Ist unser Verhalten algorithmisch vorhersagbar?

Am Wochenende geisterte ein verstörender Artikel durch Twitter – „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“. Mit der „Bombe“ war gemeint, dass ein Forscher namens Michal Kosinski glaubt anhand von Facebook-Likes recht intime Dinge von Menschen vorhersagen zu können – etwa die sexuelle Orientierung.

Den Originalttext der Studie findet man hier, erste Auseinandersetzung mit der statistischen Qualität hier. Die Studie wurde schon vor einiger Zeit medial diskutiert, gewinnt natürlich aber natürlich im Kontext des Brexit oder der Trumpwahl wieder an Brisanz: Sind beide Wahlen vielleicht über Social-Media-Bots gezielt manipuliert worden? Nutzt vielleicht sogar die AFD diese Technologie, um Wahlergebnisse in ihrem Sinn zu beeinflussen?

Algorithmische Modelle, um das Verhalten von Menschen vorauszusagen oder zu simulieren, gibt es schon sehr lange. Schon in den 60er Jahren entwickelte Joseph Weizenbaum ein nach heutigen Maßstäben primitives Programm, um ein menschliches Gegenüber zu simulieren. Heute kennen wir digitale Assistenten wie Siri oder Cortana, die einfache Funktionen sprachbasiert zur Verfügung stellen.

Etwas Ähnliches macht ein Social-Media-Bot. Im einfachsten Fall twittert er über das Wetter auf Basis von Wetterdaten aus einer Datenbank. Bots gibt es unglaublich viele – manche sind leicht als solche zu erkennen, bei manchen fällt es erst auf, wenn versucht, mit ihnen in Interaktion zu treten. Im Prinzip ist schon ein WordPresssystem, welches bei neuen Artikeln direkt twittert, eine Art Bot. So etwas nutzt natürlich auch die AFD – reiht sich damit aber in die Reihe der anderen Parteien ein.

Natürlich lässt sich ein Bot prinzipiell mit beliebigen Daten koppeln, also auch mit Datenbanken zu Vorhersage von menschlichem Verhalten – Konsinski glaubt ja, eine solche auf Basis von öffentlich zugänglichen Profildaten erstellen zu können.

Damit „sucht“ der Bot im Falle der Trumpwahl also gezielt Profile von Menschen, die noch unentschieden sind und „versorgt“ diese mit geeigneten Artikeln oder schlägt Profile vor, die Trump nahe stehen.

Diese Vorstellung wird in Teilen des Internets als „Angstmacherei“ und „völlig überzogen“ abgetan. Die algorithmische Analyse menschlichen Verhaltens habe sich oft genug als „Bullshit“ herausgestellt. Derartige Darstellungen seien also zu unterlassen (sie könnten die Bevölkerung verunsichern).

Das stimmt für mich nur teilweise. Tatsächlich ist das bezogen auf den Trump- oder AFD-Kontext wahscheinlich Bullshit. Meine Lieblingsgeschichte ist die der Drogeriemarktkette Target, die algorithmisch bestimmen konnte, ob eine Schwangerschaft bei einer Frau vorlag.

Um schwangere Frauen zu beeinflussen, muss nicht zwingend etwas über deren Charakter bekannt sein. Es reicht u.U. schon zu wissen, dass sie schwanger sind.

Hinter der „Angstmachereithese“ stecken für mich gewisse bildungsbürgerlich-romantische Grundannahmen:

  1. Menschliches Verhalten ist sehr komplex, zu komplex, um einer algorithmischen Analyse zugänglich zu sein.
  2. Menschen sind autonome Geschöpfe mit einem freien Willen.
  3. Socialmedia erweitert den Horizont durch die Möglichkeit der unbegrenzten Vernetzung.
  4. Das Internet ist eine Bereicherung der menschlichen Ausdrucksfähigkeit und Freiheit.

Demgegenüber stehen über 50 Jahre algorithmische Entwicklungsarbeit und immense, bisher wohl weitgehend ungenutzte Datenbestände. Das Individuum kann man heute wohl (noch) nicht mit hinreichender Genauigkeit bestimmen – außer Lehrern mit ihren sehr typischen Tweets und Posts :o)…

Bei der Masse bin ich mir da nicht so sicher. Informationsverbreitung kostet heute kaum noch etwas, sodass auch mit Unschärfe das Prinzip der großen Zahl immer noch tragen wird. Bei knappen Entscheidungen muss ich nicht alle adressieren. Wenige Prozent reichen u.U..

