswidrig. Dem Disziplinarverfahren gegen mich aufgrund meiner Weigerung sähe ich gelassen entgegen. Alternativ würde mich das zur Einleitung einer Dienstaufsichtsbeschwerde zwingen.
Es wird schon allein deswegen rechtswidrig sein, weil natürlich Vereinbarungen bezüglich dieser Überwachung mit den Personalvertretungen der Lehrkräfte getroffen werden müssten, damit “Verstöße” überhaupt disziplinarrechtlicht geahndet werden könnten. Die Personalvertretung verdiente ihren Namen nicht, wenn sie sich darauf einließe, staatliche Institutionen zur Durchsetzung zivilrechtrechtlicher Interessen der Privatwirtschaft zu funktionalisieren.
Die Verlage müssten eigentlich direkt gegen ihre “Kunden” vorgehen – das ist natürlich problematisch für den Umsatz. Der Schultrojaner, der technisch keiner ist und den es noch nicht einmal geben dürfte, scheint da der “bessere” Weg zu sein – der nun tobende Shitstorm dürfte die Marketingabteilungen wahrscheinlich etwas beschäftigen.
Der 2. Skandal
Der zweite Skandal würde darin bestehen, dass mein Dienstherr seinen Sorgfalts- und Fürsorgepflichten mir gegenüber nicht nachkäme, wenn er tatsächlich einen Vertrag unterzeichnet, der potentiell rechtswidrige Formulierungen und Bedingungen enthält. Von mir als Beamter werden stets akkurate Befolgung der gesetzlichen Vorgaben erwartet und eben Loyalität – die funktioniert aber nur, wenn sie zweiseitig angelegt ist. Mir liegen keine gesicherten Informationen darüber vor, wie sich mein Dienstherr tatsächlich verhalten hat und wie die diskutierten Passagen des Vertrages tatsächlich rechtlich zu bewerten sind.
Technische Betrachtungen
Da es für die Kopie in Papierform mittlerweile recht liberale und pragmatische Regelungen gibt – und auch pauschale Vergütungssätze für die Verlage, muss ein Schultrojaner es vor allen Dingen auf digitalisierte Buchseiten und Arbeitsblätter sowie nicht lizensierte Verlagssoftware “abgesehen” haben. Während letztere durch recht einfache Heuristiken zu erkennen sein dürfte, sieht das bei digitalisierten “Papieroriginalen” schon ganz anders aus, denn:
- Wie soll ein solches Programm Verlagsinhalte “sicher” erkennen, ohne wahllos alle Dateien einem “Deep”-Scan zu unterziehen, der zusätzlich auch noch auf OCR-Mechanismen zurückgreifen müsste?
- Wie soll ein solches Programm “unlizensiertes Material” melden?
- Wie soll ein solches Programm in heutigen Schulnetzen zwischen Privatgeräten mit Ordnerfreigaben und Schulrechnern unterscheiden?
- Ist die Datei auf des Festplatte des Schulkopierers eine unlizensierte “digitale Kopie”? (Das Ding müsst ihr euch echt mal ansehen…)
- usw.
Schlussendlich: Wie kann ein solches Programm im Einklang mit geltenden Datenschutzrichtlinien überhaupt arbeiten?
Unqualifizierter Seitenhieb: Den Datenschutz wollen ja viele sowieso abschaffen – das Problem bestünde dann natürlich nicht…
Warum ich Verlage als Institution nicht so generell doof finden kann
- Auch eine utopische Gesellschaft mit bedingungslosem Grundeinkommen basiert auf Formen von Wertschöpfung, gerade in einer globalisierten Welt
- Nicht jeder gute Autor ist in der Lage, selbst im Netz geeignete Strategien zu finden, um seine wirtschaftliche Existenz zu sichern, bzw. Wertschöpfung für eine auf bedingungslosem Grundeinkommen basierende Gesellschaft zu betreiben.
- Nicht das gesamte Material in den Backlisten von Verlagen ist völlig ungeeignet und schlecht – als Steinbruch taugt z.B. auch unvollkommenes Material
- Nicht jeder Verlag legt tyrannisch fest, was zu lernen ist. Ich beobachte zurzeit im Bereich des Unterrichtsmaterials eine Flexibilisierung und Diversifizierung – weil der Wissenskanon eben nicht durch Verlage, sondern vielmehr durch Curriculumskommissionen vorgegeben wird. Das wird m.E. das “trojanische Pferd” für Veränderungen in der Schulbuchverlagslandschaft werden.
