Medienkonzeptentwicklung

Die meisten Medienkonzepten von Schulen, die ich so kenne, sind im Prinzip technische Beschreibungen. Wie ein „richtiges Medienkonzept“ aussehen kann, scheint niemand so recht zu wissen – es gibt natürlich irgendwelche Messbarkeitsindikatoren, die man hinterher anlegen kann, aber beim Schreiben hilft das eher nicht so sehr.

In Niedersachsen gibt es mit dem Orientierungsrahmen Medienbildung ein Angebot, das Orientierungshilfen geben soll bis hinunter auf praktische Unterrichtsbeispiele. Lesen ist da immer so eine Sache, selber erfahren und machen ein ganz andere.

Dummerweise zwingt das Dokument zusätzlich dazu, fachübergreifend zu schauen. Durch seinen Charakter als Querschnittaufgabe wird daraus ganz schnell ein Element der Schulentwicklung – quasi eine Art trojanisches Pferd, was auf einmal mitten im Hof des eigenes Faches herumsteht und stört (zumal da ja auch noch Leute mit Brandfackeln – äh – Handys herauskommen). Deswegen ist die Idee, Medienkonzeptentwicklung ohne direkte Beteiligung und Steuerung der Schulleitung zu machen, eine ziemlich naive. So stehen dann immer noch oft genug die digitalen Wilden auf der Gesamtkonferenz, um sich dann das Bukett an Gefühlen abzuholen, welches mit Veränderungsprozessen nunmal einhergeht.

In meinen Beratungsprozessen hat sich ein Grundstruktur für die Medienkonzeptentwicklung herauskristallisiert, die erstmal ein Ausgangspunkt sein kann. Ich arbeite gerne kollaborativ mit Schulen, die sich darauf einlassen. Medienkonzepte auf Papier in einer gesellschaftlichen Übergangsphase wie der unseren halte ich für naiv und unökonomisch. Die Grundstruktur sieht so aus:

  1. Präambel
  • Was ändert sich durch digitale Medien in der Gesellschaft und wie wollen wir als Schule darauf reagieren?
  • Wo sehen wir Potentiale für unseren Unterricht und wo legen wir besonderen Wert auf bewährte Methoden?
  • In welchem Verhältnis sollen bei uns digitales und analoges Lernen zueinander stehen?
  • Was sehen wir als Ziel im Hinblick auf die digitale Bildung?
  1. Ausstattung (Ist-Zustand)

(zu beschreiben durch technisches Personal des Trägers oder des Medienzentrums)

  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Bedienung und Anwendung”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Information, Recherche und (Daten-) erhebung”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Kooperation und Kommunikation”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Produktion und Präsentation”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Medienkritik, Medienanalyse und medienethische Reflexion”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Besondere Herausforderungen
  • Welche Bedarfe haben Sprachlern- und Inklusionsklassen konkret?
  • Inwiefern differenzieren wir dort schon durch den Einsatz digitaler Medien?
  • Wo wünschen wir uns weitere Möglichkeiten, auch IT-gestützt zu arbeiten?
  1. Informations- und Kommunikationsmanagement
  • Wie kommunizieren wir mit Ämtern, Eltern, Schülern und Kollegen?
  • An welcher Stelle sehen wir Schwierigkeiten oder Verbesserungsbedarf?
  • Inwiefern können und digitale Medien dabei ggf. unterstützen?
  1. Fortbildung
  • Welche Fortbildungsmaßnahmen führen wir im Bereich digitale Medien bereits durch?
  • Welche Fortbildungsmaßnahmen benötigen wir?
  • Wie integrieren wir Fortbildung in unseren Schulalltag?
  • Wer organisiert vor Ort in welchem Umfang die Betreuung der IT bisher?

 

Dieses Konzept ist auf Grundschulen zugeschnitten. An weiterführenden Schulen wird man das noch fachbezogen aufschlüsseln müssen.

