Hybris

vom 12. August 2014, in Tech-Talk, von Maik Riecken

riecken.de war seit gestern Abend bis heute ca. 10:12 Uhr down. Nach erster Analyse der Katastrophe habe ich getwittert:

riecken.de ist down. Aber so richtig. Morgen im Laufe des Tages :o)…

An der Geschichte dazu kann man sehr schön sehen, wie man sich im Serverbetrieb nicht verhalten sollte. Ich schreibe mal das Elend auf:

  1. Die Schulhomepage musste mal irgendwann von Joomla 2.5.x auf Joomla 3.x geupdatet werden. Um das vorzubereiten, habe ich das mal eben auf meinen eigenen Server nachgebaut, d.h. besagte Homepage 1:1 kopiert.
  2. Das Update klappte nach dem Entfernen des von einer Agentur erstellten Themes und Umschaltung auf ein Standardtheme, ließ mich aber wissen, dass die PHP-Version von Debian squeeze zu alt dafür sei.

Es gab jetzt mehrere Möglichkeiten:

  1. eine neuere PHP-Version aus den Debianbackports einspielen
  2. es auf einem andere Server mit Debian wheezy nochmal versuchen
  3. gleich die Gunst der Stunde nutzen und den Server auf wheezy updaten

Da es schnell und möglichst “unattended” (ohne Nutzereingriff von mir) gehen sollte, war natürlich Variante 3 naheliegend. Eigentlich macht man vor so einem Eingriff nochmal ein Backup – das geht bei meinem Hoster sogar besonders bequem – es handel sich um einen KVM-VServer, der mir einen Snapshot erlaubt (Apple hat dieses uralte Verfahren aus der Unixwelt kopiert, mit einer groovigen Oberfläche versehen und nennt es TimeMachine), d.h. ich kann den Zustand des Systems per Klick sichern und später im Fehlerfall wieder herstellen – nur verbunden mit einer kurzen Downtime.

Och, bei deinen letzten Debianupdates ist noch nie was schiefgegangen.

Diesmal schon. Mehrere essentielle Dienste liefen in nicht auflösbare Paketkonflikte und mochten nicht mehr starten. Außer dem dem familiären Mailsystem ging nichts mehr. Auch das sollte sich noch ändern.

Die grandiose Idee:

Ich sichere das System jeden Tag inkrementell bei mir zu Hause über einen rsync-Mechanismus (genau der dürfte auch hinter TimeMachine stecken), d.h. ich kann an jeden Tag der letzten drei Monate zurückgehen. Also flugs den alten Dateizustand wieder hinüberkopiert. Ergebnis: System unerreichbar und startet nicht mehr.

Hm. Eh egal. Der Server wurde neu mit Debian squeeze installiert und nachmal eine Rücksicherung probiert. Ergebnis: Bei VServern klappt das mit der Rücksicherung so offenbar nicht.

Na dann. Neues Debian wheezy Image drauf und auf die harte Tour nach und nach die wichtigsten Dienste konfigurieren (die Configdateien gab es ja in der Sicherung). Mit einem Upload von 6Mbit/s dauert die Datenübertragung nun natürlich etwas länger als die Datensicherung (100 Mbit/s Downstream). Verschärft wird das dadurch, dass wir imap nutzen und so ca. 2GB in kleinen Dateien brauchen durch den Protokolloverhead nochmal länger.

Aber nach ca. 1,5 Stunden aktiver Arbeit am PC mit mehreren im Hintergrund laufenden Screensessions für die Kopierprozesse laufen jetzt die wichtigsten Mail- und Webdienste wieder und ich kann jetzt komfortabel den Rest Stück für Stück nachziehen. Nebenbei habe ich Debian wheezy als Unterbau und damit PHP5.4.x – da könnte ich doch gleich mal eben die Schulhomepage …

Lehren

  • Wenn etwas weg ist, merkst du erst seine Wichtigkeit
  • Niemand will ein Backup, alle wollen ein Restore
  • Arbeitsprozesse, die man im Job selbstverständlich macht, haben auch ihren Sinn im privaten Umfeld
  • Die binären Datenbankdateien von MySQL5.1 und MySQL5.5 sind zueinander kompatibel

 