- Es gibt Verlage, die mich fair behandelt haben. Das waren kleine, engagierte Unternehmen mit Netzaffinität und neuen Ideen für die eigene Wertschöpfung.
- Mir macht das inhaltliche Niveau von manchen Diskussionsprozessen im Netz schon sehr viel Sorge – z.B. beobachte ich, dass bei der Bewertung netzpolitischer Themen (z.B. Datenschutz, Facebook) oftmals m.E. völlig naiv und selektiv diskutiert wird, indem man sich das aus Texten heraus liest, was man sofort und ohne Mühe versteht – wer hat sich schon intensiv mit den Wiresharkprotokollen zu den Facebookcookies auseinandergesetzt? Da wäre aufbereitetes Material von den oft ach so verpönten Experten manchmal nicht schlecht, um auch als Laie zu wissen, wovon ich da eigentlich rede – ich könnte das verstehen, aber ich habe nicht die Zeit dafür… Die kaufe ich mir halt. Dabei können Verlage z.B. durch Lektoratsdienstleistungen durchaus helfen.
- usw.
Mir gefällt vieles nicht an (Groß-)Verlagen. Ich habe aber auch nichts dagegen, dass sie Wertschöpfung betreiben, z.B. für mein Grundeinkommen. Im Web2.0 werden ja auch in freundschaftlicher Atmosphäre z.B. Kurse vertickt, für deren Inhalte man bezahlt. Die Verlage haben viel versäumt – z.B. sich zu überlegen, wie ihre eigene Wertschöpfung in der digitalen Welt funktionieren kann, wie sie faire Autorenverträge hinbekommen, die motivieren, wie sie… 999 Punkte, die es zu diskutieren gilt und die eng miteinander verknüpft sind. Aber ob wir sie nicht mehr brauchen in der “Wissensgesellschaft”? Wer weiß das? Ich zumindest nicht. Meine Glaskugel scheint im Gegensatz zu anderen Glaskugeln einfach nur kaputt zu sein.
Um zu verstehen, was gerade eigentlich im europäischen Bankensystem geschieht, kann man nicht oft genug auf eine m.E. wunderbare Filmreihe von Max von Bock hinweisen, dass auf einfache Weise die Grundlagen unseres Finanzsystems erklärt – natürlich mit deutlich ideologischem Duktus.
Die vorgeschriebene Eigenkapitaldeckung von Banken im Euroraum ist erst kürzlich gegen immense Widerstände von 2% auf 3% erhöht worden. Was heißt das in der Sprache des Films? Eine Bank darf eine Option auf einen Realwert (= Geld) jetzt nicht mehr mit 50, sondern lediglich mit 33,3 faktorisieren, d.h. zu Deutsch jeden eingezahlten Euro 33,3x verleihen.
Es zeichnet sich jedoch gerade ab, dass davon vielleicht fünf verliehene Euro niemals zurückkommen werden, also “abgeschrieben” werden müssen, womit mein Beispieleuro mindesten 4x nicht mehr existent ist. Ich kann ihn also nicht mehr abheben oder eben nur abheben auf Basis der Zinszahlungen der übrigen 28 verliehenen Euro. Leider befinden sind unter den 28 Schuldnern weitere Wackelkandidaten. Als Kompensation bleiben z.B. höhere Zinseinnahmen.
Damit ich meinen Euro auch in einen solchen Fall sofort zurückerhalte, gibt es einen Einlagensicherungsfond. Zitat:
Bei dem freiwilligen Sicherungsfonds der privaten Banken gibt es eine sehr hohe Sicherungsgrenze, die bei 30 % des maßgeblichen haftenden Eigenkapitals der jeweiligen Bank je Gläubiger liegt. Bei einem haftenden Eigenkapital von beispielsweise 100 Millionen Euro einer Bank ist also das Vermögen jedes einzelnen Kunden mit bis zu 30 Millionen Euro abgesichert, sofern der Fonds über die entsprechenden Mittel verfügt. Im Gegensatz dazu sichern die Sicherungsfonds der Sparkassen und Genossenschaftsbanken die jeweiligen Institute, so dass bei Genossenschaftsbanken und Sparkassen nicht nur die Einlagen, sondern auch Schuldverschreibungen und Zertifikate voll abgesichert sind.
