Wenn der, der etwas notwendig braucht
dies ihm Notwendige findet, so ist es nicht der Zufall,
der es ihm gibt, sondern er selbst,
sein eigenes Verlangen und Müssen führt ihn hin.
(Hermann Hesse)
Im Rahmen des schulinternen Präventionskonzeptes wurde in dieser Schulwoche von den Klassenlehrern der 8. Klassen vier Tage lang die ersten beiden Stunden zum Thema “Sucht” mit dem Schwerpunkt auf “Alkohol” gestaltet. Die Mitglieder des Präventionsteams haben dazu in Kooperation mit einer lokalen Beratungsstelle methodische Bausteine entwickelt, die in ihrer Abfolge erstmalig zum Einsatz kamen. Die Bausteine konnte man entweder 1:1 umsetzen oder auch etwas Eigenes machen. Da mir persönlich dieses Thema sehr wichtig ist und ich ja auch schon über zehn Jahre Erfahrung in der Jugendarbeit habe, koche ich bei sowas immer gerne mein eigenes Süppchen. Ich bin dazu folgendermaßen vorgegangen und habe sehr viele Ideen aus dieser Arbeitshilfe der Fachstelle für Suchtprävention (VIVID) aus Österreich übernommen, die alles Wesentliche prägnant und praxisorientiert zusammenfasst – habe natürlich aber auch ideenmäßig sehr viel im vorbereiteten Material unseres Präventionsteams gewildert.
Dies ist ein fiktiver Artikel. Alle Schicksale und Namen sind erdacht. Das Allermeiste habe ich durch (Blog-)beiträge anderer Lehrer und Eltern(-foren) aufgeschnappt. Die Zahl 180 SuS ist für den gymnasialen Bereich realistisch, da das Deputat bei voller Stelle in etwa 6-7 Lerngruppen umfasst. Die systemkundigen Leser mögen beurteilen, ob die folgende Zusammenstellung irreal ist.
Die Ich-Form ist bewusst gewählt, um ein Identifkationsangebot zu schaffen. Der Ich-Erzähler des Textes ist selbst eine Fiktion und hat mit dem Autor (mir) nicht alles gemein – also nur das Gute…
Die SuS (keine Extremfälle):
Petra hat AD(H)S. Sie kann sich nicht konzentrieren. Sie kann sich nur helfen, indem sie sich bewegt, indem sie laut ist, indem sie auffällt. Petra kann dafür nichts.
Ulrich ist hochbegabt und ständig unterfordert. Ulrich fällt auf, wird zornig, stört. Ulrich geht mich vor der Klasse verbal an.
Constanze ist still. Constanze schreibt hervorrragende Arbeiten, trägt zum Unterricht jedoch nichts bei. Bei Constanze müsste ich eigentlich ganz oft die Hausaufgaben nachschauen.
Hussein kommt aus einem Haushalt, in dem der Mann alles und die Frau nichts zählt. Meine Kolleginnen quälen sich mit Hussein.
Chloé ist sozial hoch engagiert. Sie setzt sich ständig für die Klasse ein, sagt mir, was aus ihrer Sicht schiefläuft, wo es brennt – mit Kolleginnen und Kollegen, in der Klasse. Ihr fehlt ein wenig Empathie und Redetechnik. Da müsste man sie fördern.
Petr kommt aus einem klischeehaften(!!!) Spätaussiedlerhaushalt. Er kann keinen guten Aufsatz schreiben, weil zu Hause nur russisch gesprochen wird. Viele Worte versteht er einfach nicht. Petr bräuchte dringend Deutschförderunterricht.
Haakon verhält sich unauffällig. Haakon entwickelt in Tests sehr eigenständige, hochinteressante Lösungsansätze, die er allein methodisch nicht sinnvoll zu Ende führt. Auf einen Dreier kommt Haakon immer. Man sieht Haakon aber an, dass er damit nicht zufrieden ist, dass er denkt: “Da muss doch noch mehr sein!”. Man müsste ihm mehr bieten.
Martina ist ein hübsches Mädchen. Sie sagt von sich, dass sie für Naturwissenschaften eh zu dumm ist. Martina legt eher wert auf Mode. Martina glaubt nicht an sich. Martina liest keine Hausaufgabe vor, ohne vorher zu betonen, dass ihr Text schlecht ist oder irgendwelche Macken hat. Martina braucht dringend Unterstützung im Bereich Selbstbehauptung – vielleicht hilft Martina auch schon Mann-, äh: Frauschaftssport.
Georginas Eltern haben sich kürzlich scheiden lassen.
