BYOD – Gedankensplitter

vom 16. Mai 2012, in Aus der Schule, Gesellschaft, von Maik Riecken

Die Situation:

  • es gibt Handys an Schulen, die von SuS mitgebracht werden
  • die Handys unterscheiden sich stark in ihrer Funktionalität und Vertragsmodalitäten entsprechend des sozialen Status der Elternhäuser
  • nicht alle SuS verfügen über ein Handy, welches internetfähig ist
  • in der Regel ist die Verwendung auf dem Schulgelände per Hausordnung untersagt
  • die Regel wird nicht eingehalten und ist kaum durchzusetzen
  • es landen Fotos, Filmdokumente usw. aus der Schule in sozialen Netzwerken
  • bei Cybermobing spielen digitale Endgeräte eine Schlüsselrolle
  • das schulische WLAN steht SuS in der Regel nicht offen

Persönliche Gedanken:

Die positiven Aspekte der Verwendung von Handys im Unterricht sind nicht nachgewiesen. Jubelschreie und Erfolgsmeldungen im Internet zeigen keine Produkte im Vergleich zu Produkten klassischer Lernarrangements, sondern besitzen in der Regel einen technoiden Fokus, z.B. den “Bildschirminhalt des iPads an einen Beamer übertragen”, Appempfehlungen, Administrationserleichterungen, Dateiexport aus dem Tablet (Seitenhieb: der ohne externe Dienste nicht funkioniert). Es gibt erste, zögerliche Vorreiter auf diesem Gebiet. Ich meine aber zu erkennen, dass wesentliche Effekte nicht mit iDingens, sondern in der Kombinationen von iDingens mit kollaborativen Web2.0-Tools erzielt werden. Finde ich alles wichtig und gut – es hat aber nichts, bzw. für mich noch viel zu wenig mit Unterichtsqualität zu tun.

Die Zukunft

  • mobile Endgeräte werden in der Gesellschaft mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit werden
  • androidbetriebene Geräte ermöglichen den Bau günstigerer Devices und damit den Zugang von mehr Menschen zur digitalen Welt
  • für mich ist es eine Frage der Zeit, bis ein generelles Handyverbot an Schulen von Verwaltungsgerichten kassiert wird (sogar in Bayern). Das wird über (Großstadt-)Elternrechte laufen.

Reaktionsoptionen

Man kann sagen: “Das ist alles so schrecklich. Wir reden nie mehr miteinander, sondern kommunizieren bald nur noch über Facebook & Co. Ich als Lehrer bin bald Freiwild und muss mich immer und überall filmen und fotografieren lassen. Die Welt is schlecht” - das kann man alles sagen. Originalzitat aus dm Lehrerzimmer gestern: “Du kannst den Piraten ja nicht nahestehen, du redest ja noch mit uns.

Ich habe auf dem letzten Modul meines Trainer-Trainings etwas erprobt. Die Grundidee besteht darin, zu sagen: “Ja. Es gibt Handys. Ja. Die Verbreitung dieser Geräte wird zunehmen. Ja. Wir werden das Zeug bald nicht mehr verbieten dürfen.”

Ich möchte gerne einen Vertrag mit Schülern, Eltern und Lehrkräften erarbeiten, der wesentliche Dinge der Nutzung digitaler Endgeräte an der Schule regelt und in einer Art “Festakt” von allen Beteiligten Gremien unterschrieben wird. Wer an der Schule ein Gerät einschaltet, erkennt damit den Vertrag an. So ein Vertrag kann:

  1. Regeln, wann und wie die Nutzung digitaler Geräte erwünscht ist
  2. Welche Konsequenzen bei Fehlverhalten eintreten (SuS könnten bei der Art der Konsequenz natürlich mitbestimmen)
  3. Überlegungen dazu anstellen, inwieweit solche Geräte dann auch in der Schule versichert sind, wenn sie als “Unterrichtsmittel” zugelassen werden
  4. In der Verhandlungsphase ein Bewusstsein für die Ängste und Chancen schaffen, die mit diesen Geräten verbunden sind.
  5. Eine pädagogische und keine rechtliche Diskussionsgrundlage im Falle von Grenzüberschreitungen ermöglichen
  6. Bisher demokratische gemeinte Strukturen realdemokratisch an Schulentwicklung beteiligen – deswegen sollte es schon ernst gemeint und kein Feigenblatt zum Transport der ausschließlichen Bedürfnisse von Lehrkräften sein
  7. Einblicke in politische Arbeit geben
  8. Die Schule in der Öffentlichkeit als “modern” dastehen lassen
  9. [...]