Das wäre natürlich doof, weil es den Mythos des freien Internets doch arg demontiert. Wenn Technologiekonzerne und Agenturen bestimmen, was wir sehen und mit wem wir in Kontakt treten – schon irgendwie eher feudalistisch. Sehr beruhigend, dass Google, Facebook, Apple, Amazon und Microsoft ja sehr transparent darlegen, wie ihr jeweiliger Algorithmus eigentlich arbeitet.

Ach nee – das mit der Transparenz war ja nicht in dieser Welt.

 

 

 

Medienbildung und Informatik

Folgende Aufgaben haben Programmieranfänger von mir nach ca. vier Einheiten Python bekommen. Das Beispiel zeigt – finde ich – ganz gut, dass Medienkompetenz und Informatik sich sehr gut ergänzen können, teilweise vielleicht sogar einander bedingen. Das Problem der Passwortlänge und dem Passwortaufbau wird hier bewusst nicht angesprochen, weil das programmiertechnisch etwas anspruchsvoller ist. Das kommt dann in der Folgestunde.
Weiterhin ist natürlich auch das sha-2-Verschlüsselungsverfahren moderneren Entwicklungen wie z.B. pbkdf2 weit unterlegen, aber auch programmiertechnisch wesentlich beherrschbarer. sha512 ist schon ganz ok, auch wenn heutige Grafikkarten ca. 200 Millionen Schlüssel pro Sekunde berechnen.

Kryptografie

Immer wieder hörst du davon, dass bei großen Anbietern Datenbankinhalte gestohlen werden. In dem Artikel steht allerdings nichts davon, dass Passwörter gestohlen werden, sondern Hashes. Heute wirst du lernen, dass du jetzt schon ganz einfach viel besser sein kannst als LinkedIn und das mit nur ganz wenigen Codezeilen in Python.

Um alles möglichst gut zu verstehen, musst du auf jeden Fall die beiden oben verlinkten Artikel lesen oder wenigstens überfliegen.

Aufgabe 1:

Nimm eines deiner Passwörter und lasse folgendes Programm laufen (z.B. auf https://try.jupyter.org ).

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# wir weisen Python an, Kryptografiefunktionen zu laden
import hashlib
# wir fragen nach einem Passwort
crypted_phrase = input()
# Und geben den Hash des Passworts als MD5-Hash aus
print("Hash is:")
print(hashlib.md5(crypted_phrase.encode('utf-8')).hexdigest())

Nimm jetzt den Hash und kopiere ihn auf diese Seite. Nach Eingabe der Sicherheitsabfrage (reCaptcha) kannst du schauen, ob der Hash deines Passworts bereits bekannt ist (Wenn du das Verfahren mit dem Passwort „12345678“ durchführst, wirst du sehen, dass das „geknackt“ wird.

Wiederhole das Verfahren mit einem deiner Passwörter und folgendem Programm (mit „12345678“ klappt es! – auch mit deinem Passwort?):

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# wir weisen Python an, Kryptografiefunktionen zu laden
import hashlib
# wir fragen nach einem Passwort
crypted_phrase = input()
# Und geben den Hash des Passworts als MD5-Hash aus
print("Hash is:")
print(hashlib.sha512(crypted_phrase.encode('utf-8')).hexdigest())

Wenn dein Passwort auch im zweiten Fall „geknackt“ wurde, hast du ein Problem, wenn du Opfer eines Datenbankdiebstahls wirst. Auch dein Anbieter wird nur Hashes in einer Datenbank speichern.

Informiere dich jetzt über den Unterschied zwischen dem md5- und dem sha512-Verschlüsselungsverfahren. Python kann folgende Verfahren „von Natur aus“: md5, sha1, sha224, sha256, sha384, sha512.

Aufgabe 2:

Das Problem ist schon lange gelöst – mit nur wenigen Codezeilen mehr. Informiere dich über den Begriff „Salt“ in Verbindung mit Hashes.