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Konflikte bearbeiten

Es gibt eigentlich an Schulen keine Instanz, um Konflikte zwischen Kolleginnen und Kollegen oder dem Kollegium und der Schulleitung zu bearbeiten. Die Rechte und Möglichkeiten des Personalrats sind gegenüber denen von anderen Arbeitnehmervertretungen m.E. doch eher als „niedlich“ zu klassifizieren.

Man mag es kaum glauben, aber mein Wissen über Konflikte zeigt mir mittlerweile sehr deutlich, bei welchen Schulen eine Beratung im Hinblick auf digitale Medien erfolgreich verlaufen wird und an welchen nicht, wenn man das Zeug auch gleich ein wenig als trojanisches Pferd für Schulentwickung mitnutzt.

Das zeigt sich sehr oft an einer Konfliktkultur, die sogar schon in Vorgesprächen herausschimmert. Es gibt Schulen, bei denen ich sage: „Hm. Da ist vorher noch das ein oder andere zu klären, vorher können wir hier nicht noch eine Baustelle aufmachen.“ Dafür nutze ich für mich zur Klassifizierung Glasls Modell der Konflikteskalation.

Während viele Modelle Konflikte über aufsteigende Modelle klassifizieren, macht das Glasl etwas anders: Grundtenor ist, dass wir mit jeder neuen Stufe einen weiteren Teil unserer Menschlichkeit bzw. humanistischen Umgang miteinander verlieren. Ab Stufe 4 wird es für mich immer kritisch und ich hole mir i.d.R. eine zweite Meinung durch unser Ausbildungsteam.

Vielleicht habt ihr ja Lust auf eine kleine Übung: Ich habe einmal vier klitzekleine Dialoge ersonnen. Die kommen so natürlich an keiner Schule vor. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Vorkommnissen wären also rein zufällig.

Welche Stufe(n) von Glasls Konfliktaskalationsmodell seht ihr in den kurzen Texten?

1) Der Rock

A: „Boah, ey, das Teilchen ist aber echt gewagt. Mit sowas würde ich bei der Figur ja nicht unbedingt vor der Klasse aufkreuzen.“

B: „Von der habe ich bis heute nicht die Arbeit meines Nachschreibers in mein Fach gelegt bekommen! – ey und der Schüler saß schon vor ’ner Woche bei der drinne!“

C: „Wahrscheinlich hat Sie auch verpeilt, dass heute Fachkonferenz ist. Aber wenn die da aufkreuzt und wieder ihren Scheiß von offenem Unterricht erzählt und so … Ist doch voll durchschaubar: Jetzt wo ihre Kinder in der Schule selbst Schwierigkeiten haben, spült die unsere gymnasiale Bildung weich, damit die eigene Brut das dann bei uns schafft.“

D: „Hey, aber die Schulleitung steht doch voll auf deren Ideen!“

A: „Scheißegal, Hauptsache wir können ihr heute mal öffentlich eins reinwürgen.“

2) Die Abiturarbeit

A: „Mit der Bewertung dieser Abiturarbeit bin ich nicht einverstanden. Du hast z.B. bei Aufgabe 1 den Erwartungshorizont nicht berücksichtigt und viel zu großzügig bepunktet.“

B: „Man muss – so denke ich – gerade bei diesem Schüler – aber auch pädagogisch berücksichtigen, dass er sich enorm verbessert hat!“

A: „Du kannst aber nicht unterschiedliche Maßstäbe bei jedem Lerngruppenmitglied anlegen. Die Leistung muss objektiv vergleichbar und damit justiziabel sein.“

B: „Ich bleibe trotzdem bei meiner Bewertung. Du kannst ja ein Gegengutachten schreiben!“

A: „Du glaubst wirklich, dass du deinen Willen bei meinem Standing gegenüber der Schulleitung durchbekommst? Versuch’s ruhig!“

3) Das Urgestein

A: „Wenn wir die Maßnahme X implementieren, wird sich die Unterrichtqualität in unserem Fach enorm verbessern. Dafür müssen einige Kollegen aber natürlich weg von ihrem gewohnten Trott und sich auch mal fortbilden!“

B: „Du willst also, dass jeder in der Fachschaft vergleichbare Maßstäbe anlegt und vergleichbare Inhalte unterrichtet?“