Nein, ein solcher Vertrag ist nicht rechtlich bindend. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Es geht darum, mit einem nicht durchsetzbaren, rechtlichen Rahmen pädagogisch umzugehen. Ich würde da auch keinen Juristen heranlassen.

Ich selbst…

… baue ja ein WLAN für unsere Schule auf. Ich habe das Glück, über eine Schulserverlösung zu verfügen, mit der ich Schritte gehen kann zwischen: “Keiner darf!” und “Jeder darf sofort alles!”. Das Bedürfnis nach einem offenen WLAN mag für den modernen Web2.0-Lehrer zwar individuell groß sein – wenn das System aber ggf. eigenmächtige “Öffnungen” im Falle von Missbrauch nicht auffangen kann, ist u.U. Erde für Jahre verbrannt. Ich habe vor, folgende Schritte zu gehen:

  1. Offenes WLAN für Lehrkräfte und Schulgeräte in möglichst allen Gebäudeteilen
  2. Zugriff auf das Intranet der Schule für Schüler mit Anmeldung an einem Hotspot
  3. Freigabe weniger ausgewählter Seiten für Schüler
  4. Prinzipielle Freischaltung des Internet in bestimmten Gebäudeteilen für SuS. Dabei kann die Lehrkraft bestimmen, welcher Schüleraccesspoint ein- oder abgeschaltet wird.
  5. Einen Vertrag aushandeln
  6. Das WLAN generell öffnen
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Berichtigungen

vom 15. Mai 2012, in Deutschunterricht, von Maik Riecken

Ich habe sie als Schüler gehasst, abgrundtief gehasst. Mit dem Verfassen und der Abgabe der Klassenarbeit war das Ding eigentlich für mich gelaufen. Ich wollte nicht noch einmal mit meinen Fehlern konfrontiert werden. Oft hatte ich zudem nicht verstanden, was der Lehrer mit seinem Fehlerzeichen überhaupt meinte. Besonders hoch im Kurs der Fragezeichen waren immer Anstreichungen wie “A/W” – O-Ton einer meiner Kolleginnen heute: “Das passt immer!”.  Recht hat sie.

Ich hasse heute Berichtigungen immer noch und ich fordere sie nicht mehr ein – zumindest nicht in der klassischen Form. Berichtigungen sollen ja eigentlich dafür sorgen, dass sich SuS noch einmal intensiv mit Fehlerschwerpunkten auseinandersetzen und diese dann gezielt bearbeiten – quasi sowas wie Binnendifferenzierung. Problematisch finde ich daran, dass man dabei immer Distanz zu seine eigenen Text aufbauen muss. Ob das klappt, wenn das während der Arbeit selbst schon nicht gelungen ist? Bietet ein rot und grün gemalter Text von sich aus eine Distanz? Was macht das arme Würstchen, welches 15 Fehler zu berichtigen hat, während die 1er-Kandidatin dann keine Hausaufgaben erledigen muss?

Hier kommen meine Alternativen.

1. Entpersonalisierung (Diktate)

Das klappt nur bei Diktaten und ist hier beschrieben.

2. Fehlerschwerpunkte

Ich streiche alles ein, umkreise bei jedem jedoch 3-5 Fehler – auch bei den Einsern – da meist aber stilistische oder sprachliche Äuffälligkeiten. Dabei achte ich darauf, nur einen Fehleraspekt zu betonen, den ich dann auch noch explizit im beigefügten Gutachten erwähne – etwas das/dass oder den Gebrauch unterschiedlicher Konjunktionen. So hat jeder etwas zu tun und es muss nicht einer mehr arbeiten als der andere.