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import hashlib
# Statt "somestring" kannst bzw. solltest du möglichst wirres Zeug hier reinschreiben
salt = "somestring"
crypted_phrase = input()
salted_password = crypted_phrase + salt
print(hashlib.md5(salted_password.encode('utf-8')).hexdigest())

Wenn du jetzt versuchst, den Hash cracken zu lassen, klappt das nicht mehr, weil ein sogenanntest „salt“ (Salz) zum Passwort hinzugefügt wird. Bei unserem Programm verwendet jedes Passwort jedoch den gleichen Salt.

Auch dafür gibt es eine Lösung:

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import hashlib, uuid
# Python schreibt nun für dich wirres Zeug hier hinein
salt = uuid.uuid4().hex
crypted_phrase = input()
salted_password = crypted_phrase + salt
print(hashlib.md5(salted_password.encode('utf-8')).hexdigest())

Hätten LinkedIn und andere die Benutzerpasswörter mit einem sicheren Algorithmus (z.B. sha512) gehasht und mit einem Salt versehen, wäre der Diebstahl der Datenbanken nicht so ein großes Problem, da es sehr lange dauern würde, die Passwörter aus den Hashes zu errechnen.

In der Praxis speichert man die Salts im Klartext zusammen mit den Hashes, meist durch ein Trennzeichen abgesetzt. Du kannst ja einmal überlegen, warum das kein Problem darstellt.

Aufgabe 3:

Schreibe folgende Programme

  1. Es wird zweimal ein Passwort abgefragt und dazu ein Hash berechnet. Stimmen beide Hashes (und damit die Passwörter) überein, soll das Programm die Ausgabe „Access granted!“ machen, ansonsten „Access denied!“ ausgeben.
  2. Ein Programm fragt nach einem „Masterpasswort“ (password) und einem Domainnamen (salt). Es berechnet daraus einen Hash, den man als Passwort für die betreffende Webseite benutzen kann – wenn man immer das richtige Masterpasswort und den gleichen Domainnamen eingibt – quasi ein ganz einfacher Passwortmanager!

Können wir bitte pragmatisch werden?

Es gibt einen sehr schönen episch langen Text von Lisa Rosa zum Thema welche „digitale Bildungsrevolution“ wir wollen. Ihre Kernthesen:

  1. Wir können uns nicht entscheiden, ob digitale Bildung zukünftig zum Schulalltag gehört. Mit ein wenig Glück und viel Verstand bestimmen wir allenfalls, wie das aussieht.
  2. Die Digitalisierung stellt das bestehende System Schule schon jetzt vor gewaltige Probleme, die sich zukünftig verschärfen werden.
  3. Das Bildungsbürgertum mit seinen bestehenden wissenschaftlichen Strukturen hat versagt beim konstruktiven, visionären Umgang mit dem digitalen Zeitalter und damit das Feld kommerziellen Playern überlassen.
  4. Die entscheidende Aufgabe des Schulsystem besteht darin, das Individuum so zu stärken, dass es die Anforderungen, die unsere Generation der künftigen hinterlässt, positiv und mit gesamtgesellschaftlicher Verantwortung bewältigt.

Der Digitalpakt#D (die Wanka-Offensive) katalysiert zurzeit nochmals gesellschaftliche Diskurse rund um digitale Bildung bis in Regionalzeitungen hinein. Es ist Geld da, viel Geld mit sogar Aussicht auf noch mehr Geld. Schließlich geht es ja um den Standort Deutschland und damit auch um Dinge wie Wohlstandswahrung.

Den Jubel der Web2.0-Szene darüber halte ich für völlig unbegründet und ist meiner Meinung nach auf ein eher zurückhaltendes politisches Bewusstsein zurückzuführen. Was wird wahrscheinlich nämlich geschehen?

  1. Das Geld wird nicht über die Kultusministerien „verteilt“, sondern im Rahmen der Wirtschaftsförderung eher über die der Wirtschaft nahestehenden Ministerien. Es geht politisch im Kern um regionale Wirtschaftsförderung.
  2. Man wird mit viel Geld Institutionen beauftragen, diese Gelder zu verwalten und dabei einen guten Anteil bereits verbrennen. Da niemand strukturell großartige Vorarbeit geleistet hat, besteht mit etwas Pech die reale Gefahr, dass vermeintlich „einfache Lösungen“ der Wirtschaft sich durchsetzen.
  3. Das Geld erhält dann der Schulträger, der im besten Fall in Abstimmung mit seinen Schulen selbige ausstattet, im schlimmsten Fall jedoch seine Schulen mit Technik planiert – oder – für Schulen wahrscheinlich noch schlimmer – ihnen pädagogische Konzepte abverlangt, die in Anbetracht der Lage, in der sich Schulen gerade befinden, allenfalls rudimentär ausfallen können.

