Appleprodukte und ich

Halina Zaremba / pixelio.de

 

Unter Eltern ist folgende Anekdote bekannt:

„Mein Kind ist seine Mandarine nur, wenn ich sie ihm geschält und zerlegt in die Tupperdose lege. Tue ich das nicht, kommt sie ungegessen wieder zurück. Das ist jeden Morgen echt ein ziemlicher Aufwand und eigentlich kann es doch nicht so schwer sein, die Mandarine selbst zu schälen! Aber ich will doch, dass mein Kind Obst isst. Was soll ich nur tun? Mich nervt das!“

Kinder sind heute sowohl im Kindergarten als auch in der Schule nicht unerheblichen Belastungen ausgesetzt. Nicht selten ginge die Schälzeit von wertvoller Spielzeit ab. Gleichwohl wird diese durch Lebenszeit der Erwachsenen bezahlt – je nachdem wie man seine Elternrolle auffasst, wird man in solchen oder ähnlichen Situationen reagieren, in denen man eine Entscheidung zwischen „Selbstständigkeit fördern“ und „Bewahren vor nicht kindgerechten Belastungen“ zu treffen hat. Das Mandarinenbeispiel dürfte eines der harmloseren sein. Natürlich hätte ich persönlich auch lieber eine geschälte Mandarine in meiner Frühstücksdose! Mein Alltag ist auch voller Belastungen und alles, was mir das Leben leichter macht, ist zunächst einmal positiv für mich – das sollte ich mir einfach wert sein.

Ich halte Appleprodukte für eine geschälte und zerlegte Mandarine. Apple hat mein Bedürfnis nach Erleichterung begriffen und gibt mir durch ein funktionales und hervorragendes Design eine echte Entlastung in meinem Lehreralltag.

Trotzdem will ich, ich ganz persönlich, Apples geschälte Mandarine nicht. Das hat mit den ideellen Kosten zu tun, die für mich zu hoch sind, dass ich nach wie vor lieber selbst schäle oder eben dafür andere Werkzeuge einsetze. Wäre ich nicht zusätzlich der Überzeugung, dass der technische Ansatz von Apple auch Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, zögerte ich keine Minute, selbst eine iPad-Klasse ins Leben zu rufen. An Möglichkeiten dazu fehlt es hier vor Ort im Gegensatz zu anderen Landkreisen definitiv nicht. Finanziell stehen wir glänzend ausgestattet da. Um zu erklären, warum ich nicht auf den gerade anrollenden Zug aufspringe, muss ich etwas ausholen.

Apple verkauft proprietäre Appliances, d.h. eine Verbindung aus Hard- und Software. Apple tut sehr viel dafür, dass sich beide Komponenten nicht ohne Weiteres trennen lassen. Das gelingt der Firma im Bereich der Mobilgeräte z.Zt. natürlich weitaus besser als im Desktopumfeld.

Eine Appliance hat Vorteile:

  1. Sie funktioniert
  2. Sie besitzt eine konsistente Oberfläche
  3. Sie hat eine intuitive Oberfläche, die sich mühelos bedienen lässt
  4. Sie ist durch das geschlossene Konzept wartungsarm und zuverlässig
  5. Im Falle vom Appleprodukten sind die Geräte langlebig und hochwertig verarbeitet

Eine Appliance hat Nachteile:

  1. Jede Funktion der Appliance ist abhängig vom Hersteller der Appliance
  2. Eine Appliance ermöglicht genau das, was der der Hersteller der Appliance ermöglichen will
  3. Eine Appliance ist nicht transparent
  4. Die Sicherheit der Appliance bewegt sich im Rahmen der Sicherheitsvorstellungen des Herstellers
  5. Was die Appliance tut, entzieht sich gängigen Kontrollmechanismen. Vertrauen ist angesagt.

Und – für mich sehr wichtig: Mit einer Appliance lernt man, die Mandarine zu essen und zu genießen, nicht sie zu schälen. Zudem wird man bald erwarten, dass alle Mandarinen geschält sind und sie nur noch so akzeptieren. Ob das ok ist oder nicht, muss jeder für sich entscheiden und der Kontext spielt zusätzlich eine Rolle: Wenn eine Appliance in einem eng begrenzten Umfeld etwas macht, was Experten (huch – die sollen doch bald überflüssig sein?) besser können als ich, dann ist das absolut sinnvoll – Firewalls für Rechenzentren sind oft als Appliance realisiert. Wenn eine Appliance jedoch wesentliche kommunikative Abläufe in meinem Leben strukturiert und bestimmt, dann tue ich mich schwer damit. Mein „Nichtexpertentum“ ist diesem Bereich für einen Anbieter Kapital – und zwar nicht bezogen auf eine hochspezialisierte Nische.

