Wenn der, der etwas notwendig braucht
dies ihm Notwendige findet, so ist es nicht der Zufall,
der es ihm gibt, sondern er selbst,
sein eigenes Verlangen und Müssen führt ihn hin.
(Hermann Hesse)
Frau Bergmann Denk dir, Wendla, diese Nacht war der Storch bei ihr und hat ihr einen kleinen Jungen gebracht.
[...]
Wendla Ein Mann, Mutter – dreimal so groß wie ein Ochse! – mit Füßen wie Dampfschiffe…!
Frau Bergmann (ans Fenster stürzend) Nicht möglich! – Nicht möglich! -
2. Akt, 2. Szene
Diese beiden Textstellen stehen nicht zusammen, sondern sind durch ca. eine Seite Text eines recht sprunghaften Dialoges voneinander getrennt. Schüler, 9. Klasse (sinngemäß):
“Also Wendla macht doch hier genau das Gleiche, was die Mutter mit ihr macht. Sie tischt ihr eine Lügengeschichte auf und an der Mutter lässt sich erkennen, wie eine normale Reaktion darauf aussehen muss: Unglauben. Spannend ist doch auch, dass Wendla hier einen Rollenwechsel vornimmt: Sie handelt wie ihre Mutter, spiegelt quasi ihr Verhalten.”
Tatsächlich klärt Frau Bergmann ihre Tochter nicht auf, sie bekommt die “Influenza” (Schwangerschaft) , die durch Frau Schmitter “geheilt” (Abtreibung) werden muss – an den Folgen dieser “Heilung” (Infektion) wird Wendla sterben.
Da wir uns dem Thema Interpretation erst langsam nähern, hat mich insbesondere dieser für mich sehr neue Denkansatz zum “Knacken der Szene” umgehauen – so sehr, dass ich ihn hier einfach festhalten muss.
Ich kann den Text für eine leistungsstarke 9. Klasse immer wieder empfehlen, weil man sich in dem betreffenden Alter noch heute “so verhält” wie teilweise die Figuren des Dramas. Und wie man sieht, lässt sich daran eine Menge zeigen, weil es einfach inhaltlich, sprachlich und formal schön geschrieben ist.
… ist im Fach Deutsch demnächst ein verbindlich vorgeschriebenes Thema für die Oberstufe hier in Niedersachsen. Mit Titelvorschlägen wie “Lola rennt”, “Matrix” wird ein Bemühen um Aktualität erkennbar, das gerade beim Medium Film aber m.E. gar nicht so wichtig ist. Natürlich stehen da auch die in meinen Augen stinklangweiligen Literaturverfilmungen, die über den eigentlichen Text nie hinauskommen werden, geschweige denn dessen Qualität in irgendeiner Form erreichen – das wird also nur eine Defizitanalyse.
Ich zeige in letzter Zeit in der Oberstufe nach gescheiterten Experimenten wie Monty Python hin und wieder diesen “nativen” Film von Hal Ashby:
Allein mit diesem Bild könnte ich eine Doppelstunde füllen: Der junge Mann aus reichem Hause sitzt mit seiner ungefähr 45 Jahre älteren Geliebten aus der unteren Schicht auf einem Schrottplatz an der Autobahn und genießt den Sonnenuntergang. Wie viele Brüche auf wie vielen Ebenen haben wir hier? Und es geht ja weiter:
Die Nummer auf dem Arm der Frau versteht heute kaum noch jemand. Das Liebespaar sitzt in einer zerstörten Welt, die im Heranzoomen der Kamera verschwindet, um dann unvermittelt in der Nummer wieder aufzutauchen. Leid und Liebe, Gesellschaft und Individualität, Lebensentwürfe usw.: Harold und Maude. Muss man sehen, muss man kennen, muss man schauen, wenn man meint: “Och, alles ist Mist und mir geht es sooooo schlecht”. So schlecht finden viele SuS erstaunlicherweise diesen Film gar nicht…
… wird in den Kollegien bis jetzt eher verhalten aufgenommen. Ich habe es mir einmal ein bisschen genauer angeschaut und muss nach eingehender Lektüre sagen, dass es bedeutend schlimmer hätten kommen können. Da ich Übersichten mag und diese im Kerncurriculum selbst nicht in dieser Form zu finden sind (sonst wäre die Lektüre wahrscheinlich pure Lust und nicht Arbeit), gibt es zunächst eine Grafik zum Überblick:
Die genauen Bezeichnungen der einzelne Elemente sind teilweise gekürzt, damit die Ästhetik nicht durch verschiedene Schriftgrößen eine Störung erfährt. Man kann vertikal und horizontal lesen: Vertikal bekommt man zu sehen, welche Themen im jeweiligen Schulhalbjahr zu behandeln sind, horizontal ist zu erkennen, wie die einzelnen Themen sich im Laufe der Oberstufe entwickeln sollen. Ich habe diese Entwicklungen einmal als epochales Ordnungsprinzip (Epochenband) dargestellt – das finde ich nachvollziehbar. Außerdem wird in jeder “Epochenklammer” zusätzlich der Schwerpunkt auf eine andere literarische Gattung gelegt – 12.1 fällt mit einem tendenziell eher linguistischen Ansatz da etwas heraus, aber auch das mag ich im Prinzip. Ich freue mich vor allem auch auf die Filmanalyse – da kann ich endlich meine alten Star-Trek-Geschichten wieder missionarisch einbringen.