A: „Ja. Das ist doch vor allem für die Schülerinnen und Schüler gut, weil es dann eben nicht mehr vom Zufall abhängt, wann sie was lernen.“

B: „Ach, ich glaube, du musst noch viel über Schule lernen. Ich bin jetzt schon so lange dabei und in der Vergangenheit haben wir das auch nie hinbekommen. Du kannst nicht alle mitnehmen. Aber nun gut – macht ihr jungen Leute mal.“

A: (denkt still) „Genau das habe ich von dir schon oft gehört. Deswegen stimmen wir jetzt doch einfach mal ab – also ich habe keine Sorge, dass ich das Ding gewinne, die meisten Kollegen stehen hinter mir, dafür habe ich im Vorwege gesorgt.“

4.) Beim Maurer

A: „Was die sich da wieder überlegt haben … Mache ich nicht. Da sitzen doch eh nur die Lieblinge der Schulleitung und die, die hier noch was werden wollen. Was soll das denn jetzt wieder bringen? Eskalationsmodell? Glasl? Jetzt soll ich hier was lernen oder was? Alles ist schlechter geworden, nur noch Kontrolle, keine Freiheiten mehr. Ich mache hier gar nichts mit. Die sollen mich einfach in Ruhe lassen. Mir können die eh nix. Andere denken auch so wie ich. Sollen sie mal sehen, wie sie ihr Zeug durchbekommen. Mit mir jedenfalls nicht.“

Lustige Portweiterleitungen

Unsere Schulhomepage besitzt einen eigenen Loginbereich, für den wir gerne auch die Nutzername/Passwortwortkombination nutzen wollten wie für den Schulserver. Mehrere unterschiedliche Zugänge sind in der Regel nutzerunfreundlich und werden kaum akzeptiert.

Das verwendete Joomla! hat zum Glück eine Reihe von Authentifizierungsplugins, unter anderem LDAP, POP3, IMAP oder Keberos. Am einfachsten geht es über IMAP, d.h. Joomla! versucht sich mit den Nutzerdaten bei Mailserver des Schulservers einzuloggen und wenn das klappt, legt es einen neuen Benutzeraccount an, den es zukünftig immer extern authentifiziert. Dummerweise klappte das bei uns nur über eine unverschlüsselte Verbindung zuverlässig – also keine sinnvolle Option.

Glücklicherweise läuft unser Joomla! auf einem VServer, auf den wir Shellzugriff haben. Mit einem linuxtypischen Einzeiler kann man den Mailserverport durch einen verschlüsselten Kanal auf den VServer tunneln – bei uns:

ssh -R 1143:localhost:143 unprivileged@vserver.xy -N -T

Das sorgt dafür, das der unverschlüsselte Mailserverport 143 auf dem VServer unter der Portnummer 1143 erreichbar ist.

Normalerweise würde nach diesem Kommando das Passwort des Benutzer „unprivileged“ (der Nutzer sollte möglichst wenig Rechte auf dem Zielserver haben, weshalb die Portnummer auch größer als 1024 sein muss) erfragt werden. Damit das nicht geschieht, verwenden wir die Authentifizierung per Public-Key.

Unser Schulserver ist nur per VDSL an das Internet angebunden und wird einmal täglich providerseitig vom Netz getrennt. Damit würde unser Tunnel zusammenbrechen. Damit das erkannt wird, läuft folgendes Script per cronjob alle fünf Minuten:

#!/bin/bash
COUNT=`ps aux | grep unprivileged | wc -l`
if [ $COUNT -ge 2 ]; then
exit 0
else
ssh -R 1143:localhost:143 unprivileged@vserver.xy -N -T
fi

Die Variable COUNT enthält die Ausgabe der Befehlspipe zwischen den Backticks `. Wenn der Tunnel offen ist, enthält die Ausgabe zwei Zeilen (den eigentlichen Tunnelprozess und den Suchprozess nach „unprivileged“). Wenn das so ist, tut das Script nichts, wenn nicht, startet es den Tunnel einfach neu. Das Script muss mit Rootrechten laufen, da ein Port unterhalb von 1024 lokal verwendet wird.