Tagged with: AusfallDebianFailLehreriecken.deSqueezeUpdateWebseiteWheezy 

Selfiegate

vom 10. August 2014, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Eine Mitarbeiterin des Schweizer Parlaments hat von sich freizügige Fotos veröffentlicht, die teilweise sogar in den Amtsräumen ihres Arbeitgebers entstanden sind. Diese Fotos wurden unter einem pseudonymisierten1) Pseudonymisierung: Tatsächlich handelt es sich nicht um eine Anonymisierung, da diese dem Grundsatz der Nichtverkettbarkeit folgt. Der Twitteraccount der Dame lieferte offenbar ausreichend Informationen (Verkettungen), die eine Auflösung des Realnamens ermöglichte. Anonyme Lehrerblogs gibt es damit auch nicht, da bei konkreten Erlebnisberichten zumindest für die Beteiligten oder Freunde der Realname ermittelbar ist – auch von Personen, über die geschrieben wird. Twitteraccount veröffentlicht. Findige Menschen vermochten jedoch, diesen Account zu depseudonymisieren. Darum entspinnt sich jetzt in Blogs und auf Twitter (Hashtag: #selfiegate) eine Debatte darüber, inwiefern auf solchen Plattformen wie Twitter oder Facebook gepostete Textnachrichten, Bilder und Videos von Dritten (z.B. Presseorganen) verwendet werden dürfen. Die Kernfrage lautet dabei:

Darf alles, was im Netz verfügbar ist, auch beliebig von Dritten verwendet werden?

Besondere Brisanz erhält diese Frage, wenn es um Bilder, Textnachrichten oder Videos von Jugendlichen oder Kindern geht, die sich in sozialen Netzwerken bewegen. Immerhin heißt es in den Geschäftbedingungen von z.B. Facebook:

 Für Inhalte, die unter die Rechte an geistigem Eigentum fallen, wie Fotos und Videos („IP-Inhalte“), erteilst du uns vorbehaltlich deiner Privatsphäre- und Anwendungseinstellungen die folgende Erlaubnis: Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, unentgeltliche, weltweite Lizenz für die Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest („IP-Lizenz“). Diese IP-Lizenz endet, wenn du deine IP-Inhalte oder dein Konto löscht, außer deine Inhalte wurden mit anderen Nutzern geteilt und diese haben sie nicht gelöscht.

Quelle: https://www.facebook.com/note.php?note_id=10150282876970301

Was das im Einzelnen bedeutet, ist rechtlich hier sehr schön zusammengefasst. Hier gibt mehr ungeklärte als geklärte Fragen, z.B. ob eine nicht voll geschäftsfähige Personen diese Rechte überhaupt einräumen kann. Dessen ungeachtet erklärt man sich bei der Nutzung von Facebook mit deren AGB einverstanden. Gelten diese AGB, darf Facebook z.B. eine Werbekampagne mit meinem Konterfei starten ohne mich zu fragen.

Dualismen

Die reflexartige Antwort auf diese Problematik der Andersdenkenden ist im Wesentlichen die, die man Eric Schmidt (Google) mal in den Mund gelegt hat

Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun.” - Zitiert von Christian Stöcker in: Google will die Weltherrschaft (Auf die Frage nach dem Datenschutz bei Google), 8. Dezember 2009. spiegel.de/netzwelt

Quelle: http://de.wikiquote.org/wiki/Eric_Schmidt

Die Lösung soll also laut der Kritiker sein, nichts im Netz zu veröffentlichen, von dem man nicht will, dass es missbraucht oder in einen anderen Kontext wird. Bisher ist das sehr dualistisch: Ganz oder gar nicht.

Intendierte Öffentlichkeit

Da Dualismus einer der besonders unbeliebten Dinge im Netz ist, gibt es Bestrebungen, Zwischentöne zwischen “privat” und “öffentlich” zu konstruieren bzw. moralisch einzufordern, z.B. bei Philippe Wampfler bereits in mehreren Artikeln.

Das, was dort beschrieben wird, lässt sich für mich am ehestens mit dem Begriff “intendierte Öffentlichkeit” fassen. Äußerungen, Foto- oder Videouploads sind in dieser Lesart nicht weltöffentlich gemeint, sondern für einen bestimmten Zweck und Adressatenkreis bestimmt.

