Sechs Jahre oder vier Jahre?

„In keinem Leistungsbereich sind Förderwirkungen des grundständigen Gymnasiums nachweisbar“, analysiert der beste deutsche Schulforscher. Und resümiert: „Bewertet man die Befunde insgesamt, so sind sie zunächst ein Kompliment für die [sechsjährige, d. Red.] Grundschule. Die Entwicklungskurven von Spitzenschülern verlaufen in der Grundschule und in der Unterstufe des grundständigen Gymnasiums parallel, und zwar nicht nur im Lesen, sondern … auch in der unterrichtsabhängigen Domäne Mathematik. Für die grundständigen Gymnasien sind die Befunde ein Grund zur Nachdenklichkeit. Generell ist fraglich, ob die Gymnasien die Förderung der Lesekompetenz als akademische Aufgabe aller Fächer bislang überhaupt entdeckt haben.“

gefunden auf: http://www.pisaversteher.de

Diese Aussage Jürgen Baumert im Kontext der Diskussion in Berlin um die sechsjährige Grundschule getroffen (die in Niedersachsen mit der Abschaffung der langjährigen Orientierungsstufe gerade eliminiert worden ist). Der Vergleich ist in meinen Augen unvollständig, weil es nicht darum gehen kann, ob man sechs oder vier Jahre zur Schule geht (Strukturelle Reform), sondern wir müssen uns darum kümmern, was in diesen vier oder sechs Jahren eigentlich geschieht (Innere Reform)  Organisationsformen kommen und gehen. Unterrichtskultur scheint mir da beständiger zu sein, was ja auch als immerwährender Vorwurf gegen die Gymnasien anklingt.

Gymnasium (bisschen negativ dargestellt)

Wir haben von Start weg das Fachlehrerprinzip, die Wertigkeit des Klassenlehrers ist minimal im Vergleich zur Grundschule. Das ist für viele Grundschüler natürlich zunächst ein Schock. Sie rennen von Unterrichtsraum zu Unterrichtsraum, das Gebäude ist groß – die Schülerzahl im Vergleich zu den meisten Grundschulen in der Regel auch. Auf einmal sitzen „Auserlesene“ zusammen, SuS, die allesamt auf der Grundschule zurechtgekommen sind und nun wird klassenintern weiter diversiziert. Die Lehrer unterrichten nicht zwei oder drei Lerngruppen, sondern je nach Fach bis zu zehn. Welche Wertigkeit besitzt da die einzelne Klasse im Vergleich zu einem, z.B. Oberstufenkurs auf erhöhten Niveau? Flankierend kommt meist noch die Problematik der Fahrschüler dazu – gelegentlich werden die SuS kilometerweit zusammengekarrt und die Busse halten an jeder Milchkanne. Wir haben als absoluten Stressfaktor eine unglaubliche Konkurrenz um Zuwendung – gerade in der Unterstufe des Gymnasiums!

Grundschule (idealisiert)

Es gibt i.d.R. einen festen Unterrichtsraum, in dem die Lehrkraft sich häuslich eingerichten kann. Dieser Raum macht zahlreiche Angebote zur Binnendifferenzierung. und verfügt in der Regel über schlichten Platz für z.B. eine Leseecke oder ein Internetterminal. Der Klassenlehrer besitzt eine zentrale Funktion, da er fast alle Fächer selbst ausbringt und Lernprozesse zeitlich flexibel organisieren kann. Pausen werden gemacht, wenn die Lerngruppe es braucht, nicht wenn der Pausengong ertönt. Die Voraussetzungen, die SuS von zu Hause aus mitbringen, sind extrem unterschiedlich. Nach meinem Dafürhalten ist es eine unglaubliche Aufgabe, dieser Spannbreite als Lehrkraft gerecht zu werden. Das mag der einen Grundschule aufgrund von Förder- und Forderkonzepten besser gelingen als der anderen.

Der Vergleich

Wie wäre der Vergleich ausgefallen, wenn die Gymnasien in der Unterstufe eine grundschulähnliche Struktur hätten? Es wären immer noch auserlesene SuS in dieser Schule – die „Grundschulstruktur“ könnte eine weitere Binnendifferenzierung ermöglichen. Wäre das dann noch ein Gymnasium im klassischen Sinne? „Aussortiert würde ja immer noch… PISA-Sieger Sachsen hat meines Wissens keine sechsjährige Grundschule, sondern ein klassisches Setup der Auslese. Dort sind z.B. Klassenfrequenzen ganz andere und auch die Versorgung mit Lehrkräften scheint nach oberflächlichem Einlesen besser als im Bundesdurchschnitt zu sein. Man versucht nach meinem Eindruck zur Zeit sehr stark, diese in der Grundschule mittlerweile doch recht weit verankerten Lernarrangements auch in Gymnasien zu etablieren, scheitert aber bisher an den Strukturen (innere und äußere).