Auf diese Weise kann man im Prinzip jeden Dienst lokal auf einen VServer weiterleiten, z.B. auf den LDAP der Musterlösung aus Baden-Württemberg und muss dann keine Klartextpasswörter mehr durch die Gegend schicken.

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Wirtschaft, Partnerschaft, Lobbyismus und Schule

Wir versetzen uns einmal in die Lage eines CEO

 

  1. Da gibt es mit der Digitalisierung der Gesellschaft eine Entwicklung, um die kein staatliches Bildungssystem herumkommt, wenn eine Volkswirtschaft auf Dauer wachsen und damit Dinge wie Wohlstand und sozialen Frieden ermöglichen soll.
  2. Da gibt es ein Bildungssystem mit immensen Investitionsstau auf dem Gebiet der Digitalisierung, sowohl finanziell als in Bereichen wie Informationsmanagement.
  3. Da gibt es Schulen, die auf Wunsch des Dienstherrn zunehmend selbstständig sein sollen, die aber von den personelle Ressourcen her oft optimierbar aufgestellt sind.
  4. Da gibt es ein Schulsystem, dass von seiner Grundstruktur preußisch-hierarchisch strukturiert und damit an Vorgaben von oben gebunden ist.
  5. Da gibt es eine Konkurrenzsituation vieler unterschiedlicher Anbieter.
  6. Da gibt es ein teures, meist provisionsbasiertes Vertriebssystem, das vorwiegend auf die Belange der Wirtschaft ausgerichtet ist und Schule von innen nicht kennt.
  7. Da gibt es Entscheidungsträger, die technisch manchmal nur wenig qualifiziert sind und die nicht in ausreichendem Maße auf ein neutrales Beratungssystem zurückgreifen können.
  8. Da gibt es einen immens volatilen Markt, was die Progression technischer Entwicklungen, Produktfolgen und Ansprüche der Kunden angeht.

 

Was ist die Natur wirtschaftlicher Player in einer sozialen Marktwirtschaft?

 

  1. Wenn sie nicht wachsen, gehen sie unter oder werden von Konkurrenten geschluckt.
  2. Wenn sie für ihre Produkte keinen Alleinstellungsraum schaffen (meist weniger durch Features als vielmehr durch Tupperpartyvermarktungskonzepte, s.u.) werden sie keinen verlässlichen Absatz generieren.
  3. Wenn sie keinen Gewinn machen, bestehen sie nicht am Markt und ebenso ihre Mitarbeiter, für die sie eine Verantwortung tragen.
  4. Wenn Sie keine guten Produkte haben, die sich an den Bedürfnissen ihrer Kunden orientieren, bestehen sie nicht am Markt.
  5. Wenn sie nicht die hierarchischen Strukturen des Schulsystems für sich selbst und ihren Absatz nutzen und politische Lobbyarbeit betreiben, fallen sie gegenüber ihren Konkurrenten zurück. Das sieht man sehr hübsch an der Stellung der lobbylosen OpenSource-Produkte im deutschen Bildungsystem.

Ich finde bisher daran nichts Böses oder Verwerfliches. Wirtschaft verhält entsprechend der Regeln einer Marktwirtschaft, womit dann ja auch gleich ein Schlüssel gefunden wäre, das Ganze im Sinne demokratischer Grundsätze zu steuern: Dafür gibt es einen Rahmen in Form von Gesetzen bzw. im Schulsystem in Form von Erlassen.

TTIP ist nun der geniale Schachzug, auch diese mögliche staatliche Einflussnahme auf die eigene Produktpolitik zu eliminieren – das wäre aber eine eigene Geschichte.

Wie reagiert Wirtschaft in diesem Umfeld?

 

Von „Wirtschaft“ komme ich in meinem Umfeld fast nur über Vertriebler und ihren rhetorischen Taktiken in Kontakt. Ich bin bei ihnen mittlerweile nicht mehr so gerne gesehen. Daher mögen meine Beobachtungen sehr stark eingefärbt sein, aber vielleicht erkennt ihr das eine oder andere wieder.