Zum Beispiel ist das Facebookprofil eines Freundes für die Menschen bestimmt, mit denen er aus eigener Entscheidung Informationen teilt. Obwohl es öffentlich zugänglich ist, darf ich es in der Lesart der intendierten Öffentlichkeit nicht einfach in einem Kontext aufrufen, der von ihm nicht vorgesehen worden ist – etwa im Rahmen einer Unterrichtsstunde zur Medienkompetenz oder von seinen Eltern zur Ausforschung des Privatlebens.

Übertragen auf Selfiegate ist es Unrecht, dass die Identität der Frau aufgedeckt und für die gewinnorientierte Nutzung im Rahmen von Berichterstattung in der Presse verwendet wurde, weil es für die Frau eben eklatante Folgen hat und sie einer solchen Verwendung über ihre intendierte Öffentlichkeit hinaus nie zugestimmt hätte.

Ich als Lehrkraft muss eine Bewertung meiner dienstliche Identität auf Bewertungsportalen dulden. Muss ich auch dulden, dass diese Ergebnisse z.B. in einer Schülerzeitung frei verwendet werden?

Gerade das letzte Beispiel zeigt, dass ich nicht einmal selbst Dinge preisgeben muss, um mit dieser grundsätzlichen Fragestellung konfrontiert zu sein und nicht unmittelbar “selbst schuld” bin, weil ich freiwillig Daten veröffentlicht habe.

Mit der Anmeldung zu Facebook hat man aber zumindest gegenüber Facebook selbst zugestimmt, dass es eine intendierte Öffentlichkeit in Bezug auf Facebook nicht gibt.

Meine Webrealität

Über die Möglichkeit, Daten zu kontrollieren, habe ich schon an anderer Stelle geschrieben. Ich gehe davon aus, dass mit Daten im Netz das gemacht werden wird, was für irgendwen einen Sinn ergibt. Das ist nicht schön. Das mag moralisch verwerflich sein. Es ist vielleicht aber die Natur des Menschlichen.

Was genau wäre nötig, um ein ehrbares Anliegen wir eine Verankerung der “intendierten Öffentlichkeit” in einem globalisierten Netz zu etablieren? Zusätzlich natürlich – wie immer – am besten ohne staatliche Eingriffe?

Realistischer erscheint mir die Einsicht, dass ich die Kontrolle über meine Daten an der Pforte zum Netz schlicht abgebe. Dazu muss man – finde ich – begreifen, dass der Begriff der Kopie im Netz völlig unangebracht ist. Die digitale Repräsentation z.B. eines Fotos auf meinem Rechner und im Browser eines Websurfers ist identisch. Die Ressource wird qualitativ nicht schlechter.

Ich kann in Europa gerne ethische Standards haben und mich daran halten, muss vielleicht aber hinnehmen, dass diese in anderen Bereichen der Welt belächelt werden werden.

Ich kann also momentan eigentlich nur – zumindest für die Daten, die ich selbst verbreite – immer einen Filter vorschalten und genau prüfen, ob ich mit dem Verlust der Kontrolle über diese Daten leben kann, bis es weltweit gültige moralische Regeln gibt. Das ist ziemlich unbequem nicht mehr auf Verhalten in der Vergangenheit anwendbar, also eigentlich unrealistisch.

Einfacher bekomme ich ggf. die Problematik mit den Daten in den Griff, die Dritte über mich ins Netz einstellen – daher kann ich theoretisch jetzt schon weitaus besser vorgehen, als gegen ein Nacktfoto, welches ich selbst veröffentliche und welches dann über die von mit intendierte Öffentlichkeit hinaus Kreise zieht.

Provozierendes

Die unbekümmerten Datengeber der letzten Jahre bekommen langsam aber sicher eine Ahnung davon, was mit ihren Daten geschehen kann, bzw. was der Preis für Bequemlichkeit in der Nutzung digitaler Werkzeuge ggf. ist. Das Konzept der intendierten Öffentlichkeit kommt mir ein wenig so vor wie eine Ausrede zum Erhalt des eigenen Selbstbildes: “Ja nun, die Daten habe ich aus Bequemlichkeit verbreitet, aber das die so und so verwendet werden, habe ich nicht gewollt und auch nicht gewusst! Und eine Rückkehr ist doch gar nicht mehr möglich, so sehr wie sich diese Dienste in meinem Leben etabliert haben.” – Bei Facebook hätte man es aber wissen können – es gab genug Leute, die die AGB gelesen und darüber aufgeklärt haben.