Wenn also ein Bank pleite geht, sind meine Spareinlagen garantiert – bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken ist der Einlagensicherungsfonds offenbar etwas breiter aufgestellt als bei privaten Instituten. Zudem gibt es je nach Fond Grenzen, bis zu denen garantiert wird, dass das Kapital auch gesichert ist – mal ist von 20.000 bis hin zu 100.000 “sicheren” Euro die Rede. Peer Steinbrück hat vor mittlerweile drei Jahren etwas Bemerkenswertes anlässlich einer Pressekonferenz mit Angela Merkel gesagt:
Ich möchte gerne unterstreichen, dass wir in der Tat in der gemeinsamen Verantwortung, die wir in der Bundesregierung fühlen, dafür Sorge tragen wollen, dass die Sparerinnen und Sparer in Deutschland nicht befürchten müssen, einen Euro ihrer Einlagen zu verlieren. Dies ist ein wichtiges Signal, damit es zu einer Beruhigung kommt und nicht zu Reaktionen, die unverhältnismäßig wären und die uns die derzeitige Krisenbewältigung beziehungsweise Krisenprävention noch schwieriger machen würden.
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,582305,00.html
In der Sendung gestern im Ersten hat er ziemlich klar die Hintergründe seiner Äußerung benannt: Es sollte damit verhindert werden, dass in der darauf folgenden Woche die Menschen zur Bank gehen und ihren Euro abholen. Die Situation 2008 war deutlich entspannter als die Situation heute, in der solche Zusagen offenbar nicht mehr gemacht werden müssen, weil die Menschen sich vermutlich an die Krise gewöhnt haben.
Was wird zurzeit getan? M.E. wird viel geredet – wie 2008 schon. Dabei bilden die Web2.0-Kreise keine Ausnahme. Keine Lösungen, keine auf Sachüberlegungen basierenden Standpunkte – wäre auch unbequem, da man sich selbst dadurch Kritik aussetzen würde. Deswegen – so mein Eindruck – sollen einmal die Politiker diese “abstruse Situation” lösen. Das Mindeste, was zu tun wäre, ist meiner Meinung nach einmal die Position der Politik einzunehmen, da die Finanzkrise in ihrer Auswirkung allmählich für den Einzelnen fühlbar zu werden beginnt.
Soll man Banken pleite gehen lassen?
Das wäre eine marktwirtschaftliche und konsequente Lösung: Die Bank müsste für die eingegangenen Risiken haften und für Verluste gerade stehen. Kann die das mit einer Konkursmasse, die aus 33,3-fach verliehenen Optionen auf eine Option auf einen Realwert besteht? Wird spannend. Vor allem für die Sparer, die der Bank ihren Euro geliehen haben. Je nach “Systemrelevanz” der Bank dürfte der Einlagensicherungsfond platt sein. Dann bleiben im Bestfall von jedem Euro weniger als 10ct übrig. Letztendlich trifft es also den Steuerzahler bzw. denjenigen, der über Sparguthaben verfügt. Nur wenige Reiche werden den Absprung in vermeintlich “sichere” Länder bewältigen.
Soll man eine höhere Eigenkapitalquote bei Banken vorschreiben?
Kann man machen. Mehr Kapital werden die Banken jedoch nur anlocken, wenn der Kapitalertragszins steigt – mit Werten rund um die Inflationsrate holt man keinen Sparer hinter dem Ofen hervor. Höhere Kapitalertragszinsen bedingen zumindest indirekt auch höhere Kreditzinsen – das will ja gegenfinanziert sein. Zudem impliziert die Forderung nach höheren Eigenkapital ja auch die Forderung nachhaltiger zu wirtschaften – dann darf man überschuldeten Staaten aber eigentlich kein Geld mehr leihen – das muss dann die EZB machen. Letztendlich trifft das den Steuerzahler. Und es passiert bereits: Die EZB kauft Staatsanleihen auf und nimmt damit die Banken mehr oder minder aus der Haftung.
