Mein Anspruch ist Verengung

vom 5. Februar 2012, in Aus der Schule, Gesellschaft, von Maik Riecken

Anfang der Woche war ich auf einer Fortbildung auf Schloss Etelesen:

Als medienpädagogische Berater erhalten wir eine Einführung in die Grundprinzipien der systemischen Beratung. Diese Fortbildung erfolgt in vier Modulen, wovon zwei in die Ferienzeit fallen. Am Tagungsgebäude lässt sich in etwa erkennen, auf welchem Niveau sich das Ganze bewegt: Zwei Coaches waren für eine Gruppe aus zehn medienpädagogischen Berater zuständig. Die Videokamera lief auch gelegentlich mit, so dass man sich mit dem Blick von außen selbst beobachten konnte. Mich beeindruckt eigentlich wenig – aber diese Fortbildung gehört zweifelsohne zu den Erlebnissen, die mich tief beeindrucken.

Was ist systemische Beratung?

Für mich ist es die Kunst zu beraten ohne dabei selbst Teil eines Systems zu werden. Als medienpädagogischer Berater “fühlt” man oft mit z.B. Schulen, die vom Schulträger hinsichtlich der Medienausstattung vernachlässigt werden. Als Techniker “fühlt” man oft mit Supportmitarbeitern des Schulträgers, die oft genug mit ansehen müssen, wie teuer beschaffte Hardware nicht oder unsachgemäß genutzt wird. Als Lehrer “fühlt” man gelegentlich mit Schülern, die ihre digitalen Geräte auch in der Schule nutzen wollen usw.. Menschen, die ich in technischen Angelegenheiten berate, erwarten von mir oft Lösungen: “Kauft iPads, macht WLAN usw.”. All das ist von einem systemischen Ansatz her betrachtet absolut unproduktiv.

Beraten werden in der systemischen Beratung – der Name sagt es schon – immer Systeme, also mehrere Personen, Gremien oder Gruppierungen. Systeme befinden sich immer in einer Art Gleichgewicht und entwickeln Strukturen, um dieses Gleichgewicht zu stabilisieren. In der systemischen Beratung geht es in einem ersten Schritt darum, diese oft unbewussten Strukturen bewusst zu machen, ja sie sogar durch bestimmte Techniken zu visualisieren. In einem weiteren Schritt werden durch gezieltes Projektmanagement Ideen entwickelt, um optimale Strukturen zu erhalten und nicht-optimale zu verändern. Dabei geht es nicht darum, das System “alleine” zu lassen, sondern immer wieder darum, alle Beteiligten dazu zu bringen, neue Standpunkte und Sichtweisen einzunehmen, die eine Offenheit oder eine anderen Blick auf z.B. technische Lösungen ermöglichen – oder in Web2.0-Sprech: Schwarmintelligenz zu katalysieren.

Dazu haben wir eine Reihe von praktischen Übungen absolviert, bei denen wir quasi an uns selbst erlebt haben, welche Effekte durch systemische Techniken in einem Klientensystem zu erreichen sind. Für den Lernprozess war genau dieses Erleben das Essentielle. Man kann eine Reihe schlaue Bücher über systemische Beratung lesen – sie werden jedoch keinen Eindruck von ihrem Wesen vermitteln. Alles Gelernte lässt sich direkt bei Beratungen anwenden – meine am Freitag verfassten Mails waren schon von den Reflexionsprozessen beeinflusst.

Ein absoluter Glücksfall war dabei die Gruppe der medienpädagogischen Berater, die einfach passte und auf die ich mich bei den nächsten Modulen sehr freue. Nur so war Arbeit an dem möglich, an was wir uns in Schule oft nicht herantrauen: Haltung.