Klassenarbeit mit dem Thema “Reportage”, Arbeitszeit 90 Minuten – Originalwiedergabe des Textes ohne Korrekturen:
Die erste Notebookklasse in Deutschland
Zum ersten Mal probierte eine Klasse am Pippi-Langstrumpf-Gymnasium in Niedersachsen den Unterricht nur mit Notebooks aus. Die Schulhefte sind elektronisch darauf gespeichert.
Der Traum jedes Schülers: Endlich nicht mehr mit dem Füller in Schulhefte schreiben, sondern alles auf einem Notebook tippen und abspeichern. Dieser Wunsch wurde der Klasse 7lc Pippi-Langstrumpf-Gymnasium Lönneberga erfüllt. Unter der Leitung von Herr Riecken und Frau Svensson wird seit einem halben Jahr anstatt eines Schulheftes ein in Raten gezahltes Notebook genutzt. Schon jetzt wollen die 14 Schüler und 16 Mädchen ihren “Schulheft-Ersatz” nicht mehr missen. “Für die Schüler macht es natürlich mehr Spaß. Normaler Biologieunterricht ist nun leider nicht mehr möglich, da die Antwort auf meine Frage ja einfach gegoogelt werden kann. Dafür steht jetzt Projektarbeit im Vordergrund.”, so Frau Svensson, die Biologielehrerin der Klasse. Auch im Deutschunterricht ist das Notebook sinnvoll. So können Aufsätze und Geschichten von den Schülern immer wieder überarbeitet werden. “Natürlich war es am Anfang eine totale Umstellung für uns alle, doch diese anfänglichen Schwierigkeiten waren schnell überwunden. Besonders gelungene Texte sammle ich in einem Klassenblog. So können auch die Eltern sehen, was ihre Kinder eigentlich schon alles können. Ein Klassenblog ist eine Seite, auf der die Schüler und Schülerinnen ihre Texte abspeichern und untereinander kommentieren und verbessern können.”, erklärte Herr Riecken, der Deutschlehrer der Klasse. “Zu meinem Schreibheft will ich nie mehr zurück!”, sagte eine Schülerin begeistert. “Leider ist mir mein Notebook mal heruntergefallen und die die Reparatur dauerte ziemlich lange, doch jetzt habe ich eine stabile Tasche und achte viel mehr auf die Sicherheit meines Notebooks.” Nur leider ist nicht alles, was es im Internet gibt, gut. So passiert es schnell, dass Notebooks einen Virus bekommen. Doch durch die fachmännische Hilfe von Herrn Riecken waren auch solche Probleme schnell behoben. Jedoch kennen sich nicht alle Lehrer so gut mit Computern aus. “Mir mussten die Schüler mit den Notebooks helfen, doch jetzt schaffen wir es schon, die Informationen aus dem Internet gemeinsam zu beurteilen.”, sagte eine Lehrer. Es gibt aber noch mehr Vorteile von Notebookklassen. Schüler lernen selbstständiger und Lehrer nutzen stärker offene Unterrichtsformen und schlüpfen in die Rolle des Beraters. Weitere Pluspunkte: Die Schüler in solchen Klassen üben sich mehr in Problemlösefähigkeit, in sozialer Kompetenz wie beispielsweise Teamfähigkeit sowie in Medienkompetenz. Auch die Schüler bestärken diese Einwände. “Wir können uns gegenseitig Hausaufgaben schicken und Verbesserungsvorschläge geben. Wir haben jetzt auch schon ziemlich viel über Notebooks gelernt. Es ist mit den Kriterien entstanden, die Geräte wie ein Notizbuch kompakter und einfacher zu gestalten.”, erzählte ein Schüler. Dabei ist ein Notebook oder ein Laptop eigentlich das Gleiche, weitere Begriffe sind Klapp- oder Mobilrechner, di sich jedoch kaum durchsetzen konnten. Es gibt sogar eine wissenschaftliche Studie der Augsburger Medienpädagogin und E-Learningexpertin Prof. Dr. Gaby Reinmann, deren Abschlussbericht zu ihrem Projekt bereits im Internet zur Verfügung steht. Die Zeit wird zeigen, ob sich die Idee mit den Notebookklassen durchsetzen kann, doch ein Anfang ist Herrn Riecken und Frau Svensson mi der Klasse 7lc bereits gelungen!