Vor ca. zwei Wochen habe ich meinen Kurs zur Medienbildung vorgestellt. Wir setzen ihn in dieser Woche gerade bei uns in der Schule lerngruppenübergreifend ein, was insbesondere ein deutliches Plus für die integrierten Aktivitäten (Chat, Forum) ist. Hier kommt es sogar teilweise zu lerngruppenübergreifenden Diskussionen. Einige SuS nutzen den Kurs sogar in ihrer Freizeit, um weiterzudiskutieren – das Konzept funktioniert also prinzipiell. Desweiteren habe ich bei drei unterschiedlichen Klassen, die ich im PC-Raum erlebt habe, kaum wahrgenommen, dass etwas anderes als die Aufgaben während der 90-minütigen Doppelstunde bearbeitet worden ist. Der Einsatz von Film und Text bietet offenbar genügend Abwechslung für 7. Klassen.
Nicht überrascht hat mich, dass Jasper gerade bei den Mädchen am besten ankam, Die kreative Leistung von Fabsi wurde dagegen kaum gewürdigt. Nunja. Die Erfahrungen dieses Kurses sollen ja eh noch in einer nachfolgenden Stunde nachbereitet werden… Auch so manche Diskussionskultur.
Die Umfrage
Der erste Baustein enthält eine kleine, anonyme Umfrage – hier einige, m.E. bemerkenswerte Ergebnisse:
Durchschnittlich verbringen unsere SuS der 7. Klasse 1,85 Stunden täglich im Internet
53% bereiten ihre Hausaufgaben mit Hilfe des Netzes vor
73% haben schon einmal ein Foto von sich veröffentlicht, immerhin 28% schon ein Video
23% haben schon schlechte Erfahrungen im Netz gemacht (Beleidigungen, Betrügereien etc.)
45% geben an, dass sie bereits eigene Texte im Netz erstellt/veröffentlicht haben (inkl. Forenposts)
Wie schon etwas länger angekündigt, biete ich meinen Kurs mit Bausteinen und Ideen zum Thema Medienbildung jetzt zum freien Download an. Er kann auf jedem aktuellen Moodlesystem entpackt werden und enthält ausbaufähige Bausteine zu den Themen:
Internetnutzung
Chat & andere Plaudereien
Netzpolitik und Internetzensur
“Ausbaufähig” bedeutet, dass er als Grundlage für Weiterentwicklungen dienen kann, jedoch auch jetzt schon einsetzbar ist. Anschauen kann man sich den Kurs hier(ACHTUNG: Aufgrund eines DNS-Updates kann der Kurs zeitweise nicht verfügbar sein!) und downloaden hier: Moodlekurs zur Medienbildung.
Der Kurs steht unter CC-Lizenz unter Ausschluss einer kommerziellen Nutzung. Er wird an unserer Schule mit als Grundlage im Rahmen unseres Präventionskonzeptes dienen und noch weiter ausgebaut entsprechend den Erfahrungen im Alltagsbetrieb.
Update von 6. März 2010:
Der Kurs wurde nochmals geprüft und der fehlerhafte Baustein 3 entfernt, da die verlinkten Videos nicht mehr frei verfügbar sind.
Am vergangenen Dienstag hatten wir zu einem Aulaabend zum Thema “Gefahren im Internet” geladen. Dieser ist Teil unseres Präventionskonzeptes und war für die Eltern gedacht. Einer der Vortragenden war ich – und ich durfte ca. 15 Minuten sprechen. Mein großes Thema ist und bleibt dabei “Identität”.
Hauptansatzpunkt dabei ist, dass Erwachsene bei der Füllung und Bewertung dieses Begriffes aufgrund ihrer Lebenserfahrung ihren Kindern in der Regel überlegen sein sollten. Im Kontext der neuen Medien ist das Gefühl von Überlegenheit in der überwiegenden Mehrheit aus der Altergruppe der um die 40jährigen oft ja nicht so ausgeprägt. Im Folgenden umreiße ich lediglich mein gedankliches Skript bei diesem Vortrag. Weil ich primär bei Vorträgen mit mir als Person arbeite, würde die dazugehörige Präsentation wahrscheinlich wenig nützen.
Im bin eingestiegen mit einem Video, das ich zum ersten Mal bei René Scheppler gesehen habe:
Das Original gibt es auf http://www.dubestemmer.no auch mit englischem Untertitel. Ich finde die Stimmmelodie der Lehrerin so absolut fantastisch, dass ich mich für das nicht-untertitelte Original entschieden und die gute Frau live synchronisiert habe – als Nordlicht kann man Norwegisch nach mehrmaligem Hören eigentlich dem Sinn nach ganz gut verstehen. Dummerweise habe ich vergessen, darauf hinzuweisen, dass mir die englischen Untertitel bekannt waren – nunja, jetzt denken alle, ich könnte Norwegisch.