So oder so: Das subventionierte iDingens wird teurer werden. Die Konsumentenkredite werden wahrscheinlich deutlich von Zinsniveau anziehen, d.h. man wird wohl dahin zurückkommen müssen, sich Dinge erst zu kaufen, wenn man sie ohne fremde Hilfe bezahlen kann – als Staat ebenso wie als Bürger eines Staates. Was bedeutet das wiederum für z.B. die Autoindustrie? Wer bezahlt seinen Blechhaufen noch BAT (Bar Auf Tatze)?
Die Bankenkrise wird bei einer “vernünftigen Lösung” – so es die geben wird – uns alle treffen. Es ist eben kein abstraktes “Alle (Groß-)Banken sind Scheiße”. Auch ein totaler Reboot muss eigentlich in letzter Konsequenz bedeuten, dass Waren endlich das kosten, was sie wert sind. Gut, dass ich keinen Kaffee trinke – auch der fair gehandelte muss sich ja irgendwie am Marktpreis orientieren, damit er gekauft wird.
Was man jetzt schon ganz konkret tun kann, ist mit seinem Geld zu einer Bank zu gehen, die transparent und nachhaltig wirtschaftet. Dazu gibt es hier viele Infos. Ich bin bisher leider dabei aber auch nicht über die Calc-Liste mit den Adressen der anzuschreibenden Institution wg. Kontoänderung hinausgekommen.
Es gibt Tage, an denen ich mich meiner Unterrichtsvorbereitung schäme das System Schule hasse, welches mir so wenig Zeit für eine wirklich tiefe Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsstoff lässt. Vor zwei Wochen habe ich einen Vormittag mit Immanuel Kants Text “Was ist Aufklärung?” verbracht und zwar nicht in der Fassung, die in unserem Schulbuch steht, sondern mit dem vollständigen Text aus der damaligen Monatsschrift. Das Schulbuch lässt diese Fassung des Textes noch übrig, die – so glaube ich – in Deutschland 100fach SuS vorgelegt wird:
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne Zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt der für mich die Diät beurtheilt, u. s. w. so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Theil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. [...]
Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stükken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: räsonnirt nicht! Der Offizier sagt: räsonnirt nicht, sondern exercirt! Der Finanzrath: räsonnirt nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsonnirt nicht, sondern glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: räsonnirt, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!) Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich? welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? – Ich antworte: der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zu Stande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern. Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, den er in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten, oder Amte, von seiner Vernunft machen darf. [...]
Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung. Daß die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im Ganzen genommen, schon im Stande wären, oder darin auch nur gesetzt werden könnten, in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines Andern sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel. Allein, daß jetzt ihnen doch das Feld geöffnet wird, sich dahin frei zu bearbeiten, und die Hindernisse der allgemeinen Aufklärung, oder des Ausganges aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, allmälig weniger werden, davon haben wir doch deutliche Anzeigen.
Nach intensivem Studium des Originals muss ich sagen, dass “didaktische Reduktion” oder gar “Platzmangel” in diesem Fall noch die harmlosesten Erklärungen dafür sein mögen, nicht dem gesamten Text abzudrucken. Böswillig ließe sich fast vermuten dass dahinter eine Absicht steckt. Warum kommt mir dieser Gedanke?
Beliebt ist die Aufgabe für SuS, zu erklären, was der Unterschied zwischen dem privaten und dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft ist. Das bekommt eine besondere Note, wenn man feststellt, dass das Kant im Original selbst an mehreren Beispielen macht, z.B. hier:
So würde es sehr verderblich sein, wenn ein Offizier, dem von seinen Oberen etwas anbefohlen wird, im Dienste über die Zwekmäßigkeit oder Nützlichkeit dieses Befehls laut vernünfteln wollte; er muß gehorchen. Es kann ihm aber billigermaßen nicht verwehrt werden, als Gelehrter, über die Fehler im Kriegesdienste Anmerkungen zu machen, und diese seinem Publikum zur Beurtheilung vorzulegen.
Oder hier:
Eben so ist ein Geistlicher verbunden, seinen Katechismusschülern und seiner Gemeine nach dem Symbol der Kirche, der er dient, seinen Vortrag zu thun; denn er ist auf diese Bedingung angenommen worden. Aber als Gelehrter hat er volle Freiheit, ja sogar den Beruf dazu, alle seine sorgfältig geprüften und wohlmeinenden Gedanken über das Fehlerhafte in jenem Symbol, und Vorschläge wegen besserer Einrichtung des Religions- und Kirchenwesens, dem Publikum mitzutheilen.