IT beherrscht unser Leben. Informatik ist für mich ein Fach, welches z.B. zeigt, wie man Mandarinen schält, welche unterschiedlichen Ansätze dafür existieren und wie sich der Prozess des Schälens optimieren lässt. Wer keine Mandarinen schälen kann, ist auch anfällig dafür, mit einem Kolbenfresser auf der Autobahn liegenzubleiben, weil der Bordcomputer den defekten Öldrucksensor nicht gemeldet hat. Der Blick unter die Motorhaube auf den Peilstab ist heute eben nicht mehr zeitgemäß.

Ich habe Freude am Verstehen. Ich habe Freude daran, hinter die Fassaden zu schauen. Ich freue mich über einfache und geniale Lösungsstrategien, die ganz andere Wege gehen. Ich möchte das Menschen vermitteln. Dafür muss ich Mandarinen haben, die noch eine Schale besitzen. Ein Appleprodukt hat für mich keine Schale mehr. Allein das saftige, perfekt freigelegte Fruchtfleisch bleibt. Ich möchte eine Mandarine sehen, wie sie ist und nicht wie sie mir jemand mundgerecht in die Obstdose gelegt hat. Deswegen benutze ich OpenSource, deswegen bekomme ich von den „Technikaffinen“ oft genug den Stempel „Nerd“ – nicht weil die Mandarinen da nicht geschält wären, sondern weil ich das Ganze sehe könnte, wenn ich wollte und Zeit hätte. Das ist meine Vorstellung von Unabhängigkeit. Ja – und ich genieße auch das Staunen anderer Menschen, wenn sie fragen: „Wie machst du das nur?“ – Meine Anwort: „Ich schäle Mandarinen selbst. Schon ganz schön lange.“

PS: Keine Sorge. Ich baue auch Netze für geschälte Mandarinen inkl. Genießerkurse. So realistisch bin ich dann schon.

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3 Kommentare

  • Sehr, sehr schöner Artikel, dem ich mich voll anschließen kann! Die Apple-Welt ist schön und funktionell, aber legt einem doch ein Korsett an, wenn man von den definierten Normen abweichen will. Ebenso fehlt die erwähnte „Faszination des Verstehens“.

    btw: Gerade deine bildliche Übertragung zu einem Obst hat einen gewissen Sarkasmus ;-)

  • Dirk

    Eine schöne Metapher, aber ich kann mich nicht anschließen, zumindest nicht in letzter Konsequenz.
    Grundsätzlich richtig, dass wir (noch) mehr Medienkompetenz fördern sollten und dass es sehr wünschenswert wäre, wenn unsere Schüler das Gerät, mit dem sie umgehen, auch verstehen können.
    Aber wenn (noch konjunktivus imaginativus) ich ein iPad-Klasse in der Schule unterrichten sollte, dann bitte wirklich nur mit dem iPad. Dann geht es eben wirklich um die beschriebenen Vorteile der Zuverlässigkeit und leichten Bedienbarkeit. Denn dann will ich wirklich auch und vor allem Inhalte vermitteln und keine Medienkompetenzen. Und das, was sich technisch zwischen die Schüler und den Inhalt stellt, soll so unauffällig wie möglich sein. Auch das, was sich zwischen meine Schüler und mich stellt. Also entweder klassisch ein Buch oder eine Tafel, oder aber, wenn Computer, dann am liebsten ein iPad. Kein Laptop (nicht mal von Apple) und auch kein Android.
    Jetzt drehe ich die Sache mal metaphorisch um: Man darf auch Schulfernsehen schauen und etwas über Afrika oder die Evolutionstheorie lernen, wenn man nicht weiß, was ein Röhrenfernseher tut, nicht mal, wie ein LCD funktioniert. The medium is not always the message.
    :-) Dirk

  • Auch wenn ich als leidenschaftlicher Mandarine-Schäler oft und gerne und immer ein bisschen neidisch auf die Kollegen mit dem geschälten iPad – äh Mandarine – schaue, möchte ich mich deinem Artikel anschließen. Noch ist es einfach so, dass das selbstständige Schälen von Mandarinen allerhand Vorteile für die Schüler hat. Wenn wir irgendwann mal soweit sind wie beim Röhrenfernseher, dann würde ich allerorten auch gerne die geschälte Variante einsetzen. Momentan gehört zur Medienkompetenz meiner Meinung nach aber mehr als nur das Benutzen des Mediums – und daher hinkt vielleicht auch der TV-Vergleich. Fernseher (zumindest die alten, die neuen kommen mit erschütternd vielen Schalenanteilen daher, wie ich gerade leidvoll erfahren musste) werden nun mal einfach eingeschaltet und gut is‘.

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