Der letzte Punkt ist der entscheidende: Man kann keine isolierten Medienbildungskonzepte schreiben und in Leitzordner stecken – Digitalien nimmt keine Rücksicht darauf, dass da ein statisches Konzept steht. Digitalien entwickelt sich rasend schnell weiter – und nicht immer ethisch eindeutig. Man kann nur in jedem Fach anerkennen, dass es eine digitalisierte Welt drumherum gibt, die vernetzt ist (wäre schön, wenn auch Fächer vernetzt wären, aber träumen wir weiter). Es kann also meiner Meinung nach nicht um Konzepte gehen, sondern allein darum, Prozesse einzuleiten, die zu einer Änderung von Haltungen führen.

So, liebe Schulen, nun holt mal alleine nach, was die euch vorgeschaltete Bildungsforschung kaum auf die Kette bekommen hat. Und lasst euch beschimpfen, wenn ihr das nicht schafft. Dann seid ihr doof oder habt wahlweise nichts verstanden.

Das letzte Absatz ist von mir ironisch gemeint. Es gibt aber durchaus Stimmen, die den im Kern sogar ernst meinen.

 

Ein Buch über die Entwicklung von Medienbildungskonzepten?

Ich schreibe gerade eine „extended Version“ dieses Artikels. Es geht um die Entwicklung von Medienbildungskonzepten. Es ist kein Checklistenbuch, aber es enthält z.B. ganz viele praktische Beispiele und Fragenraster, aber auch kurz umrissene Dinge zur Ausstattung und Vorgehensweisen. Der Umfang wird etwa 130 Seiten betragen, von denen ca. 48 fertig sind.

Das Buch ist kein altruistischer Selbstzweck. Und ich mache es auch nicht, weil ich so gut bin. Ich bin ein sehr sicherer Mensch – eigentlich.

Zusammengefasst geht es darum, wie ich das Buch unter die Leute bringe. Und es geht auch darum, wem gegenüber ich loyal bin.

Option A:

Ich arbeite mit einem großen, renommierten Schulbuchverlag zusammen. Der erste Vertrag gefällt mir überhaupt nicht, er steht in der guten, alten Tradition „Riecken und die Verlage„.

Das ist jetzt viel Nachverhandlung nötig und vor allen Dingen auch viel Klarheit darüber, wie ich mit den Inhalten später weiterarbeiten möchte. Der Verlag ist sehr flexibel – selbst CC-Lizenzen wären möglich. Geld wird damit nicht zu verdienen sein. Aber natürlich sind die Verwertungsrechte (weitgehend) weg. Und es ist halt ein Buch.

Man kommt aber an Zielgruppen, die außerhalb der üblichen Filterbubble liegen. Und berühmt wird man auch, was vielleicht den ein oder anderen besser bezahlten „Folgeauftrag“ nach sich zieht (Consulting, Referate, Vorträge).

Option B:

Ich mache das im Selbstverlag – print on demand. Wäre eine spannende Erfahrung (Ich kann LaTeX) und wäre mir sicher, dass „Werbung“ dafür durch Socialmedia irgendwie läuft. Zusätzlich kann man den Text online stellen und z.B. durch Screencasts und andere Medien immer wieder ergänzen, d.h. den Text als lernenden organisieren. Weil ich weiß, wie gut das mit lernenden Texte funktioniert (erst gestern hat wieder jemand hier im Blog einen meiner Texte korrigiert) , hätte das schon Charme.

Das gäbe vielleicht ein bisschen Geld und etwas Renommé, jedoch noch weniger als bei Option B. Aber die Rechte bleiben vollständig bei mir. Die Reichweite ist bedeutend geringer und im Wesentlichen auf die Filterbubble beschränkt.

Option C:

Ich mache das über meinen Dienstherrn. Das geht. Der ist nämlich toll. Dann wäre das quasi auch Arbeitszeit. Und es würde meinem Landesinstitut nützen, das ich sehr schätze, weil ich dank ihm so arbeiten kann, wie ich arbeiten möchte. Auch die Rechtegeschichte wäre so viel unkomplizierter zu handhaben. Finanziell unter dem Strich am lukrativsten.