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Schulleitung als “Digitalisate-Sucher”

vom 28. Januar 2012, in Aus der Schule, von Maik Riecken

Die GEW Wittmund berichtet unter dieser Überschrift auf ihrer Webseite, auf welche Weise das Kultusministerium hier in Niedersachsen seinen Verpflichtungen, die sich aus dem “Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen nach § 53 UrhG” ergeben, nachkommen möchte. Dieser Vertrag wurde erst kürzlich öffentlich in der Schultrojanerdebatte z.B. auf Netzpolitik diskutiert.

Allem Anschein nach sollen die Schulleitungen in Niedersachsen bestätigen, dass zu einem gegebenen Stichtag alle sich unter der Kontrolle befindlichen PC-Systeme einer Schule frei von durch den Gesamtvertrag nicht legitimierten Digitalisaten sind. Rein objektiv muss dieser Bestätigung eine Prüfung vorausgehen.

Um zu begreifen, welche Maßnahmen notwendig sind, um ein “unerlaubtes Digitalisat” zu identifizieren, definiere ich zunächst – vielleicht falsch – was unter diesem formaljuristischen Begriff vielleicht gemeint sein könnte.

Ein Digitalisat ist für mich die digitale Repräsentation einer ursprünglich analogen Vorlage – und jetzt auf deutsch: Ein Scan einer Papiervorlage, die z.B. über ein Schulnetzwerk verteilt wird. Das kann z.B. der Lückentext aus dem Zusatzmaterial für den Deutschunterricht sein, der über Moodle allen Schülern einer Lerngruppe z.B. als PDF zugänglich gemacht wird. Strenggenommen dürften Audio- oder Videodateien (z.B. Hörverstehensübungen) nicht dazu zählen, da sie bereits in digitaler Form vorliegen (Ausnahme: Kassetten und VHS-Videos).  Zählten sie nicht dazu, wäre das jedoch unlogisch im Sinne der für mich erkennbaren Intention des Rahmenvertrags.

Überspitzt formuliert sollen offenbar die Schulleitungen jetzt “Schultrojaner” spielen. Die GEW Wittmund fragt m.E. zu Recht, ob das überhaupt zu leisten ist. Sollten ggf. viele Schulen sich außer Stande sehen, diese Prüfung durchzuführen, wäre eine Software zur Identifizierung unerlaubter Digitalisate doch geradezu “ein Segen”. Immerhin muss in jedem Einzelfall eine urheberrechtliche Recherche durchgeführt werden, die bei juristisch nicht vorgebildetem Personal bis zu 20 Minuten je Fall dauern dürfte – ohne dass dabei irgendeine Form von Rechtssicherheit entstünde.

Was diese Software leisten muss, wird angesichst der vielen unterschiedlichen Dateiformate und möglichen Speicherorte (private Freigabe auf einem persönlichen PC oder Schulrechner?), dürfte klar werden, wenn man sich als Mensch “in die Lage” dieser Software versetzt. Das ist bereits breit diskutiert worden und soll hier nicht wiederholt werden.

Ich denke zurzeit vor allem an mich als Administrator – ganz egoistisch. Letztendlich müsste ich eine anlasslose, inhaltlich nicht zu leistende Gesamtüberprüfung aller PC-Systeme vornehmen, die sich in meinem direkten Einflussbereich befinden. Mir fällt keine rechtliche einwandfreie Möglichkeit ein, wie ich sämtliche Schüler- und Lehrerverzeichnisse in Einklang mit den geltenden Datenschutzgesetzen scannen (auch: lassen) dürfte. Dazu bedarf es nach meinem Verständnis zumindest einer Vereinbarung mit den Personalvertretungen, die dann jedoch wiederum einer rechtlichen Prüfung standhalten müsste.

Als Alternative sehe ich für mich eigentlich nur die vollständige Löschung aller Festplatten mit anschließender kompletter Neuinstallation. Auch hier stellt sich mir die Frage nach der Verhaltnismäßigkeit und wie bzw. wann ich das ohne nicht einmal eine Entlastungsstunde leisten können soll. Natürlich ist das Aufgabe des Schulträgers. Aber der wird sich natürlich auch bedanken und organisieren muss ich die Sache trotzdem.