Auf meinen Elternabenden zur Medienkompetenz ergeben sich genau daraus immer wieder für das Publikum recht verstörende Antworten auf bestimmte Fragen, z.B. nach der Herkunft von Sexting (es waren wahrscheinlich Erwachsene in Fernbeziehungen, die damit angefangen haben) und grundsätzlich waren es auch immer Erwachsene, die aus Bequemlichkeit nutzen und Dienste verwenden, sich aber nun über das unreflektierte Verhalten ihrer Kinder aufregen. Der Gipfel war neulich das Verschicken einer PIN für eine Kreditkarte über WhatsApp in die USA. Mein Lieblingssatz dabei:

Kinder und Jugendliche sind oft genug Spiegel des Verhaltens ihrer Vorbilder.

Wenn wir als Vorbilder Konzepte wie die intendierte Öffentlichkeit für uns und unsere Kinder entwerfen und über die damit verbundene Moral nachdenken, ist das wichtig und gut. Wir dürfen nur (noch nicht) Vorbild in dem Glauben sein, das Netz (und die Menschheit) wäre diesbezüglich bereits zu ethischen Grundsätzen bekehrt. Darauf weist zurzeit eher wenig hin.

Daher ist der Begriff “intendierte Öffentlichkeit” ein theoretisches Konstrukt und kann als solches m.E. nicht zur Rechtfertigung von vorhandenem Verhalten dienen, obwohl es etwas Tröstendes hat, zu konstruieren, dass gerade Jugendliche vielleicht insgeheim schon immer implizit nach dem Konstrukt der intendierten Öffentlichkeit im Netz handeln.

Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet also für mich zu diesem Zeitpunkt:

Nein, es ist nicht in Ordnung, dass Inhalte von mir durch Dritte beliebig verwendet werden. Es ist aber naiv so zu tun, als geschähe das nicht oder würde in absehbarer Zeit nicht mehr geschehen.

Fußnoten

1.
 Pseudonymisierung: Tatsächlich handelt es sich nicht um eine Anonymisierung, da diese dem Grundsatz der Nichtverkettbarkeit folgt. Der Twitteraccount der Dame lieferte offenbar ausreichend Informationen (Verkettungen), die eine Auflösung des Realnamens ermöglichte. Anonyme Lehrerblogs gibt es damit auch nicht, da bei konkreten Erlebnisberichten zumindest für die Beteiligten oder Freunde der Realname ermittelbar ist – auch von Personen, über die geschrieben wird.
Tagged with: ÖffentlichkeitDatenDualismusintendiertPrivatssphäreUmgangVorbild 

Selbständigkeit und Alleinelassen

vom 13. Juli 2014, in Gesellschaft, von Maik Riecken

“Ihr sucht euch jetzt einmal ein Thema, welches euch interessiert und macht daraus ein Projekt!” “Ich gebe euch für eure Projektgruppe einen Punktepool und ihr entscheidet in der Gruppe selbst, wie viele Punkte jeder von euch erhält!” “Du bekommst als Schule ein Budget, aus dem du zuerst Fahrtkosten und Fortbildungskosten finanzieren musst. Den Rest darfst du für andere Dinge einsetzen!” “Jede Schule muss selbst eigene Verfahrensbeschreibungen und Nutzerordnungen zum Datenschutz erarbeiten!” “Deine schulische Arbeit sammelst du in einem Portfolio und überprüfst laufend selbst, welche Kompetenzbereiche du bereits abgedeckt hast!” “Du hast von mir ein Handy bekommen. Jetzt gehe mal verantwortungsvoll damit um!” “Regen ist kein Grund, dass ich dich zur Schule fahre!” “Erarbeite mal selbst, was für Geräte in deinem Schulnetzwerk benötigt werden!”