3. Peer-Review

Jeder liest sich seinen Aufsatz bzw. seine Klassenarbeit noch einmal durch und markiert drei Anstreichungen mit Bleistift, die er nicht versteht. Dann wird in Tischgruppen das Heft getauscht. Der Partner versucht nun zu verstehen, was ich mit der Anstreichung gemeint habe und erklärt es im Abschluss dem Verfasser. Auch jetzt noch unklare Anstreichungen werden im Plenum besprochen. Ich versuche dabei zu nutzen, dass SuS sehr wohl Texte hinsichtlich ihrer Qualität beurteilen können – bloß nicht ihre eigenen, weil ihnen dazu die Distanz fehlt – das kennen wir Lehrer auch, wenn wir nach dem dritten Durchlesen immer noch ein Arbeitsblatt mit Typos kopieren.

Beim Peer-Review kommt für mich noch ein Lernprozess hinzu. Durch die direkte Rückmeldung lerne ich, wie ich besser kommentieren und anstreichen muss. Durch “mitgelauschte” Erklärungen aus den Tischgruppen bekomme ich Ideen, wie ich dieses oder jenes auch noch erklären kann, auf die ich alleine nie gekommen wäre.

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Mauern ist eine Form von Gewalt

vom 10. Mai 2012, in Gesellschaft, Pädagogik, von Maik Riecken

Anfang der Woche hat das zweite Modul meines Trainer-Trainings stattgefunden – ich hatte schon an anderer Stelle darüber berichtet. Diesmal ging es unter anderem um das Thema Konflikte und ein wenig Change-Management.

Wenn man Schulen berät, ist es gar einmal so selten, dass man mitten in einen Konflikt hineingerät. Vordergründig mag es um Medienkonzepte und Technik gehen – hintergründig toben Grabenkämpfe: Handys erlauben oder nicht? WLAN öffnen oder nicht? Web2.0 – und was ist mit dem Datenschutz? Sorgen diese Dinger nicht für eine unglaubliche Entfremdung?

Natürlich dringt man als Berater vermeintlich auch in Refugien ein: Der Systembetreuer macht es seit Jahren so und es hat sich bisher noch niemand beschwert. Die Videokassette passt einfach nicht in den USB-Slot. Sind Film, Overheadprojektor und Tafel etwa keine Medien? Und eigentlich geht das alles doch viel zu langsam.

Die Menschen, die an der Schule im Bereich der neuen Medien und Unterrichtsformen etwas bewegen wollen, sehen vielleicht in mir den Verbündeten. Die Bewahrer sehen vielleicht die Bedrohung ihrer alten Strukturen in mir personifiziert.

Verbündete sind gut, Bewahrer schlecht – sollte man meinen. Die Vereinnahmung meiner Person durch einer dieser beiden Gruppen macht mich in der Logik systemischen Denkens zu eine Teil des Systems. Ein erfolgreicher Beratungsprozess erfordert aber in diesem Kontrukt vor allem eins: Neutralität. Das war dieses Mal in Etelsen in unserer kleinen Gruppe ein zentrales Thema.

  • Was mache ich als Berater mit übergriffigen Bermerkungen? (Was soll das schon bringen! Sie haben ja keine Ahnung, was hier los ist!)
  • Wie sind Konflikte strukturiert und wie erkenne ich die einzelnen Phasen? Wann hat es z.B. auch schlicht keinen Sinn?
  • Wie werde ich den Wasserfallrednern Herr?
  • Was mache ich mit Schweigern?
  • Wie wahre ich die Distanz zum System?
  • Wie lasse ich meine eigenen Vorstellungen (zunächst) außen vor?
  • Was bedeutet Veränderung für das System einer Schule?

Auch dieses Mal war die Kamera dabei. Die Settings der Rollenspiele und Übungen wurden anspruchsvoller und herausfordernder. Die Tagung baute auf den Kompetenzen auf, die wir in dem vorangehenden Modul erworben haben.  Dabei geschieht so einiges innerhalb einer Gruppe. Grenzen werden erreicht und überschritten. Und der Laptop war drei Tage nicht eingeschaltet, das WLAN-Netz zwar gut ausgebaut, aber dennoch unwichtig.

Für uns geht es im Sommer auf Schloss Puch bei Linz auf der Studienwoche der IAKM weiter – in den Ferien. Der Zug ist schon gebucht. Ich bin sicher, dass auch diese Zeit intensiv wird.  Eigentlich sollten Beratungskompetenzen ein ganz fester Teil der Lehramtsausbildung werden… Sie helfen auch im Unterricht und auf Konferenzen.