Das niedersächsische Beamtengesetz – so wie ich es verstehe – verlangt bei jeder Dienstanweisung die Einhaltung zweier Kriterien: Die muss verhältnismäßig sein und in Einklang mit geltenden Rechtsnormen stehen. Wenn man mit technischen Argumenten nicht weiterkommt, müsste man doch zumindest formaljuristisch gegenhalten können. Natürlich unter Wahrung des Dienstweges, aber unbedingt unter der Beratung von Juristen.

Appleprodukte und ich

vom 19. Januar 2012, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Halina Zaremba / pixelio.de

 

Unter Eltern ist folgende Anekdote bekannt:

“Mein Kind ist seine Mandarine nur, wenn ich sie ihm geschält und zerlegt in die Tupperdose lege. Tue ich das nicht, kommt sie ungegessen wieder zurück. Das ist jeden Morgen echt ein ziemlicher Aufwand und eigentlich kann es doch nicht so schwer sein, die Mandarine selbst zu schälen! Aber ich will doch, dass mein Kind Obst isst. Was soll ich nur tun? Mich nervt das!”

Kinder sind heute sowohl im Kindergarten als auch in der Schule nicht unerheblichen Belastungen ausgesetzt. Nicht selten ginge die Schälzeit von wertvoller Spielzeit ab. Gleichwohl wird diese durch Lebenszeit der Erwachsenen bezahlt – je nachdem wie man seine Elternrolle auffasst, wird man in solchen oder ähnlichen Situationen reagieren, in denen man eine Entscheidung zwischen “Selbstständigkeit fördern” und “Bewahren vor nicht kindgerechten Belastungen” zu treffen hat. Das Mandarinenbeispiel dürfte eines der harmloseren sein. Natürlich hätte ich persönlich auch lieber eine geschälte Mandarine in meiner Frühstücksdose! Mein Alltag ist auch voller Belastungen und alles, was mir das Leben leichter macht, ist zunächst einmal positiv für mich – das sollte ich mir einfach wert sein.

Ich halte Appleprodukte für eine geschälte und zerlegte Mandarine. Apple hat mein Bedürfnis nach Erleichterung begriffen und gibt mir durch ein funktionales und hervorragendes Design eine echte Entlastung in meinem Lehreralltag.

Trotzdem will ich, ich ganz persönlich, Apples geschälte Mandarine nicht. Das hat mit den ideellen Kosten zu tun, die für mich zu hoch sind, dass ich nach wie vor lieber selbst schäle oder eben dafür andere Werkzeuge einsetze. Wäre ich nicht zusätzlich der Überzeugung, dass der technische Ansatz von Apple auch Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, zögerte ich keine Minute, selbst eine iPad-Klasse ins Leben zu rufen. An Möglichkeiten dazu fehlt es hier vor Ort im Gegensatz zu anderen Landkreisen definitiv nicht. Finanziell stehen wir glänzend ausgestattet da. Um zu erklären, warum ich nicht auf den gerade anrollenden Zug aufspringe, muss ich etwas ausholen.

Apple verkauft proprietäre Appliances, d.h. eine Verbindung aus Hard- und Software. Apple tut sehr viel dafür, dass sich beide Komponenten nicht ohne Weiteres trennen lassen. Das gelingt der Firma im Bereich der Mobilgeräte z.Zt. natürlich weitaus besser als im Desktopumfeld.

Eine Appliance hat Vorteile:

  1. Sie funktioniert
  2. Sie besitzt eine konsistente Oberfläche
  3. Sie hat eine intuitive Oberfläche, die sich mühelos bedienen lässt
  4. Sie ist durch das geschlossene Konzept wartungsarm und zuverlässig
  5. Im Falle vom Appleprodukten sind die Geräte langlebig und hochwertig verarbeitet

Eine Appliance hat Nachteile:

  1. Jede Funktion der Appliance ist abhängig vom Hersteller der Appliance
  2. Eine Appliance ermöglicht genau das, was der der Hersteller der Appliance ermöglichen will
  3. Eine Appliance ist nicht transparent
  4. Die Sicherheit der Appliance bewegt sich im Rahmen der Sicherheitsvorstellungen des Herstellers
  5. Was die Appliance tut, entzieht sich gängigen Kontrollmechanismen. Vertrauen ist angesagt.