Wirtschaft will Tupperpartys

Man möchte sein Produkt auf Veranstaltungen, auf der Entscheidungsträger anwesend sind, möglichst exklusiv präsentieren und nicht in Konkurrenz zu Mitbewerbern. „Herr Riecken, das mit ihren finanziellen Bedenken lassen Sie meine Sorge sein. Ich stelle den Entscheidungsträgern das Produkt mit seinen insbesondere investiven Vorteilen gerne alleine dem Gremium vor!“

Es kommen insbesondere Lehrer nach einer solchen Tupperparty manchmal total begeistert an und allein auf Grundlage dieser Begeisterung wird dann z.B. ein Programm oder ein Gerät beschafft, mit dem man über Jahre arbeitet. Das ist leider auch bei Schulbüchern oft nicht anders.

Mit mir gibt es keine Tupperpartys. Es werden immer mindestens drei Mitbewerber zu einer Veranstaltung eingeladen.

Ich versuche, die provisionsbasierte Vertriebsstruktur nach Möglichkeit zu vermeiden. Wir vor Ort streben an, nach Sondierung des Marktes standardisierte Leistungsbeschreibungen zu erstellen, mit denen die Entscheider nach den vorgegebenen Richtlinien formal sauber ausschreiben können. Der günstigste gewinnt.

Standardisierung kann man trotzdem erreichen. Auch in einer formal korrekten Leistungsbeschreibung lassen sich Alleinstellungsmerkmale eines Herstellers sauber unterbringen. Das klingt wie ein fieser Trick. Es macht aber kaum Sinn, z.B. für eine Region zig verschiedene WLAN-Systeme zu beschaffen und den Supportaufwand dafür in die Höhe zu treiben.

Wirtschaft will weg vom Kaufmodell

Microsoft vermietet seine Software, Adobe auch, AeroHive will für die Nutzung seines Hivemanagers jährlich Kohle sehen (man kann den Hivemanager jedoch auch selbst kostenfrei betreiben, wenn man das technische Know-How dafür hat), Lernplattformen und Schulnetzwerklösungen werden nach Schüleranzahl jährlich abgerechnet. Der Trend geht weg von der einmaligen Anschaffung hin zu verlässlich generierten Umsätzen. Da muss man sehr genau rechnen – gerade bei Lernplattformen kann man für die jeweilige Jahresgebühr oft hochwertige Freelancer volle zwei Monate für die Betreuung eines OpenSoureproduktes bezahlen. Auch bei Microsoft sollte man sehr genau hinschauen, weil deren Lizensierungsmodell mittlerweile eigentlich einen eigenen Studiengang erfordert.

Wirtschaft will langfristige Kundenbindung

Auch das ist angesichts der oft immensen Investitionen, die zur Entwicklung eines Produktes notwendig sind, zunächst wenig verwunderlich. Man kann Kunden auf verschiedene Art und Weise an sich binden: Zum einen durch kontinuierliche Qualität, zum anderen aber auch dadurch, dass ich den Wechsel zu einem anderen Anbieter erschwere. Jeder, der schon einmal den DSL-Anbieter gewechselt hat, weiß wie das u.U. aussehen kann. Allein die Scheu vor möglicherweise auftretenden Problemen bewegt zumindest mich hin und wieder des lieben Friedens willen doch bei meinem Anbieter zu bleiben.

Wenn ich als Schule viel Content bei irgendwem gebunkert und aufgebaut habe, ist dieser jemand gesetzt – für Jahre, alles andere wäre unrealistisch. Das weiß ein Anbieter und kann das z.B. indirekt nutzen, indem er dafür sorgt, dass Inhalte und Strukturen in proprietären Formaten vorliegen oder der Zugriff auf eine Plattform nicht über gängige Webstandards, sondern z.B. neben dem Browser lediglich mit einer speziellen App möglich ist.