HB
Ich habe mich in diesem Jahr etwas vor der kreativen Schreibaufgabe als Aufsatzform in meiner 7. Klasse gedrückt und schwerpunktmäßig journalistische Textformen (Meldung, Bericht, Reportage) behandelt. In der Klassenarbeit musste eine Reportage auf Grundlage der folgenden Materialien erstellt werden:
René Scheppler hat kürzlich entdeckt, dass sich in GoogleDocs angelegte Dokumente wie in Wave von mehreren Leuten gleichzeitig bearbeiten lassen und dass es dafür bei SuS mitnichten einen Google-Account für die SuS braucht – ein einfacher Link, abgelegt in z.B. einem Moodlekurs, reicht völlig aus. Einen Eindruck, wie so etwas aussehen könnte, kann man über dieses kleine Video (schlechte Qualität) bekommen:
Jeder, der an diesem Dokument arbeitet, sieht fast in Echtzeit die anderen Leute, die auch in diesem Dokument unterwegs sind. Sehr schön erkennt man auch die Probleme an diesem Setup: Irgendwer löscht einfach mittendrin den gesamten Text, alle erscheinen stets als “anonym” (was schon ein wenig zu Vandalismus einlädt) usw. Das bekommt man aber recht gut in den Griff. Daher meine Tipps für die konkrete Arbeit:
Finger weg vom Internet Explorer. Zumindest die Version 8 wirft bei uns irgendwann mit Javascriptfehlern um sich oder muss neu gestartet werden. Firefox läuft einwandfrei ab Version 3.5.
Maximal vier SuS gleichzeitig in einem Dokument
Grundregel: Niemand darf in einer ersten Phase Textteile löschen
Keine Texte aus “dem nichts” schreiben lassen. Immer konkrete Vorgaben und Struktur im Arbeitsprozess
Witzig: In der Gruppenarbeit bei arbeitsteiligem Auftrag die Aufgaben nur über das Dokument absprechen – lässt sich ja auch zum Simultanchat nutzen
Nicht zu unterschätzen: Es dauert, bis SuS mit der Methode vertraut sind und auch Zutrauen zu ihr entwickeln. Es entspricht nicht unserer Gewohnheit, dass man gleichzeitig mit Dritten auf einem “Papier” malt oder jeder Vertipper und jedes Backspace in Echtzeit auf drei anderen Monitoren erscheinen.
Ich habe es anhand einer Aufgabe zum Diskutieren/Argumentieren so versucht:
Die SuS haben zu Hause Argumente gesammelt. Jeder aus der Gruppe sollte nun seine zwei besten Argumente in das Dokument eintragen (Phase 1 – jeder am eigenen PC). Die Gruppe hat danach die Argumente so hin- und herkopiert, dass sie sich inhaltlich steigern (Phase 2 – alle am gleichen PC). Danach Arbeitsteilung: Zwei aus der Gruppe überprüfen die Argumente auf den Aufbau (Behauptung – Begründung – Beispiele) und nutzen dafür die Kommentarfunktion von Docs, die anderen zwei gestalten mögliche Übergänge zwischen den Argumenten (Phase 3). Danach Überarbeitung unter Berücksichtigung der Kommentare (Phase 4). Exportieren als PDF oder ODF – präsentieren, per Mail an alle verteilen – fertig ist die Gruppenarbeit, in der jeder aktiv sein kann.
Sehr gut kann ich mir das auch in Chemie während Gruppenexperimenten vorstellen: Jede Gruppe erhält ein Laptop und trägt ihre Messwerte in eine GoogleTabelle ein. Das lässt sich dann direkt zu z.B. einem Diagramm weiterverarbeiten – jeder kann sich das zu Hause ausdrucken oder vor der Klassenarbeit noch einmal nachschlagen oder…