Option D:

Ich puste das als OER raus. So wie sich die Community das vorstellt. Ohne NC. Am ehesten bei ZUM in Wikiform. Totalverlust über die Inhalte. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich kommerzielle Player und Stiftungen ganz schnell dieser Inhalte annehmen und sie in ihrem Sinne vermarkten. Das Geld in diesem Feld machen dann andere. Gerade im momentanen bildungspolitischen Umfeld. Dass Lehrkräfte OER außer durch Worte vergüten, habe ich noch nicht gesehen. Aber es wäre einmal ein Experiment, ob OER tatsächlich mindestens zum Mindestlohn funktioniert – ich glaube ehrlich gesagt nicht daran.

Was meint ihr?

Wie soll ich das machen? Ernstnehmen könnte ich nur Ideen, die auch meine Position berücksichtigen bzw. die sich ein wenig in mich hineinversetzen.

Blogparade Partizipation

Jan Martin Klinge hat mit einem Artikel mit der Überschrift „Ich entscheide“ auf Twitter eine Debatte darüber losgetreten, inwieweit und auf welchen Feldern Schülerinnen und Schüler den Schulalltag mitgestalten können sollten. Zugespitzt sagt er, dass viele Entscheidungen Schülerinnen und Schüler schlicht überfordern und sie auch dankbar dafür sind, wenn sie klare, strukturierte Ansagen erhalten.

Dejan Mihajlovic – langjähriger Verbindungslehrer – hat an dem Artikel Anstoß genommen und eine Blogparade ins Leben gerufen. Grob gesagt wünscht Dejan sich Schule als demokratisches System, das alle Beteiligten (Schüler, Eltern, Lehrkräfte) mit gängigen politischen Methoden mitgestalten können, bis hinunter auf die Unterrichtsebene. Ich denke, dass Dejan vor allem auch den großen gesellschaftlichen Bogen sieht: Ich empfinde es selbst so, dass gesellschaftliche Partizipation auf dem Rückzug ist – die Ursachen sind vielfältig, aber Schule ist daran bestimmt nicht unbeteiligt.

Ich selbst habe im Rahmen von Personalratsarbeit eine Weile versucht, eine echte Arbeitnehmervertretung zu sein und politisch innerhalb eines Kollegiums zu arbeiten. Dieser Versuch ist relativ kläglich gescheitert, u.a. weil ich damals unterschätzt habe, dass Schule einfach kein demokratisches System ist.

Als Medienberater erlebe ich, dass „Digitalisierung“ dann an Schulen in der Breite ein Thema wird, wenn man es durch Vorgaben vorschreibt (und die Schulinspektion ansteht, die das mit in ihrem Kriterienkatalog hat). Diese Sprache versteht das System Schule: Wenn es „Vorgaben von oben sind“, dann muss man es ja machen. Aber im Sinne eines Partizipationsverständnisses ist ein solches Vorgehen eigentlich unterirdisch.

Ich habe Schülerinnen und Schüler erlebt, die im Rahmen von Projektunterricht ein halbes Jahr gebraucht haben, um zu begreifen, dass es im Projekt mit dem „Ist das auch so richtig, Herr Riecken?“ bei mir keine Antwort gab außer: „Probiere es aus – wenn es aus dem Ruder läuft, bin ich schon da.“

All das muss alarmieren. Dejan hat meiner Meinung nach absolut recht, was die Gestaltung des Systems Schule angeht. Auf der pädagogischen Ebene möchte ich mich genau wie Jan-Martin darauf momentan noch nicht nicht einlassen. Dazu später mehr.

Die Systemebene

Auf Systemebene haben wir in Niedersachsen mit dem Schulvorstand im Prinzip ein sehr mächtiges und m.E. oft unterschätztes Instrument für Partizipation – Eltern und Schüler: Hier ist der Hebel! Der Schulvorstand entscheidet z.B.

  • über die Besetzung von Schulleitungsstellen
  • die Ausgestaltung der Stundentafel
  • Grundsätze für die Außendarstellung der Schule
  • u.v.m.