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ich glaube, dass sie ein pädagogisches Grundproblem beschreibt. Bei mir ist das so stark im Fokus, weil ich damit herumexperimentiere, meinen Unterricht ein wenig mehr zu öffnen und damit so meine Erfahrungen gemacht habe. Befürworter des offenen Unterricht gehen nach meiner Meinung von einem ganz bestimmten Menschenbild aus, was mehr oder weniger stark aus Artikeln und SoMe-Posts herausschimmert. Kernpunkte dieses Menschenbildes sind:

  • Menschen wollen lernen
  • Menschen wollen hinsichtlich der Auswahl des Lernstoffes nicht bevormundet werden
  • Menschen sind von Natur aus neugierig
  • Menschen wissen selbst am besten, was gut für sie ist
  • Menschen blühen auf, wenn man ihnen Freiräume gibt

Schule in Deutschland wird dagegen oft als ein fast komplementärer Raum dazu aufgefasst, denn

  • Schule macht aus dem Wollen ein Müssen
  • Schule bevormundet hinsichtlich der Stoffauswahl
  • Schule weckt und befördert nicht die Neugier
  • Schule maßt sich an zu wissen, was für einen guten Staatsbürger wichtig ist
  • Schule schafft keine Freiräume, sondern Zwang
  • Und – fast am wichtigsten: Schule macht das positive Menschenbild von oben kaputt.

Beide Stereotype erlebe ich nicht so, weder das positive Menschenbild, noch die Rigidität und Enge des Schulsystems. Und das ist nicht böse – halt einmal mehr nicht Mainstream.

Ein Beispiel aus meinem Arduinoexperiment dieses Jahr in der letzten Phase (“Projektphase”). Es gibt Schülerinnen und Schüler, die nicht wissen, was sie inhaltlich interessiert und die man schon bei der Findung dieser Idee begleiten muss. Einige sind sogar froh, wenn ich sage: “Mach’s mal so – so schaffst du das!”. Andersherum gibt es großartige Ideen, die sich aber mit dem Wissen und den Möglichkeiten des jeweiligen Schülers gar nicht umsetzen lassen – wo er ohne Lenkung und Hilfe in den Wald liefe und eben kein Erfolgserlebnis hätte. Wo verläuft also die Grenze zwischen Alleinelassen und Selbstständigkeit? Wahrscheinlich individuell und mein Job als Lehrperson ist es, diese Grenze zu ziehen, weil ich verdammt nochmal aufgrund meiner Erfahrung manchmal eben besser weiß, was klappen könnte.

Ein weiteres Beispiel aus dem Bereich der Projektarbeit: Man gibt der Gruppe aus fünf Mitgliedern 30 Punkte, die sie dann selbst auf die Gruppenmitglieder verteilen sollen, weil die Gruppe ja am besten weiß, wer sich wie eingebracht hat. Das ist verlockend, weil man so die unangenehme Benotungsangelegenheit in die Gruppe verschiebt. Dadurch bleibt die Angelegenheit nur immer noch unangenehm (die Bewertung steht ja immerhin im nicht reformierten Raum “Schule”) – nur ich als Lehrperson bin aus dem Schneider, weil ich den schwarzen Peter verlagere. Mich unbeliebt zu machen, ist ggf. mein Job. Ich gebe die Note und organisiere die Gruppenarbeit und mich  ggf. so, dass ich das kann. Alles andere wäre für mich keine Selbstständigkeit, sondern ein Alleinelassen. Tatsächlich ist das ziemlich einfach, da ich nach meinen bisherige Erfahrungen in individuellen Beratungssituation bei Projekten sehr viel mehr mitbekomme als im sonstigen klassischen Unterricht.

Als Dienstherr könnte ich auf die Idee kommen zu sagen, dass ab jetzt Schulen in bestimmten Bereichen selbstständig sind. Hört sich zunächst prima an. Dass damit so Dinge einhergehen, u.U. selbst Arbeitsverträge mit Anbietern für den Ganztagsbereich ausarbeiten zu müssen, Verfahrensbeschreibungen zum Datenschutz zu erstellen usw., ist eine andere Seite der Medaille. Damit dürften Schulen schlicht überfordert sein, da ihnen dazu die Rechtsabteilung fehlt, die ein Dienstherr zwangsläufig hat. Ok – das Know-How kann sich jede Schule ja einkaufen – nur ist das effektiv, wenn das jede Schule einzeln macht, und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln realisierbar? Zum Glück käme der Dienstherr ja gar nicht auf solche Ideen.

Meine Hypothese ist, dass so manche selbstständige Arbeitsform Schülerinnen und Schüler schlicht überfordert – allein die Aufgabe herauszufinden, was mich – mich ganz allein und persönlich – wirklich interessiert, ist schon ein Anspruch. Andererseits empfinde ich es so, dass wir an andere Stellen Schülerinnen und Schülern Erfahrungen an Stellen nehmen, die sie durchaus machen dürfen. Man stirbt z.B. nicht, wenn man in Regenjacke zur Schule fährt und man stirbt auch nicht daran, ein Fahrrad mit einem Platten nach Hause zu schieben. Es ist zumutbar, Essen vorgesetzt zu bekommen, was nicht Mami gekocht hat.