Und – für mich sehr wichtig: Mit einer Appliance lernt man, die Mandarine zu essen und zu genießen, nicht sie zu schälen. Zudem wird man bald erwarten, dass alle Mandarinen geschält sind und sie nur noch so akzeptieren. Ob das ok ist oder nicht, muss jeder für sich entscheiden und der Kontext spielt zusätzlich eine Rolle: Wenn eine Appliance in einem eng begrenzten Umfeld etwas macht, was Experten (huch – die sollen doch bald überflüssig sein?) besser können als ich, dann ist das absolut sinnvoll – Firewalls für Rechenzentren sind oft als Appliance realisiert. Wenn eine Appliance jedoch wesentliche kommunikative Abläufe in meinem Leben strukturiert und bestimmt, dann tue ich mich schwer damit. Mein “Nichtexpertentum” ist diesem Bereich für einen Anbieter Kapital – und zwar nicht bezogen auf eine hochspezialisierte Nische.

IT beherrscht unser Leben. Informatik ist für mich ein Fach, welches z.B. zeigt, wie man Mandarinen schält, welche unterschiedlichen Ansätze dafür existieren und wie sich der Prozess des Schälens optimieren lässt. Wer keine Mandarinen schälen kann, ist auch anfällig dafür, mit einem Kolbenfresser auf der Autobahn liegenzubleiben, weil der Bordcomputer den defekten Öldrucksensor nicht gemeldet hat. Der Blick unter die Motorhaube auf den Peilstab ist heute eben nicht mehr zeitgemäß.

Ich habe Freude am Verstehen. Ich habe Freude daran, hinter die Fassaden zu schauen. Ich freue mich über einfache und geniale Lösungsstrategien, die ganz andere Wege gehen. Ich möchte das Menschen vermitteln. Dafür muss ich Mandarinen haben, die noch eine Schale besitzen. Ein Appleprodukt hat für mich keine Schale mehr. Allein das saftige, perfekt freigelegte Fruchtfleisch bleibt. Ich möchte eine Mandarine sehen, wie sie ist und nicht wie sie mir jemand mundgerecht in die Obstdose gelegt hat. Deswegen benutze ich OpenSource, deswegen bekomme ich von den “Technikaffinen” oft genug den Stempel “Nerd” – nicht weil die Mandarinen da nicht geschält wären, sondern weil ich das Ganze sehe könnte, wenn ich wollte und Zeit hätte. Das ist meine Vorstellung von Unabhängigkeit. Ja – und ich genieße auch das Staunen anderer Menschen, wenn sie fragen: “Wie machst du das nur?” – Meine Anwort: “Ich schäle Mandarinen selbst. Schon ganz schön lange.”

PS: Keine Sorge. Ich baue auch Netze für geschälte Mandarinen inkl. Genießerkurse. So realistisch bin ich dann schon.

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Wulff

vom 7. Januar 2012, in Gesellschaft, von Maik Riecken

ZDFheute liefert heute nähere Informationen zur Hausfinanzierung Christian Wulffs unter Berufung auf externe Quellen (FR). Es gibt nach der Frankfurter Rundschau Hinweise darauf, dass mit Tricks versucht worden ist, die Herkunft des Geldes für die Hausfinanzierung zu verschleiern. Dafür lassen sich zwei unterschiedliche Motive formulieren: Ein mehr oder minder wohlwollendes und eines, was mich in einem Gedanken bestätigt, der mich zur Wulff-Affäre schon länger umtreibt:

  • Wulffs Berater drängten ihn damals zu diesem Schritt, da sie negative Auswirkungen für seine Publicity befürchteten. Wulff ist schlicht diesem Ratschlag gefolgt. Als Mensch, der viel zu entscheiden hat, macht man unweigerlich Fehler. Das kennen z.B. Leute, die ein Haus gebaut haben und Leute, die viele Klausuren korrigieren.
  • Wulff war klar, dass seine Hausfinanzierung nach gängigen Maßstäben vor dem Hintergrund seines politischen Amtes nicht ganz sauber ist und hat in diesem Bewusstsein die Herkunft des Geldes selbst verschleiert.