Die Versuchung

Ich bin bereit, über die Existenzberechtigung des Gymnasiums in seiner jetzigen Form zu diskutieren. Ich möchte aber in dieser Diskussion zwischen strukturellen und inneren Reformen unterscheiden. Strukturelle Reformen sind sehr leicht durchsetzbar, weil das System der staatlichen Schulen ein hierarchisches ist. Strukturelle Reformen zwingen aber nicht automatisch zu einer anderen Unterrichtskultur – genau das zeigt man ja immer wieder gerne am Gymnasium. Flankierend oder vielleicht sogar an erster Stelle werden m.E. innere Reformen benötigt (bottom up): Bessere Arbeitsbedingungen für SuS und LuL, Investitionen in eine verbindliche Lehrerinnenfortbildung usw. halte ich z.B. für innere Reformen. Strukturelle Reformen lassen sich so steuern, dass sie zumindest kostenneutral bleiben, innere wahrscheinlich nicht, sodass die Frage erlaubt sein muss (und auch immer wieder gestellt wird), wer das bezahlen soll. Kaufte z.B. jeder Deutsche ein 10% kleineres Auto, hätten wir diese Probleme nicht – aber das Jammern und Schaudern in Industrie und Gesellschaft würde unsere Demokratie wahrscheinlich auf eine harte Probe stellen. Da geht es dann auf einmal nicht mehr um die Persönlichkeit der Lehrer, sondern um das Bewusstsein eines jeden einzelnen.

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20 Kommentare

  • „PISA-Sieger Sachsen hat meines Wissens keine sechsjährige Grundschule, sondern ein klassisches Setup der Auslese.“

    Der PISA-Zweitbeste Bayern übrigens auch.

  • Zustimmung, Herr Riecken,

    ich verweise hier gerne auf einen älteren Beitrag zur Berliner Schulreform von mir, der ein ähnliches Fazit zieht: http://subtexte.blogspot.com/2009/03/schulreform-berlin.html

  • Auch Zustimmung. Der Fokus auf Strukturreformen verhüllt den Blick auf das Wesentliche. Aber er ist gut für Bildungspolitiker-Fußball und um zu zeigen, wer die Macht hat.

  • Robert Schneider

    Ich stimme zu: ohne eine Änderung der Unterrichtskultur wird eine Reform der Schulstruktur scheitern.

    Aber: solange es „höher-“ und „niederwertige“ Schulen gibt, wird es für die Lehrer leichter sein, einem Kind zu attestieren, dass es „nicht hierher gehört“, als sich um seine individuellen Stärken und Schwächen zu kümmern.

    Bitte nicht als Lehrerschelte mißverstehen! Unser System, mit seinen Klassengrößen seinem Lehrplan und seiner enormen Leistungsbandbreite (100% zwischen Bestem und Schlechtestem lt. KESS 7) läßt den Lehrern keine Wahl. Solange sie allen Kindern im Klassenraum am gleichen Tag dasselbe beibringen müssen (in jedem Fach), müssen sie zusehen, dass da nur die sitzen, die eine Chance haben, mitzukommen.

    Ich meine, der Fokus muss sich verschieben.

    Derzeit haben wir verschieden „wertige“ Institutionen mit verschiedenen Lehrplänen, an die die Schüler anzupassen sind. Daraus resultiert die Frage: „gehörst Du hierher“ und die Lehrer werden gleichsam gezwungen, in eine Art Richterrolle zu schlüpfen, und diese Frage zu beantworten. Jahr für Jahr wieder.

    Die Schule der Zukunft muss aber fragen: „was kannst Du schon, was wirst Du können können? Und wie können wir Dir helfen, Dein persönliches, individuelles, einzigartiges Potenzial zu entwickeln“. Die Richterrolle entfällt und es wird möglich, auch denjenigen zu fördern, der beim ersten Mal alles kapiert hat und sich dann langweilt, wenn sich der Lehrer um die Mittelköpfe kümmert.

    Weil aber kaum in Kind in allen Fächern gleich gut ist, ist es schlicht unmöglich homogene Lerngruppen – also das, was die drei Schubladen bewirken sollen – zu bilden. Es hat schon seinen Grund, warum regelmäßig in den Studien gefunden wird, dass ca. 50% der Kinder falsch einsortiert sind.

    Weil also:
    – die Sortierung in der Hälfte der Fälle fehlschlägt
    – der Fokus von „gehörst Du hierher“ auf „wohin kannst Du kommen“ geändert werden muss

    ist die Änderung der Schulstruktur unabdingbar. Die Änderung der Unterrichtskultur muss damit Hand in Hand gehen, d’accord!

  • Da frage ich doch gleich hinterher: Wer macht Schulen eigentlich unterschiedlich „wertig“?

    Wir haben in Deutschland eine hervorragende Durchlässigkeit, du kannst teilweise mit einemn Meistertitel studieren, es gibt Fachoberschulen, Fachgymnasien usw.

    Ich erlebe aber hin und wieder Menschen mit dem Anspruch „Mein Kind soll ein humanistisches Gymnasium besuchen“ (Koste es, was es wolle…). Solche Menschen musst du miterziehen, weil ansonsten die Privatschulen immens Oberwasser bekommen werden.

    Ich bin gespannt, wie sich dem politisch begegnen lässt, gerade wenn man Bildung vom sozialen Status abkoppeln möchte (das muss man als soziale Marktwirtschaft meiner Ansicht nach).

    Ich habe auf dem EduCamp einen Satz gehört, der ganz furchtbar gemein klingt. Er lautete: „Unser volkswirtschaftlicher Wohlstand basiert darauf, dass es in der Gesellschaft Hierarchien gibt.“

    Wir haben nicht alle gleiche Voraussetzungen. Ob das ein alleiniges Problem von Schule ist, weiß ich nicht.