Spezielle Probleme in Deutschland für Anbieter

Deutschland hat einige Spezifika, die mir als Anbieter die Haare zu Berge stehen lassen würden. So existiert ein ausgeprägtes Bewusstsein hinsichtlich des Datenschutzes – gelegentlich auch als Abwehrkonzept gegenüber neuen Technologien. Es gibt durchaus schon Anbieter, die mir vorgeworfen haben, ich würde marktbehindernd beraten, wenn ich Schulen auf geltende Datenschutzgesetze verweise und z.B. Dinge wie Einwilligungserklärungen und Verträge zur Auftragsdatenverarbeitung zum Kriterium für die Auswahl eines Produkts mache.

Weiterhin gibt es in Deutschland ein weitaus engeres Neutralitätsgebot als in anderen Ländern: Staatliche Schulen haben nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, Kooperationen mit der Wirtschaft einzugehen, um ihre zum Teil chronische Unterfinanzierung zu kompensieren. Anbieter versuchen, dieses Problem zu umgehen, indem wirtschaftliche Vereine gegründet werden, die teilweise als gemeinnützig anerkannt sind und so auch einigermaßen „sauber“ durch die Politik befördert werden können. Diese Konstrukte sind aber nötig, weil die Regelungen in Deutschland eben sehr eng sind.

In Deutschland wird zusätzlich digitale Technologie oftmals nicht als Chance, sondern mehr als Bedrohung der eigenen Lebens- und Unterrichtspraxis begriffen. Schule müsse sich „dem allgemeinen Trend entgegenstellen“ und „Alternativen zum digitalen Alltag bieten“. Gleichzeitig werden die Kommunikationsstrukturen durch immer neue Aufgaben von Schule komplexer und analoge Formen wie schwarze Bretter kommen mehr und mehr an Grenzen. „Dann auch noch umstellen auf Digitalzeugs?“.

In Deutschland gibt es an Schulen zuhauf Lokalprinzen wie mich, die Systeme aufgebaut haben und betreuen, obwohl es nicht deren Aufgabe ist. Nur vertraut man dem Lokalprinzen natürlich weit mehr als einer Firma, die am Telefon nur „Fachchinesisch und arrogant redet“ (das sind oft die rückgemeldeten Erfahrungen). Der Lokalprinz ist greifbar, man ist u.U. nicht mit allem zufrieden, aber man weiß, was man hat und was nicht. Lehrer greifen nicht gerne zum Telefon, um sich helfen zu lassen – das wäre ein Eingeständnis von Unvollkommenheit.

Und zuletzt haben wir in Deutschland ein merkwürdiges Finanzierungskonstrukt: Lehrkräfte werden durch das Land, Sachmittel durch den Träger finanziert – da stehen sich schon unterschiedliche Interessen gegenüber. Nun sind diese beiden Bereiche aber nicht zu trennen. Beschaffung von Software und Geräten ist immer auch mit pädagogischen Fragen verknüpft. Wer hier als Anbieter nicht die Belange beider Seiten erkennt und nutzt, wird es schwer haben, im Markt Fuß zu fassen. Daher heuern viele Anbieter jetzt Lehrkräfte an, um ihre Produkte in den Schulen zu platzieren. Diese erhalten für ihre Arbeit natürlich eine Vergütung und sind oft an unternehmensinterne Kommunikationsrichtlinien gebunden. Keine gute Voraussetzung für Neutralität.

Wer löst es wie?

An vielen Stellen passt für mich der strukturelle Rahmen nicht. Hier ist Politik gefordert, an neuralgischen Punkten Klarheit zu schaffen, etwa mindestens dafür zu sorgen, dass es für Anbieter und Schulen klare Checklisten oder rechtssichere Musterverträge gibt, wie datenschutzkonform gearbeitet werden kann.

Ich fürchte bloß, dass von dieser Seite nicht viel zu erwarten und das genau diese Leerstelle ursächlich für das ist, was oft als „Lobbyismus an Schulen“ beklagt wird.

Was soll denn ein Anbieter anderes machen, als subversive, kreative Wege zu finden, um an die potentiell lukrative Kundengruppe zu kommen, die sich in den Schulen findet?