Es ist eigentlich egal, was davon stimmt und ob es überhaupt stimmt. “Normal” wäre für einen durchschnittlichen Bürger gewesen, sein Haus schlicht und ergreifend auf dem freien Markt zu finanzieren. Man hätte dann ggf. nicht die gleichen Konditionen erhalten, was bei einem Ministergehalt wahrscheinlich aber zu verschmerzen gewesen wäre. Aber die Sache wäre durch und durch sauber.  Ein anderer Weg hätte darin bestanden, offen damit umzugehen und eben nicht mehr oder minder panisch zur BW-Bank umzuschulden. Das hätte man wahrscheinlich leichter über die belegbare langjährige Freundschaft durchstehen können – aber Leben ist eben wie Börse: Hinterher ist es immer einfach.

So bleibt für mich jetzt der Eindruck, dass sowohl Machterhalt als auch, nennen wir es mal “schonender Umgang mit den eigenen Kapital” die Hauptmotive gewesen sind. Beides dürfte “dem Volk”, dessen Oberhaupt er ist, schwer zu vermitteln sein – es ist kein Ausdruck von Nähe, es ist für mich Ausdruck einer unglaublichen Distanz.

Das ist mein Vorwurf an Christian Wulff, weil es für mich nicht Ausdruck eines isolierten Fehlers, sondern einer grundsätzlichen Haltung ist.

Das Telefongespräch und ob er nun die Berichterstattung verhindern oder verzögern wollte, ist für mich völlig ohne Relevanz. Es ist wahrscheinlich nichts weiter als eine emotionale Reaktion auf die potentielle Bedrohung der eigenen Macht – und es wird voraussichtlich demnächst eh geleakt werden. Mich wundert eher das Verhalten der Bildzeitung, die ja nicht unbedingt dafür bekannt ist, vorher zu fragen. Wieviel Substanz hat der Vorwurf, Christian Wulff habe den Artikel verhindern und nicht verzögern wollen?

Sein politisches Überleben wird jetzt nicht mehr von seinen institutionellen Machtressourcen durch das Amt abhängen, sondern von dem, was er an ideellen Ressourcen aufgebaut hat und noch recht kurzfristig unter dem jetzigen Druck aufbauen kann.

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Warum NC-Lizenzen im Bildungsbereich?

vom 1. Januar 2012, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Zwischen den Feiertagen kommt es im Netz zu Diskussionen, inwiefern NC-Lizenzen, also der Ausschluss einer kommerziellen Nutzung freier Bildungsinhalte sinnvoll sind. Lesenswert ist der in diesem Zusammenhang häufig zitierte Artikel von Eric Möller. Auch hier im Blog ist das Thema in einem Kommentar, den ich bisher noch nicht angemessen realisiert habe. Visionen von einer neuen “Bildungscloud” sind von Christian Füller in der TAZ zu lesen. Entscheidend für die Realisierung dieser Vision wird einerseits die Rechtefrage sein andererseits aber auch die Bereitschaft sowie die grundlegende Haltung der daran mitwirkenden Personen. Bei letzterem Aspekt hege ich Zweifel, inwiefern eine “Nicht-NC-Lizenz” sich positiv auswirkt und das liegt an den besonderen Umständen des Bereichs “Bildung” hier in Deutschland. Nehmen wir einmal nüchtern den Ist-Zustand:

  1. Bildungsinhalte im schulischen Bereich sind zu > 90% monopolisiert im kommerziellen Bereich (Schulbuchverlage)
  2. Ersteller von Bildungsinhalten sind zu einem nicht unerheblichen Anteil Lehrkräfte, die für z.B. einen Verlag arbeiten. Die Vertragsbedingungen wären für mich zurzeit zu schlecht, um so etwas auch zu machen. Viele Kollegen, die ich kenne, tun es auch mehr der eigenen Reputation willen.
  3. Es gibt Plattformen mit freien Inhalten. Nachhaltig werden diese Plattformen oft von einem personalisierten, harten Kern mit viel Liebe und Enthusiasmus getragen. Oft sind es “HTMLer der ersten Stunde” und es gibt auch hier gelegentlich Nachwuchssorgen.
  4. Viele Inhalte liegen auf Einzelwebseiten, Blogs usw. weit verstreut im Netz herum – hier im Blog ja auch das eine oder andere. Es gibt Erschließungsversuche durch spezielle Suchmaschinen, die man (pluralis majestatis) aber hinsichtlich der Ergebnisqualität und -präsentation eigentlich eher nicht sinnvoll nutzen kann.
  5. Es ist im schulischen Bereich üblich, Material aus kommerziellen Quellen zusammenzukopieren ohne die Angabe einer Quelle. Wer eine Festplatte aus einem Schulkopierer ausbaut, wird wahrscheinlich nicht viele Quellenangaben finden. Deswegen gibt es eigentlich auch den Rahmenvertrag mit den Verlagen: Es geht darum, eine nicht legale Praxis in begrenztem Umfang zuzulassen, daran zu verdienen und hintergründig um das Eingeständnis, dass die bestehenden kommerziellen Lizenzmodelle eigentlich nicht praxistauglich sind.
  6. Weil das Verhalten unter 5 üblich ist, wird man seine öffentlich bereitgestellten Texte als Lehrkraft auch immer wieder in kommerziellen Produkten ohne Angabe der Quelle finden – das speisen wahrscheinlich die gleichen Lehrkräfte ein, die morgens ihren zusammengeschnippelten Zettel auf den Kopierer legen (wenn sie den nicht sogar erst vor Ort zusammenschnippeln)
  7. Es gibt einzelne, sorry vereinzelte, die Materialien heute schon in verschiedener Form (Blog, Wiki usw.) tauschen. Die Motivik scheint mir sehr unterschiedlich. Vielen ist gemein, dass sie diese individuelle Form der Selbstbestimmheit wegen wählen. Die Bereitschaft zur Schaffung gemeinsamer Projekte scheint mit doch recht gering. Das ist bei mir nicht anders. Dieses Blog dient klaren Zwecken bar jedweder altruistischen Ziele. Selbstverwirklichung ist nur einer. Diejenigen, die sich öffentlich im Netz präsentieren, sind gut vernetzt und berichten einander von neuen Inhalten und Materialien. Dadurch entsteht manchmal der Eindruck, dass das sehr viele Menschen sind. Das stimmt wahrscheinlich nicht. In der Mitte einer Schwarms von 100 Fischen sieht man den Rand nicht. Dazu muss man immer wieder aus dem Schwarm herausschwimmen. Gleichwohl bewegt dieser kleine Schwarm etwas, von dem ich mich zunehemend frage, was es denn genau ist. Mit nebulösen “Internet-Revolution-Ubergangsphänomen”-Geschnacke tue ich mir äußerst schwer.

Was wird oft als wünschenswerter Zustand formuliert?