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Von Harvestern, Aggregierern, Denkern und Contentern

vom 30. April 2012, in Gesellschaft, von Maik Riecken

Ich teile mich heute für euch auf in verschiedene Persönlichkeiten, die meine Netzidentität betreffen. Darauf gekommen bin ich durch Herumlesen in meinem Blog. Je nach Stimmung und Phase scheint mir mal die eine, mal die andere Persönlichkeit stärker präsent. Ich habe versucht, alle Persönlichkeiten mit Schwächen und Stärken darzustellen. Das ist nur teilweise neutral gelungen… Völlig fehlt, dass jede dieser Persönlichkeiten im Netz natürlich interagiert – und zwar nicht nur mit sich selbst. Der Duktus ist ein wenig negativ bis kritisch. Das liegt vor allem daran, dass ich zurzeit dem Netz sehr distanziert gegenüber bin, weil ich so viel vor Ort konkret handeln kann, bzw. in handlungsrelevante Strukturen eingebunden bin.

Der Harvester

Der Harvester in mir zieht aus dem Netz, was ihm persönlich nutzt. Er schafft keine eigenen Inhalte, er erwartet jedwede Dienstleistung kostenlos oder extrem günstig. Der Harvester kauft wohl das eine oder andere im Netz, erledigt seine Bankgeschäfte usw. – aber eben nur, weil er davon einen persönlichen Nutzen hat. Der Harvester, der in Foren unterwegs sind, erwartet umfassende Individuallösungen für sein spezifisches Problem und zwar schnell. Normalerweise gibt der Harvester nichts zurück. Allenfalls reagiert er gereizt oder ungehalten, wenn ihm eine Leistung nicht mehr im bisherigen Umfang zur Verfügung steht. Der Harvester hat in der Regel keine Einsicht in wirtschaftliche Zusammenhänge, z.B. die Kosten von Personal und von IT-Infrastruktur.

Der Harvester liefert kein oder nur indirektes ideelles Kapital für den Denker und Contenter, da er allein durch Zugriffsstatistiken quantitativ wahrnehmbar ist. Der Harvester neigt dazu, Inhalte aktiv zu suchen, anstatt sie zu sich kommen zu lassen, z.B. über Social Networks oder RSS-Feeds.

Der Aggregierer

Ein Eldorado für den Aggregierer in mir wäre zur Zeit paper.li scoop.it. scoop.it fasst Links, Tweets usw. zu einer Art Zeitung zusammen, die sich quasi von selbst schreibt. Die Leistung des Aggregierers besteht darin, dass er die Inhalte seiner “Zeitung” auswählt und selektiert. Der Aggregierer in mir unterliegt immer der Versuchung, sein Blog oder seine Timeline durch Drittquellen fast vollständig befüllen lassen. Der Aggregierer collagiert. Seine Collage ist zwar ein Produkt, jedoch ein derart individuelles, dass es keine relevante Zielgruppe mehr besitzt. Der Aggregierer in mir weiß das ziemlich genau, da er einen eigenen Linkverkürzungsdienst nutzt und die Klicks auf diese Links statistisch auswertet.

Der Aggregierer hat eine enorme Publikationsfunktion für den Denker und den Contenter, da er für die notwendige Wahrnehmung durch z.B. Distribution in sozialen Netzwerken sorgt. Der Aggregierer hat in der Regel heimliche Regeln, die Inhalte zwischen “gut” und “schlecht” selektieren. Die Linie wird in bestimmten Gruppen gezogen – im Edu-Bereich gilt z.B. oft das Gymnasium als unbestreitbar selektierende Schulform als “schlecht”, gemeinsames Lernen als “gut”.

Der Denker

Der Denker in mir sammelt Ideen. Er schnürt aus den Ideen Dritter neue Ideenpakete und möchte durch seine Analysefähigkeit Diskurse voranbringen, sieht sich manchmal als Inspiration für andere und verändert und beeinflusst im besten Fall Gedanken. Der Denker liefert dem Aggregierer und Harvester Input. Ohne den Aggregierer ist der Denker umgekehrt recht einflusslos, weil er einerseits selbst auf externen Input angewiesen ist, um Sachverhalte zu rekombinieren, anderseits aber auch seine Ideen verbreitet werden müssen, damit der Denker im Netz als Denker erkennbar ist. Für den Denker ist “denken” eine Handlung und ein Wert an sich. Der Denker hat den Hang, umfassende Konzepte zu entwickeln, deren Realisation er aber oft nicht in seiner individuellen Verantwortung sieht. “Vision” ist eines der gängigen Lieblingsworte des Denkers. Der Denker in mir läuft immer Gefahr, selbstreflexives Metageseier zu produzieren, wenn es ihm nicht gelingt, die eigene Echokammer zu überwinden. Der Denker ist in der Regel nicht teamfähig. Die Wahrnehmung der eigenen Person im Netz ist ihm meist wichtiger, als sich einem bestimmten, konkreten Projekt zuzuordnen.