Ein neutrales Beratungssystem als Schnittstelle zwischen Anbietern und Schule kann auch viel bewegen. Ich merke bloß bei mir selbst immer wieder, wie sehr ich private Vorlieben und Abneigungen bestimmten Produkten und Dienstleistungen gegenüber aktiv bekämpfen muss, um wirklich neutral zu bleiben oder eben in Fällen, wo ich das einfach nicht bin, einfach an Personen abzugeben, die in dem Bereich versierter oder ggf. auch schlicht begeisterter sind.

Ich könnte mir vorstellen und meine, es auf Twitter auch immer wieder mitzubekommen, dass es Kollegen gibt, die auch wie ich genau damit ringen oder den inneren Konflikt zugunsten einer Präferenz auch schon ganz entschieden haben.

Fazit

 

Für mich ist Lobbyismus primär in den Strukturen von Schule bereits angelegt. Wenn man dafür sensibilisieren möchte, sehe ich den Ball bei der Kultuspolitik. Ich habe viel Verständnis dafür, wie Anbieter zurzeit agieren (müssen) und Hochachtung vor vielen, die ich kennen lernen durfte, die sich trotzdem mit Herzblut und Verbesserungswillen als Partner von Schule verstehen – und so auch agieren, aber natürlich gerne auch mal die teuerste Lösung verkaufen, die dann zwar super läuft, aber von der Dimensionierung und der Kosteneffizienz in meinen Augen nicht unbedingt immer das Optimum darstellt.

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Social Messenger sind der Untergang

Gestern bin ich wieder mit der vollen Bandbreite der Hilflosigkeit gegenüber den Eigendynamiken konfrontiert worden, die entstehen, wenn sich jüngere Schülerinnen und Schüler auf WhatsApp bewegen.

  • Beleidigungen
  • veränderte Bilder unliebsamer Mitschüler
  • Enthauptungsvideos
  • […]
  • „Ich kann nichts dafür“-Behauptungen (In der Schülervorstellungswelt kann man sich ja schließlich nicht dagegen wehren, in WhatsApp-Gruppen aufgenommen zu werden)

Diese Dinge scheinen sich nach meinen Beobachtungen vor alle in den jüngeren Klassenstufen der Sekundarstufe I zu häufen. Die reflexartigen Reaktionen auf Vorkommnisse sehen zunächst so aus:

  1. „Handy wegnehmen. Die dürfen WhatsApp erst ab 16 nutzen!“
  2. „Handy verbieten. Die können damit nicht umgehen!“
  3. „Medienpädagogen einladen, der denen das mal sagt!“
  4. „Eltern in die Pflicht nehmen. Die sind unverantwortlich, Kindern ein Smartphone zu kaufen!“
  5. „Nun sag‘ mal Maik, was soll ich denn jetzt machen? Du bist doch Medienfuzzi. Alles Scheiße mit diesem Digitalzeugs!“

Handeln wir das mal alles in der Kürze ab, die es sachlogisch verdient:

Zu 1.)

Netter Versuch. Das Handy gehört uns nicht und umfasst den Privatbereich der SuS. Das ist so auf der Ebene wie: „Ich verbiete dir, nicht altersgerechte Filme in deiner Freizeit zu schauen!“

Zu 2.)

Netter Versuch. Das Handy gehört uns nicht und umfasst den Privatbereich der SuS. Das ist so auf der Ebene wie: „Ich verbiete dir, dich in deiner Freizeit mit Hannes und Tim zu treffen. Die haben einen schlechten Einfluss auf dich!“

Zu 3.)

Netter Versuch. Und bequem. Dann macht der das halt (wenn er dann mal Zeit hat). Ich nenne sowas medienpädagogisches Feigenblatt: „Wir haben was getan – wir haben jemanden eingeladen! Wenn dann keiner kommt, tja, können wir auch nichts dafür!“

Zu 4.)