    Der Widerstand in Hamburg ist ein gesellschaftlicher – kein systemisch schulischer! Damit wird es komplex, verdammt komplex, da es u.U. Rückkopplungen gibt, die schwer zu kontrollieren sind.

    Warum fangen wir nicht zur Abwechslung einmal mit inneren Reformen statt mit strukturellen an? Fast jede Schule, die das gemacht hat, ist nach meinem Dafürhalten eine bessere Schule geworden – vielleicht weil sie eigene Strukturen mehr oder minder demokratisch „bottom-up“ gefunden hat.

    Und dann besteht eine reale Chance, das Wertigkeiten sich verschieben. Es ist schon eine gewaltige Aufgabe das System „Schule“ zu verändern – auch ohne das System „Gesellschaft“.

  • Robert Schneider

    Lieber Maik,

    Die „Wertigkeit“ der verschiedenen Schulen kann man z.B. an den Anmeldezahlen ablesen: deutlich über 50% der Kinder werden an den Gymnasien angemeldet. Eltern nehmen dabei in Kauf, dass ihre Kinder mit 34-38 Wochenstunden plus Hausaufgaben + Nachhilfe (40% der FÜNFT-Klässler!!) belastet werden. Reihenweise werden Sport und Musik aufgegeben und wenn nach Klasse 6 der Daumen des Instituts nach unten geht, dann wird das von der ganzen Familie als Versagen angesehen. Und das geschieht in zwischen 20 und 50% der Fälle.

    Warum tun die sich das an?

    Der Präses der Handelskammer Hamburg verkündete vor der Enquete-Kommission, dass es in Hamburg praktisch nur hochwertige Arbeitsplätze, wie Banker und Versicherungskaufmann gäbe, für die man Abi braucht.

    Und nicht zuletzt unser aller Dr. Scheuerl, der im Abendblatt-Streitgespräch mit Klaus Bullan (GEW) am 18.5.2008 erklärte: „Scheuerl: Nein. In einer modernen Gesellschaft haben wir etwa 30 bis 35 Prozent von Schülern, die sich für den wissenschaftlich geprägten Weg zum Abitur, also das Gymnasium, eignen. Dass in Hamburg Schüler das Gymnasium nach Klasse sechs wieder verlassen müssen, liegt daran, dass nach der vierten Klasse zu viele dort angemeldet werden. Dem mag die berechtigte Sorge vieler Eltern zugrunde liegen, ihr Kind werde später ohne Abitur auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben.“
    (http://www.welt.de/hamburg/article2007864/Wie_sollen_unsere_Kinder_lernen.html)

    …ohne Abitur auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben…

    Welchen „Wert“ kann in den Augen dieser Eltern eine Real- oder Hauptschule haben?

    Ist es nicht verständlich, wenn Eltern, die das glauben (also etwas mehr als die Hälfte) dass es nötig wäre, ihr Kind durch’s Gymnasium zu prügeln, „koste es was es wolle“? Wenn man anders keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hat, dann muss es wohl sein, oder?

    Auch dies bitte nicht als Eltern-Schelte mißverstehen. Im gegenwärtigen System handeln diese Eltern nach bestem Wissen und Gewissen und vermutlich sogar richtig. Nur 40% der Hauptschüler bekommen einen Ausbildungsplatz, der Rest kommt in immerwährende „Maßnahmen“.

    Du schreibst von einer >hervorragende DurchlässigkeitWir haben nicht alle gleiche Voraussetzungen.Warum fangen wir nicht zur Abwechslung einmal mit inneren Reformen statt mit strukturellen an? Fast jede Schule, die das gemacht hat, ist nach meinem Dafürhalten eine bessere Schule geworden – vielleicht weil sie eigene Strukturen mehr oder minder demokratisch “bottom-up” gefunden hat.<

    a) Wie lange soll das gehen? Wir _jetzt_ einen enormen brain-drain durch diese verrückte Sortiererei. Pisa-mäßig sind unsere Schüler am unteren Ende _jetzt_ komplett abgehängt und streiten sich mit Mexiko um die Plätze. Am oberen Ende hängen wir _jetzt_ um ein komplettes Perzentil hinter den top-5 zurück. Wenn wir auf diese Einsicht warteten, dann wären wir in den nächsten 10 Jahren nur noch die verlängerte Werkbank der Finnen. Denen ist es heute schon egal, ob Deutsche oder Rumänen ihre handies zusammenschrauben.

    b) Warum sollten wir solche Entscheidungen "nach unten delegieren". Wer gesehen hat, wie verbissen in den schulischen Gremien um die albernsten Lappalien gefochten wird, kann solche Entscheidungen nicht dort sehen wollen.

    Achja, die Privatschulen. Die ZeitOnline berichtete im Jahr 2006, also lange vor jeder Gemeinschaftsschul- oder Primarschul-Diskussion von einer Gründungsrate von 100 Privatschulen p.a. Privatschulen haben offensichtlich _nicht_ diesen Zulauf, weil Eltern Angst vor der Einheitsschule haben, sondern weil ihnen schon lange vor den hundsmiserablen Leistunen der öffentlichen Schulen graust. Die meisten Privatschulen arbeiten hochgradig individualisiert oder sind im Grunde Gemeinschaftsschulen (bspw. die sehr erfolgreichen Waldorfschulen).