Der Contenter

Der Contenter liefert alle Arten von Artefakten. Das können Informationen, Artikel zu Sachthemen, Bilder und Videos sein. Der Contenter ist in sozialen Netzwerken selten stark präsent, sondern hält sich eher im Hintergrund. Der Contenter verfügt hin und wieder über einen altruistischen, weltverbesserischen Habitus, weil in seinem Bewusstsein das Netz nichts ist ohne seine  Arbeit. Er agiert nativ selbstlos, kämpft hart im das “Wahre und Schöne”. Technisch ist das Forum als Hilfegebender oft eine Plattform für den Contenter. Dazu passt, dass der Contenter ist fast zwangsläufig in größeren Projekten organisiert ist, zu denen sein eigener Beitrag klein genug ist, um nicht öffentlich in Erscheinung zu treten. Der Zusammenschluss zu einem größeren Ganzen ist zwingend notwendig, um von dem  Harvester, Aggregierer und Denker wahrgenommen zu werden. Die Legimation bzw. der Lohn der eigenen Arbeit besteht weniger aus konkreten Rückmeldungen, sondern vielmehr aus statistischen Daten wie Zugriffszahlen.

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WLAN-Planungen in der Schule

vom 14. April 2012, in Tech-Talk, von Maik Riecken

Plant man ein WLAN in der Schule, so hat man mehrere Möglichkeiten. Dabei setze ich einmal voraus, dass grundsätzliche Funktionen, z.B. eine zentrale Wartung (alle Accesspoints zeitgesteuert deaktivieren/aktivieren, Gastlogins über z.B. Hotspotfähigkeit, möglicher Aufbau eines Meshnetzes – das ist übrigens die Zukunft – usw.) umgesetzt werden. Außerdem kalkuliere ich, dass irgendwann zwischen 200-300 Geräte in diesem Netzwerk gleichzeitig aktiv, d.h. nicht nur angemeldet sind.

Der Wunsch

Man lässt eine Firma anrücken, die über entsprechende Messtechnik verfügt, um die gesamte Schule auszuleuchten. Auf diese Weise ist relativ schnell klar, wo welche Accesspoints gesetzt werden müssen, um eine gute Abdeckung zu erreichen. Je nach Ergebnis des Messprotokolls sind ggf. weitere Installationsarbeiten notwendig. Nicht überall liegen die erforderlichen Netzwerkkabel und ggf. zusätzliche Stromversorgungen. Ich bin übrigens kein Freund von PoE-Lösungen, d.h. der Accesspoint wird über das Netzwerkkabel mit Strom versorgt, da die dafür erforderlichen Switche nicht günstig sind und man sich eine mögliche Fehlerquelle mehr auf das Netzwerkkabel bringt. Ein schönes Nym-Kabel transportiert bis zu 3600 Watt und taugt dann auch für die Versorgung von Beamern, AppleTV oder sowas… Ein gute Firma wird dann Businessaccesspoints von Cisco, Lancom , Zyxel, Netgear usw. setzen. Die Einstiegsklasse fängt bei solchen Geräten um die 300-400 Euro je Gerät an – dafür nehmen sie aber auch wirklich 90-100 Clients in ihre Funkzelle auf und halten.

Je nach Größe der Schule ist man recht flott bei 20-30.000 Euro – für ein großes Schulzentrum können es auch 50.000 Euro sein. Dafür hat man etwas Anständiges, um das man sich weder bei der Planung noch bei der späteren Wartung großartig kümmern muss.Wenn man auf eine gute Dokumentation achtet, kann man ggf. sogar die Firma wechseln, falls irgendwann irgendetwas nicht passt.