Die Gesamtkonferenz ist dagegen absolut entwertet und im Wesentlichen nur noch „Benehmensmitteilungsempfänger“. Damit ist der Schulvorstand das Gremium überhaupt.

Meckern könnte man an seiner Zusammensetzung: Er besteht zur Hälfte aus Lehrkräften und zu je einem Viertel aus Eltern- und Schülervertretenden. Bei Stimmengleichheit entscheidet die Stimme des Schulleiters, der bzw. die auch immer mit dazugehört.

Als Schülervertreter muss ich mit also „nur“ mit den Eltern und einer Lehrkraft einig sein, um strukturell ganz erheblich Einfluss nehmen zu können. Dass man dieses Gremium nicht paritätisch besetzt, hat m.E. Gründe im Systemerhalt: Es würde den Schulfrieden erheblich stören, wenn Lehrerinnen und Lehrer Dinge umsetzen müssen, die sie nicht selbst bestimmen können bzw. bei denen sie überstimmt würden. Das ist schon doof an Demokratie, dass man eben auch zu Minderheiten gehören kann.

Dejan hat recht, da gibt es noch sehr viel zu tun. Jede Art von Einflussnahme auf die Arbeit von Kollegen führt wahrscheinlich schnell zu heftigsten Beißreflexen: Man stelle sich einmal vor, der Schulvorstand hier in Niedersachsen beschlösse tatsächlich an einer Schule die Beantragung des gebundenen Ganztagsbetriebs (und das käme dann durch) und diese Schule wäre traditionell eher auf Unterrichtschluss nach der 6. Stunde ausgelegt. In der Haut der Schulleitung würde ich dann nicht stecken wollen.

Oder stellen wir uns die Ungeheuerlichkeit vor, wenn der Schulvorstand außer bei Personalangelegenheiten verbindlich öffentlich tagen müsste und schulinterne Prozesse zarte Anklänge von öffentlicher Transparenz bekämen … Wieder ein Argument für die Förderung von Partizipation, die ohne Transparenz eigentlich undenkbar ist. Wer Partizipation fördern will, muss zuerst transparent werden.

(Deswegen ist das trojanische Pferd für mehr Partizipation bei Medienbildungsplänen der Punkt Informationsmanagement)

Auf der pädagogischen Ebene

Thomas Rau hat in seinem Artikel alles für mich Wichtige geschrieben. Zusammengefasst bin ich Fachmann für meine Fächer, habe sehr viel Unterrichtserfahrung und weiß, dass es effiziente und weniger effiziente Wege gibt, um Wissen und Kompetenzen zu erreichen. Da bin ich besser als meine Schülerinnen und Schüler und zusätzlich durch meine formale Rolle in einer Macht- sowie Verantwortungsposition. Diese Position ist im gegebenen System z.B. auch durch kompetenzorientierte Rückmeldungen  kaum zu entschärfen, denn am Schluss zählt momentan eh nur die Zahl, sodass Overlay-Kompetenzgeseier mit etwas Pech nur dafür sorgt, dass mein Gegenüber die Rückmeldung lediglich verarrogantiert wahrnimmt. Dennoch versuche auch ich wie Jan-Martin Unterricht stellenweise zu öffnen – hier im Blog sind auch einige Beispiele schon reflektiert. Das wird in einer fünften Klasse anders aussehen als in einem Abiturjahrgang.

Ich bemühe mich, einigermaßen transparent zu sein, in dem wie ich unterrichte und beurteile. Bei der Beurteilung gelingt mir das konstant nur für einen Teil der Schülerinnen und Schüler – mein großes Entwicklungsfeld.

Eigentlich ist die spannende Frage  – nicht nur, sondern auch beim Thema Partizipation – an welcher Stelle ich Schülerinnen und Schülern etwas zutrauen darf und muss und an welchen ich sie schlicht aufgrund ihrer Entwicklung her überfordere. Ich denke, dass die Kompetenzdidaktik oft zur Überforderung neigt  (weil sie z.B. von einer idealisierten Schüler- und Lehrerpersönlichkeit ausgeht).

Manchmal ist selbst die Fähigkeit „In der 7. Klasse ein Streichholz entzünden können“ schon ein zu hoher Anspruch. Gibt es bestimmt bald eine App für. Oder es wird wahlweise aufgrund des hohen Gefahrenpotentials verboten.

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