  • Robert Schneider

    uups, da ist ‚was verschluckt worden:

    Du schreibst von einer „hervorragende Durchlässigkeit“. Tut mir Leid, das ist schlicht und einfach Unfug. Alle Studien bestätigen Deutschland lediglich eine enorme Durchlässigkeit von „oben“ nach „unten“. Der Weg zum Abitur/Studium über den zweiten oder dritten Bildungsweg ist aber enorm steinig und kostet sehr viel Energie und Zeit. Ich habe keine Zahlen darüber, bin aber sicher, dass auf diesem Weg viele „verloren“ gehen, die das Zeug um Studieren hätten, denen es aber an Energie und Zeit fehlt, bspw. das Abi noch neben dem Beruf abends durchzuziehen.

    Du schreibst: „Wir haben nicht alle gleiche Voraussetzungen.“ Und damit hast Du Recht.

    Nehmen wir z.B. Joachim http://i8t.de/2efvi5g1 und Melissa http://i8t.de/odzy9l2t . Von diesen beiden Kindern berichtet der schweizer Kinderarzt und Bildungsforscher Remo Largo in seinem Buch „Schülerjahre“.

    Beide sind 10 Jahre alt.

    Joachim kann im mathematischen Bereich das, was sonst 14-jährige können, im sprachlichen Bereich das, was 8-jährige können und sein Sozialverhalten entspricht dem eines 6-jährigen.

    Melissa hingegen ist im Sprachlichen fit wie eine 12-jährige im Mathematischen aber eher wie eine 9-jährige.

    Meine Fragen:
    a) landet Joachim auf dem Gym wegen seiner genialen Matheleistungen oder auf der Sonderschule, weil er über Tisch und Bänke geht?

    b) sollten beide auf dem Gymnasium landen, wie will ein Lehrer beide gleichzeitig in Deutsch (oder Mathe) unterrichten, ohne den einen zu verlieren und den anderen zu langweilen?

    Und das sind _keine_ Einzelfälle. KESS 7 zeigt, dass es bei den Testleistungen (hier: Leseverständnis 7. Klasse) enorme Überlapppungen zwischen den Schulformen und enorme Bandbreiten innerhalb der einzelnen Schulform existieren: http://i8t.de/ny21uzj5 . Ein Kind mit einem Wert von 100 Punkten im Leseverständnis kann ein guter Haupt- ein mittlerer Realschüler oder ein schlechter Gymnasiast sein. Welches Lotto bestimmt, an welcher Schule er ist?

  • (1) PISA
    PISA ist in Deutschland leider nicht gleich PISA, sondern von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich zu sehen. Die von dir angeführten Zahlen gelten – so glaube ich – für den Bundesdurchschnitt. Sachsen und Bayern schneiden auch in den „unteren Schulformen“ etwas anders ab als andere Bundesländer, obwohl dort am schärfsten selektiert wird. Blöd.

    (2) 2. Bildungsweg
    Der zweite Bildungsweg kostet Zeit – Zeit, die manch einer in Zeiten von G8 aber vielleicht auch bitter nötig braucht. Das hast Recht: Verallgemeinert ist das mit der Durchlässigkeit Blödsinn – ich schaue dabei zu sehr auf meine Region und bekomme – ebenfalls ohne genaue Zahlen zu kennen – dort ein ganz anderes Bild. Sehr viele können auf diese Weise G8 entkommen und nutzen das auch…

    (3) Ausgangsfrage
    Es geht ja darum, ob eine Schule für alle Menschen zu Veränderungen führt – in meinem Artikel geht es ja um sogar nur um die Frage, ob es nun vier oder sechs Jahre sein sollen. Das verneine ich entschieden. Es ist bloß viel leichter zu sagen: „So, wir machen jetzt sechs Jahre gemeinschaftliches Lernen!“ als die wirklichen Probleme von Schule anzugehen. Ich begreife sehr gut, warum man dieser Verlockung erliegt.

    (4) bottom-up
    Ich mag nicht gegen „Gesellschaft“ oder das „System Schule“ kämpfen oder gar gegen beides gleichzeitig. Ich mag für meine SuS kämpfen, ich mag mein Wissen um Unterricht und das Lernen an sich vertiefen, ich mag öffentlich reflektieren und diskutieren, weil das für mich der Weg ist, meinen Alltag zu verändern. Damit bin ich nicht allein, sondern es gibt einen Haufen von KuK, die da mit mir auf dem Weg sind. Über die Art und Weise, wie es an Schule zu Entscheidungen kommt, darf ich mir anders als du von Amts wegen kein Urteil erlauben. Ich sehe nur, was hier vor Ort durch „bottom-up“ erreicht worden ist und immer noch erreicht wird. Und ich habe schon oft gesehen, wie diese zarten Pflänzlein durch ausschließliche Schulstrukturreformen in ein Klima kamen, das sie nicht mehr ertrugen. Man kann über diese miesen Zustände entsetzt sein und sie anprangern. Ich möchte mit all meiner Kraft Pflanzen gießen mich an ihrer Entwicklung erfreuen, d.h. das supporten, das sehen wollen, was gut läuft. Dir wird es – wahrscheinlich – viel zu wenig sein. Für mich ist es ein Anfang.