Völlig richtig. Wenig bis so gar nicht realistisch. Eltern halten das mit dem Handy oft so: Wir kaufen dir eines. Wir kennen uns damit eh nicht aus. Das Erstaunen ist dann riesig, wenn dann mit dem Gerät Dinge geschehen, die unschön sind. Dann ist das Internet schuld. Oder wahlweise die Schule, die ja nichts dagegen macht. Mein Bild: Sie schicken ein vierjähriges Kind mit dem Rad bei Dunkelheit quer durch die Stadt und sind dann völlig überrascht, wenn es umgenietet wird. Dieser Scheißverkehr ist dann schuld!“ (sonst müsste man sich ja selbst seiner Verantwortung stellen …)

Zu 5.)

Die Situation ist sehr komplex. Das System der Beteiligten und der Ursachen auch. Wer hier ein einfache Antwort erwartet, verkennt die Komplexität völlig. Bestenfalls verlagert er das Problem schlicht vordergründig aus dem Wahrnehmungsbereich von Schule. Leider wird das immer wieder in die Schule zurückschwappen. mit dem Unterschied, dass man dann noch sehr viel weniger über die Vorgänge in der „Parallelwelt“ weiß,

Maik, du Klugscheißer, ich will Lösungen! 

Lösung 1:

Wo Verbote nicht greifen, komme ich um Verhandlungen und pädagogische Vereinbarungen nicht herum. Es gibt an Schulen Gremien, die die einzelnen Gruppen vertreten. Es gibt eine Schüler- und eine Elternvertretung. Wenn ich zieloffen hier zu Vereinbarungen komme, die den Handygebrauch innerhalb der Schule regeln, habe ich eine größere Chance, dass diese Vereinbarungen eingehalten und durch demokratisch verhandelte Sanktionen notfalls auch durchgesetzt werden. Zusätzlich ist das u.U. eine Chance, Demokratie praktisch zu leben und es ist eine Chance, insbesondere Eltern und Schülern auf Augenhöhe zu begegnen. Diese Gremien müssen ja ihrem „Wahlvolk“ Entscheidungen vermitteln. Und insbesondere Eltern können ja schon mehr als Kaffee und Kuchen bei Veranstaltungen zu spenden. Diese Idee scheitert oft an dem dafür notwendigen Paradigmenwechsel: Schule ist ja von ihrem Wesen her hierarchisch organisiert.

Lösung 2:

Wo in der Gesellschaft bekommen SuS vorgelebt, wie man z.B. soziale Medien sinnvoll und reflektiert nutzt? Wo in Schule bekommen SuS gezeigt, welche Potentiale für das eigene Lernen in Socialmedia steckt? Wenn ich Schulen Portallösungen mit zarten Socialmediafunktionen empfehle, kommt sehr oft: „Aber diesen Chat, den müssen wir dringend abschalten, da passiert nur Mist, wer soll das kontrollieren!“ Wenn da „Mist“ passiert, ist das m.E. ein Geschenk, weil es in einem geschützten Raum entsteht und pädagogisch aufgearbeitet werden kann. Wir brauchen mehr solchen „Mist“, der auf Systemen von Schulen geschieht, weil wir ihm dort ohne irgendwelchen Anzeigen und richterlichen Anordnungen begegnen können – die Daten haben wir ja selbst und idealerweise auch klare Regelungen, wann diese von wem wie eingesetzt werden dürfen.

Lösung 3:

Kein Unterricht über Medien, sondern Unterricht mit Medien. Das erfordert ein schulweites Medienkonzept und es wird erstaunen, wie viel sich sogar ganz ohne WLAN und Tablets in diesem Bereich machen lässt. Überraschenderweise sind bestimmte Werte und Lebenserfahrungen auch in Zeiten von Socialmedia noch gültig.

Leider wird die Umsetzung dieser Erkenntnis genau wie damals der Buchdruck eine Alphabetisierung erfordern und zwar vor allem eine digitale Alphabetisierung von Lehrkräften. Und das Lesen fällt manchem leichter und manchem schwerer. Wenn ich aber an den Potentialen und Möglichkeiten teilhaben möchte und wenn ich handlungsfähig sein will, komme ich nicht darum herum, lernen zu müssen. NIcht nur wegen der SuS, sondern vor allem aus Egoismus: Digitaler Analphabetismus führt direkt in die Anhängigkeit von anderen und in die Unsouveränität.

 

 

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