Die Realität

  • Es gibt jenseits größerer Technologiezentren kaum Firmen, die über ein entsprechendes Know-How verfügen, potentiell weit über 100 Geräte per WLAN zu versorgen. Sie einzufliegen nützt nichts, da man immer noch Partner vor Ort für die Wartung braucht. Die Kosten für Wartungsverträge mit SLAs übernimmt kaum ein Schulträger, weil das seine finanzielle Möglichkeiten weit überschreitet.
  • Ab 20.000 Euro Investitionskosten – teilweise deutlich darunter – muss man schon sehr gut begründen, wenn man so etwas gebaut haben möchte. Zwischen Antrag und Realisierung werden Jahre mit Technologiesprüngen liegen, die die vorliegende Planung bald überholen.
  • Extern geplante Netze sind auf Zeit geplante Netze. Sie werden irgendwann selbst von Technologiesprüngen überholt werden
  • Bei der Netzwerkplanung sind oft mehrere Gewerke beteiligt: Elektriker, Netzwerkfirmen, Hardwarefirmen – oft passt hinterher nix mehr zusammen, keiner ist’s gewesen und Schuld hat immer der andere. Da es dann keine Doku gibt, vergehen oft Stunden, bis einfachste Probleme gelöst werden können – das fängt schon bei Passwörtern für Konfigurationsoberflächen an.
  • Als technisch Ahnungsloser wird man die Zeit, die man sonst mit Bastelei (und Lernzuwachs) verbracht hätte, mit Telefonieren, Mahnen, Hinterherlaufen, Schimpfen und Genervtsein verbringen.

Unbedingte Voraussetzung beim Aufbau eines solchen Netzes durch eine Firma ist externe Beratung. Die projektiert ggf. auch konkrete Pflichtenhefte für die einzelnen Gewerke und koordiniert während der Bauphase. Natürlich sind da entsprechende Stundensätze zu kalkulieren – aber das machen auch viele Hausbauer m.E. falsch: Der externe Gutachter wird gespart, weil das Gutachten 3000-4000 Euro kostet. Bei einer angenommenen Bausumme von 200.000 Euro für ein EFH ist dieser Betrag aber eher gering und spart unter Umständen durch Vermeidung von Planungsfehlern Nachbesserungen, die schnell ein Vielfaches der Kosten für einen Gutachter betragen.

Der Pragmatismus

Der Pragmatismus – vor allem der finanzielle – besteht darin, Dinge selbst zu tun, die man selbst tun kann. Dazu gehören nicht:

  • das Verlegen von 230V-Leitungen und Setzen von Steckdosen
  • das Durchbohren von (Brandschutz-)Wänden zur Verlegung von Netzwerkkabeln
  • die gemeinsame Verlegungen von Netzwerkkabeln und 230V-Leitungen in einem Kanal (es gibt aber Kabelkanäle mit Trennsteg)

Viele Hausmeister sind aber gelernte Elektriker und wissen über die VDE-Normen Bescheid. Sie dürfen in der Regel nicht selbst aktiv werden, können aber Arbeiten von Firmen kontrollieren. Dinge, die man selbst tun kann, beschränken sich also darauf, bereits vorhandene Installationen zu nutzen. Ab Netzwerk- oder Steckdose darf man mit einem fertig gekauften Gerät hantieren.

Kern meines Hantierens ist für mich zurzeit die kostenlose Routerdistribution DD-WRT. Es handelt sich um eine weitgehend freie Firmware, also eine Art Betriebssystem für Router. Es werden unzählige Modelle unterstützt. Hier kann man schauen, ob die vorhandene Hardware dazugehört. Das Schöne ist, dass DD-WRT auf jedem Router gleich aussieht – die Bedienung hängt also nicht mehr vom Typ des Routers ab. Mit DD-WRT erhalten viele günstige Router Funktionen, von denen wesentlich teurere Business-Accesspoints träumen – ich zähle hier mal die offensichtlichsten auf:

  • an den Switch eines modifizierten Routers könne weiter Router angesteckt werden (weiterer WLAN-Ausbau)
  • der Router kann als Accesspoint, als Repeater oder als Bridge konfiguriert werden – das ist gerade in schlecht ausgebauten Altbauten von fulminanter Bedeutung
  • Man kann eine Hotspotfunktionalität wie an Unis oder Hotels realisieren (der IServ bringt übriges fast alles dafür schon mit)
  • Viele Router können mit DD-WRT zeitgesteuert werden, d.h. das WLAN ist z.B. nachts oder an Wochenenden inaktiv
  • usw.