    (5) Geschwindigkeit
    Es geht zu langsam, absolut d’accord. Es wird m.E. erst schneller gehen, wenn diese Zustände ganz konkret unseren gesellschaftlichen Wohlstand gefährden *und* das in breiter Front für jeden einzelnen spürbar wird. Es ist unlogisch. Aber soziologische Systeme ab einer gewissen Größe waren noch nie logisch. Und wenn jeder in dieser Gesellschaft Verantwortung für die Bildung unserer Kinder übernehmen muss, ist das anstrengend. Das müssen wir gemeinsam wollen.

  • Robert Schneider

    (1) PISA
    a) ich hob nur auf die Hamburger Zahlen ab. Die sind einfach nur verheerend. Das komplette unterste Perzentil ist _weit_ unter dem untersten Perzentil von bspw. Finnland. Will sagen: selbst der schlechteste finnische Schüler ist immer noch besser als 15% (!!) der deutschen Schüler. Das ist nicht nur ein bißchen schlechter, das ist eine ganz andere Liga. Am oberen Ende sieht es speziell für Hamburg auch nicht gut aus. Das oberste Perzentil endet, wo die Finnen, Kanadier & Co anfangen. Also sind immer noch 5% der Finnen besser als _jeder_ deutsche Schüler, inkl. unserer tollen Elitegymnasien. Und – ich wiederhole mich da – das ist _systembedingt_, denn in einer Klasse, mit einer Bandbreite von 100%, in der Frontbeladung praktiziert wird, kann kein Lehrer jedem/r SuS gerecht werden. Er muss sich einfach auf die Mittelköpfe konzentrieren. Das Ergebnis sieht man am rechten Rand in den Pisa-Perzentilbänden.

    Bayern als Pisa-Primus in D heranzuziehen funktioniert übrigens nicht. Zum Einen natürlich weil man Flächen- und Stadtstaaten nicht einfach stumpf vergleichen kann. Zum Anderen aber, weil Bayern schlicht geschummelt hat. Dazu gehört u.a., dass die komplette Crew von 8% Föderschüler nicht mitgezählt wurde. Weiteres: http://www.arge.schule-hamburg.de/Archiv/DOK-PISA-Bayernhatgeschummelt.html
    Übrigens muss Bayern jedes Jahr große Mengen von Abiturienten importieren, weil es an den eigenen Schulen nicht hinreichend davon ausbildet!

    (3) Ausgangsfrage
    Hier sind wir einerseits zusammen und dann wieder nicht.
    Zusammen sind wir, wenn Du sagst, dass eine „einfache“ Änderung der Schulstruktur nicht funktioniert, ohne die Unterrichtskultur zu ändern. Nebenbei: die Hamburger Schulreform beinhaltet ja deswegen beides im Paket. Es ist eben _nicht_ nur eine einfache Verlängerung der Grundschule. Sie wird von einer enormen Lehrerfortbildung in Sachen Individualisierung usw. flankiert und von einer Verzahnung von Primar- und Sekundarschule: ab Klasse 3 wird der Unterricht sowohl von von Grundschul- als auch von Fachlehrern der Sekundarschulen (die sich übrigens um den Job reißen!) gestaltet. Damit wird das, was von vielen Kindern als Bruch empfunden wird: der Wechsel von der Grund- in die Sekundarschule von einem Tag auf den anderen zu einem fließeneden Übergang, in dem jedem Kind die Zeit gewährt wird, die es braucht.
    Nicht zusammen sind wir, wenn Du ernsthaft behauptest, man könne einem 10-jährigen ansehen, ob er/sie das Zeug zum Maurer oder Professor hat. Wenn Dir der normale „Hausverstand“ (süßer österreichischer Ausdruck, nicht wahr?) nicht reicht, dann schau‘ Dir diese Zahlen an: in den Hamburger Gymnasien fanden die KESS-Tester 37% der Schüler, deren Testleistungen unter der Schwelle für gymnasiale Leistungen lagen. Auf den Hamburger Hauptschulen jedoch fast 10%, deren Leistungen über dieser Schwelle lagen. Es werden also Jahr für Jahr fast die Hälfte unserer Kinder in die falsche Schublade gesteckt.
    Würdest Du Dich in ein Taxi setzen, dessen Fahrer nur die Hälfte seiner Fahrgäste dort absetzt, wo sie hinwollen? Würdest Du Dich einem Chirurg unter’s Messer legen, der nur eine Heilungsrate von 50% hat?
    Warum in aller Welt sollten wir an seinem solch unzuverlässigen System festhalten?