Wo lassen wir als Gesellschaft junge Menschen alleine und wo trauen wir ihnen Selbstständigkeit zu?

 

Tagged with: alleinEntscheidunglassenLernenMethodeProjektSelbstständigkeitUnterricht 

Riecken und die Verlage – Teil 4

vom 5. Juli 2014, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Ich gebe einmal eine Korrespondenz mit einem Start-Up sinngemäß (also nicht im Wortlaut) und anonymisiert wieder – diese Anschreiben folgen auch in ihrer Reaktion auf Kritik stets ähnlichen Kommunikationsschemen, sind also weitgehend austauschbar – ich habe mittlerweile eine nette Sammlung solcher Threads. Meine Antworten sind ungekürzt bzw. original:

 

Lieber Herr Riecken!

Wir nehmen Sie als kompetenten Autor zu Bildungsthemen wahr und haben großes Interesse an einem Interview oder Gastbeitrag von Ihnen. Haben Sie Interesse, Ihr Wissen uns und unseren Leserinnen und Leser zur Verfügung zu stellen? Dann freuen wir uns auf eine Zusammenarbeit.

Viele Grüße,

Herbert Salesmanager

 

Stufe 1: Wir fragen mal nach einer Vergütung / Gegenleistung (Textbaustein)

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich, dass mein Blog Ihr Interesse geweckt hat.  Anfragen dieser Art kommen immer wieder einmal und ich frage auch immer wieder die gleichen Dinge zurück. Das “höchste” Gebot der letzten Jahre lag bisher bei

a) Total-Buyoutvertrag +
b) 20 Euro Aufwandsentschädigung

… meist in Nischenzeitschriften, deren Auflage nicht einmal die Abrufzahlen eines nachgefragten Artikels in drei Monaten, gleichwohl aber noch ein anderes Publikum erreicht. 

  • An welche Bedingungen ist Ihre Anfrage geknüpft?
  • Welche Rechte übertrage ich an dem Text an ihr Haus?
  • Was habe ich konkret von der Zusammenarbeit mit Ihrem Haus?


Gruß,

Maik Riecken

Antwort:

Lieber Herr Riecken!

Sie erhalten von uns einen DoFollow-Link und damit neue Leser für ihre Inhalte. Darüberhinausgehende Leistungen sind bei uns im Hause nicht üblich. Ich bitte Sie darum um Verständnis, dass wir nicht jeden unserer Kooperationspartner vergüten können. Auch so haben wir bisher zahlreiche Partner für unser Projekt gewinnen können. Wenn wir dennoch Ihr Interesse geweckt haben, wenden Sie sich jederzeit an mich.

Viele Grüße,

Herbert Salesmanager

Stufe 2: Wir konfrontieren mal.

Sehr geehrte Herr Salesmanager,

> Sie erhalten von uns einen DoFollow-Link und damit neue Leser für ihre Inhalte.

Stimmt leider überhaupt nicht mit meinen bisherigen Erfahrungen überein. 

> Ich bitte Sie darum um Verständnis, dass wir nicht jeden unserer Kooperationspartner vergüten können. Auch so haben wir bisher zahlreiche Partner für unser Projekt gewinnen können. 

Ehrlichgesagt fehlt mir hier jedes Verständnis. Das heißt im Umkehrschluss, dass dann ja auch nicht alle Nutzer für Ihre Dienste bezahlen / eine Leistung erbringen müssen. 

Content hat damit für Sie eigentlich keinen Wert, wird aber gleichzeitig genutzt, um Wertschöpfung zu betreiben.

Sie bieten dafür lediglich eine Option auf potentielle Reputation. Arg wenig. Da kommen wir wohl eher nicht zusammen. 

Gruß,

Maik Riecken

Antwort:

Sehr geehrter Herr Riecken!

Ihre Haltung ist sehr schade. Für mich ist es ein neuer Weg, Inhalte zu liefern, für die ich ansonsten nicht kompetent genug wäre. Mit Ihren anderen Vorurteilen oder gar Wertschöpfung hat das nichts zu tun. 