DD-WRT ist sehr gut in Englisch dokumentiert – auch deutschsprachige Foren gibt es. Für Linuxer ist es auch kein Problem, eine Zeitsteuerung für das WLAN zu integrieren. DD-WRT bringt eine Konsole mit, über die man via Script den WLAN-Chip ein und ausschalten kann. Ich habe dafür einen Cronjob auf unserem IServ erstellt, der das per Key-Auth auf fast jedem Router bei uns in der Schule erledigt. Oder man kann den WLAN-Schlüssel für die gesamte Schule zentral per Konsole setzen… Ich halte beides für einen Sicherheitsgewinn.

Ich habe zurzeit zwei Gerätetypen mit DD-WRT hier im Schulnetz im Einsatz: Den Linksys WRT54GL als Paradevertreter von Stabilität und Robustheit und den TP-Link TL-WR1043ND, den man mehr als “jungen Wilden” bezeichnen kann. Beide werden von DD-WRT gut unterstützt, beim TP-Link muss man die Zeitsteuerung per Konsole nachrüsten, während sie beim WRT54G über die Oberfläche eingestellt werden kann. Beide funken nur m 2,4Ghz-Band – die nächsten Router bei mir werden auf jeden Fall dualbandfähig sein, also auch 5Ghz unterstützen. Der TP-Link funkt auch im N-Modus und erreicht hier übliche Übertragungsgeschwindigkeiten von 65-107Mbit/s, während der Linksys auf maximal 54Mbit/s kommt (G-Standard).

Konfigurationstipps:

  1. Weboberfläche nur per HTTPS zugänglich machen und auch die Statusseite von DD-WRT mit einem Passwort schützen
  2. SSH-Zugriff nur über Key-Auth
  3. Alle Router einer Schule sollten unter einer einheitlich SSID senden – dann klappt sogar “Handover”, bzw. man merkt nicht, dass man kurzzeitig beim AP-Wechsel keine IP hat. Ich kann fast durch das ganze Schulgebäude laufen ohne die WLAN-Verbindung zu verlieren. Zudem vermeiden man bei unerfahrenen Nutzern, dass sie mehrere Netzwerke einrichten müssen. Ist ein AP überlastet, sucht sich das Gerät zudem in der Regel einen anderen – wesentlich(!) weniger Fragen von Benutzern…
  4. N-Router sollten nur die AES-Verschlüsselung zulassen, da TKIP nur für WLAN-G spezifiziert ist und man so nicht die N-typischen hohen Datenraten erhält
  5. Die Router sollten ihre externe IP nach Möglichkeit per DHCP bekommen, weil ich so zentral am DHCP-Server bestimmen kann, wer welche IP erhält
  6. Ein extrem wichtiger Helfer beim Setzen der Accesspoints ist ein Handy mit einem WLAN-Analyzer. Den gibt es für alle gängigen Mobilplattformen.

Anderes Thema: Ist das meine Aufgabe?

Nein. Aber wenn ich möchte, dass mobiles Lernen möglich wird, kann ich entweder:

  • darauf warten, dass sich die unermüdlicher Forderer politisch durchsetzen, so dass der Schulträger zum Handeln gezwungen wird. Leider sehe ich wenig Einigkeit darüber, was denn der Standard sein soll oder in welchem Bereich er sich bewegt.
  • heute etwas tun, um die bestehende Situation konkret zu verbessern. Dazu bedarf es nichts außer der Bereitschaft in diesem technischen Bereich zu lernen – das Wissen dazu ist im Netz.
  • beides kombinieren

Realität ist, dass sich einzelne Lehrer zurzeit aus Not selbst etwas basteln, z.B. mit dem mitgebrachten Hotspot. Das kann ich auch und habe es lang so gemacht. Es nützt dem System Schule m.E. aber überhaupt nichts. Die Abhängigkeiten werden nur andere. Daten müssen irgendwo liegen, um ausgetauscht zu werden. Eine Schulcloud finde ich sympathischer als Web2.0-Dienste oder im beste Fall angemieteten Webspace.

 

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