    Die geplante 3-Säuligkeit der Entscheidung nach Klasse 6 (Lernentwicklungsberichte, Einschätzung des Lehrers, Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräch) macht diese Entscheidung ganz sicher bedeutend besser. Darüber hinaus muss man sich ja auch über eines im Klaren sein: die Entscheidung Gym/Nicht-Gym wird doch überhaupt nicht von den Eltern und nicht nach Klasse 4 gefällt. Sie wird, meist beginnend ab Klasse 6, von den Zeugniskonferenzen gefällt und zwar Jahr für Jahr wieder. Zum ersten Mal also nach Klasse 6 für gewöhnlich von Lehrern, die die Kinder gerade zwei Jahre kennen. In Hamburg ist es so geplant, dass zumindest die Klassenlehrer von 0/1 bis 6 durchgängig eine Klasse behalten. Sie kennen dann ihre Kinder natürlich wesentlich besser.
    KESS zeigt übrigens auch, dass gerade in den ersten beiden Jahren auf dem Gym ein wesentlich geringerer Lernzuwachs stattfindet, als zu erwarten wäre. Meine Interpretation: die Lehrer sind zu sehr damit beschäftigt, herauszufinden, ob ein Kind „hierhergehört“, als dass sie sich voll darauf konzentrieren könnten, wie sie es am besten fordern und fördern können. Die Schulreform nimmt ihnen diese „Richterrolle“, denn Umschulungen sind weitestgehend ausgeschlossen. Das müsste eigentlich deutlich zur Entspannung beitragen.

    Diese ganze Entscheidung Gym/Nicht-Gym wird übrigens deutlich an Dramatik verlieren. Da man ja auf der Stadtteilschule ein gleichwertiges Abitur erwerben kann, entfällt dieser enorme Druck, sein Kind unter allen Umständen durch’s Gym prügeln zu müssen.

    (4) bottom-up & (5) Geschwindigkeit
    Du sagst es: „ausschließliche“ Schulstrukturreform ist Mist. Aber genau das passiert hier in HH eben nicht (s. oben). Und die Schulstruktur fällt nun einfach unter den Begriff des Rahmens, der „von oben“ vorgegeben ist. Innerhalb dieses Rahmens kann sich dann jeder nach seinem Gutdünken bewegen. No problem. Aber der Rahmen muss vorgegeben werden, sonst gibt es endlose Diskussionen.

    Und der bisherige Rahmen mit seinen drei Schubladen hat ausgedient. Er wurde zu Zeiten der Feudalgesellschaft konzipiert und ist auf deren Verhältnisse optimiert: auch wenn ein Kind aus einer Bauern- oder Handwerkerfamilie das Zeug zur Gelehrtenschule hätte, es hatte da nichts zu suchen und in Landwirtschaft und Handwerk gab es ja genug Jobs für es. Der Verlust an Talent für die Gesellschaft war überhaupt kein Problem.

    Das hat sogar noch bis in die 70er Jahre des letzte Jahrhunderts funktioniert: in der „Produktion“ arbeiteten 70% der Menschen, und nur 30% in Verwaltung und Wissenschaft.

    Dieses Verhältnis hat sich in unserer Wissens- und Informationsgesellschaft schlicht umgedreht: nur 30% der Bevölkerung arbeiten noch in der „Produktion“, schaffen damit aber mehr, als die 70% von früher. Dafür aber brauchen wir wesentlich mehr gut ausgebildete Facharbeiter und Akademiker.

    Diese Gesellschaft kann sich den brain-drain des gegliederten Schulwesens einfach nicht mehr leisten. Wir brauchen wirklich alle Talente und jedes Kind, das nur deswegen nicht zur „höheren Bildung“ zugelassen wird, weil seine Eltern Arbeiter oder nicht ehrgeizig genug sind, ist ein dramatischer Verlust für uns alle.

    Deshalb muss dringendst ein neuer Rahmen gebaut werden, der dieser neuen Gesellschaft Rechnung trägt. Die Hamburger Schulreform ist dazu der erste und enorm wichtige Schritt.

  • „Bayern als Pisa-Primus in D heranzuziehen funktioniert übrigens nicht.“

    Und Sachsen? Seufz. Ich muss dringend mal PISA lesen und mein Wissen nicht aus irgendwelche Blättchen ziehen, die ich bisher immer für seriös gehalten habe… Für jede Reform findest du „seriöse Bildungsforscher“ – du musst nur lang genug suchen.

    „Nicht zusammen sind wir, wenn Du ernsthaft behauptest, man könne einem 10-jährigen ansehen, ob er/sie das Zeug zum Maurer oder Professor hat.“

    An welcher Stelle behaupte ich das? Behauptet habe ich, dass dirigistische Schulstrukturprojekte alleine doof sind. Wo finde ich Links zu neuen Konzepten der Lehrerausbildung in HH, zu Referenten, die die Qualifizierung übernehmen werden – also nicht irgendwelches Papier, sondern Reales? Hoffentlich müssen die Referenten/Lehrkräfte/Qualifizierer nicht noch erst gefunden und die neuen Strategien nicht noch erst entwickelt werden…

    Meine Erfahrung sagt mir, dass für innere Reformen auch in Hamburg kein Geld da sein wird – aber vielleicht kommt da ja wirklich alles besser – allein mein Glaube fehlt – mir fehlt auch der Glaube, dass da „pling“ ganz viele neue Lehrkräfte stehen, die alles anders machen werden. Im Web2.0 gibt es ja allenorten die Hoffnung, dass sich bestimmte Herausforderungen biologisch lösen werden – nun denn.

    Bildung ist eben wie Börse: Ob es klappt, sieht man erst Jahre später.

    Die PISA-Sieger (z.B. Finnland) sind weder von ihrer Schulstruktur noch von der Art und Weise ihrer Lehrerausbildung und -qualifizierung mit Deutschland vergleichbar. Wenn man hier schon nicht Stadt- und Flächenstaaten vergleichen kann, könnte es sehr schnell problematisch mit der Vergleichbarkeit überhaupt werden.