  1. Christian Füller beschreibt es in seinem Artikel: Eine von Lehrern und Wissenschaftlern geschaffene Cloud, in der Inhalte für Forschung und Lehre frei sind. Strenggenommen müsste man dafür einen gewaltigen Schritt weiter gehen: Die Gesellschaft bezahlt mich nicht einmal schlecht dafür, dass ich Lehrer bin. Von mir in diesem Rahmen geschaffene Inhalte sind damit eigentlich konsequenterweise Eigentum der Gesellschaft – nicht meines. Genau wie die Inhalte öffentlich-rechtlicher Sender und Universitäten mit öffentlichen Geldern finanziert sind und damit gemeinfrei sein müssten (viele Kollegen denken das m.E. nicht konsequent zu Ende – bei den Öffentlich-Rechtlichen: “haben, haben, schnell haben!”, bei sich selbst: “Also das ist ja wohl ein Eingriff in meine Privatssphäre, dazu darf mich keiner zwingen!”). Jetzt bezahlt die Gesellschaft Lehrer, die Inhalte für Verlage schaffen, um diese Inhalte dann unter Lizenzen zurückzukaufen, die eine freie Verwendung erst nach Ablauf von Jahrzehnten ermöglichen – diese Art von “Nebentätigkeit” gehört meist auch noch zu den gewünschten – ist das logisch?
  2. Idealerweise gibt es eine Reihe von Menschen, die bereit sind, Inhalte unter freien Lizenzen zu erstellen. Zurzeit erstellen und veröffentlichen  schätzungsweise von 100 Lehrern maximal zwei Materialien, die sich für den Einsatz im Bildungsbereich eignen und die unter freien Lizenzen stehen (das ist optimistisch). Das hat mit Rechtefragen nur am Rande zu tun. Eher mit Belastung und Zeit. Aber eben auch mit Haltung: “Dann können das ja andere kopieren. Ich will die gleiche Arbeit wieder schreiben können. Da könnten ja Fehler enthalten sein, die meine Reputation schädigen.”
  3. Idealerweise bezahlt der Staat Verlage für die Erstellung freier Materialien. Doof nur, dass es den Föderalismus und die Globalisierung gibt. Dann profitieren ja andere von den Ressourcen einer Volkswirtschaft. Ist ja nicht so, dass unsere Volkswirtschaft von Billiglöhnen und Ausbeutung anderer Völker profitiert.
  4. Niemand muss mehr fragen. Alles darf frei verwendet werden. Lizenzen gibt es nur noch in der Form (edit) CC-BY-SA. Das ist einerseits rechtlich sehr sicher, anderseits vor allen Dingen bequem.
  5. Ich würde mir ja wünschen, dass Folgendes passiert: Alle Twitter- und Blogger-Lehrer legen ihre Kraft in ein gemeinsames Projekt – vermarkten das in der Art und Weise einer digitalen Rampensau, nutzen alle Kontakte, um das in der Öffentlichkeit jenseits des kleinen Blogs zu präsentieren. Nur eine solche gemeinsame Arbeit mit konkreten Selbstverpflichtungen wird den bestehenden Strukturen etwas entgegensetzen können. Das wird nicht geschehen, weil niemand von uns altruistisch genug dafür ist, weil jedes zu planende Projekt an Grundsatzfragen wie “Welche Lizenz?”, “Welche Plattform?”, “Welche Farbe?”, “Welches Logo?” usw. zerschellen würde.

Zusammenfassung

Auch 2012 werden Lehrer Lehrer bleiben und Menschen Menschen. Die Verlage werden weiter an einer Software schrauben lassen, die wahrscheinlich nie datenschutzkonform einsetzbar und technisch immens schwer zu realisieren sein wird. Lehrer werden weiter für Verlage arbeiten und Lehrer werden mit dem Copyright weiter so umgehen, wie sie mit dem Copyright umgehen. Unter den jetzigen Rahmenbedingungen ist für mich die NC-Lizenz so etwas ähnliches wie der Rahmenvertrag zur pauschalen Vergütung von Ansprüchen der Verlage: Sie verhindert nicht, dass Material kommerziell eingesetzt wird, aber sie zeigt ein bisschen moralisch auf, dass das nicht fair ist, genau wie die 10%-12-Seiten-Kopierregel moralisch de Zeigefinger hebt, dass das, was ich da morgens am Kopierer tue, eigentlich so nicht ganz in Ordnung ist – moralisch. Rechtlich immerhin in gewissen Grenzen schon.

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