Andere Blogger sind durchaus interessiert, da ist es schade, dass Sie da anders denken.

Viele Grüße,

Herbert Salesmanager

Zusammenfassung:

Es gibt eine Firma, die ein Blog betreibt, aber hauptsächlich Geld mit Inhalten verdient. Ich wurde auf diese Plattform auch schon eingeladen und um meine Meinung zu bestimmten Inhalten gebeten (also Zeit und Text gegen keine für mich erkennbare Gegenleistung).

Ich habe da ein wenig Zeit hineingesteckt: Dieses Blog existiert schon länger. Gastartikel gibt es auch, jedoch unter einem Sammelaccount mit dem Namen “Ehemalige Mitarbeiter der Firma”. Als Autoren sind darüberhinaus nur Firmenangehörige genannt. Die Mutterseite ist recht gut gerankt und ein Backlink von der betroffenen Subdomain wäre SEO-technisch schon ein Gewinn, aber die Aussagen von dem guten Herbert, dass eine Reihe von Bloggern bereits mitmachen, sind m.E. schon ein wenig in seinem Sinne optimiert.

Auf die Rechtefrage geht Herbert gar nicht erst ein, sondern stört sich an meinen Vorurteilen ihm gegenüber. Ich bin nicht sicher, ob Herbert meinen Punkt erkannt hat bzw. ob er ihn überhaupt sehen will. Herbert möchte eigentlich kostenlos Inhalte abgreifen – vordergründig um dem Autoren durch einen DoFollow-Link Reputation zu verschaffen.

Dazu muss man wissen, dass “DoFollow-Link” Marketing-Sprech für einen ganz normalen Link ist. Suchmaschinen folgen generell erstmal allen Links, es sei denn, man verbietet das per Quellcode explizit. Eine besondere Gnade ist ein derartiger Link also nicht, sondern eben der ganz normale Webstandard.

Um nicht missverstanden zu werden: Eine der wesentlichen Elemente vernetzter Arbeit ist die unentgeltliche Mitarbeit an Projekten – das fordere ich selbst ja auch immer wieder ein. Nur müssen Aufwand und Nutzen in einem Verhältnis stehen. Zwei Stunden Arbeit für einen Artikel mit einen Backlink sind für mich ein extrem schlechtes Verhältnis – gerade wenn diese Arbeit für ein kommerzielles Projekt eingesetzt werden soll. Und mich würde es nicht wundern, wenn – ginge man darauf ein – bald weitere “Angebote” kämen – z.B. Inhalte zu erstellen. Mir tun die Menschen leid, die nicht so privilegiert sind wie ich und von der Erstellung von Inhalten leben müssen.

Tagged with: AbgabeGastbeitragInhaltkostenlosRechteVerlgVerlust 

Kompetenzorientierte Prüfung mit Arduino?

vom 20. Juni 2014, in Aus der Schule, Methoden, von Maik Riecken

Ich hatte Anfang des Jahres mein Konzept vorgestellt, SuS Informatik zu vermitteln. Das war sehr eigenwillig, ein Versuch und überhaupt sehr viel Lernanlass für mich im letzten Jahr. Die SuS haben im zweiten Halbjahr an Projekten gearbeitet und – so die Hoffnung – ihre Programmierkenntnisse vertieft. Konkret wird an folgenden Projekten gearbeitet:

  • didaktische Aufbereitung eines komplexen Arduinocodes für Anfänger
  • ein autonomes Roboterfahrzeug
  • zwei Lightcubes, einer mit Musiksteuerung
  • ein Quizduellclone auf einem 2×40 Matrix ASCII-Display
  • ein Morsezeichendekoder

… und natürlich wird nebenbei in einem Wiki dokumentiert und Code zwischengeparkt.

Eine Klausur verlangte nun die Fachschaft (die aus zwei Lehrkräften besteht). Ich hätte bestimmt auch auf eine Ersatzleistung ausweichen können, aber ich wollte Schwarz auf Weiß sehen, was die SuS jetzt können und was sich im Vergleich zum Anfang des Jahres geändert hat. Deswegen gab es doch eine Klausur, aber eine ganz andere.