  • Das erste Baumert-Zitat stammt nicht aus der Zeit, sd von pisaversteher.de Deutschlands Schulen haben KEINE „hervorragende Durchlässigkeit“ (Riecken),sondern sind scharf segmentiert, man sehe sich nur mal die Auf- und Absteigertabellen ausdem Nationalen Bildungsbericht an, wenn man schon keine Pisa-Studien lesen mag. Schulreform von oben ist notwendig, aber nicht hinreichend. Schulreform von unten sind Lehr- Lernreformen, es müsste beides Hand in Hand gehen, tut es aber nicht, das ist die verzwickte Situation, in der wir stecken. Wir stehen vor einer manifesten Bildungskrise, die eher größer wird – aber insbesondere die Akteure in der Schule verschliessen die Augen. Meines Erachtens wird man, wenn Reformen von oben und unten blockiert werden zu Schließungen und Neugründungen mit reformbereiten Personal übergehen. Das ist der beste Weg.

  • Hinnerk Mohr

    … und wenn man schon eine Strukturreform einführt, dann sollte man das sorgfältig tun ohne Schulchaos anzurichten wie in Hamburg. Dazu gehört auch eine vernünftige finanzielle Planung. So warnte Hamburgs Rechnungshof-Präsident Meyer Abich am 8. 2. 2010 davor, die Schulreform – wie immer sie nach den noch laufenden Verhandlungen mit den Gegnern ausgestaltet wird – zu beschließen, ohne konkrete Zahlen zu nennen. „Die Kosten müssen auf den Tisch“, sagte Meyer-Abich. „Das Parlament muss wissen, was es beschließt.“ (Quelle: http://bit.ly/bfXqUp) Was nützt uns die schönste Struktur, wenn sie nicht bezahlbar ist?

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  • Robert Schneider

    Lieber Maik,

    „also nicht irgendwelches Papier, sondern Reales?“

    Die Lehrerfortbildungsoffensive ist real. Da nimmt die Stadt wirklich Geld in die Hand und tut was. Im Moment habe ich noch keine Zahlen, aber die kriege ich in Kürze. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass jetzt auch die Lehrer mitziehen und diese Chance beim Schopf packen. Das Motto „wir haben schon soviele Reformen überlebt, diese werden wir auch noch kleinkriegen“, das man gelegentlich auf den Schulfluren hört, wäre jetzt wirklich deplaziert.

    Von Schulen, zu denen ich so Kontakt habe ich übrigens, dass sich gerade die jungen Lehrer für die 3-6 Stufe bewerben und zwar auch und besonders junge Gymnasiallehrer. Mir scheint, dass da einige die Chancen dieser Reform erkannt haben.

  • @christian
    Entschuldige bitte die falsche Zitierweise. Das Zitat war auf pisaversteher bereits als Zitat ohne Quelle gesetzt – da habe ich nicht sorgfältig recherchiert und es einfach übernommen – nun sind wir zumindest quitt :o)…

    “hervorragende Durchlässigkeit”
    … habe ich bereits in einem Rückzugsgefecht relativiert.

    „wenn Reformen von oben und unten blockiert werden zu Schließungen und Neugründungen mit reformbereiten Personal übergehen. Das ist der beste Weg.“

    Wenn „oben und unten blockieren“ – was bleibt dann noch außer „dem Markt“, d.h. privaten Schulinitiativen innerhalb und außerhalb des Systems (bottom-up)? Was passiert denn schon an ganz vielen Standorten?

    @robert
    Auch ich würde diese Chance ergreifen – könnte aber nicht verhehlen (wenn ich ganz ehrlich bin), dass das Argument der Arbeitsbelastung in den höheren Stufen da vielleicht ein klitzkleines Bisschen mit eine Rolle spielt – ich hoffe für Hamburg, dass es sich bei den Bewerbern um überzeugte Schulreformer handelt.

  • Robert Schneider

    Lieber Maik,

    auch hinsichtlich der Arbeitsbelastung kann ich Dich beruhigen. Meine beiden Töchter gehen an eine der beiden Hamburger Reformschulen. Und aus den Erfahrungen kann ich Dir versichern: die Arbeitsbelastung ist _nicht_ höher als an den Schulen, die nach den alten Methoden arbeiten, die Wertschätzung zwischen Lehrern, Eltern und Schülern aber bedeutend höher.

    • Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt: Ich denke, dass die Arbeitsbelastung am reinen Gymnasium höher ist, als in einer gemeinsamen Unterstufe – zumindest was die „belastenden Arbeiten“ für mich anginge, z.B. Korrekturen – mit Konferenzen, die inhaltlich etwas bringen und Beratungsgesprächen für SuS mit den Eltern habe ich gar nichts – das mache ich auch heute schon gerne und hätte auch lieber mehr als weniger davon. Es gab – als die Orientierungsstufe hier in NDS noch war – Lehrer, die gerne dorthin gewechselt haben, weil die Arbeitsbelastung dort eben nicht höher war. Ich bin daher nicht besorgt um meine potentielle Arbeitsbelastung…