Ob es wohl auch im Geiste so manches Kirchenoberen heute ist, was Kant hier tatsächlich verlangt? Wie ergeht es eigentlich Priestern heute, die sich “als Gelehrte” in Schriftform gegen das Zölibat stellen oder gegen die Abendmahlsregelung (ein katholischer Geistklicher muss einem Protestanten das Abendmahl verweigern, wenn dieser nicht an die Wandlung glaubt)?
Zurück zur Problematik der Aufgabenstellung: Wir schneiden einen Textabschnitt heraus, der Antwort auf die Frage gibt, die wir SuS zum Text stellen. Hä? Wir schneiden zudem einen Textabschnitt heraus, der wie kein anderer klare Bezüge zur heutigen Lebenswelt der SuS ermöglicht, der angesichts der aktuell laufenden Systemdiskussionen aktuelle Fragen aufwirft, z.B. nach der Legitimität des beamtischen Schulsystems.
Außerdem klingt es doch aus heutiger Sicht etwas verwunderlich, wenn “der Aufklärer Kant” auf einmal so etwas von sich gibt:
In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufklärung, oder das Jahrhundert Friederichs.
Ein Fürst, der es seiner nicht unwürdig findet, zu sagen: daß er es für Pflicht halte, in Religionsdingen den Menschen nichts vorzuschreiben, sondern ihnen darin volle Freiheit zu lassen, der also selbst den hochmüthigen Namen der Toleranz von sich ablehnt: ist selbst aufgeklärt, und verdient von der dankbaren Welt und Nachwelt als derjenige gepriesen zu werden, der zuerst das menschliche Geschlecht der Unmündigkeit, wenigstens von Seiten der Regierung, entschlug, und Jedem frei ließ, sich in allem, was Gewissensangelegenheit ist, seiner eigenen Vernunft zu bedienen. Unter ihm dürfen verehrungswürdige Geistliche, unbeschadet ihrer Amtspflicht, ihre vom angenommenen Symbol hier oder da abweichenden Urtheile und Einsichten, in der Qualität der Gelehrten, frei und öffentlich der Welt zur Prüfung darlegen; noch mehr aber jeder andere, der durch keine Amtspflicht eingeschränkt ist.
An vielen Stellen in Kants Text ist zu lesen, dass die Amtsträger im Staat eben funktionieren (=gehorchen) müssen. Damit festigt er natürlich das beamtische System und die damit verbundene Struktur – passt das zu dem Bild des vernunftsgeleiteten Prototyp-Aufklärers? Despotismus als “vernünftige Staatsform”? Lobhudelei auf Friedrich?
Kants Haltung hat aber wahrscheinlich einen Grund, der aus dem Kontext der historischen Verhältnisse zu sehen ist. Hätte Kant auch den Beamten in ihrem Amt den uneingeschränkten Gebrauch der Vernunft zugestanden, hätte es wohl mit ziemlicher Sicherheit Ärger mit dem preußischen Herrscher gegeben, dessen “freiheitliche Einstellung” in Religionsdingen wohl wiederum rational-staatpolitischen und nicht primär durch Toleranz geprägten Überlegungen geschuldet sein dürfte – aber ich bin kein Geschichtslehrer.
Fest steht für mich heute, dass wir durch die Kürzung dieses Textes bzw. die Hinnahme seiner Kürzung in dieser Form, SuS genau das implizit verweigern, was daran zu lernen wichtig ist. Das ist keine sinnvolle didaktische Reduktion, das halte ich für dringend überdenkenswert. Ich habe durch meine Beschäftigung mit diesem Text daran viel Freude und Gedanken bekommen.
Meine SuS sollten sich in einer Hausaufgabe ein Urteil darüber bilden, ob die durch das Deutschbuch vorgenommene Kürzung dem Text inhaltlich gerecht wird: Sie sind selbstständig zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Schön. Also waren sie durch Länge des didaktisch unreduzierten Textes inhaltlich nicht überfordert.
In diesem Sinne: Sapere aude!


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