Informatikklausur Nr. 2

Material:

  1. Ein Arduinoboard (Art egal)
  2. drei Leds (ggf. verschiedene Farben)
  3. drei Vorwiderstände für die Leds (220-330 Ohm)
  4. zwei Taster
  5. zwei Widerstände für die Taster (1kOhm oder 10kOhm)
  6. ein Steckbrett
  7. Kabelverbinder

Vorbemerkungen:
Wenn du Taster an den Arduino anschließen und ihren Zustand auslesen möchtest, musst du einen zusätzlichen Widerstand verwenden, um definierte Pegel zu bekommen. Dieser Widerstand sollte einen Wert zwischen 1kOhm und 10kOhm haben.

Hier eine Beispielschaltung

<Bild von Tasterschaltung>

Aufgabe:
Du sollst ein Spiel programmieren. In diesem Spiel gibt es drei Leds (links, rechts, Erfolg) und zwei Taster (links, rechts).

Dabei gilt:
Led rechts: Pin03
Led Erfolg: Pin04
Led links: Pin05
Taster rechts: Pin06
Taster links: Pin07

Spielablauf ist folgender:

  1. Zufällig leuchtet entweder die rechte oder die linke Led auf.
  2. Der Spieler muss nun möglichst schnell eine entsprechende Taste (links oder rechts) drücken
  3. Hat er das innerhalb einer bestimmten Zeitspanne geschafft, leuchtet die Led „Erfolg“ auf, ansonsten blinken alle Leds kurz auf
  4. Die Zeitspanne wird im Laufe des Spiel immer kürzer

Für jede realisierte Stufe 1-4 gibt es bereits Punkte!

Tipp:
Suche mit Google nach „Arduino Zufall“, um herauszubekommen, wie du zufällige Werte erhältst.

Abgabe:
Du erstellst mit LibreOffice eine Datei, die deinen ausführlich kommentierten Code enthält.
Du erläuterst deinen Code.
Du beschreibst zusätzlich, welche Schwierigkeiten du während der Programmierung hattest, insbesondere dann, wenn dir etwas nicht gelungen ist.

Die Datei speicherst du unter:

<pfadangabe>

Der Dateiname muss deinen Namen enthalten, z.B. „karl_mustermann_klausur.ods“.

Du darfst:

  • Im Internet recherchieren
  • Dir selbstständig Material holen / organisieren
  • Deinen Code an einer Schaltung ausprobieren

Du darfst nicht:

  • mit deinen Kurskolleginnen und Kollegen sprechen

viel Erfolg!

 

Die Zeit war für diese Aufgabe mit 90 Minuten sehr knapp bemessen, aber es gibt sogar vollständige und funktionierende Lösungen, mindestens aber immer konkrete Ansätze und was mich besonders freut: Die meisten Schaltungen sind korrekt und sauber aufgebaut. Das Prüfungsformat ist im BBS-Kontext erstmal überhaupt nicht ungewöhnlich, bei uns an der Schule jedoch schon ein Novum. Mit Google ist diese Aufgabe nur sehr eingeschränkt lösbbar, gerade auch in der gegebenen Zeit, man braucht dafür also meiner Ansicht nach auch gar nicht mal so wenig Wissen. Ich hatte erst ein wenig Angst vor der Bewertung, aber schlussendlich gibt es für Codequalität schon genug Kriterien und auch für die Beschreibungen. Spannend finde ich, dass man relativ genau sehen kann, wie jemand denkt, weil der Code im Prinzip ja ein formalisierter Plot des Denkens ist – ohne dieses Overhead-Geschwurbel in geisteswissenschaftlichen Fächern (ich darf das als Deutschlehrer sagen).

Mein Problem mit dem erfolgten Unterricht ist ein anderes: Ich komme mir so unverantwortlich vor, weil ich ja nie klassisch unterrichtet, sondern ganz viel 1:1 beraten, gelenkt, unterstützt habe und auch oft fachlich die Segel streichen musste (ich kann jetzt aber einen einstufigen Verstärker stecken). Die “Vorbereitung” des Unterricht besteht bei dieser Unterrichtsform eher darin, ganz viel selbst lernen zu müssen, weil es um sehr individuelle Probleme geht. Nach jeder Stunde bin ich fix und foxi, weil ich immer gedanklich hin- und herswitchen und auch Anfragen priorisieren muss.

 

Tagged with: ArduinoInformatikKlausurKompetenzMethoden 
WordPress SEO fine-tune by Meta SEO Pack from Poradnik Webmastera