  • Leicht lässt sich sagen, in Hamburg ginge mal wieder bloß um die Strukturen – wenn man nur die bildungspolitischen Kämpfe aus der Presse kennt. Wir haben hier in HH für die Lehrerfortbildung 3 Mio Euro bekommen, um die nötigen Veränderungen in den Kenntnissen und im Habitus der Lehrer für kompetenzorientiertes Lernen im individualisierten Unterricht in didaktischen Werkstätten zu entwickeln. Außerdem sind neue – zumindest ihrem Anspruch nach – an Kompetenzen orientierte Lehrpläne entstanden sowie eine Auflösung von Fächern zugunsten von Lernbereichen für die Klassenstufen 4-6. Meine Kollegen sind unermüdlich dabei, die Anfragen nach Schulentwicklungsbegeleitung zu einer demokratischen Schulkultur zu befriedigen. Es wird also eine Menge „Inneres“ getan, sowohl von den Schulen selbst, als auch von den Unterstützungssystemen. Nicht umsonst stehen die Schulleiter quasi geschlossen hinter der Schulstrukturreform – obwohl sie ihnen erst mal viel Arbeit beschert. Ob diese Anstrengungen ausreichend sind zu einer „inneren“ Erneuerung, die durchaus auch von Unnen, also von Unten aus der Praxis kommen, und nicht bloß von Oben, das ist freilich noch nicht ausgemacht. Ebensowenig, ob sie weitreichend genug sind.

  • John

    Löst euch doch mal vom „Pisa-Vorbild Finnland“. Wir haben und werden (und wollen) diese Voraussetzungen in Deutschland nie haben. Z.B.: Migrantenquote, Bevölkerungsdichte, Schülerhomogenität soziale Probleme in Großstädten etc.. Wir haben allerdings auch nicht die hohe Jugendarbeitslosigkeit wie in Skandinavien. Pisa taugt hauptsächlich zur Bewertung der zeitlichen Entwicklung bzw. zum Vergleich äquivalenter Regionen. Die Zeitliche Entwicklung zeigt aber in Hamburg eine deutliche Erhöhung bei den erreichten Abschlüssen (Zahl und Qualität) mit 4-jähriger Grundschule. Das wird leider vom Senat nicht gebührend erwähnt.

    Unabhängig von der Frage was, bei optimaler Ausstattung, besser ist, muss man in aber leider erkennen, dass das von der BSB geplante und teilweise schon angerichtete Chaos unerträglich ist.
    So eine Reform braucht erst Inhalte. Wenn man dann genug qualifizierte Lehrer, ausreichen Räume und eine Schülerschaft hat, die in der vorschulischen Bildung weitestgehend homogenisiert ist, kann man die Struktur anfassen. Ob man das wirklich möchte ist eine zweite Frage.

  • Clara

    Um an Roberts Vergleich anzuknüpfen: Würdet ihr Euch bei einem Chirurgen unters Messer legen, der keine Ahnung hat wie die Operation ausgeht? Dass individualisierter Unterricht an den zwei (!) Hamburger Reformschulen ab Klasse 5 (!), die zudem NICHT in Hamburger Problemstadtteilen liegen ganz gut funktioniert, heißt ja noch lange nicht dass das an allen (!!!) Hamburger Primar- und Stadtteilschulen ab Klasse 1 auch funktionieren wird bloß weil Hamburgs Lehrer eine 20-Stunden-Fortbildung gemacht haben!!
    Außerdem stimmt es NICHT dass die Hamburger Schulleiter geschlossen hinter der Reform stehen. Die neuen Primarschulleiter sind erstmal durch Anhebung der Gehälter bestochen wurden (sonst hätten sie nämlich weniger verdient als die Gymnasiallehrer, die an Ihren Schulen unterrichten sollen). Außerdem traut sich anhand des inzwischen aufgebauten politischen Druckes (Lehrer sind ja als Beamt ihren Dienstherrn verpflichtet) sowieso niemand öffentlich etwas gegen die Primarschule oder überhaupt die Schulreform zu sagen!
    Wenn man sich die Prozentzahlen so anschaut die hier angegeben werden, dann sieht es so aus, als wären an den Hamburger Gymnasien nur die dummen Schüler, während die guten zu Unrecht in die anderen Schulen sortiert wurden. Denn es stimmt nicht, dass 50 Prozent der Gymnasiasten Nachhilfeunterricht in der 5. und 6. Klasse nehmen; laut Lau 9 nehmen in Hamburg die Gymnasiasiasten am wenigsten Nachhilfeunterricht, Schüler an den Gesamt-, Haupt- und Realschulen aber deutlich mehr. An den Gymnasien hat sich das wegen des Doppeljahrgangs ein bisschen verschoben, aber nicht weil sie Schüler/innen sonst abgeschult worden wären, sondern weil sie aufgrund der stärkeren Konkurrenz besser Noten haben wollten.
    Außerdem haben die Hamburger Gymnasium keine 34-38 (!) Wochenstunden in der 5. und 6. Klasse. Und nach der 6. Klasse verlassen nicht 20-50 Prozent der Schüler sondern höchstens 10 Prozent – was bei einer Einschulungsquote von über 20 Prozent nicht gymnasialempfohlener ja ein ganz guter Schnitt ist. Genau wie in Berlin sind in Hamburg die Gymnasien die Schulen, die noch am besten funktionieren.
    Anhand der hier veröffentlichten falschen Daten von Schulreformanhängern kann man vieleicht besser verstehen, warum in Hamburg der Schulkampf tobt!

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